Johanna Leuschen: Internetfernsehen

Einzelrezension, Rezensionen
99 Aufrufe

Rezensiert von Florian Krauß

Einzelrezension
Der Titel Internetfernsehen lässt eine Auseinandersetzung mit gegenwärtigen Formen und Ausweitungen des Televisuellen vermuten. Doch gleich in der Einleitung wird offenbar, dass Forschungen als auch Entwicklungen nach 2014 keine Beachtung finden. Konkret heißt dies: Netflix und Amazon Prime, die derzeitigen Video-on-demand-Marktführer, kommen in der 2016 abgeschlossenen Dissertation von Johanna Leuschen nicht vor. Vielmehr steht die “‘hoffnungsvolle Frühphase’ des Internetfernsehens” (4) im deutschen Kontext und zwischen den Jahren 2005 und 2011 im Vordergrund.

Diese Einführungszeit möchte die Autorin, die selbst als Online-Autorin und -Journalistin beim Fernsehen arbeitet, im Hinblick auf Angebote und Akteure (einschließlich amateurhafter und “fernsehfremde[r]“, 214) systematisch untersuchen. So will sie Ordnung in die medien- und kommunikationswissenschaftliche Auseinandersetzung mit aktuellen Formen von Fernseh- oder allgemeiner Bewegtbild-Medien bringen. Insbesondere beleuchtet sie, welche Angebotsformen online vermittelten Bewegtbildes in Deutschland existieren und welche Auswirkungen diese auf die traditionelle Fernsehlandschaft haben. In Leuschens Studie geht es folglich zugleich um das “‘alt[e]’ Fernsehen“ (6), das mit dem ‘neuen’ verwoben ist und, dank Mediatheken, auch online Relevanz besitzt.

Dass sich Fernsehen in der Gegenwart kaum auf einen Nenner bringen lässt, wird in dem Kapitel “Begriffserklärung“ deutlich, das auf eine theoretische Auseinandersetzung mit Konvergenz-, Crossmedialitäts-, Intermedialitäts- und Hybridisierungskonzepten folgt. Ein weiteres Kapitel widmet sich der historischen Entwicklung des Internetfernsehens, wobei Leuschen die Etablierung von YouTube dabei als zentrale Zäsur versteht. Anschließend wendet sich die Autorin ihrer eigenen Analyse zu – zunächst der zugrunde liegenden Methode und den Kategorisierungen, bevor sie sehr detailliert die verschiedenen Angebotsformen des Internetfernsehens im primär untersuchten Jahr 2011 darlegt. In der abschließenden Auswertung stellt sie das “[t]raditionelle Fernsehen“ dem “Internetfernsehen“ (343) unter anderem im Hinblick auf Programmangebot, Distribution und Rezeption gegenüber. So geht es in dem finalen Kapitel um sehr grundsätzliche Fragen zum gegenwärtigen und zukünftigen Fernsehen und um dessen Transformationen in unterschiedlichster Hinsicht.

Stellenweise mangelt es diesem letzten Teil an Stringenz und einer klaren Schwerpunktsetzung, während die Analyse der Angebotsformen bisweilen etwas kleinteilig und deskriptiv ausfällt. Der genaue und systematische Blick auf sehr verschiedene Formen des “Internetfernsehens“ macht aber zugleich die Stärke der Studie aus. Durch die Berücksichtigung von weniger bekannten und zum Teil bereits wieder verschwundenen audiovisuellen Webinhalten vermag Leuschen jene Heterogenität des Fernsehens genau zu beschreiben, die angesichts der Fokussierung auf Netflix und auf fiktionale Serienangebote in vielen aktuellen medienwissenschaftlichen Diskursen häufig in Vergessenheit gerät. Auch mit der klaren Fokussierung auf die Fernsehlandschaft in Deutschland erweitert die Autorin Fernsehforschungen, die sich oft einseitig auf den US-Markt konzentriert (vgl. z.B. Lotz 2017 und 2009) bzw. jüngere Veränderungen in Deutschland und Europa vernachlässigt haben.

