Ann Spangenberg: Kommunikative Identität im Roman der Angelsächsischen Postmoderne

Einzelrezension
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Rezensiert von Simon Meier

spangenberg2009Einzelrezension
Wie geht die Angelsächsische Postmoderne mit poststrukturalistischen Thesen von der Auflösung des Bildes des kernhaften, autonomen Subjektes wie auch des genialen Künstlers um? Diese Frage steht im Zentrum der vorliegenden Studie. Drei exemplarische Romane, Fowles’ The French Lieutenant’s Woman, Ackroyds Chatterton und Byatts Possession, werden daraufhin untersucht, “welche Konsequenzen sie aus der Annahme ziehen, es gebe kein autonomes Subjekt, dessen individueller Kern jenseits sozialer Zusammenhänge verortet ist” (12). Zwei für gewöhnlich vertretene Deutungen, “dass es ohne autonomes Subjekt keine Handlungsmacht gibt, sondern eine totale Fremdbestimmung besteht, oder, dass die Auflösung eines statischen Selbst die Freiheit eines Spiels mit Identitätsfragmenten bedeute” (15), erweisen sich hier gleichermaßen als unzutreffend. Dem hält Ann Spangenberg ein Konzept kommunikativer Identität entgegen, das aus ihrer Sicht in allen drei Romanen aufscheint und beide Extreme vermittelt.

Die Studie ist in vier Teile gegliedert: Nach der theoretischen Grundlegung der Begriffe Identität, Kommunikation und Originalität werden die genannten Romane in je einem Kapitel auf die in ihnen zum Ausdruck kommenden Identitätskonzepte hin analysiert. Ein knappes Fazit im Kapitel “Schlussbemerkungen” rundet die gelungene Studie ab, die nicht nur die literaturwissenschaftliche Diskussion bereichern dürfte, sondern auch kommunikationstheoretisch und philosophisch Interessierten wertvolle Anregungen bereithält.

Der zentrale Begriff der kommunikativen Identität wird im ersten Teil aus einer soliden Darstellung der postmodernen Auseinandersetzung mit der romantischen Idee eines autonomen Subjektes abgeleitet. Da die Ablehnung dieser Vorstellung auch die Sichtweise ausschließe, dass “ein autonomes Individuum selbstbestimmt und intentional seine Gedanken übermittelt” (38), müsse der kommunizierende Einzelne vielmehr “als Produkt und Medium überindividueller gesellschaftlicher Prozesse” (46) angesehen werden. Im Anschluss an Judith Butlers Konzept der Performativität erscheine Identität weniger als Bedingung denn als Ergebnis von Kommunikation. Dabei betont Ann Spangenberg mit Butler das Veränderungspotenzial, welches Kommunikation trotz seiner Prägung durch überindividuelle Strukturen habe. “Der Einzelne kann zur Wandlung des Überlieferten durch veränderte Wiederholung beitragen, ohne jedoch seine Motivation und oder die Konsequenzen seiner Handlungen völlig überblicken zu können” (55). Entsprechend definiert die Autorin zum Abschluss dieses Teils Identität “als kommunikativ erzeugt und fortgesetzt wie auch als prozessual und in sich widersprüchlich” (67).

Entscheidend an diesem Konzept kommunikativer Identität sei dabei, dass gerade die Kopplung an konkrete Kommunikationssituationen die Vermittlung der genannten extremen Deutungen der Auflösung des autonomen Subjektes ermögliche. Die “Ausgesetztheit gegenüber Anderen” (68) sowie das “Bedürfnis nach Anerkennung” (ebd.), die jede konkrete Kommunikation ermöglichen und prägen, erzeugen in einem gewissen Maße Kohärenz, Handlungsmacht und Verantwortung des Einzelnen, die jedoch von lebensweltlichen Rahmenbedingungen begrenzt werden und sich im Lebensverlauf wandeln können.

