Blog-Archive

Georg Fülberth : »…dem liberalen Schwindel ein Ende zu machen«

Rezensiert von Horst Pöttker

Einzelrezension

Georg Fülberth, einer der ewigen Linken in der deutschen Sozial- und Politikwissenschaft, Schüler und Nachfolger von Wolfgang Abendroth in Marburg, anfangs SPD- und danach DKP-Mitglied, publiziert ungeachtet seiner 86 Jahre immer noch beachtliche Schriften zur »Kapitalistik«, wie er sein interdisziplinäres Forschungsgebiet nennt. Sein jüngstes Buch widmet sich der ein Jahr währenden publizistischen Zusammenarbeit zwischen Wilhelm Liebknecht, dem im August 1900 im Alter von 74 Jahren unerwartet gestorbenen Chefredakteur des SPD-Zentralorgans Vorwärts in seinem letzten Lebensjahr, und dem zu der Zeit 25-jährigen Wiener Journalisten Karl Kraus, der gerade seine Zeitschrift Die Fackel gegründet hatte, in der er dann weitere 36 Jahre fast als Alleinautor die liberale Presse sprachkritisch und politisch aufs Korn nehmen sollte. Mehr

Getagged mit: , , ,
Veröffentlicht unter Einzelrezension, Rezensionen

Jana Rick: Ausstieg aus dem Journalismus

Rezensiert von Beatrice Dernbach

Einzelrezension

Dieses Buch von Jana Rick stand ganz oben auf der persönlichen Leseliste. Nicht, weil es mit dem Promotions-Förderpreis des Verlags ausgezeichnet worden ist. Sondern weil es spannende Einsichten von Menschen versprach, die – wie die Rezensentin vor vielen Jahren – den Journalismus beziehungsweise eine Medienredaktion verlassen haben. Eine Erkenntnis vorab: Der Großteil der Befragten wechselte nicht in völlig andere Berufsfelder, sondern blieben in der Kommunikationsbranche, wo sie ihre Kompetenzen weiterhin einsetzen können. Die Studie von Jana Rick ist rundum gelungen und von großem Wert, sowohl für die Journalismusforschung als auch die Medienorganisations- und Personalentwicklungspolitik – sofern diese überhaupt strategisch existiert. Mehr

Veröffentlicht unter Einzelrezension, Rezensionen

Klaus Dörre, Steffen Liebig, Kim Lucht, Johanna Sittel, Lennart Michaelis (Hrsg.): Umkämpfte Transformation

Rezensiert von Hans-Dieter Kübler

Einzelrezension

Obwohl Transformation als Vokabel ständig in aller Munde ist, besonders bei Politikern und Wirtschaftslenkern, gibt es zu ihren konkreten Umsetzungen erst wenige Forschungsarbeiten. Die Jenaer Studien, die sich auf den sozial-ökologischen und digitalen Umbau der Arbeitswelt konzentrierten, haben in verschiedenen Teams und Projektzusammenhängen in zehnjähriger Arbeit diverse Konflikte dieses Umbruchs herausgearbeitet. Der vorliegenden Band zieht eine Bilanz dieser Forschungen und bildet mit dem Ausscheiden des Initiators, Klaus Dörre, einen vorläufigen Abschluss dieser erfolgreichen interdisziplinären Kooperation. Allerdings steht er auch unter dem Menetekel eines drohenden Rollbacks, den das Team einleitend thematisiert. Mehr

Getagged mit: , ,
Veröffentlicht unter Einzelrezension, Rezensionen

Horst Pöttker: Beruf zur Öffentlichkeit

Rezensiert von Beatrice Dernbach

Einzelrezension

Carsten Brosda und Daniel Müller haben ihrem Mentor Horst Pöttker ein außergewöhnliches Geschenk gemacht: Ihr Band vereint nicht Reminiszenzen von zwei Dutzend Weggefährten, sondern 18 Beiträge, die der Wissenschaftler selbst verfasst hat. Ein Format, das seiner beruflichen Ernsthaftigkeit und seinem Ethos bemerkenswert gerecht wird; es ermöglicht den tieferen Blick in die Jahrzehnte seines wissenschaftlichen Denkens. Die Auswahl ist den beiden Herausgebern sicher nicht leicht gefallen. Sie haben die 18 Publikationen in vier Kapitel unterteilt: 1. Theorie des Journalismus, 2. Journalistische Berufsethik, 3. Geschichte des Journalistenberufs und 4. Zukunft des Journalistenberufs. Eine kleine kritische Anmerkung vorab, um einmal erwähnt und damit abgehakt zu sein: Dass die bibliografischen Erstverweise gesammelt am Ende stehen statt direkt bei den Beiträgen, erschwert die Orientierung. Auch verzichten Brosda und Müller darauf, die Texte in ihren historischen oder wissenschaftstheoretischen Kontext einzuordnen. Ihre Einleitung dient daher als zentrale Orientierungshilfe – und erfüllt diese Aufgabe solide. Mehr

