Matthias Bauer, Christoph Ernst: Diagrammatik

Einzelrezension
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Rezensiert von Sybille Krämer

Einzelrezension
Im Sog des iconic turn, angesiedelt im Umfeld der Entstehung einer Bildwissen- schaft einerseits sowie der Anerkennung einer Erkenntnisfunktion des Visuellen andererseits, hat sich ein interdiszi- plinäres Forschungsfeld auskristallisiert, dessen Charakterisierung nun erstmals als deutschsprachige Monographie vorliegt. Es geht um die Diagrammatik, die von den Autoren Matthias Bauer und Christoph Ernst als ein kultur- und medienwissenschaftliches Forschungsfeld eingeführt wird. Methodisch sollen Phänomenologie und Semiotik versöhnt werden; im Resultat entsteht eine pragmatisch orientierte Theorie der Diagrammatik unter besonderer Berücksichtigung ihrer epistemischen Rolle. Kaum ein anderes Werk auf diesem Feld verbindet einen grundlagentheoretischen Anspruch mit der Ausbreitung solcher Materialfülle sowie der Rezeption, aber auch Zusammenführung solcher Vielzahl verarbeiteter Autoren. Doch wie zumeist: diese Fülle hat auch ihren Preis. Die Mannigfaltigkeit der Phänomene und Positionen sowie eine nicht zu verleugnende Willkürlichkeit in der Auswahl und Deutung derjenigen Autoren, die sich in die Ahnenreihe diagrammatischer Vorarbeiter einreihen dürfen oder als deren aktuelle Forschungsrichtung gelten können, drohen das Projekt in seinem Gegenstand ausufern zu lassen und in seiner ‘Botschaft’ etwas zu verwässern.

Setzen wir ein mit den Leistungen dieses Buches. Es birgt nichts weniger als eine Weichenstellung, an der zukünftige Studien über das Diagrammatische sich werden ‘abarbeiten’ und auch messen lassen müssen. Diese Weichenstellung liegt in der Verbindung zwischen der Pragmatik und der Epistemologie der Diagrammatik: Wenn wir wissen wollen, worin die kognitiven Leistungen des Einsatzes von Diagrammen bestehen, so dürfen wir diese nicht nur als Formen von Visualisierung begreifen, sondern müssen den operativen und explorativen Umgang mit Diagrammen enthüllen. Kern dieses Umganges ist es, Sachverhalte in Gestalt von Relationen vor Augen zu stellen; so wird es möglich, die Darstellung von Konfigurationen als einen Anschauungs- und Operationsraum zu nutzen, um Rekonfigurierungen zu vollziehen. Denn jede artifizielle Konstellation könnte auch anders strukturiert werden. Nur im Horizont der Verbindung von Visualisierung und Manipulation bzw. Transformation des Visualisierten können Diagramme also Ansichten sein, die Einsichten eröffnen. Nicht selten machen sie in dem, was sie zeigen, Unsichtbares sichtbar.

Ob Leonardo da Vinci in einer ‘Explosionszeichnung’ das gewöhnlich verborgene Innere eines Radschlosses aufdeckt, ob der Ingenieur in seinem Entwurfshandeln probierend und konzipierend zeichnet, ob eine logische Schlussfolgerung als formale Deduktion ausgeführt wird, ob der Computer uns mit einer benutzerfreundlichen ikonischen Oberfläche versorgt, ob ein mathematisches Modell der Cheops-Pyramide entworfen wird, ob die Grammatik einer Filmsprache analysiert wird, ob das Kernspin-Tomogramm eines Schlaganfallpatienten gemacht oder eine ‘Hirnkarte’ angelegt wird oder ob schließlich Michel Foucault eine Diskursformation als ‘panoptisches Schema’ entwirft: in all dem treffen wir auf Praktiken, die in der einen oder anderen Weise mit diagrammatischen Konstellationen arbeiten. Ihr Kunstgriff besteht darin, ein Austauschgeschehen zwischen Mentalem und Materialem, zwischen Sinn und Sinnlichem in Gang zu setzen. Das Diagramm erzeugt neues Wissen, indem es als eine Vermittlungsinstanz zwischen Denken und Anschauung auftritt. Wie diese Vermittlungsinstanz beschaffen ist, kann – so die Autoren – nicht universalistisch, sondern muss kulturalistisch bestimmt werden: denn jedes Diagramm könnte auch anders verfasst sein; es ist von genuin historischer ‘Natur’.

