Michael Meyen u.a.: Qualitative Forschung in der Kommunikationswissenschaft

Einzelrezension, Rezensionen
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Rezensiert von Hans-Dieter Kübler

Einzelrezension
Seit den 1980er Jahren wurde in den Sozialwissenschaften verstärkt über qualitative Methoden diskutiert, nicht zuletzt um die Anstöße der Kritischen Theorie weiterzuführen. Die damals noch recht kleine Publizistik- und Kommunikationswissenschaft begegnete diesem neuerlichen Methodenstreit mit großer Zurückhaltung, wenn nicht mit offener Ablehnung, war sie doch gerade bestrebt, ihre (teils fatale) geisteswissenschaftliche Vergangenheit zu überwinden, die allerdings in München noch lange verteidigt wurde, und sich als strikte Sozialwissenschaft zu erfinden.

Damit wollte man sich in den angestammten Instituten wie vor allem Mainz/Allensbach, Münster und München nicht zuletzt gegen die sich massiv verbreitende Medien(kultur)wissenschaft abschotten, die sich – wiewohl vorrangig von textwissenschaftlich orientierten Initiatoren gegründet – methodisch gänzlich offen gab. Insbesondere die von der Kritischen Theorie thematisierten sozialen Phänomene wie Ideologie, Bewusstsein, Öffentlichkeit, Manipulation, Aufklärung, ja (öffentliche) Kommunikation selbst ließen und lassen sich nur um den Preis abwegiger Verdinglichung quantitativ vermessen.

Insofern stimmt es partiell, wenn die Autor*innen um Michael Meyen in diesem Lehrbuch Qualitative Forschung in der Kommunikationswissenschaft konstatieren, “in der (deutschsprachigen) Kommunikationswissenschaft [habe] es keinen Methoden’Streit’ gegeben“ (12) und die “Kommunikationswissenschaft“ [sei] eine ‘Abstauberdisziplin‘ gegenüber anderen [geblieben] – sofern man besagte Auslagerung und die dort geführten methodologischen Debatten ignoriert. Gewissermaßen an den “Rändern“, wie es hier heißt, wurden die ersten Reader 1 und Handbücher, auch Studien zur qualitativen Forschung publiziert. Sie werden hier allesamt als “medienwissenschaftliches Umfeld“ und als Nachbardisziplinen (de-)klassifiziert.

Umgekehrt ermöglicht diese Fixierung auf ‘die’ Kommunikationswissenschaft, dass sich die Autor*innen selbst bescheinigen, das “erste Lehrbuch“ verfasst zu haben, “das sich mit qualitativer Forschung in der Kommunikationswissenschaft beschäftigt“ (3). So hält man an einem vermeintlichen Solitär wie ehedem die kritisierten Vorgänger fest, der angesichts von inzwischen mehr als 870 Medienstudiengängen und auch nach dem massiven Wandel der ehemals so genannten kommunikationswissenschaftlichen Studiengänge selbst längst obsolet ist. Die einschlägig Studierenden dürften ihre methodologischen Fragen und Hilfestellungen mutmaßlich jeweils dort suchen, wo sie angemessene und erschöpfende Antworten finden – gleich welcher Disziplin sie entstammen.

In der Praxis hat sich nämlich längst ein mindestens tolerierendes Nebeneinander, wenn nicht ein konstruktives Miteinander von quantitativen und qualitativen Methoden je nach zu untersuchendem Sachverhalt eingebürgert. Doch just besagtes enges Fachverständnis scheint dafür verantwortlich zu sein, dass in der Einleitung der zweiten Auflage dieses Lehrbuchs  immer noch ein erheblicher Legitimations- und Rechtfertigungsbedarf für qualitative Forschung beklagt wird, ja von “Minderwertigkeitskomplexen“ (VI) in einer generell “datengetriebenen“ Sozialforschung (VII) die Rede ist. Gleichwohl beschwören die Autor*innen fast auf jeder Seite Mythos und Eigensinn ‘der‘ Kommunikationswissenschaft und plädieren nicht für – eigentlich selbstverständliche – Transdisziplinarität, die das inzwischen noch komplexere und diffusere Untersuchungsfeld – die expansiven und sich ständig weitere vernetzenden Medien – noch dringender nahelegt.

