Gabriele Hooffacker, Wolfgang Kenntemich, Uwe Kulisch (Hrsg): Die neue Öffentlichkeit

Einzelrezension, Rezensionen
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Rezensiert von Guido Keel

Einzelrezension
Wenn sich sowohl der Journalismus als auch die Öffentlichkeit fundamental verändern, braucht es eine breit abgestützte Diskussion, um zu verstehen, was genau geschieht – und was das für den Journalismus und die Gesellschaft bedeutet. Ein solcher Austausch von Ideen fand im September 2017 in Leipzig unter der Federführung des Europäischen Instituts für Qualitätsjournalismus und der Fakultät Medien der HTWK Leipzig statt. Aus dieser Tagung ist der vorliegende Sammelband entstanden, der 14 höchst unterschiedliche Beiträge von Autorinnen und Autoren aus Wissenschaft und Praxis vereint. Und wie die Ausgangslage und die Tagung ist auch dieses Buch: Bunt, vielschichtig und transdisziplinär.

Das Buch umfasst vier Teile, die sich mit unterschiedlichen Aspekten der neuen Öffentlichkeit befassen: In einem ersten Teil “Öffentlichkeitswandel und digitale Revolution“ wird der Wandel auf einer Makroebene umrissen, aus Sicht der Praxis, der Praxisreflexion und der Wissenschaft. Richard Gutjahr liefert zunächst noch einmal in kompakter Form die Grundlagen zur Digitalisierung der öffentlichen Kommunikation. Auf fünf Seiten erklärt er schnörkellos, weshalb wir heute stehen, wo wir stehen, und wie es weitergehen wird. Das Meiste davon weiß man zwar schon, aber das Kapitel ist ein guter Einstieg, um sich die Tatsachen nochmals vor Augen zu halten. Etwas ausführlicher und wissenschaftlich fundiert setzt sich dann Uwe Krüger in einem zweiten Beitrag mit den Bedenken und Ängsten des Strukturwandels auseinander und deutet zudem an, welche gesellschaftlichen und politischen Konsequenzen die veränderte Öffentlichkeit haben kann. Der dritte Beitrag stammt wieder aus der Feder eines Praktikers und spannt in essayistischer Form einen Bogen von Luther zum 21. Jahrhundert, bevor in einem letzten Beitrag des ersten Teils auf eine Praxis des “modernen Journalismus” (35) eingegangen wird, nämlich auf den Umgang mit Big Data.

Der letzte Beitrag baut eine Brücke zum zweiten Teil des Buchs, der geprägt ist von Detailbetrachtungen aus der Praxis. Es sind Berichte aus der Werkstatt des interaktiven, partizipativen Fernsehens. Die Flughöhe des Buches ändert sich hier markant: Im Zentrum stehen nun nicht mehr Luther und Habermas, sondern interaktives Fernsehen und Add-on Reporting. Experten berichten aus der Praxis über die Praxis, über journalistische Experimente und Innovationen. So erfährt man beispielsweise sehr umsetzungsorientiert, wie beim NDR Smartphones als Produktionsmittel eingesetzt werden. Erkenntnisse werden in diesem Teil des Buchs kaum eingeordnet oder kritisch diskutiert, sondern vielmehr auf bloße Machbarkeit und Umsetzung geprüft.

Der dritte Teil des Buchs nimmt wieder eine neue Perspektive ein. In der Überschrift werden “Antworten auf Fake News und Filterblasen“ versprochen. Es folgen vier Beiträge, die zwar nicht anstreben, abschließende Antworten zu geben, aber vier Betrachtungen zum Thema liefern: Einmal zum Thema Verfizierung von Fakten in Zeiten von Fake News aus der Sicht des Social-Media-Verantwortlichen des Bayrischen Rundfunks, dann ein Portrait der Plattform hoaxmap.org, die Fake News im deutschsprachigen Raum sammelt und aufbereitet, ein Beitrag zweier Medienpädagogen, die auf die Schlüsselkompetenz Digital Media Literacy in Zeiten von Fake News hinweisen, und abschließend ein Plädoyer für einen europäischen öffentlich-rechtlichen Sender zur Stärkung eines transnationalen Qualitätsjournalismus in Europa.

