Frank Bösch; Lucian Hölscher (Hrsg.): Kirchen – Medien – Öffentlichkeit

Einzelrezension
3116 Aufrufe

Rezensiert von Daria Pezzoli-Olgiati

Einzelrezension
Dieses Buch fokussiert ein Thema, das sowohl aus historischer als auch zeitgenössischer Perspektive bedeutsam ist. Es geht um die Präsenz von religiösen Institutionen in der Öffentlichkeit im Spiegel der Medien. Die Wechselwirkung zwischen Kirchen, Medien und Öffentlichkeit wird in diachroner Perspektive anhand von acht soliden Beiträgen und einer vertieften Einführung untersucht. Die Artikel, die vor allem – aber nicht nur – die Situation in Deutschland seit der Nachkriegszeit untersuchen, sind in drei Teile aufgeteilt.

Im Teil I, Mediale Interaktionen zwischen Kirche und Welt, wird das Verhältnis zwischen Kirchen und Medien im Lichte der radikalen Transformationen beleuchtet, die die späten Fünfzigerjahre charakterisieren. Die ausgewählten Studien befassen sich mit dem Verhältnis zwischen journalistischer Berichterstattung und Kirchen in Deutschland (N. Hannig) und mit den berühmten evangelikalen crusades des Billy Grahams in den USA etwa zur gleichen Zeit (U. A. Balbier).

Teil II, Visuelle Entwürfe von Kirche und Religion, untersucht die intensiven, dichten Auseinandersetzungen zwischen Kino und Kirche und die Transformationen, die die bewegten Bilder in der öffentlichen Darstellung von Religiösem und Kirchlichem bewirkt haben. Dieser Teil vermag die Leserin besonders zu überzeugen. Das Visuelle wird hier mit dem Film identifiziert; die Engführung korrespondiert mit einer vielschichtigen Betrachtung der Interaktion zwischen Visuellem und Religion am Beispiel eines religiösen Motivs im Film (B. Städter), mit einer besonderen Form der Filmrezeption – der Zensur und ihrer Wirkung – (J. Kniep) und schließlich mit einer ausgezeichneten Gesamtsicht auf die filmische Produktion der Sechzigerjahre und deren provokative Verweise auf christliche Traditionen und Moralvorstellungen (R. Zwick).

Im Teil III, Semantiken kirchlicher Medien und Öffentlichkeit, werden einerseits wieder Printmedien in der Gestalt von kirchlichen Zeitschriften (S.-D. Gettys), andererseits evangelische und katholische Akademien (T. Mittmann, S. Böhm) thematisiert. Auch hier gilt die Aufmerksamkeit der Rolle, Wirkung und Präsenz von Medien und Institutionen in der Öffentlichkeit. Die Auswahl der Beiträge unterstützt einen weiterführenden Vergleich zwischen der ehemaligen BDR und DDR.

Die Einführung bettet diese unterschiedlichen Einblicke in Aspekte der komplexen Wechselwirkung zwischen Medien, Kirchen und Öffentlichkeit ein (F. Bösch/L. Hölscher). Die Herangehensweise an die Thematik ist differenziert; Transformationsprozesse in den Medien, in den kirchlichen Institutionen und im kulturellen Umfeld werden auf ihre gegenseitigen Einflüsse hinterfragt: “Insofern geht der Band der Leitfrage nach, welche Deutungen die öffentliche Kommunikation insbesondere in den ‘langen sechziger Jahren’ über die Kirchen und die Religion aufbrachten und wie die Kirchen auf den Wandel der Öffentlichkeit reagierten” (11).

Dieser Sammelband leistet einen originellen und gut strukturierten Einblick in die Thematik. Auf einer theoretischen Ebene leistet er einen überzeugenden Beitrag zu einer kulturwissenschaftlichen Annäherung an Religion am Beispiel der christlichen Kirchen als Systeme, die eng mit anderen gesellschaftlichen Bereichen interagieren, indem auf eine schematische Trennung zwischen ‘Medien’ und ‘Religion’ verzichtet wird. Beispielsweise wird Kirche sowohl als Institution als auch als breiteres soziales Umfeld sowie als Element der Öffentlichkeit betrachtet. Methodisch bringt die Beschränkung auf eine Definition von Medien als Massenmedien Klarheit.

Die Herausgeber und ihre Autorinnen und Autoren präsentieren ein lesenswertes, dichtes Werk, das dazu beiträgt, die historischen Voraussetzungen der aktuellen Debatte um die Präsenz der Religion in der Öffentlichkeit und die damit verbundenen Konfliktpotentiale anhand von zentralen Fallsbeispielen zu verstehen.

Links:

Über das BuchFrank Bösch; Lucian Hölscher (Hrsg.): Kirchen - Medien - Öffentlichkeit. Transformationen kirchlicher Selbst- und Fremddeutungen seit 1945. Reihe: Geschichte der Religion in der Neuzeit, Band 2. Göttingen [Wallstein Verlag] 2009, 266 Seiten, 24,- Euro.Empfohlene ZitierweiseFrank Bösch; Lucian Hölscher (Hrsg.): Kirchen – Medien – Öffentlichkeit. von Pezzoli-Olgiati, Daria in rezensionen:kommunikation:medien, 10. Dezember 2010, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/2593
Getagged mit: , , , , , , ,
Veröffentlicht unter Einzelrezension
Teilen
facebooktwittergoogle+
Drucken
Druck-Version PDF-Version
Rezensent/in
Dr. Daria Pezzoli-Olgiati ist Professorin für Religionswissenschaft an der Universität Zürich. Seit 2010 leitet sie das interuniversitäre Netzwerk "Zentrum für Religion, Wirtschaft und Politik", Forschungsschwerpunkt zum Thema "Medien und Religion" mit besonderer Berücksichtigung von Visualität und Intermedialität.