Charles Sanders Peirce wird – das allerdings ist nicht gerade neu – als Begründer der Diagrammatik rezipiert: in seiner Konzeption eines ‘diagrammatical reasoning’ verbinden und verbünden sich Anschauung und Schlussfolgerung. Peirce enthüllt damit übrigens die sinnliche Natur des formalen Operierens, welches wir allzu gerne als einen Abstraktionsvorgang verbuchen. Allerdings müsste – von der Sache her, wenn auch nicht in der Terminologie – zumindest Leibniz noch als Ahnherr gelten: Mit seiner Idee, dass wir nicht ohne den Ariadnefaden gemalter oder geschriebener Zeichen denken können, ebnet er den lautsprachenneutralen Medien des Denkens den Weg und wird zum Vorreiter eines nichtmentalistischen Geistbegriffes.

Die in der Studie entwickelte Fundierung der epistemischen Rolle der Diagrammatik im Wechselspiel von Konfigurierung und Rekonfigurierung als Mittler zwischen Anschauung und Denken ist überaus fruchtbar. Allerdings ist uns dieses Fundament von den Pionieren der Annahme einer konstitutiven Rolle von Zeichen für das Denken bereits vertraut: so etwa von Leibniz, Lambert, Peirce, Cassirer, Wittgenstein… Nicht nur Peirce, auch eine Vielzahl weiterer Philosophen haben also die materiale und visuelle Symbolizität geistiger Vollzüge reflektiert und sind in ihrem Beitrag zur Evolution des ‘diagrammatischen Denkens’ noch kaum rezipiert. Daran ändert auch die vorliegende Studie nichts.

Die Diagrammatik entpuppt sich für die Autoren als eine explizite Form der Semiotik, deren Ausweitung dann darin besteht, dass Bauer/Ernst auch die mentalen Bilder und inneren Vorstellungen umstandslos als Elemente des Diagrammatischen vereinnahmen. Eine nichtmentalistische Orientierung in Hinsicht auf Geist und Kognition ist ihre Sache nicht. Mit dieser Akzentuierung, dass die Diagrammatik eben nicht nur die materialen, sondern auch die mentalen Bilder erfasse, ist der Bereich des medientheoretisch Theoretisierbaren und kulturalistisch Beobachtbaren allerdings deutlich überschritten. Nicht nur Wittgenstein hätte Zweifel angemeldet daran, wie berechtigt wir sind, die Erfahrung unseres Umgangs mit materialen Bildern ebenfalls auf innere Vorstellungen zu projektieren. Gerade wenn die vorliegende Studie sich bemüht, Anschluss zu finden an kognitionswissenschaftliche Theoriebildung, ist es merkwürdig, dass sie dabei nicht an die kognitionswissenschaftliche Theorie des extended mind (z.B. Andy Clark) anknüpft, welche gerade eine kritische Abwendung vollzog von der Idee der mentalen Bilder bzw. der Zeichen im Kopf. Aber können wir tatsächlich den realen, handhabbaren Stadtplan und die sogenannten ‘mentalen Karten’ in einen Topf werfen? Geben wir damit nicht die kritische kulturalistische Frage aus der Hand, ob unsere Redeweise von den mentalen Karten, Vorstellungsbildern und internen Repräsentationen sich als eine Übertragung kultureller Praxen auf die Innenwelt des Mentalen erweisen könnte?

