Rezensiert von Hans-Dieter Kübler


Als Anfang der 1960er Jahre Elihu Katz, David Foulkes u. a. mit einer eher funktionalistischen Perspektive die vor allem für die demoskopische Mediennutzungsforschung wichtigen Ratings und Publikumswerte in Fokus rückten, relativierten sie nicht nur die bis dato vorrangig geltende Dominanz der kausalistischen Medienwirkungsforschung und attestierten den Rezipienten eine aktive Rolle bei der Mediennutzung und -wahrnehmung, sie generierten auch eine Reihe prominenter Forschungsansätze wie den Uses-and-Gratifications-Approach. Mit dem umgedrehten Motto “Was machen die Menschen mit den Medien?” inspirierten sie einen attraktiven Forschungsimpetus.
Wenn nun die Autoren dieser brillianten Skizze zur Begründung einer “praxistheoretischen Perspektive für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung”, dazu einladen, angesichts gänzlich veränderter Verhältnisse über Zusammenhänge zwischen Menschen und Medien neu nachzudenken und damit die paradigmatische Perspektive “ein zweites Mal, vom Kopf auf die Füße zu stellen” (87), dann wird es sich zeigen müssen, ob die simple Konjunktion “und” dafür ausreicht. Denn das wirkungskausalistische Paradigma ist nicht verschwunden, es schlummert und wirkt sogar in ganz vielen der von den Autoren als Referenzen bevorzugt angeführten Ansätzen wie etwa der Mediatisierung, der Domestizierung, den technologischen Figurationen etc. Auch sind die in der Nachfolge des aktiven Publikums und Subjekts analytischen Umkehrungen nicht passé. Vielmehr sind sie gerade in der deutschen Forschung zunächst mit dem Ansatz zur Mediennutzung, dann zur Medienaneignung, zum Medienalltag und Medienhandeln etc. bis hin zu den Cultural Studies in vielzähligen Varianten und qualitativer Methodik fortgeführt worden, die es wert wären, einmal gründlich und vergleichend aufgearbeitet zu werden.
Natürlich stellen die universalen und komplexen Digitalisierungsprozesse seit Beginn dieses Jahrtausend, die omnipräsente Herrschaft der Plattformen und Algorithmen, die Datafizierung durch Big Data und Clouds, die Konversionen des Medienverhaltens durch Social Media, Streamingdienste und Podcasts, die universellen, mobilen Nutzungsformen des Smartphones und endlich die unabsehbaren Optionen der KI die Forschung vor gewaltige analytische Herausforderungen, die sicherlich neue Begriffe, Kategorien und Methoden brauchen. Einige sind schon entwickelt und geprüft, andere werden zunächst heuristisch angegangen (vgl. auch Paus-Hasebrink/Hasebrink 2024)1: Da mag es den Autoren, die wie sie eingangs vorausschicken, allesamt 2013 promoviert haben, schon schmeicheln und auch unbenommen sein, den Reiz eines neuen Paradigmas-Settings zu proben und mit ihrem “praxistheoretische[n] Programm das legitime Erbe der an den Cultural Studies orientierten, handlungs- und aneignungstheoretisch begründeten Mediensoziologie” (87) anzutreten. Genereller Stimulus, so argumentieren sie, ist der in den Sozial- und Kulturwissenschaften jüngst virulente “practice turn” (18, 62), der angeblich die “Leerstelle” (18) in den Kommunikations- und Medienwissenschaften markiert hat, die mit praxistheoretischer Forschung und Methodik zu füllen ist. Warum die beiden tradierten, anerkannten Felder medien- und kommunikationswissenschaftlicher Praxisforschung, nämlich die Journalismusforschung auf der einen Seite und die Medienpädagogik, speziell die pädagogische Medienarbeit auf der anderen, nur am Rande und kurz (Journalismus, vgl. 14 passim; Medienpädagogik, S. IV, 29) erwähnt werden, ohne ihre Erkenntnisse, Befunde und Desiderate annähernd zu würdigen, erschließt sich nicht unbedingt. Daher bleibt die hier adressierte “Praxis” abstrakt, weil realitätsfern.
Auch sonst fallen manche Formulierungen apodiktischer oder exklusiver aus, als tatsächlich nachvollziehbar ist, und beeinträchtigen damit ein wenig die Konsistenz der Studie. Wenn etwa den “traditionellen Handlungstheorien” bescheinigt wird, die “dinglich-materiellen Aspekte der Vollzugswirklichkeit” “lange Zeit” “unterrepräsentiert” zu haben, wie übrigens auch die “Kommunikationswissenschaft und Medienanalyse” (30; ebenso 26; 29), dann fragt man sich schon, welche Handlungstheorien tatsächlich gemeint sind. Denn ihre große Zahl und breite Vielfalt lassen sich kaum pauschalisieren.