Doch nun genug der disziplinhörigen Dogmatik, die ein wenig zurechtgerückt werden musste. Denn es soll ja ein praxisbezogenes Lehrbuch, gar ein “Praxisratgeber“ (1) sein, der nur in seinem ersten Kapitel zu jenen wissenschaftshistorischen Rekonstruktionen, Prädikationen und Qualitätsattributen abschweift. Verfasst wurden die erste Auflage (2011) und nun auch die zweite von einem “Professor und seinen drei wichtigsten Mitarbeiterinnen“ in einem verständlichen, mitunter saloppen und auch etwas selbstgefälligen Stil.

“Rezeptwissen“ und “eine Idee von qualitativer Forschung“ (VII) sollen vermittelt werden. Dazu werden zunächst theoretische und methodische Grundlagen der qualitativen Forschung (“wie man das richtige Lager findet“), vor allem Prinzipien und Qualitätskriterien qualitativer Forschung erörtert. Sodann wird eine praktische Anleitung für die Feldarbeit geliefert, bis dann die wichtigsten Methoden, nämlich die Befragung, die Beobachtung und die Inhaltsanalyse (laut Einleitung neu bearbeitet) vorgestellt werden. Das Kapitel “Auswertung und Forschungsbericht“ schließt den Band an. Jedem Kapitel ist ein Abstract vorangestellt, und es endet mit einigen kommentierten Literaturhinweisen. Die jeweils aufgeführten Beispiele, Definitionen, Empfehlungen, Merksätze und Zusammenfassungen unterstreichen den Lehrbuch-Charakter.

Werben möchte das Lehrbuch für die qualitative Forschung – was sicher ein begrüßenswertes Anliegen ist. Daher ergreift es Partei für ihre Erkenntnismöglichkeiten und Untersuchungsleistungen, ohne in die vielfältigen allgemeinen, theoretischen und methodologischen Diskussionen anderswo vertieft einzudringen; aber es verschweigt auch nicht die “Schwächen“ (37), besser: die Grenzen der qualitativen Methoden. Insofern lassen sich aus der klar strukturierten Darstellung für das eigene Forschen viele Leitlinien, anschauliche Vorbilder und konkrete Hilfen gewinnen.

Sie brauchen nicht weiter kommentiert zu werden; eher sei auf einige Unklarheiten und Fragen hingewiesen: Wenn als entscheidende Qualitätsmerkmale für qualitatives Forschen die Theorieorientierung und die Verwendung von Kategorien, die den gesamten Forschungsprozess leiten sollen, angeführt werden, dann lässt sich fragen, wodurch sich zum einen davon quantitative Forschung unterscheidet und zum anderen wie diese maßgeblichen Kategorien aussehen. In der hervorgehobenen Definition ist Kategorie “ein analytischer Begriff und bezeichnet ein zu untersuchendes Merkmal“ (29). In den aufgeführten Beispielen indes sind Kategorien alles mögliche: Untersuchungsbereiche wie “Lebenslauf und aktuelle Lebenssituation“, theoretische Konzepte wie “Frame“, methodisches Vorgehen wie “Methodenauswahl“, personale Attribute oder Ideale wie “Medienkompetenz“ , soziale Indikatoren wie Alter und Geschlecht und vieles andere mehr. Mit einem solchen Spektrum lässt sich wohl kaum ein Forschungsprozess steuern, und es dürfte auch nicht für Klarheit sorgen.

