Dominik Petzold: Der Kaiser und das Kino

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Rezensiert von Gerald Trimmel

Einzelrezension
Die wissenschaftliche Bearbeitung der ersten Dekade der Filmgeschichte ist bislang nur sehr fragmentarisch erfolgt und hat sich in den meisten Fällen auf technische Aspekte und Rezeptionsbedingungen beschränkt. Die von Dominik Petzold verfasste Studie widmet sich der Analyse der filmischen Inszenierungen von Kaiser Wilhelm II., der Entwicklung einer kaiserlichen Medienpolitik und deren propagandistischen Umsetzung und Verdichtung im Untersuchungszeitraum von 1895 bis Juli 1914 – dem letzten Friedensmonat des Jahres. Aus  kulturwissenschaftlicher Perspektive werden vor allem die Visualisierungsstrategien der monarchischen Herrschaftspraxis im öffentlichen Raum analysiert und in den (film)historischen Kontext eingebettet. Von den über 320 Filmaufnahmen (13), die von Wilhelm II. bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs entstanden waren, ist nur ein kleiner Teil im Bundesarchiv-Filmarchiv Berlin erhalten, teilweise in kompilierter Form, oftmals in der schlechten Bildqualität verschlissener Vorführkopien. Viele der vom Autor verwendeten archivalischen und gedruckten Quellen werden erstmals wissenschaftlich ausgewertet.

Der erste Teil der Arbeit konzentriert sich auf die Darstellung des “cinema of attractions” (66) als ein Medium der reinen Schaulust, noch ohne narrative Strukturen und diskursive Möglichkeiten, aber mit hohem suggestiven Potential. Erst mit der Etablierung fixer Spielstätten im Jahr 1907 erfolgte die Weiterentwicklung zum “cinema of narrative integration” (ebd.). Rezitatoren und Kino-Erzähler kommentierten nun die Filme, verstärkten die suggestive Wirkung der Aufnahmen oder schwächten sie ab. Jede Aufführung hatte also einen Event-Charakter. Anhand anschaulicher Beispiele – etwa der Adventus-Züge (131) oder Monarchenbegegnungen (137) – erörtert  der Autor im Detail, wie Wilhelm II. allmählich zu einem deutschen Kinostar avancierte und ganz allgemein die Ästhetisierung der Politik durch den ‘Katalysator Film’ zügig voranschritt. Die rasche Ausbreitung der Kinos – 1913 gab es in Deutschland bereits 2.371 ortsfeste Spielstätten (60) – und die absolute Dominanz von Filmaufnahmen des Kaisers in der 1909 eingeführten Wochenschau sorgten darüber hinaus für dessen Omnipräsenz.

Der zweite Teil der Publikation beschäftigt sich umfassend mit der Entstehung einer kaiserlichen Medienpolitik, um die mediale Wirkung der Auftritte des Monarchen zu optimieren und weitere Publikumsschichten zu erschließen. Der Autor belegt, wie der Kaiser bald auch Filme persönlich in Auftrag gab, verschiedene Filmeinstellungen selbst anregte und die Dreharbeiten durch die Bereitstellung eines Bootes oder anderer Ressourcen bereitwillig unterstützte. Die Erhebung Wilhelms II. zum “Flottenkaiser” als Ausdruck seiner engen Verbindung zur Marine waren das vorrangige Ziel all dieser Maßnahmen (186-189). In diesem Zusammenhang geht der Autor auch detailliert auf die “Flottenfeiern” und die Kieler Woche ein, deren sorgfältiger Inszenierung der Kaiser viel Aufmerksamkeit schenkte (197-201). Durch die Kooperation mit Pathé Frères 1912-1914 sollte die Qualität der filmischen Aufbereitung seiner Reisen und öffentlichen Auftritte weiter gesteigert werden.

Im dritten Teil des Buches widmet sich der Autor der Entstehung einer frühen Filmpropaganda in den patriotischen Vereinen und Schulen. Impulsgebend war die Kampagne des Deutschen Flottenvereins, die eine Welle patriotischer Festveranstaltungen mit hohem Wirkungspotential auslöste. Die Kombination von Filmvorführung, feierlicher Rede und integrativem Gemeinschaftserlebnis versetzte schon im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts die Massen in patriotische Extase und endete nur zwei Jahrzehnte später fatal im gleichgeschalteten “Emotionskollektiv”  des “Dritten Reiches” (Schmeer 1956: 26).