Dieses Identitätsbild weist Ann Spangenberg nun in den drei Romanen nach, in denen es auf je unterschiedlich akzentuierte Weise literarisch umgesetzt wird. Die drei Analysekapitel folgen je dem gleichen Aufbauschema und sorgen so für ansprechende Übersichtlichkeit und Vergleichbarkeit der Ergebnisse: Nach kurzer Darstellung von Inhalt und Aufbau der Romane und einem knappen Forschungsüberblick werden in ausführlicher Interpretation die einzelnen Handlungsmotive und Erzähltechniken analysiert, in denen Identität mal explizit thematisiert wird, mal implizit aufscheint. Anschließend wird das so rekonstruierte Identitätsbild als ein Bild kommunikativer Identität gekennzeichnet. Eine Zusammenfassung bündelt schließlich die Ergebnisse auf engem Raum.

Im Zuge der Analysen kann Ann Spangenberg die Angemessenheit ihres Begriffs der kommunikativen Identität für die Interpretation der Romane auf eindrucksvolle Weise plausibel machen. Doch auch jenseits der Romaninterpretation überzeugt dieses Identitätskonzept, welches dadurch, dass es ausgehend von literarisch-erzählerischen Umsetzungen ausgestaltet wurde, gegenüber rein philosophischen Konzeptionen außerordentlich differenziert und lebensweltlich verankert ist und extreme Positionen vermeidet.

So zeigt die Autorin nicht nur, dass die drei untersuchten Romane eine “Lösung des Problems gleichzeitig diskursiv geprägter, aber dennoch nicht determinierter Identität” (52) bereithalten. Sie vermag dieses Angebot durch saubere theoretische Grundlegung der Begriffe und kundige Interpretation auch anzunehmen und für die höchst relevante Frage nach einem zeitgemäßen wie realistischen Identitätsbegriff nutzbar zu machen.

An mancher Stelle wären präzisere Angaben zu den einzelnen Teilprozessen der Identitätskonstitution und ihrer kommunikationstheoretischen Grundlagen wünschenswert gewesen. So bleiben die Ausführungen zur “intersubjektiven Beglaubigung durch Andere” (219), welche Identitätsentwürfen ein gewisses Maß an Kohärenz verleiht, etwas vage. Hier hätte eine Einbeziehung sozialphilosophischer Konzepte der Anerkennung (vgl. Honneth 2003), aber auch linguistischer Forschungen zur diskursiven Konstruktion von Identität (vgl. de Fina et al. 2006) die Studie bereichern und die Autorin in ihrer Argumentation zusätzlich bestärken können. Dies vermag jedoch den positiven Gesamteindruck kaum zu trüben.

Literatur:

  • Ackroyd, P.: Chatterton. London/New York [Penguin] 1993.
  • Byatt, A.S.: Possession. A Romance. London [Vintage] 1991.
  • Fowles, J.: The French Lieutenant’s Woman. London [Vintage] 1996.
  • Honneth, A.: Unsichtbarkeit. Stationen einer Theorie der Intersubjektivität. Frankfurt am Main [Suhrkamp Verlag] 2003.
  • De Fina, A.; Schiffrin, D.; Bamberg, M. (Hrsg.): Discourse and Identity. Cambridge [Cambridge University Press] 2006.

Links:

Über das BuchAnn Spangenberg: Kommunikative Identität im Roman der Angelsächsischen Postmoderne: John Fowles, Peter Ackroyd, A. S. Byatt. Reihe: Kieler Beiträge zur Anglistik und Amerikanistik, Band 24. Würzburg [Königshausen & Neumann] 2009, 325 Seiten, 48,– Euro.Empfohlene ZitierweiseAnn Spangenberg: Kommunikative Identität im Roman der Angelsächsischen Postmoderne. von Meier, Simon in rezensionen:kommunikation:medien, 15. Mai 2009, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/201
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Rezensent/in
Simon Meier ist wissenschaftlicher Assistent am Institut für Germanistik der Universität Bern.