Der Einfluss der Subjektivität sei der “Knackpunkt, an dem sich die Geister scheiden“ (27), wird weiters betont. Die empirische quantitative Forschung sucht sie mittels standardisierter, objektivierender Methoden weitgehend zu verdrängen und jeweils einem Objektivitätsideal zu frönen. Die qualitativen Methoden hingegen stellen Subjektivität – und zwar sowohl die der Forschenden als auch die der zu Untersuchenden – ins Zentrum ihrer methodologischen Strategien, da sie aus keinem Forschungsprozess technisch-methodisch eliminierbar ist, und kommen daher zu einem gänzlich anderen Forschungs- und Erkenntnisprozess, der in diesem Lehrbuch zwar angedeutet, aber nicht hinreichend expliziert wird. Nur eine intersubjektive Überprüfbarkeit zu postulieren, ist allenfalls eine technische Option am Ende.

Auch für die qualitative Forschung ist die Befragung die am häufigsten genutzte Methode. Ihre Interviews arbeiten allerdings weniger mit geschlossenen, meist einfach und klar zu beantwortenden Fragen, sondern mit offenen, meist recht langwierigen und sperrigen Interviews, die auf Seiten des Befragenden zur Orientierung eines Leitfadens bedarf. Hinzu kommen weitere persönliche Materialien wie Tagebücher, Fotos, Dokumente. Ebenso liefert die Beobachtung als weniger genutzte, in diesem Lehrbuch aber angeratene Methode eine Fülle von authentischem Material, das es zu sortieren und zu gewichten gilt. Und schließlich bezieht sich die Inhaltsanalyse heute immer weniger nur auf (schriftliche) Texte, sondern auf Töne, Bilder, Videos, also bewegte Bilder, und vielgestaltige Webseiten. Mithin müssen alle Methoden umfangreiche, heterogene Materialcorpus bearbeiten, die vor enorme methodisch-operative Herausforderungen stellen. Sie werden vielerorts diskutiert, sind aber längst noch nicht befriedigend bewältigt.

Auch dieses Lehrbuch mogelt sich ein wenig um sie herum. Ausführlich werden Verfahren der jeweiligen Datenerhebung besprochen und an vielen, meist von den Autor*innen selbst bearbeiteten Beispielen vorgestellt. Wie aber die erhobenen Daten in diversen Schritten operationalisiert werden, also welche Selektionen und Gewichtungen, welche Verdichtungen und Konzentrationen wie zulässig sind, um sie einer validen, konsistenten Interpretation und komprimierten Auswertung zuzuführen, und was sie für die Befunde jeweils bedeuten, darüber werden weit weniger Überlegungen und Worte bemüht als für die beschriebenen Verfahren davor.

Zugegeben; es sind überaus komplizierten und kontingente Prozesse, wie jeder erfahren hat, der qualitativ arbeitet, und gemeinhin bleibt ein Quantum Unzufriedenheit und Beliebigkeit zurück. Der Rat, jeweils kommunikativ, also in einer Gruppe, zu operationalisieren und auszuwerten, ist sicher hilfreich, aber durch solche Verfahren wird jene Kontingenz nur relativiert und pluralisiert. Und bei Qualifikationsarbeiten sind solch kommunikative Verfahren meist nicht zulässig. Dass die quantitativen Methoden jene Subjektivität und Kontingenz vermeintlich leichter durch die Anwendung standardisierter Verfahren camouflieren können und sich mithin darüber weniger Gedanken zu machen brauchen, löst die Probleme natürlich nicht, sondern deutet nur auf den Grad der Selbstreflexivität im Forschungsprozess hin.

Intersubjektive Überprüfbarkeit und Verallgemeinerungsfähigkeit sind zuletzt die grundlegendsten Qualitätskriterien, die über die Validität und den Ertrag qualitativer Kommunikationsforschung entscheiden; sie sollen im letzten Kapitel erörtert werden. Dafür wird in diesem 7. Kapitel erneut die Maxime des theorie- und kategoriengeleiteten Verfahrens betont, sodann weitere fünf Empfehlungen wie “Dokumentation des Materials, ausführliches Beschreiben des eigenen Vorgehens, Auswertung in der Gruppe, Befunde mit (kontextualisierten) Zitaten und mit Einzelfall Beschreibungen arbeiten“ angeführt (172).