Nachvollziehbar kann die Autorin das wichtige Resultat herausarbeiten, dass im Kontext Deutschland gerade Mediatheken der traditionellen Fernsehsender die “Treiber im Bereich des onlinevermittelten Bewegtbildes“ (425) darstellen und die Grenzen zwischen einem ‘herkömmlichen‘ und ‘neuen‘ Fernsehen zunehmend brüchig werden. Trotz der mitunter anzutreffenden ‘Entweder-oder‘-Dichotomie, die stellenweise hinter fernsehtheoretische Überlegungen zu Transformationen des Fernsehens (vgl. z.B. Keilbach/Stauff 2011) und Streaming-Angeboten zurückfällt, zeichnet sich die Arbeit so durch ein differenziertes Verständnis von Fernsehen aus.

Lob verdient die Monographie auch dafür, dass ökonomische Faktoren berücksichtigt werden. Das Geldverdienen mit audiovisuellen Inhalten bleibt – gerade auf dem deutschen Markt – eine Herausforderung, weshalb sich gegen Ende und nach der untersuchten Einführungszeit eine “‘Desillusionierungsphase’ in Form einer Marktbereinigung“ (18) feststellen lässt. 2013, als Leuschen das analysierte Angebot aus dem Jahr 2011 nochmals anwählte, wurde ein Großteil von diesem bereits nicht mehr betrieben. Ihre Konzentration auf einen vergangenen Zeitabschnitt ist insofern instruktiv, als dass eine Facette des Fernsehens dokumentiert wird, die mittlerweile schon wieder im Verschwinden begriffen ist. Die Eingrenzung ist zudem der Transparenz und Nachvollziehbarkeit der Analyse zuträglich.

Aber zumindest im Ausblick wäre eine Bezugnahme auf signifikante Entwicklungen des Internetfernsehens nach 2014 gewinnbringend gewesen, haben sich die Fernsehlandschaft in Deutschland und ihre Online-Ausweitungen seitdem doch entschieden verändert. Manche Einschätzungen und Definitionen aus Leuschens Buch (wie das sehr enge Begriffsverständnis von “Webserie“) wirken daher bereits wieder leicht angestaubt. Der große Verdienst ihrer Arbeit ist indes, dass sie das Internetfernsehen in seiner Einführungszeit im deutschen Kontext detailliert und, trotz weniger Exkurse, systematisch beschreibt.

Literatur:

  • Keilbach, J.; Stauff, M. Fernsehen als fortwährendes Experiment. Über die permanente Erneuerung eines alten Mediums. In: Elia-Borer, N.; Ralf Adelmann (Hrsg.): Blickregime und Dispositive audiovisueller Medien. Bielefeld [transcript] 2011, S. 155-181.
  • Lotz, A. D. (Hrsg.): Beyond Prime Time. Television Programming in the Post-Network Era. New York [Routledge] 2009.
  • Lotz, A. D.: Portals. A Treatise on Internet-Distributed Television. Ann Arbor, Mich. [Michigan Publishing Services] 2017.

Links:

Über das BuchJohanna Leuschen: Internetfernsehen. Eine angebots- und akteurszentrierte Analyse und Kategorisierung onlinevermittelter Bewegtbildinhalte in ihrer Einführungsphase (2005-2011) und ihre Auswirkungen auf die traditionelle Fernsehlandschaft in Deutschland. Reihe: Medialität - Crossmedialität. Beiträge zur Fernseh- und Onlineforschung, Bd. 3. Berlin [Lit] 2017, 508 Seiten, 54,90 Euro.Empfohlene ZitierweiseJohanna Leuschen: Internetfernsehen. von Krauß, Florian in rezensionen:kommunikation:medien, 9. November 2018, abrufbar unter https://www.rkm-journal.de/archives/21529
Getagged mit: , , ,
Veröffentlicht unter Einzelrezension, Rezensionen
Teilen
facebooktwittergoogle+
Drucken
Druck-Version PDF-Version
Verwandte Rezensionen
Rezensent/in
Florian Krauß leitet das DFG-Forschungsprojekt "'Qualitätsserie' als Diskurs und Praxis" am Medienwissenschaftlichen Seminar der Universität Siegen. Forschungsschwerpunkte u. a.: Media Industry Studies, Fernsehwissenschaft, Fernsehserie, Queer Cinema. Aktuelle Publikationen u.a. "Ist trans das neue queer? Transparent und aktuelle Transgender-Repräsentationen in Film und Fernsehen“ (im Sammelband Queer Cinema) und das Navigationen-Heft zu Medienindustrien, herausgegeben mit Skadi Loist.