Rezensiert von Beatrice Dernbach


Dieses Buch von Jana Rick stand ganz oben auf der persönlichen Leseliste. Nicht, weil es mit dem Promotions-Förderpreis des Verlags ausgezeichnet worden ist. Sondern weil es spannende Einsichten von Menschen versprach, die – wie die Rezensentin vor vielen Jahren – den Journalismus beziehungsweise eine Medienredaktion verlassen haben. Eine Erkenntnis vorab: Der Großteil der Befragten wechselte nicht in völlig andere Berufsfelder, sondern blieben in der Kommunikationsbranche, wo sie ihre Kompetenzen weiterhin einsetzen können.
Die Studie von Jana Rick ist rundum gelungen und von großem Wert, sowohl für die Journalismusforschung als auch die Medienorganisations- und Personalentwicklungspolitik – sofern diese überhaupt strategisch existiert. Noch ist der Dropout aus den Redaktionen der Verlage und Rundfunksender kein Massenphänomen. Aber der Fachkräftemangel ist auch in der Medienbranche schon seit Jahren sichtbar. Immer weniger junge Menschen interessieren sich für diesen Beruf oder bewerben sich um ein Volontariat.
Aber zurück zum und hinein in das Buch. Ihr theoretisches Fundament hat Jana Rick in der Arbeitssoziologie gefunden. Damit kann sie zentrale Begriffe rund um die berufliche Mobilität klären, was wesentlich ist für den empirischen Teil und die Interpretation der Ergebnisse. In Bewegung kommen Beschäftigte aufgrund von Fluktuation (eine dynamische Abfolge komplexer Prozesse im Arbeitsmarkt) und/oder Kündigungen (arbeitgeber- oder arbeitnehmerinduziert, freiwillig oder unfreiwillig). In der Berufsforschung wird – angesichts des Wandels der modernen Arbeitswelt – das Konzept des “Lebensberufs” grundsätzlich kritisch hinterfragt. “Wechsel von einem Beruf in einen anderen sind Teil vieler Karrieren” (67). Der Berufswechsel ist nicht gleichzusetzen mit einem Arbeitsplatz-, Stellen- oder Tätigkeitswechsel, da er für eine umfassende Neuorientierung steht. Die wissenschaftliche und die praktische Herausforderung für den Journalismus lag und liegt darin, Journalismus als Profession zu definieren. Insofern ist es nicht trivial, ein theoretisches Modell zur Erfassung des Ausstiegs aus dem Journalismus zu entwerfen. Rick gelingt dies sehr überzeugend, was auf die Schnelle in Abbildung 6 auf Seite 112 nachzuvollziehen ist.
Dementsprechend logisch generiert sie drei zentrale Forschungsfragen: Aus welchen Gründen verlassen Journalist:innen ihren Beruf? Wie läuft der Ausstiegsprozess ab? Welche Folgen bringt der Ausstieg mit sich? (vgl. 132-135) Empirisch operationalisiert die Wissenschaftlerin ihre Ziele in Form einer quantitativen Online-Befragung (mit 193 Teilnehmenden) und daraus generierten qualitativen Interviews (38 TN). Da keine Statistik oder vergleichbare Studie über Aussteiger:innen im Journalismus und dementsprechend kein Sample vorlag, stützte Rick sich auf die von der DFG finanzierte Studie zur Prekarisierung, an der sie mitgearbeitet hatte (vgl. Rick/Hanitzsch 2024), und distribuierte den Fragebogen über die damals erschlossenen, einschlägigen Kanäle. Nicht ins Sample kamen übrigens diejenigen, die in Rente gegangen sind. Selbstverständlich reflektiert die Forscherin ihre Vorgehensweise kritisch im Hinblick auf Repräsentativität, aber an der Originalität und Wertigkeit ihrer Ergebnisse ändert dies nichts. Im Gegenteil: Gerade die subjektive Beschreibung der Gründe, Wege und Folgen in den problemzentrierten Interviews in Kombination mit den schriftlich erhobenen Ergebnissen sind sehr aufschlussreich.
Einige Daten sollen an dieser Stelle Lust auf mehr machen: Im Durchschnitt sind die Aussteiger:innen 44,4 Jahre alt und haben 16 Jahre in dem Beruf gearbeitet. 56 Prozent verließen eine Festanstellung, davon kam der Großteil aus einer Tageszeitungsredaktion. Für den Ausstieg gab es nicht den einen Grund, sondern eine Mischung aus extrinsischen und intrinsischen Motiven, aus Push- und Pull-Faktoren. Allen voran wurden die sich verschlechternden Arbeitsbedingungen aufgrund des Wandels des Journalismus und die damit einhergehende Unzufriedenheit genannt. Der individuelle Entscheidungsprozess zog sich in der Regel über neun bis zehn Monate hin und bei 67,4 Prozent stand am Ende die freiwillige Kündigung – davon hatten 46,1 Prozent bereits ein neues Jobangebot in der Tasche. Mehrheitlich wechselten die Aussteiger:innen in ein Normalarbeitsverhältnis, überwiegend in die PR, wo sie ihre erworbenen Kompetenzen einsetzen konnten.
Der Höhepunkt ist in Kapitel 8 zu finden: eine Typologie der Aussteiger:innen. Unterschieden nach Kernmerkmalen und den Kriterien Freiwilligkeit, Gründe, Wege und Folgen differenziert Rick fünf Typen: die Frustrierten (Erfahrene), die Desillusionierten (Einsteiger:innen), die Erschöpften (Ausgebrannte), die Verantwortungsbewussten (mit Familie) und die Resignierten (prekär Tätige). Deutlich wird die überwiegend negativ getriggerte Motivation bei den Aussteiger:innen der Jahre 2020 und 2021. Vor der digitalen Revolution und der damit einhergehenden ökonomischen und publizistischen Krisenlage der etablierten Medien existierten noch positive Gründe, wie die bewusste Entscheidung für die Selbstständigkeit oder das Einschlagen der akademischen Laufbahn als Journalistenausbilderin an Hochschulen. Auch diese beiden Wege sind heute, aus unterschiedlichen Gründen, keine attraktiven Alternativen mehr.
Jana Ricks Studie beantwortet viele Fragen, viele bleiben offen und sollten von der Journalismusforschung in den kommenden Jahren beantwortet werden. Die Autorin selbst regt an, sie als “non-newsroom-centric research” und dementsprechend auf journalistische Tätigkeiten in anderen (Medien-)Berufen auszuweiten (335).
Literatur:
- Rick, Jana; Hanitzsch, Thomas (2024): Journalists’ Perceptions of Precarity: Toward a Theoretical Model. In: Journalism Studies, 25(2), S. 199–217. https://doi.org/10.1080/1461670X.2023.2293827
Links:
Über das BuchJana Rick: Ausstieg aus dem Journalismus. Gründe, Wege und Folgen. Köln [Herbert von Halem] 2025, 386 Seiten, 42 EuroEmpfohlene ZitierweiseJana Rick: Ausstieg aus dem Journalismus. von Dernbach, Beatrice in rezensionen:kommunikation:medien, 28. April 2026, abrufbar unter https://www.rkm-journal.de/archives/25966