Getagged mit: , , ,
Veröffentlicht unter Einzelrezension, Rezensionen

Christina Elmer, Lorenz Matzat: Handbuch Daten und KI im Journalismus

Rezensiert von Tanjev Schultz

Einzelrezension

Die Entwicklung des Datenjournalismus zu einem eigenen Berufsfeld in den Medien ist so weit vorangeschritten, dass nicht mehr von einem “Hype” gesprochen werden kann. Bei “Künstlicher Intelligenz” (KI) mag das momentan noch anders sein, aber auch dort ist absehbar, dass sie schon bald ein selbstverständliches Instrument in den meisten Redaktionen sein wird. So füllt das Handbuch, das Christina Elmer und Lorenz Matzat herausgegeben haben, mit seinen zwanzig Einzelbeiträgen zu vielen Facetten des Themas eine Lücke auf dem Markt der Praxisliteratur, die bisher nur wenige zu schließen versucht haben. Der Band kann nicht zuletzt im Studium und in der journalistischen Ausbildung ein nützlicher Begleiter sein. Mehr

Getagged mit: , ,
Veröffentlicht unter Rezensionen

Christian Pentzold, Peter Gentzel, Wolfgang Reißmann: Was machen Menschen und Medien?

Rezensiert von Hans-Dieter Kübler

Einzelrezension

Als Anfang der 1960er Jahre Elihu Katz, David Foulkes u. a. mit einer eher funktionalistischen Perspektive die vor allem für die demoskopische Mediennutzungsforschung wichtigen Ratings und Publikumswerte in Fokus rückten, relativierten sie nicht nur die bis dato vorrangig geltende Dominanz der kausalistischen Medienwirkungsforschung und attestierten den Rezipienten eine aktive Rolle bei der Mediennutzung und -wahrnehmung, sie generierten auch eine Reihe prominenter Forschungsansätze wie den Uses-and-Gratifications-Approach. Mit dem umgedrehten Motto “Was machen die Menschen mit den Medien?” inspirierten sie einen attraktiven Forschungsimpetus. Wenn nun die Autoren dieser brillianten Skizze zur Begründung einer “praxistheoretischen Perspektive für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung”, dazu einladen, angesichts gänzlich veränderter Verhältnisse über Zusammenhänge zwischen Menschen und Medien neu nachzudenken und damit die paradigmatische Perspektive “ein zweites Mal, vom Kopf auf die Füße zu stellen”, dann wird es sich zeigen müssen, ob die simple Konjunktion “und” dafür ausreicht. Mehr

Getagged mit: , , ,
Veröffentlicht unter Einzelrezension, Rezensionen

Volker Lilienthal (Hrsg.): Sagen, was ist

Rezensiert von Beatrice Dernbach

Einzelrezension

Beginnen wir am Schluss. Was haben Rudolf Augstein und Heinrich Heine gemeinsam? Der Senator für Kultur und Medien in Hamburg, Carsten Brosda, schreibt: Sie teilen ihre Vorstellung von der freien Meinungsäußerung. Sie “haben geschrieben, um eine Gesellschaft daran teilhaben und davon lernen zu lassen”. Das taten sie in der Hoffnung, “demokratische Wirkung zu entfalten”. Für Brosda hat Augsteins Motto “Sagen, was ist” zwei Dimensionen: Fake und Fakten müssen klar unterscheidbar sein – dafür müssen journalistische Medien eintreten. Und der Journalismus muss das gesellschaftliche Gespräch wieder stärker moderieren, um die “fragmentierten Foren digitaler Öffentlichkeiten” zusammenzuführen. Das ist Tenor und Leitmotiv eines Bandes über den Gründer und Chefredakteur des Magazins Der Spiegel, Rudolf Augstein. Wie würde er die Entwicklung des Journalismus bis heute bewerten und für die Zukunft voraussagen? Würde er sich im Grab rumdrehen? Sich abwenden? Würde er angesichts der Digitalisierung der Medien, der Fragmentierung des Publikums, der Erosion des Vertrauens in politische Akteure und deren Entscheidungen, angesichts von Fake News und Shitstorms die Ärmel hochkrempeln? Würde er zum Sturm blasen gegen die Bedrohung des Journalismus und für seinen Schutz kämpfen? Der Inhaber der Rudolf-Augstein-Stiftungsprofessur an der Universität Hamburg, Volker Lilienthal, hat 14 Autorinnen und Autoren eingeladen, sich darüber Gedanken zu machen. Mehr