Zudem beschreiben und reklamieren die Autoren fast auf jeder Seite die Handlungspotenziale und -routinen der Individuen, führen etwa Bruno Latours Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) als einen möglichen Forschungsansatz für Praxistheorien an, aber lassen gänzlich offen, auf welche Handlungstheorie(n) sie dabei rekurrieren. Denn auch das Subjekt als Träger der Handlungen wird – wie schon im Buchtitel annonciert – in einigen Formulierungen relativ umstandslos relativiert und auf die Stufe von “Dinge(n) und Umgebungsmerkmale(n)” gestellt, die “gemeinsam in Aktion treten” (88). Offenbar wird dem Subjekt seine prinzipielle Handlungs- und Gestaltungssouveränität abgesprochen, wenn nicht sogar zugunsten von Apparaten und Algorithmen gänzlich geraubt. Werden hier – so lässt sich argwöhnen – die Prophezeiungen über die Optionen der KI vorweggenommen, die gemeinhin nicht minder umstritten sind? Mindestens die These, dass KI ihre Aktionen nicht reflektieren und bewerten kann und damit allenfalls eingeschränkt, eben nur mechanisch in Mustern, handeln kann, firmiert derzeit noch als eine theoretische Bastion.
Ebenso bleiben die bevorzugten Objekte, die Medien, unklar, mindestens diffus. Zwar beschreiben die Autoren die Medien im vierten Kapitel ausführlich als “Institutionen, Technologien und Infrastrukturen, Organisationen und Diskurse”, aber da sie ihre Referenzen relativ beliebig aus der Phase der traditionellen Massenkommunikation wie aus der anschließenden von Digitalisierung und Internet wählen, wird nicht expliziert, ob die Autoren darin eine prinzipielle Zäsur sehen oder nicht, wie sie sonst in den Wissenschaften diskutiert wird. Der singuläre Verweis auf die (welche?) “Mediumstheorie”, die die “Materialisierung der Medientheorie” vorweg genommen habe (41), fällt doch recht rätselhaft aus.
Solche Einwände und Nachfragen schmälern allerdings nicht den imposanten Verdienst dieser überaus dichten, argumentativ komplexen und fundierten Expertise auf knapp 100 Seiten, sondern sie markieren Anschlussmöglichkeiten für weitere Konzepte. Die fachliche Belesenheit der Autoren, ihre Kompetenz, ganz unterschiedliche Argumentationsstränge und Theorieansätze zu bündeln, dafür unzählige Referenzen anzuführen – auch wenn Martin Heideggers phänomenalistisch-krudes Geraune über die “Geworfenheit des Subjekts” (33) entbehrlich gewesen wäre, denn Subjekte sind heute vernetzt oder in Filterblasen und Echokammern der sozialen Netzwerke gefangen – und diese Ansätze im Sinne der Praxisforschung weiterzutreiben, beschert der fachlichen Diskussion ein einmaliges Niveau und eine unvergleichliche Differenziertheit. Sie fordert zu weiteren Konzeptualisierungen über das Selbst- und Objektverständnis heraus – ob als medienbezogene Praxisforschung oder als Kommunikations- und Medienwissenschaft insgesamt.
- Ingrid Paus-Hasebrink (2014) hat übrigens schon vor mehr als 10 Jahren eine “praxeologische Mediensozialisationsforschung” gefordert: Ingrid Paus-Hasebrink, Jasmin Kulterer: Praxeologische Mediensozialisationsforschung. Baden-Baden [Nomos] 2014 ↩︎
Literatur:
- Paus-Hasebrink, Inge; Hasebrink, Uwe (2024): Mediengebrauchsforschung. Ein praxeologisch gerahmter Aufriss des Forschungsfeldes, das früher Publikums- und Rezeptionsforschung genannt wurde. In: M&K, 72(4), 359 – 376.
Links:
Empfohlene ZitierweiseChristian Pentzold, Peter Gentzel, Wolfgang Reißmann: Was machen Menschen und Medien?. von Kübler, Hans-Dieter in rezensionen:kommunikation:medien, 9. Januar 2026, abrufbar unter https://www.rkm-journal.de/archives/25872