Petzold geht ausführlich auf die Kinoreformdiskussion und die Volksbildungsbewegung ein, die ausschließlich nationalkonservative Wirkungsabsichten verfolgte und zu einer weiteren politischen Aufladung des Mediums Film führte. Die machtstabilisierenden Intentionen des Monarchen und das suggestive Potential eines völlig neuen Massenmediums gingen eine ebenso logische wie effiziente Verbindung ein. Den allgegenwärtigen kinematographischen Kaiser-Huldigungen konnte die Opposition, allen voran die Sozialdemokratie, bis zum Ausbruch des Krieges nichts Wirksames entgegensetzen.

Dominik Petzolds verdienstvolle Studie stößt in vielen Teilbereichen in wissenschaftliches Neuland vor. Akribisch und konzise zugleich wird die systematische Adaption des neuen Massenmediums Film als Werkzeug der monarchischen Machtbehauptung und Propaganda bereits unmittelbar nach dessen Erfindung dargestellt. Dem Autor ist der Nachweis gelungen, dass die Kinematographie von Anfang an auch als Mittel der politischen Beeinflussung eingesetzt wurde, und nicht erst seit 1914.

Auf der Kinoleinwand vollzog sich die Säkularisierung des Herrschers von Gottes Gnaden zum populären Filmstar. Dieser implizite Automatismus des Mediums wirkte ebenfalls ausschließlich herrschaftsstabilisierend. Die Annahme, die medial verstärkte Selbstdarstellung des Kaisers treibe die “Entauratisierung der Monarchie” voran und berge daher “neue Risiken für die Herrschaft” (381), ist allerdings nicht schlüssig. Durch die Charismatisierung der Person, die zugleich die Bedeutung des Amtes in den Hintergrund rückte, fand ein Paradigmenwechsel von der ‘Aura des Monarchen’ zur ‘Aura des Stars’ statt, jedoch keine Entauratisierung und somit auch kein drohender Machtverlust.

Die zeitgenössische Rezeption ist ein wichtiger Indikator für die Wirksamkeit der politischen Beeinflussungsversuche. Leider widmet der Autor diesem wichtigen Thema nur knapp acht Seiten (289-298), obwohl man von einer durchaus befriedigenden Quellenlage ausgehen kann. Die Kaiserfilme im Spiegel der zeitgenössischen Karikatur wären in diesem Kontext ein eigenes Kapitel wert. Ein absoluter Mangel des 424 Seiten umfassenden Buches ist jedoch die geringe Zahl an reproduzierten Bildquellen – 15 Film-Stills, 1 Karikatur. Für die Dokumentation bild- oder filmwissenschaftlicher Forschungsergebnisse sind Reproduktionen dieser Quellenform in einem repräsentativem Umfang unabdingbar – ein wichtiger Kritikpunkt, der sich wohl an den Verleger richtet.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die vorliegende Studie von Dominik Petzold einen wertvollen Beitrag zur noch weitgehend unerforschten Filmgeschichte vor 1914 und somit auch eine Grundlage für weiterführende Forschungen bietet.

Literatur:

  • Schmeer, Karlheinz: Die Regie des öffentlichen Lebens im 3. Reich. München 1956

Links:

Über das BuchDominik Petzold: Der Kaiser und das Kino. Herrschaftsinszenierung, Populärkultur und Filmpropaganda im Wilhelminischen Zeitalter. Paderborn [Ferdinand Schöningh] 2012, 424 Seiten, 49,90 Euro.Empfohlene ZitierweiseDominik Petzold: Der Kaiser und das Kino. von Trimmel, Gerard in rezensionen:kommunikation:medien, 17. Februar 2013, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/11453
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Rezensent/in
Mag. Gerald Trimmel ist Leiter des Österreichischen Zentrums für Film und Choreographie. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der Entwicklung und Durchführung postgradualer Universitätslehrgänge im Fachbereich Film und digitale Medien. Forschungsschwerpunkte: Film im Nationalsozialismus, Mythos und Gewalt im Film.

Publikationen:
Trimmel, Gerald: Körperdiskurse und Mythen der Gewalt im Film Terminator 2. In: Hoffmann, D. (Hrsg.): Körperästhetiken. Filmische Inszenierungen von Körperlichkeit. Bielefeld [Transcript Verlag] 2010, S. 35-57

Trimmel, Gerald: The Nazi Feature Film "Heimkehr" and the Ethnic Cleaning of Poland. In: Bowles, B. (Hrsg.): Cinema, Society, and Politics in France and Germany, 1930-1945. Oxford/New York [Berghahn Books] In Druck.

Trimmel, Gerald: "Der Hofrat Geiger" – Die Auferstehung des "Homo Austriacus" im Wachau-Film. In: Grond, W. (Hrsg.): Draußen in der Wachau. Innsbruck [Haymon Verlag] In Druck.