Michael Steinbrecher: Olympische Spiele und Fernsehen

Einzelrezension
3085 Aufrufe

Rezensiert von Jan Lucas

steinbrecher2009Einzelrezension
Michael Steinbrecher ist vor allem durch seine Bildschirmpräsenz als Sportreporter bekannt. Mit dem vorliegenden Werk, welches auf seiner im Jahr 2008 abgeschlossenen Dissertation beruht, begegnet er uns als Wissenschaftler, der sich intensiv mit dem Verhältnis der (öffentlich-rechtlichen) Fernsehsender zu den medialen Megaereignissen der olympischen Spiele befasst. Den Kern der Arbeit stellt eine empirische Analyse der Olympiaberichterstattung der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender über sechs olympische Spiele (drei Sommer- sowie drei Winterspiele) im Zeitraum von 1996 bis 2006 dar. Erstmals wird hier das olympische Sportprogramm von ARD und ZDF in unterschiedliche, objektivierbare Kategorien der Berichterstattung unterteilt und der jeweilige zeitliche Anteil dieser Elemente an der gesamten Olympiaberichterstattung sekundengenau gemessen. Hiermit stellt Steinbrecher eine empirische Grundlage für eine tiefergehende Diskussion und Analyse der sportjournalistischen Begleitung der olympischen Spiele durch die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten bereit.

Den empirischen Ergebnissen geht zunächst ein breiter Überblick über Geschichte, Strukturen und Entwicklungen der olympischen Spiele der Neuzeit voraus. In Kapitel 2 wird die olympische Idee nach ihrem Gründer Pierre de Coubertin beschrieben. Steinbrecher macht deutlich, dass diese als Legitimations- und Argumentationsgrundlage insbesondere für olympische Funktionäre nach wie vor relevant ist. Zugleich zeigt er auf, dass bestehende Konflikte und Spannungsfelder schon in der Gründungsphase der Spiele bestanden. Kapitel 3 beschreibt den Status quo der olympischen Spiele und stellt diese ihrer ursprünglichen Konzeption gegenüber. Wesentliche Kritik- und Diskussionsfelder werden hierbei herausgestellt. Kapitel 4 behandelt die (Legitimations-)Krisen der olympischen Spiele – angefangen mit den Spielen von Berlin 1936 bis hin zu den (zum Zeitpunkt der Niederschrift noch bevorstehenden) Spielen von Peking 2008. Kapitel 5 schließt den theoretischen Teil mit einer historischen Betrachtung des Verhältnisses zwischen Fernsehveranstaltern und Olympia ab und führt so auf die konkrete empirische Auseinandersetzung mit der olympischen TV-Berichterstattung hin.

Der theoretische Teil der Arbeit in den Kapiteln 2 bis 5 ermöglicht dem Leser einen Einblick in die kritische Diskussion der olympischen Spiele, ihre Ziele und Ideale sowie ihres öffentlichen Stellenwertes. Die Breite dieses Überblicks geht gelegentlich zulasten seiner Tiefe, was insofern legitim ist, als Steinbrecher nicht versucht, Antworten zu finden, sondern vielmehr dem Leser verschiedene Positionen und Kritikpunkte aufzeigen und somit eine Grundlage für eine weitere Diskussion des Themas bereitstellen möchte. Steinbrechers Ziel ist es, wie uns der Titel bereits verrät, ein “Netz olympischer Abhängigkeiten” zu beschreiben. Es gelingt ihm, die verschiedenen Abhängigkeiten zu identifizieren, ihre jeweilige Stärke und ihr besonderes Ausmaß werden jedoch nicht immer deutlich und stellen möglicherweise zukünftige Forschungsaufträge dar.

In Kapitel 6, dem empirischen Teil der Arbeit, werden zunächst 21 verschiedene Programmkategorien vorgestellt, in die sich das olympische Programmschema einteilen lässt, sowie deren Anteil an der Olympiaberichterstattung ermittelt. Steinbrecher liefert hier eine bisher nicht vorhandene Datenbasis, welche eine objektive Beurteilung subjektiv empfundener und geäußerter Entwicklungen der Olympiaberichterstattung erlaubt. Der deskriptive Wert der gesammelten Daten ist hoch, ihr explorativer Wert ist aufgrund der geringen Zahl von sechs untersuchten olympischen Spielen indes begrenzt.

In Kapitel 7 führt Steinbrecher den Leser in die Strukturen und Entscheidungsprozesse der (olympischen) Sportberichterstattung des ZDF ein. Steinbrecher stellt die olympische Programmphilosophie des ZDF basierend auf von ihm selbst durchgeführten Leitfaden- bzw. Tiefeninterviews mit den Programmverantwortlichen des ZDF dar. Hier liegt der Wert der Arbeit in dem besonderen Blickwinkel Steinbrechers als Insider und Sportjournalist. Im Fokus stehen die in den Kapiteln 2 bis 5 identifizierten Spannungsfelder der olympischen Idee. Auch hier wird weder seitens des Autors noch seitens der befragten Programmverantwortlichen eindeutig bzw. einheitlich Position bezogen. Vielmehr wird deutlich, dass auch die verantwortlichen Journalisten parallel zur gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit olympischen Problemfeldern durchaus kontrovers nach Antworten und Strategien suchen.

Während Steinbrecher die zentrale Stellung der olympischen Ideale und ihrer Charta im Netz der olympischen Abhängigkeiten ausführlich beschreibt, vermisst man – auch in den Aussagen der ZDF-Programmverantwortlichen – den direkten Bezug auf die Grundlage öffentlich-rechtlicher Programmgestaltung in Form des im Rundfunkstaatsvertrag festgelegten Programm- und Sozialisationsauftrags. In diesem Zusammenhang muss die Frage aufgeworfen werden, ob die enge Abgrenzung des Forschungsgegenstandes auf die reinen Sportübertragungen unter Ausschluss der zwischendurch ausgestrahlten Nachrichtensendungen sowie der nachgelagerten Informations- und Unterhaltungssendungen mit Olympiabezug operabel ist. Letztlich macht sich hier die sportjournalistische Perspektive Steinbrechers bemerkbar, die in diesem Kontext einer etwas distanzierteren medienpolitischen Sicht gegenübergestellt werden könnte.

Das vorliegende Buch ist sowohl für Praktiker als auch für Wissenschaftler lesenswert. Für Sportjournalisten bietet es eine Grundlage für die persönliche Auseinandersetzung mit der Frage, wie mit kritischen Aspekten olympischer Spiele umzugehen ist. Aus wissenschaftlicher Sicht ist das Buch vor allem ein Fundus von offenen Fragen und Kontroversen, die nach Lösungen und Antworten verlangen und so eine Reihe interessanter Forschungsfragen anstoßen bzw. fortführen können.

Links:

Über das BuchMichael Steinbrecher: Olympische Spiele und Fernsehen. Programmgestalter im Netz olympischer Abhängigkeiten? Konstanz [UVK] 2009, 272 Seiten, 29,– Euro.Empfohlene ZitierweiseMichael Steinbrecher: Olympische Spiele und Fernsehen. von Lucas, Jan in rezensionen:kommunikation:medien, 11. Dezember 2009, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/620
Getagged mit: , , , , , , , , ,
Veröffentlicht unter Einzelrezension
Teilen
facebooktwittergoogle+
Drucken
Druck-Version PDF-Version
Rezensent/in
Jan Lucas ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand am Staatswissenschaftlichen Seminar der Universität zu Köln.