Berit von der Lippe, Rune Ottosen (Hrsg.): Gendering War and Peace Reporting

Einzelrezension, Rezensionen
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Rezensiert von Julia Lönnendonker

Einzelrezension
Der Sammelband Gendering War and Peace Reporting von Ottosen und von der Lippe untersucht die Rolle von Gender in der Kriegsberichterstattung. Die Berichterstattung über Kriege ist traditionell männlich besetzt: Nicht nur die Kriegsberichterstatter waren und sind in der Mehrzahl männlich, auch ihre Quellen, wie Politiker, hochrangige Militärs und Beamte, sind häufig Männer.

Die Herausgeber fragen, ob sich durch die zunehmende Präsenz von Frauen einerseits als Kriegsreporterinnen und andererseits auch als Funktionärinnen im Militär und in der Politik die Berichterstattung von der Front verändert hat und ob die weibliche Perspektive zu einer stärkeren Beschäftigung mit den Kriegsopfern als den bislang dominierenden technischen und strategischen Aspekten des Kriegs führen wird. Bis heute gibt es auf diese Fragen keine eindeutigen Antworten. Es besteht auch keine deterministische Verbindung zwischen Gender und ‘friedlicheren’ Nachrichten. Die Kräfte, die unsere kollektive Perspektive allerdings bis heute formen, sind von männlichen Stimmen dominiert. Traditionell maskuline Geschichten über den Krieg beherrschen immer noch die Regeln des Kriegsspiels (vgl. 9). Neben einer Einleitung der Herausgeber besteht der Sammelband aus 15 Artikeln, die in vier thematische Blöcke gegliedert sind und wiederum drei bis vier Kapitel zu den Aspekten Geschlecht, Kriegs- und Friedensjournalismus unter den jeweiligen thematischen Perspektiven beinhalten.

In der Einleitung erläutern von der Lippe und Ottosen den thematischen Zusammenhang von Gender und Kriegs- und Friedensberichterstattung und schaffen so die Grundlage für das weitere Verständnis der einzelnen Beiträge. Die Einleitung gibt in knapper Form einen sehr pointierten Überblick über das Thema und beleuchtet es aus den unterschiedlichsten Perspektiven. Stoff zum Nachdenken bietet insbesondere der Abschnitt “A third gender or post-colonial flashback“, in dem die Autoren die zunehmende Tätigkeit zumeist westlicher Journalistinnen in der muslimischen Welt kontrovers diskutieren. Einerseits kann die Zunahme an Reporterinnen als emanzipatorischer Fortschritt gesehen werden. Andererseits wird den in der muslimischen Welt tätigen westlichen Journalistinnen oftmals ein “third gender“ zugeschrieben, d. h. die dort lebenden Männer nehmen diese Journalistinnen als unterschiedlich zu den lokalen Frauen wahr und empfinden sie zudem als weniger bedrohlich als männliche Journalisten.

Während dies von einigen westlichen Journalistinnen als Vorteil bei der Informationsbeschaffung genutzt wird, verfestigt es die traditionelle arabische Frauenrolle als Gegensatz zur westlichen modernen und gebildeten Frau. So beschreiben die Autorinnen die Gefahr, dass liberale feministische Ideen von der Gleichberechtigung der Geschlechter zu einer “’nasty little weapon’ of imperialism“ (12) werden können. Die Herausgeberinnen definieren Gender und die Heterogenität der Einflüsse von Gender auf die Kriegs- und Friedensberichterstattung mit Judith Butler als “an act that requires repetitive performance ‘of a set of meanings already socially established; it is the mundane and ritualised form of their legitimation’ (Butler 1999: 178)“ (18).

In den folgenden vier Themenblöcken werden sehr unterschiedliche Aspekten von Gender in der Kriegs- und Friedensberichterstattung thematisiert. Dazu werden zum einen Ergebnisse wissenschaftlicher Studien präsentiert. Zum anderen kommen Praktiker zu Wort, die von ihren Erfahrungen in Kriegs- und Krisengebieten berichten. Positiv anzumerken ist die wohlorganisierte Struktur des Sammelbands, in der jedes Unterkapitel auf dem vorherigen aufbaut und zum Leseverständnis des Folgekapitels beiträgt. Nichtsdestotrotz sind die Kapitel auch einzeln gut verständlich.

Im ersten Themenblock, der mit “Gendering Professional Agencies“ überschrieben ist, beschäftigt sich Linda Steiner aus historischer Perspektive mit den Gefahren und den Formen von Sexismus, denen Kriegsberichterstatterinnen ausgesetzt waren. Sarah Macharia fordert in ihrem Kapitel “Gendered Narratives: On Peace, Security and News Media Accountability to Women“ eine gender-bewusste journalistische Professionalisierung. Basierend auf einer Inhaltsanalyse, die von der Agentur für Geschlechtergleichheit der Vereinten Nationen (UN Women) initiiert wurde und die Berichterstattung über Friedens- und Sicherheitsthemen in 15 Ländern untersuchte, weist sie nach: “[W]omen are barely present in peace and security print news produced in transitional and conflict countries“ (55). Sie beschreibt transnationale “patriarchal capitalist norms in news media systems, shaping newsroom practices, approaches to news production and the content delivered“ (59).

