Florian Trabert, Mara Stuhlfauth-Trabert, Johannes Waßmer (Hrsg.): Graphisches Erzählen

Einzelrezension
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Rezensiert von Juliane Blank

Graphisches ErzählenEinzelrezension
Vom Cover lächelt gütig eine Comicversion des alten Goethe: Der Dichterfürst fungiert hier als Schirmherr eines Sammelbandes, der neue Perspektiven auf Literaturcomics verspricht – und die Verbindung zu den Klassikern doch nicht ganz aufgeben mag. Der Band ist das finale Ergebnis eines Projektes an der Universität Düsseldorf, das u. a. mehrere Seminare zum Thema Literaturadaption im Comic, einen Blog mit studentischen Beiträgen zu Adaptionen (www.literaturcomic.de) sowie die Tagung Graphisches Erzählen – Neue Perspektiven auf Literaturcomics im März 2014 umfasste. Der gleichnamige Sammelband setzt sich größtenteils aus Beiträgen der Tagung zusammen. Mit Ole Frahm wurde zusätzlich zu den Koryphäen Monika Schmitz-Emans und Dietrich Grünewald noch ein weiterer ausgewiesener Comic-Experte für die Veröffentlichung gewonnen. Das Buch erscheint zu einer Zeit, in der die Forschung zu Literaturadaptionen im Comic zunehmend an Struktur und Systematik gewinnt (v. a. Schmitz-Emans 2012; einschlägig auch z. B. Grünewald 2000; Grajewski/Bandel 2007; Versaci 2007; Hangartner 2009;  Ferstl 2010; Vanderbeke 2010; Blank 2015).

Der Untertitel verspricht Neue Perspektiven in Form von “ausführliche[n] Analysen zu Literaturcomics, zu denen bisher kaum Forschungsliteratur vorliegt“ (14) und will damit wertvolle analytische Grundlagenarbeit leisten. In der Tat ist es erfreulich, dass auch weniger bekannte Projekte wie z. B. David Bollers und Reinhard Pietschs Adaption von Karl Kraus‘ Die letzten Tage der Menschheit Gegenstand der Untersuchung werden. Ein Großteil der Beiträge befasst sich allerdings mit Adaptionen kanonischer Texte und spiegelt damit die aktuelle Situation der Literaturadaption im Comic, die nach wie vor stark an Kanonpflege gebunden ist. Eine Positionierung zu traditionalistischen und gar nobilitierenden Impulsen einer Comicforschung innerhalb der Literaturwissenschaft (liegt es an dieser Perspektive, dass den Abbildungen so wenig Raum zugestanden wird?) verrät auch die Umschlagillustration sowie die Wahl des Titels Graphisches Erzählen, der sich, nebenbei bemerkt, nicht nur auf Comics anwenden ließe.

Neue Perspektiven wären vor allem auf dem Gebiet der theoretischen Durchdringung und Systematisierung der Methodologie wünschenswert. Diesbezüglich liest sich die Einleitung vielversprechend: Literaturadaption im Comic sei als Interpretation zu betrachten, die durch “Hinzufügen der visuellen Dimension“ einen Gewinn für den Prätext und dessen Rezeption darstelle (12). Im Zuge dieser Erkenntnis wollen die Beiträge sich mit “Prozesse[n] der Hybridisierung, Transformation und Selbstreflexion“ befassen (14). Dem selbstreflexiven Aspekt verschreiben sich zwei der insgesamt fünf Sektionen. Die Beiträge von Monika Schmitz-Emans, Torsten Hoffmann und Ole Frahm befassen sich unter der Rubrik “Mediale Reflexionen” mit comicpoetologischen Aspekten, die von Peter Scheinpflug, Florian Trabert und Wolfgang Reichmann untersuchten “Metacomics”  ließen sich jedoch größtenteils ebenfalls diesem Schwerpunkt unterordnen.

Die zwei folgenden Sektionen greifen mit den Schwerpunkten “Modernisierung” und “Vermittlung” zwei strategische Konzepte von Adaptionen auf – und reflektieren damit wiederum den Blick für aktuelle Tendenzen im Bereich der Literaturadaption im Comic, der eine Stärke des Bandes darstellt. In der Sektion “Modernisierung” beschreiben Dietrich Grünewald, Joanna Nowotny/Bettina Jossen, Mara Stuhlfauth-Trabert und Giovanni Remonato Prozesse einer vor allem visuellen Aktualisierung literarischer Stoffe für ein modernes Publikum. Dahingegen konzentrieren sich die Aufsätze in der Sektion “Vermittlung” (Johannes Waßmer, Sebastian Tupikevics, Svenja Fahr) stärker auf didaktische Intentionen, die noch immer mit Literaturadaptionen im Comic verknüpft werden. Die fünfte Sektion besteht aus Studierendenbeiträgen, die vereinzelt mehr Überblickswissen über die aktuelle Adaptionslandschaft verraten als einzelne Beiträge aus den Hauptsektionen. Der Band schließt mit der Rubrik “Hinter der Kulisse”, die den Austausch zwischen Forschenden und Comicschaffenden dokumentiert. In der Publikation ist dieser Austausch, der maßgeblich zum Innovationspotenzial des Projekts beiträgt, jedoch bedauerlicherweise auf einen Werkstattbericht der Comiczeichnerin Olivia Vieweg reduziert worden (339-344).

