Christian Kiening, Martina Stercken (Hrsg.): SchriftRäume

Einzelrezension
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Rezensiert von Rainer Totzke

Einzelrezension
Das Buch SchriftRäume. Dimensionen von Schrift zwischen Mittelalter und Moderne ist beim Züricher Chronos-Verlag als Band 4 der Reihe “Medienwandel – Medienwechsel – Medienwissen” erschienen. In dieser Reihe werden seit einigen Jahren Forschungsarbeiten aus dem gleich-namigen Nationalen Forschungs-schwerpunkt der Schweiz publiziert. Herausgeber dieses vierten Bandes sind die Historikerin Martina Stercken und der Literaturwissenschaftler Christian Kiening von der Universität Zürich. Letzterer ist zugleich auch Direktor des genannten Forschungsschwerpunktes, der sich der Problematik “Medienwandel und Medienwechsel” in ausdrücklich historischer Perspektive zuwendet.

Das katalogartig edierte Buch umfasst einen einleitenden 120seitigen Essay sowie vier daran anschließende, stärker von konkreter Materialdarstellung und -interpretation geprägte Hauptteile. Diese vier Hauptteile werden wiederum von jeweils einem Überblickstext eingeleitet. Unter den Überschriften “Geheimnis”, “Aura”, “Heil” und “Bewegung” werden dabei unterschiedliche Perspektiven auf das Phänomen der Schrift eröffnet.

Um es vorweg zu sagen: SchriftRäume ist ein in mehreren Hinsichten faszinierendes Buch. Zum einen schlicht deshalb, weil hier auf mehr als 400 Seiten in faksimilierter Form hunderte unterschiedliche Schriftphänomene abgebildet sind. Die Palette reicht von Seiten aus mittelalterlichen Manuskripten bis hin zu Schriftexperimenten der literarischen, philosophischen und filmischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts. Viele der abgebildeten Schriftstücke sind für die Öffentlichkeit bisher kaum oder gar nicht zugänglich gewesen. Zum zweiten fasziniert das Buch aber auch deshalb, weil die einzelnen Faksimiles nicht kommentarlos, sondern stets im Verbund mit kurzen erläuternden Experten-Aufsätzen publiziert sind. Und drittens fasziniert SchriftRäume, weil sowohl in der Zusammenstellung als solcher als auch in dem das Buch einleitenden Essay eben genau der Brückenschlag vom Mittelalter zur Moderne gewagt wird: Der Band reflektiert in vergleichender Weise, wie durch die Jahrhunderte die verschiedensten Schriftdimensionen entwickelt und genutzt worden sind.

Der Titel des Buches ist dabei in mehrfachem Sinne zu verstehen: Einerseits wird das “Räumliche” der Schrift in der Hinsicht thematisiert, dass Schrift ja – entgegen einer allzu vereinfachenden These von der reinen “Linearität” der Schrift – wesentlich auch und gerade von der Zweidimensionalität der Zeichenanordnung auf der (Schreib-)Fläche zehrt. Anders gesagt: Sinndimensionen von Geschriebenem erschließen sich nicht alleine über die Linearität der geschriebenen Zeichen, sondern auch über den Ordnungsraum der Schreibfläche.

Darüber hinaus verweist das Titelwort “SchriftRäume” auch auf die kulturellen Gebrauchszusammenhänge von Schrift. Das Buch thematisiert und reflektiert also die jeweiligen “sozialen Räume” der Schrift: Wer schreibt bzw. liest wann, wo, wie, zu welchen Zwecken, unter welchen Bedingungen und Restriktionen etc.? Darüber hinaus verhandelt das Buch die Thematik Schrift-Räume auch in einem realen Sinne: Schrift existierte und existiert eben nicht nur auf papierenen oder pergamentenen Schreibflächen (oder heutzutage: auf Bildschirmflächen), sondern vielfach auch als In- oder Aufschrift in realen (öffentlichen) Räumen – etwa als Werbeschrift an Häusern oder auf Reklametafeln oder als sakrale Inschrift auf Altären beziehungsweise Kirchenfenstern. Auch für Letzteres liefert das Buch zahlreiche Beispiele.

Schon allein aufgrund dieser Materialfülle ist der von Kiening und Stercken herausgegebene Band außerordentlich verdienstvoll. Auch die das Material konkret kommentierenden kurzen Texte sind profund und aufschlussreich. Im Folgenden soll im Durchgang durch die einzelnen Abschnitte des Buches jedoch auch auf einige möglicherweise problematische Aspekte der Darstellung aufmerksam gemacht werden:

Das Buch wird – wie eingangs erwähnt – mit einem 120seitigen Essay von Christian Kiening eingeleitet. Dieser trägt den Titel: “Die erhabene Schrift. Vom Mittelalter zur Moderne” und ist selbst mit einer Fülle an Bildmaterial angereichert. Kiening führt mit seinem Text einerseits kenntnisreich in die allgemeinen schrifttheoretischen Debatten der Gegenwart ein, konzentriert sich dann jedoch speziell und explizit auf die “erhabene Schrift”, das heißt: auf die ästhetisch-künstlerische beziehungsweise ästhetisch-religiöse Seite von Schriftverwendungen im historischen Vergleich. Kiening spannt in durchaus beeindruckender Weise den Bogen seiner vergleichenden Darstellung von ästhetisch aufwendig gestalteten Manuskripten aus dem frühen Mittelalter bis hin zur Schriftverwendungen im modernen Film. Dagegen kommen andere wichtige Dimensionen der Schrift (etwa kognitive Dimensionen) sowie weitere Verwendungspraxen von Schrift (etwa die Schriftverwendung in den Wissenschaften oder im Alltag) in Kienings Einleitungs-Essay nicht in den Fokus der vergleichenden Betrachtung.

