Manfred Theisen: Nachgefragt. Medienkompetenz in Zeiten von Fake News

Einzelrezension, Rezensionen
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Rezensiert von Guido Keel

Einzelrezension
Diskussionen um Medienkompetenz – oder Media Literacy – haben Konjunktur. Vorwürfe, der Journalismus sei zur Lügenpresse verkommen, Wahlmanipulationen durch Fake News, Smartphone-Nutzung bei Jugendlichen und Kindern – sie alle haben zu der Erkenntnis geführt, dass es an Medienkompetenz mangelt, und dass dieser Mangel eine Gefahr für die Gesellschaft, die Demokratie und das persönliche Wohlergehen vor allem von Heranwachsenden ist.

Die Buchreihe Nachgefragt bringt einem jugendlichen Laienpublikum auf leicht verständliche Weise ein gesellschaftliches Thema näher, indem es Schlüsselbegriffe und Konzepte in einer Frage-Antwort-Struktur erklärt. Vergangene Ausgaben widmeten sich den Themen “Politik“, “Philosophie“, “Menschenrechte und Demokratie“, “Flucht und Integration“ und “Weltreligionen“. Auf dieser Reise vom Allgemeinen zum Spezifischen und Aktuellen ist die Reihe nun bei Medienkompetenz angekommen. Medienkompetenz in Zeiten von Fake News, wie der Titel vollständig lautet.

Der Autor Manfred Theisen “ist eigentlich Politologe“, kennt die Medien aber aus seiner Tätigkeit als Journalist und Redakteur. Sein Zugang zum Thema ist ein praktischer, sein Interesse ein gesellschaftliches. In diesem Sinn hält er sich nicht lange auf mit wissenschaftlichen Theorien und Erkenntnissen. Zwar berücksichtigt er in seinen Antworten wissenschaftliche Studien, aber Quellen oder ein Literaturverzeichnis sucht man vergeblich. Das erscheint durchaus passend für ein Buch, das Jugendlichen abstraktes Wissen vermitteln will.

Das Buch ist in sieben Kapitel gegliedert: Im ersten erklärt der Autor anhand von 13 Fragen, was Medien, inklusive Soziale Medien, eigentlich sind. Leicht, kompakt und anschaulich präsentiert der Autor Grundsätzliches zu Medienakteuren, Medieninhalten, Mediennutzung und Medienökonomie. Die nächsten zwei Kapitel behandeln beide das Thema Fake News. Zunächst erklärt Theisen, wieder anhand von konkreten Fragen, was Fake News sind, um dann zu erklären, warum es Fake News überhaupt gibt und wie sie eingesetzt werden. Dabei liefert der Autor sowohl historische Bezüge als auch aktuelle Beispiele.

Kapitel 4 widmet sich Populisten und dem Umgang von Politikern mit den Medien, Kapitel 5 dem Thema Daten und Datensicherheit. Das sechste Kapitel beschreibt unter dem Titel “Willkommen in Smartphonia“ den Gefahren der Online-Welt, insbesondere der Online-Sucht und Filterblasen. Die Gefahr des Cybermobbings und der Hate Speech wird separat im letzten Kapitel des Buchs behandelt. In diesen beiden letzten Kapitel wandelt sich das Buch langsam zum Ratgeber für junge Internauten, bevor dann im Anhang eine Fülle von hilfreichen Links und Adressen rund um das Thema Medien folgt, die den Leserinnen und Lesern auf weitere Quellen und Anwendungen zum Thema aufmerksam machen. Die Tipps umfassen sowohl Alternativen zur Suchmaschine Google und zum Messenger-Dienst Whatsapp als auch Anlaufstellen und Telefonnummern von Beratungsstellen in Fällen von Cybermobbing.

Das Buch hat den Anspruch, Jugendlichen ab 12 Jahren vermeintlich komplizierte gesellschaftliche und politische Sachverhalte verständlich und lebensnah zu erklären. Inwiefern kann das Buch diesen Anspruch einlösen? Nun, zunächst einmal ist es ein Sachbuch; damit stellt sich dem Zielpublikum bereits eine Einstiegshürde – welcher 12-Jährige nimmt von sich aus ein Buch zur Hand, um sich über ein gesellschaftliches Thema zu informieren? Ist diese Hürde aber erst einmal überwunden, macht einem das Buch dank seines Aufbaus den Zugang zum Wissen über Medienkompetenz einfach. Weder schreckt es das junge Laienpublikum durch die Verwendung von Fachsprache ab, noch zwingt es die Leserin, sich mühsam durch das gesamte Buch zu arbeiten. Vielmehr kann man überall einsteigen und sich den Fragen annehmen, die einen gerade besonders interessieren. “TV und Radio: Weshalb müssen wir Gebühren bezahlen?“ – “Warum sind Instagram und Whatsapp so mächtig?“ – “Erste Hilfe bei Cybermobbing – Wie wehrst du dich?“

