Basiswissen für die Medienpraxis

Sammelrezension
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Rezensiert von Markus Paul

Sport-BasiswissenSammelrezension
Eine Umkleidekabine in den Katakomben eines Fußball-Stadions. Es ist Pause. Man sieht eine Toilette. Hier erleichtern sich zwei Spieler, dazwischen der Moderator eines Sportsenders. Dann kommt der Werbespruch: “Mittendrin statt nur dabei”. Der Spot ist zum geflügelten Wort geworden – und er beschreibt ein strukturelles Grunddilemma des gesamten Sportjournalismus: die richtige Balance von Distanz und Nähe. Und gerade der Sportjournalismus krankt daran, oftmals allzu nah zu sein. Denn wer mittendrin ist, behält selten den Überblick. Ein denkbar schlechter Standort für Journalisten.

Um dieses Dilemma kreist auch das Buch Sport. Basiswissen für die Medienpraxis von Thomas Horky und Hanns-Christian Kamp aus der Reihe Journalismus Bibliothek. Und das ist ein denkbar guter Ansatz für ein Einführungsbuch. Denn das Autorenteam nimmt eine wohltuend distanzierte Haltung zum Gegenstand ein. Horky als Lehrender und Forschender (derzeit an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation in Hamburg), Kamp als Praktiker im Sportressort bei der FAZ. Eine denkbar gute Konstellation.

Streckenweise liest sich das rund 200 Seiten starke Kompendium wie eine kritische Reflexion aktueller Sportberichterstattung und deckt schonungslos die Wunden einer besonderen Journalismusgattung auf: Eine Berichterstattung, die mit seinen Akteuren auf Du und Du ist; die mehr unterhält und nach Sensationen giert, statt aufzuklären und zu analysieren. Es überwiegt – wie Horky und Kamp hervorheben – in den Sportteilen deutscher Medien die dramatisierte Erlebnis- und Ereignisberichterstattung, die den Sport “in die Nähe fiktionaler Angebote rückt” (46).

Ein Journalismus, der seine Gegenstände als “Dallas with balls” (46) inszeniert und die “Stunk-und-Zoff-Berichterstattung zum Prinzip erhoben” hat (47). Getragen von Reportern, die erfasst sind von der “Suchtgefahr” (13) des Sportjournalismus und agieren wie ein “Fan, der es hinter die Absperrung geschafft hat” (51). Sportjournalisten, die früher selbst Akteure und Profis waren, die als Entertainer auftreten, “über eigene Autogrammkarten” verfügen und auch vom Publikum “als Teil des Sportbetriebs identifiziert und akzeptiert werden” (113).

Es ist ein Journalismus, der zudem vielfach für seine Themen Geld bezahlen muss; der dadurch zum Promoter einer Ware wird und als Vermarkter eines “Hochglanzprodukts” (13) auftritt. Aber wer macht schon das Produkt schlecht, das er verkaufen will? Auch das ist ein systemimmanentes Grundproblem des gesamten Sportbereichs: Es überwiegen daher die Emotionen und Dramatisierungen – gerade im wirkungsmächtigen Bereich der Bilder, die der Sport produziert. Bilder, denen man nach Horky und Kamp mit Misstrauen, ja sogar Widerstand begegnen muss (vgl. 42). Angesichts von Millionen-Summen für Übertragungs- und Senderechte fragen die Autoren zu Recht: “Ist Berichterstattung über (mit)finanzierte Wettbewerbe also überhaupt noch Journalismus? Oder doch schon PR?” (14). Und das Fragezeichen klingt im Laufe der Lektüre des Buches zunehmend eher wie ein Ausrufezeichen.

Doch es gibt auch den anderen Sportjournalismus, den investigativen und unbequemen. Recherchen und Storys über Doping, Korruption, Klüngeleien und Manipulationen. Mehrere Beispiele stellen die Autoren dafür vor. Sie zeigen die “Mechanismen und Brüche, die sich hinter der glänzenden Fassade verbergen“ (43). So etwa der Skandal um die Finanzen von Borussia Dortmund (vgl. 123ff.) oder der Einsatz von Gendoping (vgl. 119ff.) – im Band jeweils nacherzählt von denjenigen Sportreportern, die diese unbequemen Storys einst schrieben.

Dieser praxisnahe Ansatz steht für das Selbstverständnis der gesamten Reihe. Dementsprechend liefern Horky und Kamp auch jede Menge Praxisbezug: So etwa einen guten Überblick über die aktuelle Medienlandschaft im Sportbereich (vgl. 57ff.), der vom TV über Hörfunk und Print bis hin zu Online und Blogosphäre alle medialen Plattformen einschließt und unter dem Stichwort ‘Best Practice’ Schlaglichter auf die Sportpresse wirft – und das national wie international. Dazu gibt es ‘Checklisten’, Kurzinterviews und -porträts von Sportjournalisten.

Bei Letzterem zeigt sich das Buch leider von einer seiner wenigen schwächeren Seiten. So fallen die Kurzporträts inhaltlich doch ab und ergehen sich eher in allzu harmlosen Lebenslaufstationen und Feststellungen wie “Am meisten Freude aber bereitet dem unabhängigen Ermittler die Zeit in seinem Blog” (116).

Schade auch, dass der Band ein anderes Dilemma des Sportjournalismus fortscheibt; ein Dilemma, das die Autoren zuvor selbst noch konstatiert haben: seine Männerlastigkeit. Alle Porträts, alle Fallbeispiele, alle Schlaglichter auf die Praxis handeln von Männern. Dabei gibt es längst auch starke Frauen im Sportjournalismus: sei es Sabine Töpperwien im Hörfunk oder Okka Gundel im TV bei der ARD.

PolitikSammelrezension
Dass zum ‘Basiswissen für die Medienpraxis’ grundlegend auch die kritische Selbstreflexion über den eigenen Gegenstand gehört, zeigt auch der Band Politik von Andreas Elter und Stefan Raue aus der gleichen Reihe. Wer viel über den Zustand, die Zwänge und Spielarten des aktuellen deutschen Politikjournalismus erfahren will, ist hier gut aufgehoben. Sicherlich funktioniert der Band auch als einführendes Lehr- und Handbuch: mit seinen historischen Rekursen, seinen Aufgabenbeschreibungen des Politikjournalismus (Chronist, Kontrolleur, Informationsverbreiter, Aufklärer und Öffentlichkeit herstellende Instanz), seinen guten Schaubildern und seinem Mut zu klaren Definitionen. Zumal auch hier die Praxis mit Tipps zu Recherchestrategien oder Rubriken wie ‘Die Geschichte hinter der Geschichte’, ‘Was war da eigentlich los?’, ‘Best Practice’ oder ‘Checkliste für Politikjournalisten’ nicht zu kurz kommt.

Darüber hinaus – und das ist sein besonderer Verdienst – liest sich das Buch stellenweise wie ein Pulsmesser der aktuellen politischen Medienlandschaft. Denn die Politprofis Elter (als Lehrender) und Raue (als Praktiker) zeigen vor allem die Mechanismen und grundsätzlichen Dilemmata des Politikjournalismus auf: Ähnlich wie im Sport steht auch der Politikjournalist vor der “beständige(n) Nähe-Distanz-Problematik” (59). Ein heikler Spagat zwischen der Rolle als Aufklärer und  “potentieller Störenfried” (57) einerseits und der Notwendigkeit zu Kontakten und Informationsquellen anderseits. Denn rasch werden Journalisten instrumentalisiert – und das auf allen Ebenen: Überall lauert die Gefahr der Vereinnahmung und “Medieninszenierungen” (61) – vom Bundestag bis zum Stadtrat. Überall liegen Fallstricke, wie die Kapitel über die Funktionsweisen des Lobbyismus (vgl. 79ff) oder Interpretationsspielräume der Demoskopie (vgl. 86ff.) eindrucksvoll belegen.

Und wiederum ähnlich zum Sportbereich ist auch der Politikjournalismus zum Getriebenen geworden. Der “Takt der Berichterstattung” (75) hat sich enorm erhöht – mit erheblichen Auswirkungen auf die Qualität des Outputs: Auch hier zeigt sich wieder die Tendenz zur “Boulevardisierung” und “Personalisierung” (75f.).

Dieser Hang zur Unterhaltung und Emotionalisierung könnte aber zum tragischen Bumerang werden. Nämlich dann, wenn das an Verflachung und unkritische Haltungen gewöhnte Publikum völlig indifferent geworden ist, woher die Informationen und Geschichten überhaupt stammen.

Gerade diese Gefahr trifft erneut auf Sport und Politik gleichermaßen zu: Hier wie dort vollzieht sich ein gefährlicher Rollentausch, der den Journalismus in seinem Kernbereich treffen dürfte. Denn längst hat der Journalismus sein Informationsmonopol verloren, längst sind die Akteure des Sports und der Politik selbst zu fleißigen Produzenten von Medieninhalten geworden: Politiker kommunizieren via Twitter, Blogs, Facebook und Youtube-Channels direkt mit ihrem Publikum, weshalb Elter und Raue schon eine “Politikvermittlung ohne Politikjournalisten” (186) heraufziehen sehen.

Noch weiter ist hier der Sport: Vereine und Verbände agieren wie Medienunternehmen, die mit Klub-TVs oder vorformulierten Spieler-Interviews bereits eine Rundum-Versorgung anbieten. Dabei umfasst das von Horky und Kamp als “Agenda-Setting der Akteure” (144) beschriebene Mediengebaren im Sportbereich auch Phänomene wie Zitatenkontrolle, Zugangsbeschränkungen und Zuverlässigkeitsprüfungen. Längst herrsche eine “Kommunikation in vorgegebenen Kanälen” (138).

Vor diesem Hintergrund tut kritisches Bewusstsein und vor allem viel Skepsis im Journalismus Not. Die beiden Einführungsbände leisten dafür gute Vorarbeit – und sie erfüllen selbst vorbildlich die journalistischen Grundprinzipien, zu denen sie anleiten wollen: aufklären, informieren, an aktuellen Fällen exemplifizieren und zu Selbstreflexion anregen.

Links:

Über das BuchThomas Horky, Hanns-Christian Kamp: Sport. Basiswissen für die Medienpraxis. Reihe: Journalismus Bibliothek, Band 6. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2012, 208 Seiten, 18,50 Euro.

Andreas Elter, Stefan Raue: Politik. Basiswissen für die Medienpraxis. Reihe: Journalismus Bibliothek, Band 1. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2013, 232 Seiten, 18,50 Euro.Empfohlene ZitierweiseBasiswissen für die Medienpraxis. von Paul, Markus in rezensionen:kommunikation:medien, 1. April 2014, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/16183
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Rezensent/in
Prof. Dr. Markus Paul lehrt an der Hochschule Ansbach im Studiengang "Ressortjournalismus". Zu seinen Fachgebieten gehören u.a. "Crossmedialer Journalismus", "Medienethik" und "Medienwirkungsforschung". Zudem betreut er den Studienschwerpunkt "Sport-Journalismus". Markus Paul war lange Jahre als Politikredakteur bei der "Nürnberger Zeitung" tätig. Dort leitete er zuletzt als Mitglied der Chefredaktion den Newsdesk und war für die Blattplanung und -aufmachung zuständig.