Lutz Hachmeister: Hitlers Interviews

Einzelrezension, Rezensionen
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Rezensiert von Martina Thiele

Einzelrezension

Der plötzliche und viel zu frühe Tod des Kommunikationsforschers, Publizisten, Dokumentarfilmers und Medienkritikers Lutz Hachmeister hat 2024 nicht nur diejenigen erschüttert, die ihn persönlich kannten. In vielen Nachrufen hieß es, dass “wir”, die bundesdeutsche Gesellschaft, kritische Wissenschaftler wie ihn “gerade in diesen Zeiten” dringend bräuchten. Zumal, so möchte ich ergänzen, seine Gegenwarts-Analysen immer von profundem Geschichtswissen getragen waren. Davon zeugt auch das letzte Buch, das kurz nach seinem Tod im Herbst 2024 erschienen ist. Hitlers Interviews: Der Diktator und die Journalisten bietet eine umfassende Analyse der über 100 Interviews, die Adolf Hitler zwischen 1922 und 1944 ausländischen Journalisten und einigen wenigen Journalistinnen1 gewährte.

Lutz Hachmeister untersucht, wie Hitler und seine Helfer im Außen- und im Propagandaministerium diese Gespräche strategisch nutzten für die Verbreitung der nationalsozialistischen Ideologie, aber auch zu tagespolitischen Zwecken. Vor allem US-amerikanische und britische, italienische und französische Journalist:innen hatten Chancen auf ein Gespräch mit Hitler, wenn sie vorab ihre Fragen einreichten. Nach dem Gespräch musste der Text noch einmal vorgelegt und abgenommen werden. Für die Journalist:innen war ein Interview mit Hitler aufgrund des weltweiten Interesses an der politischen Situation in Deutschland ein Scoop. Allerdings war Hitler kein leichter Gesprächspartner. So hielt der Hearst-Journalist Karl von Wiegand fest: “Ich habe nichts aus ihm herausbekommen. Wenn Du ihm eine Frage stellst, hält er eine Rede. Dieser ganze Besuch bei ihm war eine Zeitverschwendung.” (11) Dennoch führte Wiegand danach weitere Interviews mit Hitler, ebenso befragten Sefton Welmer vom Londoner Daily Express oder Louis P. Lochner von der Nachrichtenagentur Associated Press Hitler mehrfach. Deutschen Zeitungen gab Hitler kaum Interviews, weder vor 1933 noch danach. Freilich hat die nach der Machtübernahme auf Linie gebrachte Inlandspresse regelmäßig über das große Interesse “des Auslands” am nationalsozialistischen Deutschland berichtet und auf die Interviews mit dem “Führer” verwiesen.

Lutz Hachmeister beginnt mit einem Prolog, in dem er darlegt, wie Hitler sich an die Macht geredet hat. Seine “pausenlose Suada, sein hartnäckiges Monologisieren in allen möglichen Kommunikationssituationen” sei auch den Interviews – eigentlich doch eine dialogische Form – anzumerken. Hachmeister teilt sie in drei Phasen ein: Interviews der Frühphase, die bis zur Festnahme des “Bavarian Mussolini” nach dem Putschversuch 1923 und seiner Haft in Landsberg reichten, dann die Aufstiegs-Phase zwischen 1930 und 1933, als die Nationalsozialisten bei Wahlen zulegen konnten, schließlich die Phase der diktatorischen Macht zwischen 1933 und 1945, als Hitler Staatschef und Oberbefehlshaber der Wehrmacht war. Hachmeister geht in diesem Prolog ausführlich auf die vielen, letztlich wenig Neues bietenden Hitler-Biographien ein, er verweist auf die analytischen Grenzen schiefer “Weimar reloaded-Analogien”, befasst sich mit Sinn und Zweck der journalistischen Gattung Interview sowie der aktuellen Debatte über Interviewer als “nützliche Idioten”, die Rechtsextremen eine Plattform zur Selbstdarstellung bieten. Auf diese Fragen kommt der Autor im Epilog zurück, teasert aber schon einmal an: “Interviews mit Diktatoren und Autokraten ergeben wenig Sinn.” (39)

Im folgenden Kapitel widmet sich Hachmeister “dem Apparat”, denjenigen Helfern Hitlers, die die Interviews organisierten. Es trägt die Überschrift “Putzi und Charlie”. Gemeint sind damit Ernst Franz Sedgwick Hanfstaengl, der erste “Auslandspresse-Beauftragte der NSDAP” und der Zeitungsforscher Prof. Dr. Karl Böhmer, beide aus bürgerlichem Hause, mit USA-Kontakten, weltgewandt und bestens vernetzt. Wie erfolgreich ihre NS-Karrieren verliefen, dann abrupt und im Falle Böhmers wegen Redseligkeit im Suff tödlich endeten, schildert Hachmeister kenntnisreich und durchaus unterhaltsam. Deutlich wird die Konkurrenz zwischen den NS-Öffentlichkeitsarbeitern im Auswärtigen Amt und denen im Propagandaministerium, die sich gegenseitig behinderten und anschwärzten. Hachmeister verweist dabei auch auf jene, die nach 1945 ihre Karrieren recht unbehelligt in der Bundesrepublik fortsetzen konnten.