Zu insgesamt 66 Fragen, die sich Mediennutzer durchaus stellen, liefert das Buch auf jeweils einer, maximal zwei Seiten Antworten. Dabei muss der Autor begreiflicherweise kürzen, vereinfachen, Details auslassen. Aber nur äußerst selten wirkt dies störend oder unseriös. Übermäßig vereinfachende Aussagen wie “Boulevardzeitungen neigen dazu, zu übertreiben und zu polarisieren. So werden aus Nachrichten leicht Fake News“ (19) wirken zwar etwas unpräzis, sind aber selten. Dafür liefert das Buch mit einfachen Begriffen und Vergleichen Definitionen, die den Sachverhalt jeweils gut auf den Punkt bringen.

Etwas langfädig wirkt das schlanke Büchlein, wenn es historisch wird. So führt der Autor auf verhältnismäßig langen acht Seiten die Geschichte der Fake News aus, angefangen im Jahr 1274 v.Chr. über das römische Kaiserreich, die Kreuzzüge, Daniel Defoe und seinen Robinson Crusoe, die Oktoberrevolution, die Reichspogromnacht und den Einmarsch in Polen, den Vietnamkrieg bis schließlich zur Invasion in Irak. Verglichen mit der Knappheit, die der Autor sonst pflegt, wirken diese Ausführungen genau so: ausführlich.

Ansonsten ist das Buch hochaktuell und alltagsnah. Das könnte ihm in der Auswahl und Gewichtung der Themen allerdings auch zum Verhängnis werden: Fake News beanspruchen zwei der sieben Kapitel bzw. ein Viertel der Seiten im Hauptteil des Buchs. Wie neuere Untersuchungen jedoch zeigen, ist das Thema Fake News und Filterblasen möglicherweise in einer ersten Schockreaktion von Fachleuten überbewertet worden bzw. spielt eine sehr viel geringere Rolle als ursprünglich angenommen. Stattdessen wären es Fragen wie “Was ist überhaupt eine Nachricht?“ und “Worin liegt die Relevanz von Informationen – für mich, für die Gesellschaft?“, die sich angesichts des veränderten Mediennutzungsverhaltens von Jugendlichen und den möglichen Folgen für das demokratische und gesellschaftliche Zusammenleben vermehrt stellen; diese werden aber im Buch eher knapp behandelt.

Wenn man es schafft, Jugendliche für die Lektüre dieses Buchs zu motivieren, öffnen sich ihnen eine Fülle an leicht verständlichen Informationen. Schafft man es nicht, so bietet das Buch interessierten Eltern und Lehrpersonen Material für Gespräche mit Jugendlichen, zur gemeinsamen Reflexion über den kompetenten Umgang mit Smartphone und anderen Medien. Insofern ist es ein Buch über Medienkompetenz für Jugendliche, für Erwachsene im Umgang mit Jugendlichen – und schließlich auch für Erwachsene selbst. Denn als Vorbilder für Kinder und Jugendliche ist es für sie mindestens genauso angebracht, ihre eigene Mediennutzung und Medienkompetenz gelegentlich kritisch zu reflektieren.

Links:

Über das BuchManfred Theisen: Nachgefragt. Medienkompetenz in Zeiten von Fake News. Basiswissen zum Mitreden. Bindlach [Loewe] 2019, 136 Seiten, 8,95 Euro.Empfohlene ZitierweiseManfred Theisen: Nachgefragt. Medienkompetenz in Zeiten von Fake News. von Keel, Guido in rezensionen:kommunikation:medien, 22. März 2019, abrufbar unter https://www.rkm-journal.de/archives/21748
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Rezensent/in
Prof. Dr. Guido Keel ist Leiter des Instituts für Angewandte Medienwissenschaft der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Zu seinen Schwerpunkten in der Forschung gehören Qualität im Journalismus, Wandel im Journalismus und Journalismus in nicht-europäischen Kontexten.