Marcel Danesi; Andrea Rocci: Global Linguistics

Einzelrezension
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Rezensiert von Anna Osterhus

Einzelrezension
“Global Village”, “Global Language”, “Global Koiné”,”Global Linguistics” – Der kürzlich bei Mouton de Gruyter in der Reihe “Approaches to Applied Semiotics” erschienene Band geizt nicht mit weitreichenden Begriffen. So beginnt auch der im Vorwort als Einführungslektüre vor allem für Studierende und den universitären Basisunterricht vorgestellte Band mit keinem geringeren Thema als der Entstehung und Entwicklung des homo sapiens (1). Kommunikation und Sprache werden beinahe überdeutlich als wesentliche Entwicklungsmerkmale des Menschen “as a species dependent on culture (and not just nature)” (ebd.) eingeführt und sogleich mit der für das Buch zentralen Vorstellung eines durch Massentechnologien ermöglichten Global Village – sprachlich geprägt durch die Global Koiné Englisch – verbunden. Die Etablierung des neuen Forschungsbereichs Global Linguistics als das erklärte Ziel der Autoren droht vor allem anfänglich zu einem Mammutprojekt anzuwachsen, dem ein knapp 270 Seiten umfassender Band nicht gerecht zu werden scheint.

Dieser erste Eindruck wird jedoch mit weitergehender Lektüre relativiert. In präziser Strukturierung bearbeiten die Autoren die anfangs aufgetürmten Begriffsbereiche, wobei sie – einem Lehrbuch durchaus gemäß – die Kapitel jeweils in eine allgemeine Einführung sowie in darauf folgende Unterpunkte gliedern. Der neu zu etablierende Forschungsbereich Global Linguistics wird dabei unter dem Hauptbezugs- und Interessensschwerpunkt der interkulturellen Kommunikation in eine pragmatische und eine logisch-semantische Dimension differenziert (8), die sich wiederum in verschiedene linguistische Analysebereiche aufgliedert. Zentral ist für die Autoren die Analyse von Interferenzschemata, deren Phänomene interkulturelle Kommunikationssituationen wesentlich prägen (41).

Theoretische Grundverankerung findet der gesamte Band vor allem in den Studien Benjamin L. Whorfs und Edward Sapirs zum Sprachrelativismus sowie in Hans Boas’ Studien zur Relativität der Kulturen, vor deren Hintergrund die anderen Ansätze diskutiert werden. Als Analyseobjekte wählen die Autoren Situationen des Sprachgebrauchs zwischen Sprechern verschiedener Sprachen im internationalen Kontakt, die sich der so genannten Global Koiné (hauptsächlich Englisch) bedienen. Dabei gehen sie mit Bezug auf Wittgenstein (“Die Welt ist alles, was der Fall ist”, Wittgenstein 1963: 9) von der Existenz eines so genannten Common Ground (vgl. Stalnacker 1973/2001 u. a.) sowohl in kommunikativer als auch in kultureller Hinsicht aus (Kapitel 2 und 3).

Kapitel 2 (“Speech”) befasst sich hauptsächlich unter semantischen Gesichtspunkten mit der Frage nach der Funktionsweise von Dialogen und den so genannten kognitiven Grundstrukturen wie beispielsweise “knowledge of grammar, of discourse strategies […], of word meanings and connotation […], […] cultural shaped metaphors” (124) usw. Unter den Gesichtspunkten “Human communication”, “Action and its representation in language”, “Interaction and verbal communication” in Kapitel 3 (“Communication”) wird dann der pragmatische Aspekt unter Einbeziehung verschiedener kommunikationswissenschaftlicher Interaktionstheorien weiter beleuchtet.

Kapitel 4 (“Culture”) und Kapitel 5 (“Argumentation”) skizzieren mit starkem Bezug auf die vorhergehenden Kapitel sowohl Kulturkonzepte als auch Argumentationsschemata, die in der interkulturellen Kommunikation eine wesentliche Rolle spielen. Das Abschlusskapitel “Global Linguistics” schließt dann überzeugend die Erläuterungen ab, wobei noch einmal eingehend die zentralen Konzepte Boas’, Whorfs und Sapirs im Zusammenhang erläutert werden. Nicht zuletzt wird hier auch noch einmal der Fokus auf die Rolle des Forschungsbereichs gelegt: Global Linguistics “shows that diversity is the norm, but that diversity only reflects differentiated attempts to solve similar problems across the world.” (249)

Trotz der anfänglich aufscheinenden Startschwierigkeiten ist es den Autoren gelungen, ihr Ziel – nämlich den Anstoß zur Etablierung eines Forschungsbereichs Global Linguistics – mehr als zu erreichen. Die Autoren beschreiben nicht nur grundlegende Phänomene im Bereich der interkulturellen Kommunikation, sondern bieten eine gute Einführung in wichtige linguistische Theorien, die sowohl für Linguisten als auch für Kommunikationswissenschaftler eine wesentliche Grundlage ihres Studiums darstellen sollten. Dabei eignet sich der Band insbesondere durch die gute Strukturierung der Kapitel nicht nur hervorragend für den universitären Unterricht, sondern auch für das Selbststudium.

Literatur:

  • Stalnaker, R.: “Presuppositions.” In: Journal of Philosophical Logic, 2 (1973), S. 447-457.
  • Stalnaker, R.: “Common Ground.” In: Linguistic and Philosophy, 25 (2001), S. 701-721.
  • Wittgenstein, L.: Tractatus logico-philosophicus. Frankfurt am Main [Suhrkamp Verlag] 1963.

Links:

Über das BuchMarcel Danesi; Andrea Rocci: Global Linguistics: An Introduction. Berlin, New York [Mouton de Gruyter] 2009, 270 Seiten, gebunden 99,95 Euro, Paperback 34,95 Euro.Empfohlene ZitierweiseMarcel Danesi; Andrea Rocci: Global Linguistics. von Osterhus, Anna in rezensionen:kommunikation:medien, 14. Mai 2010, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/2521
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Rezensent/in
Anna Osterhus ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Deutsche Sprache der Universität Bremen.