Georg Fülberth : »…dem liberalen Schwindel ein Ende zu machen«

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Rezensiert von Horst Pöttker

Einzelrezension

Georg Fülberth, einer der ewigen Linken in der deutschen Sozial- und Politikwissenschaft, Schüler und Nachfolger von Wolfgang Abendroth in Marburg, anfangs SPD- und danach DKP-Mitglied, publiziert ungeachtet seiner 86 Jahre immer noch beachtliche Schriften zur »Kapitalistik«, wie er sein interdisziplinäres Forschungsgebiet nennt. Sein jüngstes Buch widmet sich der ein Jahr währenden publizistischen Zusammenarbeit zwischen Wilhelm Liebknecht, dem im August 1900 im Alter von 74 Jahren unerwartet gestorbenen Chefredakteur des SPD-Zentralorgans Vorwärts in seinem letzten Lebensjahr, und dem zu der Zeit 25-jährigen Wiener Journalisten Karl Kraus, der gerade seine Zeitschrift Die Fackel gegründet hatte, in der er dann weitere 36 Jahre fast als Alleinautor die liberale Presse sprachkritisch und politisch aufs Korn nehmen sollte. 

Beiden Journalisten ist oft vorgeworfen worden, u.a. von Hannah Arendt, dass sie wider besseres Wissen, auch noch nachdem seine Unschuld nachgewiesen und das antisemitisch inspirierte Fehlurteil gegen ihn u. a. von Émile Zola publizistisch aufgedeckt und angeprangert worden war, gegen den jahrelang auf die Teufelsinsel verbannten jüdischen Offizier Alfred Dreyfus Partei ergriffen hätten. Um die Abwehr dieses Vorwurfs dreht sich Fülberths Argumentation vor allem, auch wenn er das so ausdrücklich nicht schreibt, sondern die Haltung der beiden berühmten Redakteure nur zu erklären versucht.

Fülberths Buch ist klar und klug gegliedert. Es beginnt mit der These, aus deren Begründung der rote Faden gesponnen wird: »Wie kam es, dass Karl Kraus, dessen ›Fackel‹ soziale, kulturelle und politische Missstände immer wieder angriff, und der Sozialist Wilhelm Liebknecht sich so verhielten? Handelte es sich etwa gar nicht um Alfred Dreyfus, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, sondern – eine Schicht tiefer – um den Zustand der bürgerlichen Gesellschaft und der veröffentlichten Meinung in ihr? Diese Frage ist zugleich eine Hypothese. Sie wird hiermit gestellt und soll im Folgenden anhand der Quellen überprüft werden.« (S. 7)

Es folgen ein Forschungsbericht (S. 8-15) und dann in chronologischer Folge zehn Kapitel zur Entwicklung der Beziehung zwischen den beiden Redakteuren (S.15-118). Im Kern bestand sie darin, dass Kraus eine Reihe von vereinbarten Artikeln aus der Feder Liebknechts in der Fackel publizierte; und dass er Liebknecht mit wenig Erfolg darum bat, darin auch zur Politik der sozialistischen Parteien in Deutschland und Österreich Stellung zu nehmen. Am Ende stehen eine Einordnung des Falls zwischen den Polen konservative (Kraus) und sozialistische (Liebknecht) Liberalismuskritik (S. 119-124) und ein Verzeichnis der herangezogenen Quellen (S. 125-131). 

Dass die beiden ungleichen Journalisten Dreyfus’ Unschuld nicht öffentlich eingestehen wollten, erklärt Fülberth aus ihrer – bei allen Unterschieden – gemeinsamen anti-liberalistischen Haltung und Programmatik. Es sei ihnen gar nicht um das Schicksal der Person Dreyfus gegangen, sondern um Kritik an den politischen und publizistischen Kräften, die sich für ihn eingesetzt haben. Nach Fülberth zielte diese Kritik vor allem darauf, dass das lautstarke Engagement der liberalen Presse und Politik für Dreyfus von den eigentlichen sozio-ökonomischen Problemen ablenke. Der eine, Kraus »interessierte sich dezidiert nicht für die Frage, ob der verurteilte Hauptmann schuldig oder unschuldig sei. Es ging ihm ausschließlich um seinen Kampf gegen die liberale Presse. Selbst wenn deren Eintreten gegen ein Justizunrecht in der Sache berechtigt sein sollte, sei es unglaubwürdig, weil es ein Anliegen diskreditierter Blätter sei.« (S. 29) 

Und der andere, Liebknecht: »In seinem ›Fackel‹-Artikel beurteilte Wilhelm Liebknecht den Fall Dreyfus in hohem Maß nach der objektiven politischen Funktion der Kampagne. Hier stimmte er mit Kraus‘ Nebenbemerkung überein, dass ein etwaiger Sieg der Dreyfusards ›theuer bezahlt‹ sei durch ›eine zweijährige Beunruhigung des Landes‹, […] überdies auch durch eine Stärkung des deutschen Nationalismus.« (S. 31) Fülberth zeigt, dass das Desinteresse von Kraus und Liebknecht für ein krasses Unrecht an einem jüdischen Individuum nicht als Zeichen von Antisemitismus bei den beiden publizistischen Berühmtheiten gedeutet werden darf, auch wenn das Unrecht in diesem Fall auf verbreiteten Antisemitismus zurückging. Aber es zeugt von Desinteresse der beiden an individuellen Menschenrechten um politisch-ideologischer Ziele willen. Dem schließt Fülberth sich implizite dadurch an, dass er diese Ignoranz als Ausdruck verständlicher antiliberalistischer Haltung erklärt, ohne sie zu kritisieren.