Im dritten Kapitel des Themenblocks beschreibt Lilian Ngusuur Unaegbu ein Muster von Diskriminierung von Frauen in der Berichterstattung über die terroristische Vereinigung Boko Haram im Nordosten Nigerias. Auf Basis von Interviews mit Journalistinnen zeigt sie, dass, obwohl viele nigerianischen Frauen aus kulturellen und religiösen Gründen eher mit weiblichen Journalistinnen sprechen würden, es diesen verboten ist, über das Thema zu berichten. Im letzten Kapitel dieses Abschnitts “Sexual Violence against Journalists in Conflict Zones, and Gendered Practices and Cultures in the Newsroom“ stellt Marte Høiby die Annahme, dass Gewalt gegen männliche Reporter sich wesentlich von der gegen Frauen unterscheidet und dass weibliche Journalistinnen daher einen besonderen Schutz benötigen, in Frage. Indem sie die Verletzlichkeit auch von männlichen Journalisten in den Vordergrund stellt, zeigt sie, dass die Maßnahmen für die Sicherheit von Journalisten beeinflusst sind von einem Paradigma, in dem der Mann der Aggressor und die Frau das Opfer ist. In der Folge würde die Verletzlichkeit von Männern unterschätzt und Frauen diskriminiert.

Im zweiten Themenblock “Women and Lack of Agency“ zeigt zunächst Eva Boller in ihrem Beitrag “’There are no women’. The War in Libya in TV News“, dass in knapp 60 Prozent aller Fernsehnachrichtenbeiträge in Deutschland, Frankreich und Großbritannien über den Krieg in Libyen 2011 keine Frauen vorkamen. Zudem hatte das deutsche Fernsehen keine einzige  Korrespondentin, das französische lediglich eine und die britische BBC immerhin sieben Reporterinnen zu dieser Zeit vor Ort. Als Grund für das Fehlen von Frauen in der Berichterstattung macht Boller vor allem den starken Fokus aus “of reporting on the battlefield instead of reporting about the situation for the civilian population“ (21).

Im anschließenden Kapitel “War and Women’s Voices: The Gender Approach of Afghanistan’s Largest News Agency“ untersucht Elisabeth Eide wie Frauen in den Berichten der größten afghanischen Nachrichtenagentur, Pajhwok, repräsentiert sind. Sie zeigt, dass Frauenthemen generell zwar keine hohe Priorität genießen, aber, wenn sie thematisiert werden, die Berichte häufig auch von Frauen selbst gemacht werden. Gewalt ist ein dominantes Thema und eine Analyse von Themen und Schlüsselwörtern bestätigt eine starke Verbindung von Gewalt und dem Mangel an Rechten. Als Gründe für die Gewalt werden häufig Traditionen genannt und eher selten der andauernde Krieg.

Im dritten Kapitel des Abschnitts teilt Desy Ayu Pirmasari in “Being a Female Journalist at the Frontline“ ihre autobiographischen Erfahrungen als eine muslimische Reporterin aus Indonesien in einer männlich dominierten Nachrichtenumgebung während des Krieges in Libyen. Sie verdeutlicht die Probleme von Reporterinnen in einer Kultur, in der starke und unabhängige Frauen nicht willkommen sind.

Im letzten Kapitel des Abschnitts “Good or Bad Agents? Western Fascination with Women and the Construction of Female Objects during the ISIS/ISIL Crisis“ fordert Marta Kollárová die traditionelle Sicht auf Frauen als verletzliche Objekte, die Schutz bedürfen, heraus, in dem sie ihren Blick auf Frauen im Gefecht richtet. Sie zeigt die Ambivalenz westlicher Medien gegenüber der Tätigkeit von Frauen als Soldatinnen. Die westlichen Medien zeigten häufig Berichte von hübschen und starken kurdischen Frauen, die als Heldinnen gegen die ISIS Kämpfer vorgehen, während die Frauen, die sich dem ISIS anschließen, als geisterhafte Kreaturen ohne jedes Handlungsbewusstsein und manipuliert von der ISIS Propaganda dargestellt würden.

