Rezensiert von Beatrice Dernbach


Carsten Brosda und Daniel Müller haben ihrem Mentor Horst Pöttker ein außergewöhnliches Geschenk gemacht: Der Band, 2025 erschienen und dem im Dezember 1944 geborenen Jubilar noch im 81. Lebensjahr überreicht, ist keine Festschrift im gewohnten Sinne. Sie vereint nicht Reminiszenzen von zwei Dutzend Weggefährten, sondern 18 Beiträge, die der Wissenschaftler selbst verfasst hat. Ein Format, das seiner beruflichen Ernsthaftigkeit und seinem Ethos bemerkenswert gerecht wird; es ermöglicht den tieferen Blick in die Jahrzehnte seines wissenschaftlichen Denkens.
Die Auswahl ist den beiden Herausgebern sicher nicht leicht gefallen. Sie haben die 18 Publikationen in vier Kapitel unterteilt: 1. Theorie des Journalismus (6 Beiträge), 2. Journalistische Berufsethik (2), 3. Geschichte des Journalistenberufs (4) und 4. Zukunft des Journalistenberufs (6). Eine kleine kritische Anmerkung vorab, um einmal erwähnt und damit abgehakt zu sein: Dass die bibliografischen Erstverweise gesammelt am Ende stehen (vgl. 409) statt direkt bei den Beiträgen, erschwert die Orientierung. Auch verzichten Brosda und Müller darauf, die Texte in ihren historischen oder wissenschaftstheoretischen Kontext einzuordnen. Ihre Einleitung dient daher als zentrale Orientierungshilfe – und erfüllt diese Aufgabe solide.
Für Horst Pöttker stand und steht im Mittelpunkt das Verständnis von Journalismus als Profession und der Journalistik als Wissenschaft, die sich immer “konkret auf eine gesellschaftliche Kommunikationspraxis und ihre professionellen Vermittler” (10) bezieht. Es wird gespeist aus seinem wissenschaftlichen Interesse und seiner akademischen Ausbildung: In Bad Segeberg geboren, hat er Sozial- und Geisteswissenschaften, Philosophie und Mathematik in Hamburg, Zürich, Kiel und Basel studiert, wo er 1978 zum Dr. phil.-hist. promovierte. Von 1982 bis 1985 war er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fach Soziologie an der Universität-Gesamthochschule Siegen beschäftigt. Dann wechselte er in den Journalismus und wurde verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift medium im Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (bis 1996). Schon währenddessen stand er wieder mit einem Bein in der Wissenschaft: An der Universität Leipzig hatte er von 1992 bis 1995 eine Gastprofessur für Kommunikationswissenschaft (Schwerpunkt: Ethik des journalistischen Handelns) inne. 1995 habilitierte er sich an der Universität Siegen für das Fach Soziologie (Schwerpunkt: Soziologie der Kommunikation und der öffentlichen Medien). Im Jahr darauf wurde er als Nachfolger von Kurt Koszyk auf den Lehrstuhl “Theorie und Praxis des Journalismus” an der Universität Dortmund berufen. Bis zu seiner Emeritierung 2013 lehrte und forschte er dort, aber auch an den Universitäten Rostow am Don, Iowa, Stawropol, Wien und St. Petersburg. In seiner Heimatstadt Hamburg war er als Senior-Professor an der Universität tätig (2013-2018).
Dort hat er in der Auftaktveranstaltung der “Augstein Lectures” am 7. November 2016 eingangs Folgendes angemerkt: “Ich war mal Journalist, das bin ich nicht mehr. Aber ich bin ein Fellow Traveller des Journalismus.” Als Wissenschaftler müsse er eine kritische Distanz zum Journalismus haben; die solle ihm helfen, seine Aufgaben zu erfüllen und besser zu werden – nicht im Sinne einer “kritischen Distanz, die an den Grundfesten dieses Berufes wackeln will”. Und er ergänzt: “Ich liebe diesen Beruf. Und jemand, der Journalisten ausbildet, muss nicht nur etwas über diesen Beruf wissen, sondern ihn selbst einmal ausgeübt haben.” Jede praktisch ausgebildete Wissenschaftlerin und jeder wissenschaftlich ausgebildete Redakteur, dem angesichts der aktuellen technologischen, ökonomischen und publizistischen Entwicklungen der Medien und dem Journalismus das Herz blutet, versteht Pöttker auf Anhieb.