Begleitet wird das damalige Desinteresse von Kraus und Liebknecht an der Frage nach Schuld oder Unschuld von Dreyfus von dem aktuellen Desinteresse des Autors Fülberth an den zu der Zeit bereits publizierten Beweisen für dessen Unschuld. Fülberth schreibt im Rückblick auf 1899, das Jahr der Zusammenarbeit zwischen den beiden Redakteuren: »Es gab kein Geständnis und auch keine Beweise für eine Schuld oder die Unschuld von Dreyfus, sondern lediglich Indizien. […] Liebknecht kam zu dem Ergebnis, dass diese nicht auf eine Unschuld Dreyfus’ hindeuteten, weshalb er an sie nicht ›glaube‹ – ebenso wenig wie an seine Schuld.« (S. 30)

Bereits 1898 hatte Jean Jaurès, der Kopf der französischen Sozialisten, in einem Buch, das seine vorangegangenen Artikel aus der sozialistischen Zeitung La Petite République zusammenfasste, überzeugende Beweise für die Unschuld von Dreyfus vorgelegt. Möglich, dass Wilhelm Liebknecht im Jahr darauf von diesem Buch keine Kenntnis hatte. Aber Fülberth hätte davon Kenntnis nehmen können, zumal darauf in der 2005 erschienenen deutschen Übersetzung eines 1935 in Frankreich erschienen Buchs des sozialistischen französischen Ministerpräsidenten Léon Blum, der als junger Anwalt die Dreyfus-Affäre miterlebt hat, ausführlich hingewiesen wird. Diese beiden Quellen hat Fülberth nicht berücksichtigt, vielleicht wegen der immer noch fortwirkenden kulturellen Kluft zwischen Deutschland und Frankreich auch nicht gekannt. Sie zeigen aber jedenfalls, dass Jaurès nicht aus einer politischen Konstellation, wie Fülberth meint, sondern weil ihm eindeutige Beweise vorlagen, für die Rehabilitation von Dreyfus öffentlich gekämpft hat. Léon Blum hat die Zeitungsbeiträge und das Buch von Jaurès neben Émile Zolas berühmtem »J’Accuse« für die wesentlichen publizistischen Leistungen gehalten, die den Umschwung der Affäre zugunsten von Dreyfus im Jahr 1898 bewirkt hat. 

Anders als das auch politisch kontraproduktive Desinteresse an Tatsachen hätte eine andere Perspektive auf die Publizistik zur Dreyfus-Affäre die Frage aufwerfen können, warum es so selten ist, dass der liberale Journalismus tatsächlich die Leistung erbringt, die ihm gern zugeschrieben wird, wenn von ihm als der “vierten Gewalt” die Rede ist: nämlich Missstände und Fehlleistungen der Herrschenden aufzudecken und ihre Korrektur zu bewirken. Neben der Dreyfus-Affäre fällt einem als wirklich bedeutender Fall vielleicht noch Watergate ein, für Deutschland hat man dabei schon Mühe. Eine These dazu wäre, dass es für ein journalistisches Aufdecken von grobem Machtmissbrauch, das die Herrschaftspyramide ins Wanken bringt, einer möglichen, aber unwahrscheinlichen Kombination etlicher Bedingungen wie der eindeutigen Erkennbarkeit von Fehlleistungen, der Unabhängigkeit und Vielfalt von Medien, der Stringenz von Handlungsweisen des Publikums wie der Täter usw. bedarf, die im Falle der Dreyfus-Affäre ausnahmsweise gegeben war. Das wäre eine Kritik an der liberalen Presse, die möglicherweise zur Verstärkung ihrer schwachen Enthüllungskraft beitragen könnte. 

Ignoranz gegenüber Faktenfragen (auch grammatischen, die hier mangels Korrektur durch den Verlag störend häufig unbeachtet geblieben sind) zugunsten vermeintlich vernünftiger Politik oder Gesinnung vermag das nicht. Gern schreiben wir Nonchalance gegenüber Tatsachen autoritären Herrschern wie Donald Trump und Konsorten zu. Fülberths durchaus informatives Buch zeigt leider, dass auch kluge Linke dagegen nicht gefeit sind. 

Links:

Über das BuchGeorg Fülberth: "…dem liberalen Schwindel ein Ende zu machen." Karl Kraus und Wilhelm Liebknecht 1899/1900. Köln [PapyRossa] 2026, 131 Seiten, 14,90 EuroEmpfohlene ZitierweiseGeorg Fülberth : »…dem liberalen Schwindel ein Ende zu machen«. von Pöttker, Horst in rezensionen:kommunikation:medien, 17. Juni 2026, abrufbar unter https://www.rkm-journal.de/archives/26043
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