Dass mit dem Aspekt der Vermittlung einer der drei von Schmitz-Emans diagnostizierten Typen des “Literaturcomics“ aufgegriffen wird, ist symptomatisch für die Verpflichtung des Bandes gegenüber der neueren Forschung. Leider bleiben einige Beiträge hinter dem relativ hohen Abstraktionsniveau, das in der Einleitung vorgelegt wird, zurück. So erscheint z. B. die Definition von “Literaturcomics“ als “Comicadaptionen literarischer Texte“ etwas unklar, wenn man sie an den Gegenständen der einzelnen Beiträge misst: Angesichts des japanischen Comics Bug Boy, der nur lose einzelne Motive aus Kafkas Verwandlung aufgreift, darf man die Frage stellen, wie viel begriffliche Schärfe tatsächlich mit der Definition gewonnen ist, wenn anscheinend ein eher breiter Adaptionsbegriff zugrunde gelegt wird.

Nach zwei allgemeiner theoretisch angelegten Sammelbänden (Ditschke/Kroucheva/Stein 2009; Eder/Klar/Reichert 2011), liegen im transcript Verlag nun mit einem Band zum Sachcomic (Hangartner/Keller/Oechslin 2013) und der hier besprochenen Publikation auch zwei stärker gattungstheoretisch fokussierende Bände vor. Diese Entwicklung spiegelt eine aktuelle Tendenz der Comicforschung zur Spezialisierung und zur Konzentration auf ‘Sonderfälle‘, zu der sich zukünftige Publikationen positionieren werden müssen. Für die (literaturwissenschaftliche) Adaptionsforschung ist der Band ein Gewinn, da er zwar nicht durch theoretische Impulse, aber durch die Versammlung vielfältiger Beispiele durchaus neue Perspektiven anzubieten vermag.

Literatur:

  • Blank, J.: Literaturadaptionen im Comic. Ein modulares Analysemodell. Berlin [Ch. A. Bachmann Verlag] 2015.
  • Ditschke, S.; Kroucheva, K.; Stein, D. (Hrsg.): Comics. Zur Geschichte und Theorie eines populärkulturellen Mediums. Bielefeld [transcript] 2009.
  • Eder, B.; Klar, E.; Reichert, R. (Hrsg.): Theorien des Comics. Ein Reader. Bielefeld [transcript] 2011.
  • Ferstl, P.: Novel-based Comics. In: Berninger, M.; Ecke, J.; Haberkorn, G. (Hrsg.): Comics as a Nexus of Cultures. Essays on the Interplay of Media, Disciplines and International Perspectives. Jefferson [McFarland & Co] 2010, S. 60–69.
  • Grajewski, O.; Bandel, J.-F. (Hrsg.): Geteilte Beute – Comics & Literatur. Korrespondenz, Überzeichnung, Verwandlung. Essen [=Schreibheft. Zeitschrift für Literatur, 68] 2007.
  • Grünewald, D.: Zwischen banal und kongenial. Literarische Stoffe als Comics erzählt. In: Franz, K. (Hrsg.): Bilderwelten. Vom Bildzeichen zur CD-Rom. Baltmannsweiler [Schneider-Verlag Hohengehren] 2000, S. 90–108.
  • Hangartner, U.: Von Bildern und Büchern. Comics und Literatur – Comic-Literatur. In: Arnold, H.L.; Knigge, A.C. (Hrsg.): Comics, Mangas, Graphic Novels. München [edition text + kritik] 2009, S. 35–56.
  • Hangartner, U.; Keller, F.; Oechslin, D. (Hrsg.): Wissen durch Bilder. Sachcomics als Medien von Bildung und Information. Bielefeld [transcript] 2013.
  • Schmitz-Emans, M.: Literatur-Comics. Adaptationen und Transformationen der Weltliteratur. Boston, Berlin [De Gruyter] 2012.
  • Vanderbeke, D.: It Was the Best of Two Worlds, It Was the Worst of Two Worlds. The Adaptation of Novels in Comics and Graphic Novels. In: Goggin, J.; Hassler-Forest, D. (Hrsg.): The Rise and Reason of Comics and Graphic Literature. Critical Essays on the Form. Jefferson [McFarland & Co.] 2010, S. 104–118.
  • Versaci, R.: Illustrating the Classics. Comic Books vs. »Real« Literature. In: Ders.: This Book Contains Graphic Language. Comics as Literature. New York, London [Continuum] 2007, S. 182–212.

Links:

Über das BuchFlorian Trabert, Mara Stuhlfauth-Trabert, Johannes Waßmer (Hrsg.): Graphisches Erzählen. Neue Perspektiven auf Literaturcomics. Bielefeld [transcript] 2015, 348 Seiten, 32,99 Euro.Empfohlene ZitierweiseFlorian Trabert, Mara Stuhlfauth-Trabert, Johannes Waßmer (Hrsg.): Graphisches Erzählen. von Blank, Juliane in rezensionen:kommunikation:medien, 29. Januar 2016, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/18921
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Rezensent/in
Dr. Juliane Blank, Universität des Saarlandes, FR 4.1 Germanistik. Forschungsschwerpunkte: Intermedialität, Literatur und bildende Kunst, Adaption, Comics und Graphic Novels, visuelles Erzählen, Franz Kafka, Literatur und Kultur um 1800, Zufall und Kontingenz aus kulturwissenschaftlicher Perspektive