Getagged mit: , ,
Veröffentlicht unter Einzelrezension, Rezensionen

Kate Crawford: Atlas der KI

Rezensiert von Hans-Dieter Kübler

Einzelrezension

Wenn derzeit von Künstlicher Intelligenz (KI bzw. AI) die Rede ist, dann werden vor allem ihre phantastischen Optionen in der algorithmischen Prozessoptimierung, im Personalmanagement und in der substitutiven Erweiterung bildlicher Verfahren etwa in der Medizin und anderen Sektoren gefeiert. All diese Verwendungschancen repräsentieren lediglich eine technokratisch, instrumentell und szientifisch verkürzte Sichtweise, kritisiert Kate Crawford. Ihr Buch Atlas der KI, erschienen zuerst 2021, weltweit publiziert und rezipiert und in zehn Sprachen übersetzt, liegt nunmehr in der 3. deutschen Auflage vor. KI, so Crawford, sei von sich aus weder künstlich noch intelligent. Mehr

Getagged mit: , , ,
Veröffentlicht unter Einzelrezension, Rezensionen

Jacob Johanssen: Die Mannosphäre

Rezensiert von Kathrin Kirschner

Einzelrezension

Wer kennt sie nicht: Kommentare im Internet, sei es in Sozialen Medien oder in Foren, die einen frauenfeindlichen und anmaßenden Klang haben. Viele von ihnen stammen aus der “Mannosphäre”. Die Mannosphäre ist eine “lose Ansammlung von Blogs, Reddit-Themen, traditionellen Webforen und Accounts auf sozialen Medien”, also keine greifbare, abgrenzbare Gruppe mit festen Regeln. Ihren Mitgliedern ist Frauenhass, Gewaltverherrlichung und eine queerfeindliche Haltung gemein. All das sind Themen, die dieses Buch für mein Forschungsgebiet, die Gender Studies, interessant machen. Incels, Rote Pille, Fight Club – Begrifflichkeiten, die in der Mannosphäre immer wieder vorkommen. Doch was genau verbirgt sich dahinter? Jacob Johanssen widmet sich in Die Mannosphäre. Frauenfeindliche Communitys im Internet der Forschungsfrage, wie sich Frauenhass in den mannigfaltigen Communitys der Mannosphäre äußert. Mehr

Veröffentlicht unter Einzelrezension, Rezensionen

Martin Andree: BIG TECH muss weg!

Rezensiert von Hans-Dieter Kübler

Einzelrezension

Das Buch ist eine Art Manifest, mit so viel Verve und Unbeirrbarkeit, dass man sich ihm nur entziehen kann oder – umgekehrt – ganz gefesselt wird. Natürlich gibt es zwischendurch auch sachliche Passagen über die Strategien, Märkte und Machtkonstellationen der amerikanischen Digitalkonzerne, die von eindrücklichen, plakativen Illustrationen einer professionellen Grafikerin unterstützt werden. Aber beherrscht wird der Duktus von harscher, mitunter suggestiver Kritik und von forschen Aufrufen zu Widerstand und Gegenwehr (wobei allerdings unklar bleibt, wer oder was sie wie bei international agierenden Großkonzernen realisieren soll. Aber dann gehört man wohl schon zum Lager der Abwiegler und Schwächlinge, aus Sicht des Autors). Motiviert wurde der Band offenbar von einer traumatischen Erfahrung des Autors im Oktober 2020. Mehr

Veröffentlicht unter Einzelrezension, Rezensionen