Der vierte Teil des Buchs schließlich besteht aus dem sinngemäßen Protokoll einer Podiumsdiskussion, die am Ende der Tagung stattfand und sich mit Fragen rund um journalistische Qualität in der digitalen Öffentlichkeit befasste. Die Wiedergabe der Diskussionsbeiträge bringt aber kaum neue Erkenntnisse. Die Skizze eines Projekts für die Web-Plattform Media Quality Watch, welche den Diskurs zwischen Praktikern, Wissenschaft und Publikum über Qualität im Journalismus ermöglichen soll, schließt das Buch ab.

Was also liefert dieses Sammelsurium an Zugängen und Formaten an Erkenntnis zur im Titel angesprochenen neuen Öffentlichkeit? Zunächst die Einsicht, dass sich dieses Thema nicht einfach aus rein wissenschaftlicher Sicht abhandeln lässt – dafür verändert sich die Realität zu rasch und weist zu viele Facetten auf. Ein transdisziplinärer Ansatz ist dringend nötig. Denn so wie der Wissenschaft gelegentlich der aktuelle Bezug abhandenkommt, wenn sie den Medienwandel beschreibt, so wird auch offensichtlich, dass sich die Praxis schnell einmal in technischen Details verrennt, wenn es darum geht, Szenarien für die Zukunft zu beschreiben.

Das Buch ist eine Gelegenheit, über den eigenen Tellerrand – oder aus der eigenen Filterblase hinaus – zu sehen und Ideen und Gedanken aus anderen Welten kennenzulernen. Wer das Buch gelesen hat, hat kein vollständiges oder auch nur schon ausgewogenes Bild des Medienwandels, sondern er hat Denkanstöße gesammelt, aus dem Mosaik an sehr unterschiedlichen Beiträgen. Das Buch weist teilweise einen hohen Praxisbezug auf; es fragt sich aber, ob sich Praktiker die Zeit nehmen (können), um sich auf ein solches Sammelsurium an Stimmen und Sichtweisen einzulassen.

Aus wissenschaftlicher Sicht wiederum vermisst man immer wieder den Quellenbezug bzw. den Anschluss an bestehendes Wissen. Dadurch vergeben sich die Autoren oft Chancen, auf den Erfahrungen anderer aufbauen zu können. So fehlen im dritten Teil des Buches Bezüge zur umfangreichen und aktuellen Literatur zu Fake News. Auch das Projekt Media Quality Watch könnte von vergleichbaren Beispielen aus anderen Ländern durchaus profitieren. Aber vielleicht liegt gerade darin der Reiz dieses Ansatzes: Neue Wege zu gehen, Neues zu probieren, ohne sich von Vergangenem allzu sehr beeinflussen zu lassen. Als Wissenschaftler hinterlässt das bisweilen einen zwiespältigen Eindruck, aber das ist vielleicht genau ein Aspekt der neuen Öffentlichkeit – die bisherigen Regeln zu hinterfragen und zu brechen. Auch was die Wissensproduktion betrifft.

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Über das BuchGabriele Hooffacker, Wolfgang Kenntemich, Uwe Kulisch (Hrsg): Die neue Öffentlichkeit. Wie Bots, Bürger und Big Data den Journalismus verändern. Wiesbaden [Springer VS] 2018, 177 Seiten, 29,99 Euro.Empfohlene ZitierweiseGabriele Hooffacker, Wolfgang Kenntemich, Uwe Kulisch (Hrsg): Die neue Öffentlichkeit. von Keel, Guido in rezensionen:kommunikation:medien, 21. November 2018, abrufbar unter https://www.rkm-journal.de/archives/21549
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Rezensent/in
Prof. Dr. Guido Keel ist Leiter des Instituts für Angewandte Medienwissenschaft der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Zu seinen Schwerpunkten in der Forschung gehören Qualität im Journalismus, Wandel im Journalismus und Journalismus in nicht-europäischen Kontexten.