Rezensiert von Tanjev Schultz

Die Entwicklung des Datenjournalismus zu einem eigenen Berufsfeld in den Medien ist so weit vorangeschritten, dass nicht mehr von einem “Hype” gesprochen werden kann. Bei “Künstlicher Intelligenz” (KI) mag das momentan noch anders sein, aber auch dort ist absehbar, dass sie schon bald ein selbstverständliches Instrument in den meisten Redaktionen sein wird. So füllt das Handbuch, das Christina Elmer und Lorenz Matzat herausgegeben haben, mit seinen zwanzig Einzelbeiträgen zu vielen Facetten des Themas eine Lücke auf dem Markt der Praxisliteratur, die bisher nur wenige zu schließen versucht haben. Der Band kann nicht zuletzt im Studium und in der journalistischen Ausbildung ein nützlicher Begleiter sein.
Christina Elmer ist Professorin in Dortmund, zuvor war sie stellvertretende Entwicklungschefin beim Spiegel. Lorenz Matzat war Gastprofessor in Leipzig und ist einer der Pioniere des Datenjournalismus in Deutschland. Die beiden konnten dank ihrer Kenntnisse und Kontakte einen kompetenten Kreis an Autorinnen und Autoren gewinnen, die überwiegend aus der journalistischen Praxis kommen. Zugleich gibt das Handbuch auch Impulse aus der Forschung und für die Forschung, vor allem durch den Beitrag von Mario Haim und Valerie Hase über “Datenjournalismus aus Sicht der Kommunikationswissenschaft” und den Beitrag von Jessica Heesen über die “Ethik des datenbasierten Journalismus”.
Es fällt positiv auf, dass der Band zwar selbst reich bebildert ist, aber keinem Zahlen- und Grafikfetischismus oder einem naiven Verständnis von Daten erliegt. “Angesichts der vermeintlichen Unantastbarkeit von Befunden aus Daten”, so Heesen, “stehen Journalisten und Journalistinnen in der Verantwortung, Daten kritisch zu dekonstruieren und gerade auch im Datenjournalismus die vermeintliche Objektivität von Daten zu hinterfragen.” (218) Leitend könnten diese Fragen sein: “Wo werden Daten erhoben? Welche Daten werden (nicht) erfasst? Wie werden Daten interpretiert und beschrieben?” (ebd.)
In den Beispielen für Datenjournalismus und KI-Anwendungen, die sich durch das Handbuch ziehen, hätten diese Fragen vielleicht noch systematischer gestellt und beantwortet werden können. Insgesamt ergeben sich aus den Aufsätzen aber viele Anregungen und auch Ansatzpunkte für einen reflektierten Umgang mit Daten und Statistiken. Das reicht von einem Überblick über Datenquellen, aus denen im Journalismus geschöpft werden kann, über eine Darstellung des Einsatzes von Geo- und Satellitendaten bis hin zu den großen Sprachmodellen und Strategien für KI-Anwendungen in einer Redaktion. Vom Lokaljournalismus bis zur investigativen Recherche und internationaler Arbeitsteilung im Bewältigen großer Leaks bringt das Handbuch alle derzeit wichtigen Einsatz- und Organisationsfragen zur Sprache.
Um ein Beispiel herauszugreifen: Gianna-Carina Grün präsentiert in ihrem Aufsatz über die Grundlagen und die Rezeption datenbasierter Grafiken eine “Checkliste für effektive Visualisierungen”, die sich Redaktionen auf den Tisch legen könnten. Zu den Fragen dieser Liste gehört unter anderem diese: “Wenn das Chart interaktiv ist: Ist die Interaktion nützlich? Wie hätte man die Visualisierung auch ohne Interaktion realisieren können?” (88) Tatsächlich hat man als Nutzer gelegentlich den Eindruck, eine Grafik enthalte vor allem deshalb interaktive Spielereien, weil diese eben möglich sind. Ob sie sinnvoll sind und wirklich helfen, etwas zu erschließen und zu verstehen, scheint nicht immer so wichtig zu sein.
Ein weiteres Beispiel: Uli Köppen erläutert den Umgang des Bayerischen Rundfunks mit Automatisierung und KI und zeigt, wie lineare Sendungen von Regionalnachrichten mithilfe von Algorithmen zerlegt werden, um die Einzelbeiträge durch einen weiteren Algorithmus mit der Geolocation zu “vertaggen”, also mit dem Ort des Geschehens zu verknüpfen. “Dadurch machen wir unseren Audio-Content nutzbar für Personalisierung.” (293)
Die auf diesem Arbeitsfeld gängigen technischen Vokabeln und Anglizismen könnten für manche Leserinnen und Leser etwas nervig oder abschreckend wirken. Sie lassen sich allerdings nur schwer vermeiden. Davon abgesehen sind die Beiträge gut verständlich und nicht unnötig kompliziert. Die meisten Autorinnen und Autoren sind ja eng mit der journalistischen Praxis verbunden, ihr Stil ist entsprechend zugänglich. Die dynamische Entwicklung vor allem bei KI-Anwendungen könnte einige Beiträge zwar schnell alt aussehen lassen, derzeit wirkt das Handbuch aber noch aktuell. So ist es in Form und Inhalt ein Gewinn für den Journalismus und die Journalistik.
Links:
- Verlagsinformationen zum Buch
- Webpräsenz von Prof. Christina Elmer an der TU Dortmund
- Webpräsenz von Lorenz Matzat
- Webpräsenz von Prof. Dr. Tanjev Schultz an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