Im dritten Themenblock, “Postcolonial Perspectives Forever“, beleuchtet Sadia Jamil zunächst “Journalism Practice and Freedom of Expression“ in Pakistan aus Sicht beider Geschlechter. Sie diskutiert dabei vor allem die Herausforderung für weibliche pakistanische Journalisten aus der Perspektive postkolonialer feministischer Theorien. Das folgende Kapitel von Berit von der Lippe “Philanthrophic War Narratives and Dangerous Protection Scenario(s)“ zeigt die Widersprüche und Paradoxien von ’embedded war reporting’ am Beispiel Afghanistans. Exemplarisch verdeutlicht sie die schwierige Gradwanderung zwischen ‘feminist philantrophy“ und Kriegsberichterstattung am Besuch der norwegischen Verteidigungsministerin eines Frauengefängnisses in der afghanischen Provinz Faryab 2009. Die Ministerin erlaubte den Reporterinnen die Inhaftierten unverschleiert zu fotografieren und ihre sehr intimen Aussagen zu publizieren. Sie gefährdete damit “the lives of those ‘we’ claim to protect and empower“ (23).

Das folgende Kapitel “Key Factors and Challenges to Understanding Women’s Roles in the Peace Process in Afghanistan“ von Quhramaana Kakar versucht zu erklären, wie sich die Rolle der Frau in Afghanistans frauenfeindlicher Gesellschaft entwickelt hat. Im letzten Kapitel des Themenblocks “Is Peace a Smiling Woman? Feminities and Masculinities in Conflict and Peace Coverage“ untersucht Kristin Skare Orgeret wie die Konzepte von Gender, Krieg und Frieden in der Berichterstattung über internationale Strategien für Konflikt und Frieden am Beispiel norwegischer Zeitungen angewendet werden. Sie sucht alternative Wege zu dem “universal ‘white feminism’“, den sie in den norwegischen Zeitungen konstruiert sieht. Indem sie ihre kritische Perspektive mit dem Friedensjournalismus verknüpft, versucht sie vielfältigere Repräsentationen von Weiblichkeit und Männlichkeit in Konflikt und Friedensaufbau zu ermöglichen.

Unter dem Titel “Masculinities, Heroes and Victims“ plädieren die Autoren des letzten Themenblocks für ein Bewusstsein der Konstruktionen von Weiblichkeit und Männlichkeit in der medialen Kriegsberichterstattung. In seinem Artikel “Masculinity, Iconisation and Ficional War Heroes in the GWT“ nimmt Rune Ottosen in den Blick, wie die Medien die männliche Erfahrung auf dem Kriegsschauplatz verzerren. So diskutiert er den traditionellen ‘American Hero’ als Grundstein amerikanischer Kriegspropaganda und dessen Einfluss auf norwegische Medien. Toby Miller stellt in seinem Kapitel “Why War – Still? Albert Meets Sigmund in the Ultimate Match-Up“ eine Konversation zwischen Albert Einstein und Sigmund Freud über die Themen Krieg und Frieden vor. Miller diskutiert im Anschluss, wie diese Darstellung von maskuliner wissenschaftlicher und technologischer Rationalität gegenwärtige Reportagen beeinflusst. Im letzten Kapitel stellt Anette Bringedal Houge unter dem Titel “Subversive Victims“ die Annahme, dass nur Frauen in großem Ausmaß Opfer sexuellen Missbrauchs und Vergewaltigungen während Kriegszeiten sind, in Frage. Miller zeigt am Beispiel des Kriegs in Bosnien-Herzegowina, dass auch männliche Gefangene auf allen Seiten Opfer sexueller Gewalt wurden. Dies wurde im Gegensatz zu der Gewalt gegenüber Frauen jedoch in den Medien nicht thematisiert.

Der kurze Überblick über die einzelnen Artikel zeigt die Heterogenität der in diesem Sammelband behandelten Themen; jedes Kapitel für sich verfügt dabei über eine hohe Dichte und ist trotz der Komplexität der behandelten Themen gut lesbar. Wünschenswert wäre am Ende jedoch ein Fazit gewesen, dass die (oftmals auch ambivalenten) Schlussfolgerungen aus den einzelnen Kapiteln noch einmal zusammenfasst und zueinander in Beziehung setzt. Am Ende des letzten Kapitels bleibt man so als Leser etwas ratlos mit vielen losen Enden zurück und muss sich die Zeit nehmen, die Einordnungs- und Transferleistungen selbst zu erbringen. Letztlich ist das aber der einzige Makel einer an sich sehr informativen und gut strukturierten Zusammenstellung von Artikeln, die sich dem Thema Gender und Kriegs- und Friedensberichterstattung widmen.

Links:

Über das BuchBerit von der Lippe, Rune Ottosen (Hrsg.): Gendering War and Peace Reporting. Some Insights - Some Missing Links. Göteborg [Nordicom] 2016, 278 Seiten, 32,- Euro.Empfohlene ZitierweiseBerit von der Lippe, Rune Ottosen (Hrsg.): Gendering War and Peace Reporting. von Lönnendonker, Julia in rezensionen:kommunikation:medien, 30. Januar 2018, abrufbar unter https://www.rkm-journal.de/archives/20893
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Rezensent/in
Julia Lönnendonker ist Postdoc am Institut für Kommunikationswissenschaften der Vrije Universiteit Brussel (VUB). Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören internationaler und europäischer Journalismus, Auslandsberichterstattung, europäische Öffentlichkeit und Identität.