Dieser Befund trifft in gewissem Sinne auch für das gesamte Buch zu: Obwohl der Untertitel des Bandes Dimensionen von Schrift zwischen Mittelalter und Moderne lautet und dadurch zunächst eine breite Perspektivenübersicht in Aussicht gestellt wird, beschränkt sich die Darstellung in den kommentierenden Texten und zum Teil auch in der Materialauswahl weitgehend auf die rein ästhetischen Dimensionen der Schrift, sprich: auf ihre Verwendung in künstlerischen Kontexten oder religiösen Praxen. Zwar enthält der Band gerade für die Epochen “Mittelalter” und “frühe Neuzeit” auch Beispiele für Schriftverwendungen in eher epistemischen Kontexten (zu nennen wären Darstellungen von Landkarten oder Beispielseiten aus Logik-Lehrbüchern), doch werden diesen Schriftbeispielen eben keine Schriftverwendungsexempel aus epistemischen Kontexten der Gegenwart vergleichend zur Seite gestellt.

Soweit die Darstellungen des Buches das 19. und 20. Jahrhundert betreffen, werden als Materialien fast nur Schriftverwendungen im ästhetischen Kontext (beispielsweise von Schriftstellern und Filmemachern) abgebildet und angeführt. Indem die Herausgeber historische Schriftphänomene fast ausschließlich in ihrem Erhabenheits-Aspekt vergleichend gegenüberstellen, läuft das Buch Gefahr, mittelalterliche oder frühneuzeitliche Wissensdarstellungen vorzugsweise eben nur noch in ästhetischer beziehungsweise ästhetisch-religiöser Perspektive zu thematisieren und damit ungewollt zu ‘exotisieren’. Der Leser/Betrachter des Bandes verliert in der Lektüre allzu leicht die wichtigen epistemischen Dimensionen der betreffenden schriftlichen Darstellungen aus den Augen. Darüber hinaus droht auch der Alltagsgebrauch von Schrift durch die erhabenheitszentrierte Perspektive auf die Schrift verdeckt zu werden.

Die Gefahr einer solchen Verdeckung wichtiger Dimensionen von Schrift wird durch die zum Teil recht willkürlich gewählten assoziativen und semantisch teilweise überlappenden Überschriften für die vier Hauptteile des Buches verstärkt. Warum zum Beispiel für die ersten drei Hauptteile gerade die Überschriften “Geheimnis”, “Aura” und “Heil” gewählt wurden und weshalb bestimmte Schriftmaterialien eher dem einen als dem anderen Teil zugeordnet worden sind, erschließt sich dem systematisch interessierten Leser kaum. Ebenso wenig lässt sich erschließen, warum die ästhetischen Schriftbeispiele aus dem 19. und 20. Jahrhundert allesamt unter das Titelwort “Bewegung” gestellt werden mussten. Für die Gesamtkonzeption des Buches erweist sich so als Nachteil, dass es zugleich auch als eine Art nachträglicher Katalog zu vier verschiedenen Themen-Ausstellungen konzipiert worden ist, die in den letzten Jahren in Zürich, St. Gallen und Zug stattfanden. Bestimmte Zusammenstellungen von Schriftexponaten im Band lassen sich nur aus der Logik der entsprechenden Ausstellung rekonstruieren.

Doch sollen diese kritischen Anmerkungen zur konzeptionellen Gliederung des Bandes und zur dort gewählten erhabenheitszentrierten Perspektive auf die Schrift nicht missverstanden werden. Der Band inklusive des einleitenden Essays ist insgesamt absolut lesenswert und intellektuell äußerst anregend. Und vielleicht lässt sich sogar (zumindest in Bezug auf das 19. und 20. Jahrhundert) die einseitige Fokussierung auf künstlerisch-ästhetische Schriftexperimente auch anders deuten und legitimieren: Die schriftästhetischen Experimente künstlerischer Avantgarden stellen in gewissem Sinne tatsächlich immer “Randgänge der Schrift” dar, um eine Formulierung von Jacques Derrida zu adaptieren. Das heißt: In literarischen und filmischen Schriftexperimenten werden in kreativer Weise bestimmte Potenziale von Schrift ausgetestet und ausgereizt, die auch in anderen (“normalen”, das heißt: nicht-künstlerischen) Praxen des Schriftgebrauchs immer schon in der einen oder anderen Weise zum Einsatz kommen – sei es im Alltag oder in den verschiedensten Wissenschaften. Insofern legitimiert sich eine rein ästhetische Perspektive auf die Schrift, wie das Buch sie zumindest in Bezug auf das 19. und 20. Jahrhundert einnimmt, genau dadurch, dass sich mit Blick auf die “avantgardistischen Ränder” des Schriftgebrauchs vielleicht auch die äußerst vielschichtigen “Normalverwendungen” von Schrift in der Gegenwart als solche überhaupt erst angemessen wahrnehmen und konzeptualisieren lassen.

Links:

Über das BuchChristian Kiening, Martina Stercken (Hrsg.): SchriftRäume. Dimensionen von Schrift zwischen Mittelalter und Moderne. Veröffentlichungen des Nationalen Forschungsschwerpunkts "Medienwandel - Medienwechsel - Medienwissen. Historische Perspektiven", hrsg. von Christian Kiening und Martina Stercken, Band 4. Zürich [Chronos Verlag], 454 Seiten, 35,&ndash Euro.Empfohlene ZitierweiseChristian Kiening, Martina Stercken (Hrsg.): SchriftRäume. von Totzke, Rainer in rezensionen:kommunikation:medien, 26. Januar 2010, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/737
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Dr. Rainer Totzke ist Postdoktorand am Graduiertenkolleg "Schriftbildlichkeit" der Freien Universität Berlin.