Rezensiert von Beatrice Dernbach


Christian Schicha, Professor an der Universität Erlangen-Nürnberg, zählt zu den ausgewiesenen Experten für Medienethik. Sein 2025 erschienener Band Kommunikationsethik empfiehlt sich für Studierende, Lehrende und Praktiker und ergänzt das gemeinsam mit Carsten Brosda herausgegebene Handbuch Medienethik (2010) sowie seinen Band Medienethik (2019). Während das nach wie vor zentrale Handbuch vielfältige theoretische Ansätze und Perspektiven bündelt, führt Schicha nun als Alleinautor durch Grundlagen, Kontroversen, Debattenräume und Lösungsansätze.
Die Einleitung beginnt mit einem zwölfzeiligen Zitat und enthält auf den folgenden Seiten zahlreiche, teils überlange Fremdzitate, besonders im Unterkapitel 1.1. Im Abschnitt 1.2 skizziert der Autor den Aufbau des Bandes und endet mit einer Danksagung, die eigentlich in ein Vorwort gehört. Die Chance, pointiert in das Thema einzuführen, bleibt also ungenutzt. Deshalb bietet sich der Einstieg ins erste Hauptkapitel I “Grundlagen” an. Aber auch hier werden im Unterkapitel 2 ethische Konzepte nur skizziert und nicht als Basis für die später folgenden konkreten Fälle ausgeführt. Die starke Zitatorientierung – auch auf eigene Arbeiten, von denen 61 im Literaturverzeichnis stehen – erschwert den Lesefluss, da Einbettungen und argumentative Zusammenhänge im selbst formulierten Text oft fehlen.
Spannender wird es im dritten Grundlagenkapitel. Hier werden zwölf Normen der Kommunikationsethik dargestellt, vom Schlagwort Demokratie, über Öffentlichkeit, Wahrheit, Misstrauen bis hin zu Respekt und Sensibilität (vgl. 43-92). Schicha erläutert leider nicht die Auswahl dieser Begriffe (weshalb Misstrauen und nicht Vertrauen als Norm?) und er mischt Referenzen aus theoretischer Literatur (wie Habermas) mit einer eher anwendungsorientierten, pragmatischen (z. B. Körber-Stiftung) sowie einer stark empirischen und medienpraktischen Perspektive (z. B. Anja Reschke im Unterabschnitt 3.9 Haltung). Dies ist nicht per se negativ zu bewerten, aber es hinterfragt den angestrebten Zweck des Bandes: Soll er einen Überblick über zentrale Erkenntnisse der Kommunikationsethik verschaffen? Als wissenschaftlich-theoretisch fundierte Analyse ist er auf keinen Fall zu lesen. Er eignet sich auch nicht als Praktikerliteratur mit Empfehlungen für den Alltag professioneller Kommunikatoren.
Die inhaltlichen Stärken des Bandes liegen in den Kapiteln 4 “Normverletzungen” sowie in den Hauptkapiteln II “Kontroversen” (mit dem einzigen Unterkapitel 5 zu Meinungsverschiedenheiten) und III “Debattenräume” mit den Unterkapiteln 6 “Talkshows” (weiter untergliedert in Daily Talks, Sendungen wie Talkrunden, Skandale, Kritik und Podcast-Formate) und 7 “Bildzeitung”. Hier bewegt sich Schicha sehr nahe und anschaulich entlang von Beispielen an der Praxis. Weshalb er aber die BILD derart herausstellt, anstatt insgesamt die Boulevardisierung des Journalismus, der Medien oder gar der öffentlichen Kommunikation unter die Lupe zu nehmen, erschließt sich nicht. Er bezieht sich ausschließlich auf Ereignisse, die Jahre oder gar Jahrzehnte zurückliegen: Der älteste Fall ist der des sechsjährigen Jungen, der 1997 im Schwimmbad der sächsischen Stadt Sebnitz ums Leben kam, und den im Jahr 2000 verhafteten, angeblich rechtsradikalen Jugendlichen, die ihn ertränkt haben sollen (was sich im Nachhinein als unzutreffend erwies). Ebenfalls erwähnt werden der Vergewaltigungs-Vorwurf gegen den TV-Moderator Andreas Türck (März 2004), die Berichterstattung über Karl-Theodor zu Guttenberg und die Finanz-Krise in Griechenland (2010) sowie der Umgang mit dem Virologen Christian Drosten (2020). Schicha möchte auf diese Weise die “boulevardistische Form des Journalismus”, die damit einhergehende “Emotionalisierung” und die Ausblendung “konstruktiver Debatten” (228) kritisieren.
Hohe Erwartungen weckt der Titel des Schlusskapitels “Lösungsansätze”, aber sie werden enttäuscht. Unterkapitel 8 “Wege zu einer konstruktiven Debattenkultur” bietet keine neuen Vorschläge. Dass eine “sensible und empathische Diskurskultur”, eine “konstruktive Streitkultur” (231) wünschenswert ist, dürfte Common Sense sein. Dass ein Faktencheck notwendig wäre, um Fake News zu reduzieren, ist ebenfalls unstrittig. Christian Schicha wiederholt die Grundsätze aus den ersten beiden Kapiteln, erwähnt mit keinem Wort die bestehenden (Medien-)Selbstkontrollinstanzen wie den Presserat und denkt nicht ansatzweise darüber nach, ob und wie sie gestärkt werden könnten. Ob der hingegen erwähnte Digital Services Act (DSA) mit dem Instrument der Trusted Flagger, also Institutionen, die potenziell illegale Inhalte von Social-Media-Plattformen melden sollen, ein konstruktives Instrument zur Eindämmung rechtlicher und ethischer Verstöße ist, wird sich erst noch zeigen müssen.
Kapitel 9 “Initiativen” wirkt wahllos zusammengestellt. Den “Aktionsformen”, die sich in Politik, Journalismus, Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Bildung “sowie in den Verlagen” gebildet haben, wird zugewiesen, “einen konstruktiven Beitrag zur Verbesserung des Diskursniveaus für öffentliche Debatten” zu leisten (241). Das tun sicher viele andere auch. Hilfreicher ist die 14-seitige kommentierte Auswahlbibliografie.
Bei aller Kritik bleibt die Empfehlung, das Buch zu lesen, denn es bietet viele Anregungen für einen öffentlichen Ethik-Diskurs. Für eine zweite Auflage wäre eine straffere, stärker argumentativ geführte Darstellung wünschenswert, die aktueller, ja gar zukunftsweisender ist als die erste, weil sie Kommunikationsethik stärker als eine Gesellschafts- und weniger als eine Medien- oder gar Journalismusethik versteht.
Links:
Über das BuchChristian Schicha: Kommunikationsethik. Grundlagen – Debatten – Lösungsansätze. Tübingen [UVK Verlag] 2025, 349 Seiten, 29,90 EuroEmpfohlene ZitierweiseChristian Schicha: Kommunikationsethik. von Dernbach, Beatrice in rezensionen:kommunikation:medien, 28. November 2025, abrufbar unter https://www.rkm-journal.de/archives/25698