Sicherlich helfen sie dabei, den Untersuchungsbereich dicht und authentisch zu erfassen und – wie danach ausführlich dargestellt – im abschließenden Forschungsbericht darzustellen. Aber ist damit auch das Verallgemeinerungspostulat eingelöst? Das Lehrbuch bietet dafür zuletzt die Bildung von Typen (Typologisierung) an, beurteilt sie aber sogleich als “unvollständige Klassifikation“, um “Ordnung in einen Bereich zu bringen, indem sie den einzelnen Elementen bestimmte Merkmale zuschreib[t]“ (183). Mithin handelt es sich allenfalls um einen Zwischen- oder ersten Schritt (wie er sonst in der Sozialforschung auch erachtet wird), nicht um eine befriedigende Lösung. Wie man von ihm aus weiter in Richtung Verallgemeinerung kommt oder welchen Grad der Generalisierung man erreichen kann, darüber folgt in diesem Lehrbuch allerdings nichts mehr.

Wiederum: die quantitativen Verfahren operieren dafür mit Repräsentativität, Validität und Reliabilität und wie die oft genug zustande kommen oder – wie bei der Inhaltsanalyse – willkürlich und fallweise begrenzt werden, darüber legen sie selten hinreichend Rechenschaft ab. Insofern ist qualitative Forschung oft genug die anspruchsvollere, langwierigere und transparentere Vorgehensweise, auch wenn sie nicht zu pompösen, zahlenmäßig eindrucksvollen Resultaten führt. Das vorliegende Lehrbuch ist dafür ohne Frage eine praktikable, gut strukturierte und methodische Hilfe. Hätten sie ihre Verfasser*innen insgesamt mit mehr zurückhaltender Reflexivität und weniger mit der Attitüde: So wird‘s gemacht (weil wir es so gemacht haben) vorgelegt, wären sie dem Anliegen qualitativer Forschung noch eher gerecht geworden.

Links:

  1. Z.B. Rainer Bohn u.a. (Hrsg.): Ansichten einer künftigen Medienwissenschaft. Berlin 1988; Dieter Baacke und Hans-Dieter Kübler (Hrsg.): Qualitative Medienforschung. Konzepte und Erprobungen. Tübingen 1989; Ingrid Pause-Haase und Bernd Schorb (Hrsg.): Qualitative Kinder- und Jugend-Medienforschung. Theorie und Methoden: ein Arbeitsbuch. München 2000.
Über das BuchMichael Meyen, Maria Löblich, Senta Pfaff-Rüdiger, Claudia Riesmeyer: Qualitative Forschung in der Kommunikationswissenschaft. Eine paxisorientierte Einführung. 2., überarb. Aufl. Wiesbaden [Springer VS] 2019, 211 Seiten, 24,99 Euro.Empfohlene ZitierweiseMichael Meyen u.a.: Qualitative Forschung in der Kommunikationswissenschaft. von Kübler, Hans-Dieter in rezensionen:kommunikation:medien, 2. April 2019, abrufbar unter https://www.rkm-journal.de/archives/21729
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Rezensent/in
Hans-Dieter Kübler, geb. 1947, Dr. rer soc., war Professor für Medien-, Kultur- und Sozialwissenschaften an der Hochschule für angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg, Fakultät Design, Medien, Information und ist Erster Vorsitzender des Instituts für Medien- und Kommunikationsforschung (IMKO) e.V. Arbeitsschwerpunkte: Medien- und Kulturtheorie, empirische und historische Medienforschung sowie Medienpädagogik. Zahlreiche Publikationen, zuletzt folgende Bücher: Mediale Kommunikation (2000), Medien für Kinder (2002), Kommunikation und Medien (2003), Mythos Wissensgesellschaft (2005, 2.Aufl. 2009); (Mit-Hg.) Wissenschaftliche Zeitschriften heute (2009); (Hg.) Bildjournalismus – Grundlagen und Grenzfragen (2010); Interkulturelle Medienkommunikation (2011), zusammen mit Joachim Betz Internet Governance. Wer regiert wie das Internet? (2013)