Diese Haltung und die oben skizzierten Stationen des akademischen Werdegangs sind in den 18 Beiträgen im Hintergrund deutlich erkennbar. Vor allem die Perspektiven der Soziologie sind prägend; so bezieht Pöttker sich auf Émile Durkheim, Georg Simmel und Max Weber, von dem “Kommunikationswissenschaft und Journalismus nach einem Jahrhundert” immer noch viel lernen könnten (vgl. 143-165). Für seine journalistische Berufsethik steht unter anderem der Philosoph Immanuel Kant Pate. Gleichwohl der Journalismuswissenschaftler nicht wie andere systemtheoretische oder konstruktivistische Ansätze herausgehoben und explizit weiterentwickelt hat, verankert er Journalismus immer gesellschafts- und handlungstheoretisch und praktisch zugleich. Journalistinnen und Journalisten müssten entscheiden, wo und wie sie Öffentlichkeit herstellen. Er kritisiert allerdings die zunehmenden “politischen Zweckmäßigkeitsentscheidungen”, wie legitimatorische Sprachregelungen und das Ausblenden bestimmter Probleme, obwohl “kontroverse Diskussionen” zielführender wären.
Immer wieder thematisiert Pöttker die “unlösbaren Widersprüche des Journalismus” bei der Herstellung von “Öffentlichkeit als Sisyphusarbeit” (vgl. 94-113), im Spannungsfeld zwischen Aktualität und Verlässlichkeit, zwischen Publikumsinteresse und gesellschaftlicher Funktion. Gleichzeitig zeigt er, dass in diesen Spannungen das “Lösungspotential” des Journalismus (vgl. 57-75) liegt. Historische Einordnungen des Berufes zur Öffentlichkeit (vgl. 114-142) – etwa zu seiner Entstehung um 1700 in England (vgl. 208-232), – verknüpft er mit aktuellen Herausforderungen des digitalen Kulturwandels (vgl. 355-377).
Horst Pöttker hatte Zweifel daran, dass die Journalistik beziehungsweise Journalismustheorie unter dem Dach der Kommunikations- und Medienwissenschaft gut aufgehoben ist. Er regte eine Verselbstständigung an und führte in seinem Aufsatz “Öffentlichkeit durch Wissenschaft. Zum Programm der Journalistik” (vgl. 28-56), erschienen in der Publizistik 1998, folgende Begründungen an: die “Identitätsprobleme der Kommunikationswissenschaft (Zeitungswissenschaft)”, die Notwendigkeit der Berufsorientierung der Wissenschaft und den Bedarf an Professionalität bei der Herstellung von Öffentlichkeit. Der Journalistik weist er die Aufgabe zu, Qualitätsmaßstäbe zu fundieren (vgl. 76-93), allen voran “Universalität, Wahrheit, Aktualität und Verständlichkeit” (vgl. 44) sowie Richtigkeit, Relevanz, Unabhängigkeit und Unterhaltsamkeit (vgl. 83-89). Die Kopplung zwischen Theorie und der Berufspraxis sieht Pöttker unter anderem in “Universitätsmedien: Wenn die Journalistik für den Journalismus etwas Ähnliches werden soll wie die Medizin für den Arztberuf, dann braucht sie eine der Universitätsklinik entsprechende Institution, die der Integration von Forschung, Lehre und Berufspraxis (inklusive der Möglichkeit experimenteller Innovationen) dient.” (48)
Der Band von Carsten Brosda und Daniel Müller ist mehr als eine Hommage: Er ist eine dichte, klug komponierte Reise durch vier Jahrzehnte journalistischer Theoriearbeit. Wer Journalismus nicht nur praktiziert, sondern verstehen will, findet hier eine präzise und zugleich inspirierende Bestandsaufnahme eines außergewöhnlichen Wissenschaftlers – der sich seit seiner Emeritierung nicht ausruht, sondern mit Begeisterung mit Architektur-Kollegen an der TU Dortmund kooperiert, um das Feld des Architektur-Journalismus auszuloten.
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Über das BuchCarsten Brosda, Daniel Müller (Hrsg.): Horst Pöttker: Beruf zur Öffentlichkeit. Ausgewählte Schriften zu Theorie, Ethik, Geschichte und Perspektive des Journalismus. Köln [von Halem Verlag] 2025, 416 Seiten, 38 EuroEmpfohlene ZitierweiseHorst Pöttker: Beruf zur Öffentlichkeit. von Dernbach, Beatrice in rezensionen:kommunikation:medien, 25. Februar 2026, abrufbar unter https://www.rkm-journal.de/archives/25928