In den folgenden Kapiteln widmet sich der Autor den US-amerikanischen, französischen und britischen Interviews. Dann den Interviews der “Achsenjournalisten” und “Neutralen”, denn gerade auch italienische oder japanische Journalisten waren eifrige Stenotypisten und wie z. B. Dottore Leo Negrelli überzeugte Faschisten. Im Gespräch mit ihm schwafelte Hitler 1923 über “den Kampf des jüdisch-marxistischen Prinzips gegen das Prinzip der Nationalitäten” (207). Negrelli wurde Hermann Görings Verbindungsmann in Italien und 1926 Chefredakteur der deutschsprachigen Alpenzeitung in Bozen, die die Faschisierung Südtirols publizistisch vorantrieb.

Die Menge solcher akribisch dokumentierten Detailinformationen zu einzelnen Personen, ihren Netzwerken und Karrieren und die gut lesbare Aufbereitung dieser vielfältigen Informationen heben Hachmeisters Studie aus der Masse der Bücher über den NS-Staat, Hitler und seine Vasallen heraus. Hachmeister kennt die Geschichts-Kontroversen zwischen “Intentionalisten” und “Strukturalisten” zu gut, um sich auf die eine oder andere Seite zu schlagen. Warum auch, wenn nur eine ganzheitliche Sicht Erkenntnisgewinn verspricht? Im Kapitel “Faking Hitler” widmet sich der Autor den sehr wahrscheinlich erfundenen Interviews mit Hitler und bezweifelt etwa die Authentizität der Interviews der katalanischen Journalisten Josep Pla und Eugeni Xammar aus dem Jahr 1923.

Den Abschluss bildet ein Kapitel über das Hitler-Interview des US-Diplomaten John Cudahy von 1941, das schon Zeitgenossen wie der US-Innenminister Harald L. Lickes in der New York Times als komplett misslungen kritisierten. Lickes bezeichnet den Interviewer John Cudahy, “unser(en) früherer(en) Botschafter in Belgien”, als “schlichten Gesellen”, der sich leider von Hitler das Hirn hat vernebeln lassen (259).

Für die akribische Aufarbeitung der Gespräche mit Hitler konnten Hachmeister und sein Team, dem er ausdrücklich dankt, nicht auf Tonabendaufzeichnungen oder Original-Manuskripte zurückgreifen, nur auf die in der Presse veröffentlichten Interviews. Was tatsächlich gefragt und geantwortet wurde, ist daher nicht dokumentiert. Auch lässt sich nicht feststellen, welche Veränderungen vorgenommen werden mussten vor Abnahme des Interviews. Leider gibt es keine Reproduktionen der Interviews. Zumindest einmal ein Presseausschnitt wäre aufschlussreich gewesen, nicht nur für Medienwissenschaftler:innen. Doch gibt es einige Fotos im Band sowie ein umfangreiches Namensregister, zahlreiche Anmerkungen und Querverweise und immerhin die chronologische geordnete Liste der Interviews im Anhang.

Im Epilog greift Hachmeister die einleitend gestellte Frage auf “Wie interviewt man einen Diktator – und warum überhaupt?” auf und spricht von “Hitler als einer Chiffre für die Journalistik”, denn “diese Fragen gelten für alle Diktatoren und Autokraten.” (281) Hachmeister bietet einen aktuellen Rundumschlag und spart nicht mit Bewertungen zu mehr oder weniger gelungenen Interviews, die Journalist:innen mit Wladimir Putin, Ayatollah Ruhollah Khomeini, Fidel Castro, Denk Xiaoping, Henry Kissinger uvm. geführt haben. Wer weniger an historischem Detailwissen interessiert ist als, ganz praxisorientiert, an aktuellen Dos and Don’ts der wiederbelebten Gattung “Diktatoren-Interview”, wird diesen Epilog dem Mittelteil des Buches vorziehen. Wer aber einem genealogischen Geschichtsverständnis zuneigt, muss das gesamte Buch als unfassbar reiches Archiv und Vermächtnis lesen – und loben.

Fußnote

  1. Der “Liste der Interviews” (ab S. 337) lässt sich entnehmen, dass Annetta Halliday-Antona, Detroit News; Dorothy Thompson, Hearst’s International Cosmopolitan; Anne O’Hare McCormick, The New York Times; Élisabeth Sauvy, Paris Soir; Inga Arvad, Belingske Aftenavis Hitler befragt haben. Hachmeister stellt mit Sigrid Schultz erfreulicherweise noch eine Journalistin heraus, die Hitler zwar nicht interviewt hat, aber ihn als Chefin des Berliner Auslandsbüros der Chicago Tribune persönlich kannte. Schultz vertrat engagiert und mutig die Interessen der ausländischen Berichterstatter:innen gegenüber den Nazi-Zensoren. Ein Exklusiv-Interview mit Hitler habe sie u. a. abgelehnt, weil “10 Cent pro Hitler-Wort verlangt wurden” (vgl. S. 101). ↩︎

Links:

Über das BuchLutz Hachmeister: Hitlers Interviews. Der Diktator und die Journalisten. Köln [Kiepenhauser&Witsch] 2024, 384 Seiten, 28,- EuroEmpfohlene ZitierweiseLutz Hachmeister: Hitlers Interviews. von Thiele, Martina in rezensionen:kommunikation:medien, 16. Dezember 2025, abrufbar unter https://www.rkm-journal.de/archives/25854
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