In dieser Verbindung von Semiotisierung – das ist die Annahme von der diagrammatischen Beschreibbarkeit alles Zeichenhandelns – und Mentalisierung – das ist die Annahme von der diagrammatischen Beschreibbarkeit innerer Vorstellungen – stoßen wir auf das Problem dieser Studie; es zeigt sich in der mangelnden Eingrenzung und Prägnanz ihres Gegenstandes. Die Beschreibung ‘Konfiguration und Rekonfiguration’ – so fruchtbar sie ist, um die Prozessualität des Diagrammatischen zu erfassen – trifft zugleich auf eine Fülle menschlicher Verhaltenswiesen zu. Worin aber liegt die differentia specifica, welche die diagrammatische Praxis von anderen theoretisch bedeutsamen Praktiken unterscheidet? Trotz der Fülle verhandelter Phänomene und rezipierter Literatur gibt das Buch darauf keine systematisch entfaltete Antwort. Und so erlauben wir uns abschließend zu skizieren, wie das im Konfigurieren verwurzelte Diagrammatische vielleicht eingegrenzt und spezifischer erfasst werden könnte.

Die leitende und kreative Idee des Buches ist es, das Diagrammatische nicht nur als Visualisierungsstrategie, sondern in seiner Operativität zu erfassen. Mit den Worten einer anderen 2010 erschienen Studie (John Bender und Michael Marrinan, The Culture of Diagram): “Diagrams are things to work with” (10). Doch um genauer die Art und Weise zu bestimmen, welche für die diagrammatische Arbeit spezifisch ist, müssen wir zweierlei in Rechnung stellen: Einmal die ‘Spatialität’ und zum andern, damit allerdings zusammenhängend, den ‘Graphismus’. Gerade wenn es um die Evidenzkraft wie auch die Handhabbarkeit im Rahmen einer Epistemologie diagrammatischer Inskriptionen geht, ist es unabdingbar zu erörtern, welche Rolle es spielt, dass die Diagrammatik Raumrelationen einsetzt, um zumeist nicht räumliche Sachverhalte im Medium topologischer Relationen wie oben/unten, rechts/links, zentral/peripher auszudrücken. Wir übertragen die elementare Ordnungsmatrix, die unser Körper-im-Raum stiftet, auf die zweidimensionale Fläche. Denken wir nur an die Einzeichnung eines Koordinatensystems, das eine Fläche nach ‘Gegenden’ orientiert (orientieren: ‘einosten’) und dadurch erst die Inskription von Zahlen und Figuren, die simultan empirische Dinge und nur denkbare Entitäten sind, überhaupt erst ermöglicht. Die Diagrammatik zehrt also von Strategien der Verräumlichung. Ihre Visualität ist ohne die Besonderheit ihrer zweidimensional ausgerichteten Spatialität nicht begreifbar.

Aber auch dies muss noch einmal eingegrenzt werden: Die Zurückführung der Dreidimensionalität des gelebten Raumes auf die operative Artifizialität zweidimensionaler Flächen ist ohne die zeichnende und schreibende – also graphisch operierende – Hand undenkbar. Die Transfiguration voluminöser Körper in die Fläche ist eine Kulturtechnik ersten Ranges, welche durch den Graphismus eröffnet wird. Denn es ist erst die Linie, die aus einer Oberfläche eine Fläche der Inskription werden lässt. Das Medium des Graphischen im Wechselspiel von Punkt, Strich und Fläche bildet somit das Herz der Diagrammatik. Es schlägt im Takt einer Erkenntniskraft der Linie.

Literatur:

  • Bender, J; Marrinan, M.: The Culture of Diagram. Palo Alto [Stanford University Press] 2010.

Links:

Über das BuchMatthias Bauer; Christoph Ernst: Diagrammatik. Einführung in ein kultur- und medienwissenschaftliches Forschungsfeld. Reihe: Kultur- und Medientheorie. Bielefeld [transcript] 2010, 368 Seiten, 32,80 Euro.Empfohlene ZitierweiseMatthias Bauer, Christoph Ernst: Diagrammatik. von Krämer, Sybille in rezensionen:kommunikation:medien, 10. Januar 2011, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/4371
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Rezensent/in
Dr. Sybille Krämer ist Professorin für Theoretische Philosophie an der Freien Universität Berlin, Sprecherin des dortigen DFG-Graduiertenkollegs 1458 "'Schriftbildlichkeit': Über Materialität, Wahrnehmbarkeit und Operativität von Notationen" und Mitglied des Senats der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) sowie Mitglied im Panel des European Research Council, Brüssel.