David Gugerli: Suchmaschinen

Einzelrezension
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Rezensiert von Karsten Weber

gugerli20092Einzelrezension
Internetsuchmaschinen sind ein viel diskutiertes Thema. Insbesondere Google steht derzeit in der Kritik, weil das Unternehmen nicht mehr nur eine “klassische” Suchmaschine anbietet, sondern mit seinen vielfältigen Angeboten wie Maps, Streetview, Books oder Scholar Daten verfügbar macht, die inzwischen nicht mehr nur Webseiten, sondern auch Bücher, Journale oder gar die Welt selbst zugreifbar werden lassen.

David Gugerlis Grundaussage lautet nun, dass Suchmaschinen nichts Neues seien und beileibe nicht erst mit dem Aufkommen des Internets hervorgetreten wären. Als Beispiele ganz anders gestalteter Suchmaschinen präsentiert er Robert Lemkes Fernsehratespiel “Was bin ich?”, Eduard Zimmermanns Fahndungssendung “Aktenzeichen XY”, das durch Horst Herold radikal umgebaute und auf EDV-Nutzung getrimmte BKA sowie relationale Datenbanken und Abfragesprachen wie SQL.

Liest man das schmale Buch durch, erscheint die Idee, in so unterschiedlichen Phänomenen das Verbindende in der Funktion einer Suchmaschine zu sehen, zunächst nicht nur originell, sondern geradezu treffend. Lemkes Rateteam sucht die Berufe der Gäste und den Namen des Prominenten, Zimmermann die Täter ungeklärter Verbrechen, Horst Herold und das BKA suchen Terroristen, eine relationale Suchmaschine sucht … – ja, was sucht eigentlich eine Datenbank?

Schon bei der Schilderung des von Horst Herold geprägten BKA und endgültig beim Beispiel der relationalen Datenbanken sowie dem der Abfragesprachen wie SQL kommen erste Zweifel auf. Sicherlich: Lemke, Zimmermann und das BKA suchten etwas, doch diese punktuelle Funktionsgleichheit wird durch offenkundige Unterschiede vollständig aufgehoben: Die gesellschaftliche Funktion einer Fernsehsendung ist eine andere als die einer Strafverfolgungsbehörde; die Mittel sind völlig unterschiedlich, ebenso die zugrunde liegenden Herrschaftsstrukturen – um nur einige, dafür aber wesentliche Unterschiede zu benennen.

Unplausibel aber ist, Fernsehsendungen, eine Behörde und die bestimmte Lösung eines technischen Problems miteinander zu vergleichen. Zwar betont Gugerli, dass der Entwicklung relationaler Datenbanken die Vision einer von Laien nutzbaren Datenspeicherungs-, -verwaltungs- und -abfragetechnik zugrunde lag und daher nicht die Technik, sondern vielmehr soziale Motive im Vordergrund gestanden hätten. Doch ändert dies nichts an der Tatsache, dass eine Datenbank allein noch keine Suchmaschine ist. Sie ist nur eine wichtige technische Grundlage von Suchmaschinen. Datenbanken suchen nicht in einer Weise, wie es sich bei Lemkes Rateteam, Zimmermanns Fahndungssendung oder Herolds BKA beobachten lässt – Datenbanken werden zum Suchen benutzt.

Doch ist dies nicht der wichtigste Einwand gegen Gugerlis nur auf den ersten Blick überzeugende These. Der Autor blendet die völlig unterschiedlichen Reichweiten seiner Beispiele in sozialer, politischer, ökonomischer oder auch rechtlicher Hinsicht aus: Eine bestimmte Suchmaschinentechnologie wie zum Beispiel die der relationalen Datenbanken hat nämlich zunächst einmal gar keine solche Reichweite, sondern erlangt eine solche alleine innerhalb einer konkreten Anwendung. Schließlich kommt es auf die Anwendung selbst an, nicht auf die ihr zugrunde liegende Technologie. So hoch die Einschaltquoten von “Was bin ich?” und “Aktenzeichen XY” auch (gewesen) sein mögen – verglichen mit ihrer Reichweite müssen diese Sendungen eben doch völlig anders eingeschätzt werden als zum Beispiel die Rasterfahndung des BKA. Das Gemeinsame dieser Einzelfälle wird durch ihre Differenz komplett aufgehoben.

Eine letzte Anmerkung: Insbesondere Googles Angebote sind in ihrer Bedeutung auch deshalb mit Gugerlis Beispielen unvergleichbar, weil erstere nicht festgestellt sind. So kann man inzwischen viele Anwendungen finden, die etwa auf Google Maps aufsetzen – eines von der unappetitlichen Sorte ist rottenneighbor.com. Die (nicht nur) ökonomische Revolution, die mit Googles Diensten einhergeht, ist deren Globalität und Flexibilität als Basis völlig neuer Angebote. Hier könnten, mutatis mutandis, allenfalls Zusammenschlüsse von Datenbanken des BKA und anderer Behörden mithalten, Fernsehsendungen jedoch mit Sicherheit nicht.

David Gugerli spricht in seiner Danksagung von einer “provisorischen Darstellung” – dem wäre die fehlende Berücksichtigung der Literatur zu Internetsuchmaschinen hinzuzufügen, die viel zur hier geäußerten Kritik beiträgt. So aber muss der Wert seines Buches insofern in dessen Auslassungen gesucht werden, als diese zahlreiche Fragen provozieren. Ansonsten verstellt es eher das Verständnis von Suchmaschinen, als es zu befördern.

Links:

Über das BuchDavid Gugerli: Suchmaschinen. Die Welt als Datenbank. Edition Unseld, Band 19. Frankfurt am Main [Suhrkamp Verlag] 2009, 115 Seiten, 10,– Euro.Empfohlene ZitierweiseDavid Gugerli: Suchmaschinen. von Weber, Karsten in rezensionen:kommunikation:medien, 28. Mai 2009, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/430
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Rezensent/in
Dr. Karsten Weber ist Professor für Philosophie an der Universität Opole (Polen), Gastprofessor für Informationsethik und Datenschutz an der Technischen Universität Berlin, Honorarprofessor für Kultur und Technik an der Technischen Universität Cottbus und Privatdozent für Philosophie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder.