Wegweiser in den Journalismus

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Rezensiert von Gabriele Bartelt-Kircher

Sammelrezension
Die Reihe Wegweiser Journalismus, herausgegeben von Christoph Fasel, eröffnet Jürg Häusermann mit einem aktualisierten und didaktisch bearbeiteten Auszug seines zum Klassiker der Journalistenausbildung gediehenen Journalistisches Texten. Titel des Bands 1 der Wegweiser-Reihe ist schlicht Schreiben. Das Buch hilft Anfängern mit zahlreichen Text-Beispielen. Sie sind erfreulich aktuell ausgewählt und für ein jüngeres interessiertes Publikum deshalb leichter verständlich. Da es auch um das Entwickeln eines eigenen Schreibstils geht, sind die Argumente für Verständlichkeit leichter zu akzeptieren. Ein allzu selbstverliebter Schreibfluss, den gerade Anfänger im Journalismus versuchen zu behaupten, wird hier immer wieder auf Verständlichkeit geprüft. Jürg Häusermanns Stärke ist es, mit seinen Tipps zum Portionieren, Verdichten und Beleben dem Autor zu helfen, seine Texte selbst auf Verständlichkeit zu prüfen. Testaufgaben überprüfen den Lernerfolg.

Mit seinen Tipps zur Abgrenzung von eigener und fremder Rede zwingt Häusermann die Autoren zur Klärung der eigenen Rolle und ihrer Absicht. Schließlich erläutert er in einem letzten Kapitel zur “Körperlichkeit des Schreibens” die Möglichkeiten, kreativer zu formulieren. Sehr hilfreich ist die Literatur-Liste, in der die Titel und Verfasser mit einem Nützlichkeitshinweis versehen sind.

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Band 2 der Reihe trägt den Titel Textsorten. Christoph Fasel erläutert die verschiedenen journalistischen “Bausteine” – von der Nachricht über das Feature und die Reportage, den Kommentar, die Glosse und die feuilletonistischen Rezension bis hin zum Nutzwert-Text.  Um die Nuancen für Anfänger deutlich herausarbeiten zu können, wählt er ein Ereignis, an dem er die unterschiedliche Darstellung, Wirkung und Rezeption deutlich machen kann. Ein alltäglicher Kriminalfall wird durchdekliniert: Die nüchterne Polizeimeldung wird zur Nachricht, zum Bericht, zum Feature, zur Reportage, zum Porträt, zum Kommentar, zum Interview, zur Glosse, zur Kritik oder Rezension, zum Essay, zur Betrachtung und schließlich zur Karikatur. Erläuterungen zur Magazinstory ergänzen das Spektrum der journalistischen Darstellungsformen.

Beispiel-Texte werden mit Tipps für Recherche angereichert, grafisch in Extra-Kästen gut aufbereitet. Auch die rechtlichen Aspekte des Zitats und des Interviews oder Porträts werden behandelt. Um die Geschichten zu fokussieren, bemüht er Wolf Schneider, Lehrmeister Fasels an der Henri-Nannen-Schule, und stützt mit seinem Küchenzuruf. Zum Abschluss behandelt Fasel den Nutzwert in einem eigenen Kapitel, da diese Texte in Zukunft für die journalistische Arbeit immer bedeutsamer werden. Für Anfänger ist dieser Band eine gute Arbeitshilfe. Auch endet er mit einer erläuternden Literaturliste.

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Band 3 schrieb Gabriele Goderbauer-Marchner mit dem Titel: Journalist werden! Das Ausrufezeichen stellt sich quer zur aktuellen Diskussion um den Niedergang des Journalismus – aufregend zu lesen, gut gegliedert durch Merksätze, Grafiken aus der aktuellen Statistik und Auszüge aus wichtigen Vereinbarungen in Erklärungen der Journalisten-Gewerkschaften, Tarifverträgen und Veröffentlichungen des Presserats. Das Buch listet für den Einsteiger aktuelle Institutionen zur Journalistenausbildung in Verlagen, Hochschulen und Stiftungen auf. Goderbauer-Marchner war bis zum Ende des Jahres 2009 Geschäftsführerin des Mediencampus Bayern und kennt daher die meisten beschriebenen Angebote. Ihr Vorteil: Sie beurteilt kompetent, kurz und knapp und zumeist treffend.

Den Nachteil eines Buches zum journalistischen Beruf, der sich mit der aktuellen Medienentwicklung ständig verändert, fängt die Autorin auf, indem sie ihre Angaben ergänzt um zahlreiche Links zu den Webseiten der Bundesanstalt für Arbeit, der Berufsverbände und einschlägigen Institutionen wie dem Presserat und dem Öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Sie lässt vor allem den privaten Sektor der Rundfunk- und Fernsehveranstalter nicht aus. Goderbauer-Marchner nennt nicht nur die Webadressen, sie bewertet vorsichtig aber korrekt in der Tendenz die diversen Angebote. Trotz des Ausrufezeichens beschönigt sie nicht die Schattenseiten des Berufs in der aktuellen Medienkrise – eine echte Orientierungshilfe für Berufseinsteiger.

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Der Band 4 der Reihe Wegweiser Journalismus behandelt die zentrale Frage: Themen finden. Die freie Journalistin Barbara Scheiter zeigt an scheinbar banalen Alltagserfahrungen, wie sie in Themen umgesetzt werden können. Sie entwickelt dazu zehn Übungen, die vom Publikum durchgearbeitet werden können, um Sicherheit für ein Thema zu bekommen und es schließlich in einem Exposé der Redaktion mit Erfolg anbieten zu können.

Die Tipps zu nützlichen Newslettern, Websites und Beispielen sowie Checklisten für die Originalität der ausgewählten Themen helfen Anfängern im freien Journalismus, Aufträge zu finden und Sicherheit im Themenset zu gewinnen.

Der Band 5 ist eine erste Einführung in den visuellen Journalismus, der durch Internet und Privat-Fernsehen aktuell an Bedeutung zunimmt. Horst Werner ermuntert Interessierte am Fernsehen mit seiner autobiografisch unterlegten Handreichung zum “Fernsehen machen”. Er beginnt bei der Themenfindung für das “Bewegtbild” und ermuntert den Anfänger zum “Abgucken” und genauen Beobachten der Programme, denen er gerne zuliefern möchte.

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Der Autor schildert seine eigene Methode, durch akribisch sorgfältige Arbeit und Dokumentation dessen, was aufgenommen wurde, von den Profis im Fernseh-Metier ernst genommen zu werden. Dazu erläutert er seine eigenen Tabellen und Laufpläne. Als Reporter für ein Fernsehmagazin schenkt er der Recherche und dem Gegen-Check sowie den rechtlichen Fragen bis zur Autorisierung viel Aufmerksamkeit.

Der Anfänger erfährt so, wie komplex das Tätigkeitsfeld des Fernsehreporters ist und wie er sich dennoch auf die Herausforderung einlassen kann. Horst Werner bietet ihm dazu einen kleinen Einblick in das eigene gelegentliche Scheitern. So gilt der Lehrsatz: Scheitern ist keine Schande, schlimm ist nur, wenn man aus den Fehlern nicht lernt. Schließlich führt er auch in die Kunst des Textens zu Bildern ein. Er warnt vor zuviel Text und bietet dem Leser ein Gespür für die andere Art des journalistisches Vermittelns im Bewegtbild.

Das Genre Interview gewinnt im Journalismus aktuell an Bedeutung – die Zunahme der Talkrunden im Fernsehen unterstreicht das. Interviews zu führen ist das eine, sie autorisiert zu bekommen, das andere. Autor Christian Thiele, Textchef beim Playboy und verantwortlich für die Interviews, schildert in Band 6 der Reihe die Komplexität dieser Recherche- und Darstellungsform sehr offen und ehrlich. Er zitiert Profis der Interview-Szene wie Alexander Gorkow von der Süddeutschen Zeitung und Anne Will, die in Talkrunden die Spannung in der Interviewten-Runde aufrecht erhalten und die Gruppendynamik mit bedenken muss.

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Die Live-Situation zwingt den Interviewer zu bestmöglicher Vorbereitung, um Spannung und Tiefgang zu produzieren. Moritz von Uslar, der Erfinder der “100 Fragen an…”, erläutert die Dramaturgie eines längeren Interviews. Thiele beschreibt beste Beispiele wie das von Giovanni Di Lorenzos “Auf eine Zigarettenlänge mit Helmut Schmidt”. Er betont die Unterschiede von Print- und Live-Interview im Hörfunk oder Fernsehen. Aus seiner Praxis für den “Playboy” schildert er Knebelverträge für Interviewer durch die Agenten des Stars, gibt Tipps zur Autorisierung und Ratschläge zum richtigen Verhalten in Massen-Frage-Situationen in international besetzten Interview-Runden. Nützlich für den Anfänger sind seine Hinweise auf das äußere Erscheinungsbild des Interviewers und seine Diktion, damit die Chemie stimmt.

Checklisten zum Interview zeigen immer wieder, dass eine gründliche Vorbereitung auf den Gesprächspartner und die Fokussierung der Frage-Stellung absolut zwingend sind. Parameter wie die Live-Situation und die Zeit lassen keine andere Wahl, wenn das Interview gelingen soll. Für Anfänger und Fortgeschrittene bietet dieser Band eine Art “best of”, indem es vor allem erfolgreiche Interviewer zitiert. Die kommentierte Literaturliste führt weiter im Genre.

Links:

  • Verlaginformationen zur Reihe “Wegweiser Journalismus”
Über das BuchJürg Häusermann: Schreiben. Reihe: Wegweiser Journalismus, Band 1. Konstanz [UVK] 2008, 139 Seiten, 14,90 Euro.

Christoph Fasel: Textsorten. Reihe: Wegweiser Journalismus, Band 2. Konstanz [UVK] 2008, 142 Seiten, 14,90 Euro.

Gabriele Goderbauer-Marchner: Journalist werden! Reihe: Wegweiser Journalismus, Band 3. Konstanz [UVK] 2009, 139 Seiten, 14,90 Euro.

Barbara Scheiter: Themen finden. Reihe: Wegweiser Journalismus, Band 4. Konstanz [UVK] 2009, 132 Seiten, 14,90 Euro.

Horst Werner: Fernsehen machen. Reihe: Wegweiser Journalismus, Band 5. Konstanz [UVK] 2009, 143 Seiten, 14,90 Euro.

Christian Thiele: Interviews führen. Reihe: Wegweiser Journalismus, Band 6. Konstanz [UVK] 2009, 142 Seiten, 14,90 Euro.Empfohlene ZitierweiseWegweiser in den Journalismus. in rezensionen:kommunikation:medien, 7. Mai 2010, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/1616
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Dipl. Soz. Gabriele Bartelt-Kircher ist Leiterin der Journalistenschule Ruhr seit ihrer Gründung 1993.