Dörte Hein: Erinnerungskulturen online

Einzelrezension
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Rezensiert von Erik Meyer

hein2009Einzelrezension
Im deutschsprachigen Raum stellt “Erinnerungskultur” einen nach wie vor expandierenden Fokus der historiografisch-kulturwissenschaftlichen Forschung dar. Insbesondere im Zusammenhang mit der medialen Repräsentation von Vergangenheit werden fortlaufend Studien vorgelegt, und nach den audio-visuellen Massenmedien richtet sich das empirische Interesse nun auf Formate der Online-Kommunikation, wie sie sich im World Wide Web vollzieht. Im gedächtnistheoretischen Diskurs wurde die Digitalisierung bislang primär unter dem Gesichtspunkt ihrer Konsequenzen für Archivierung und Speicherung behandelt (vgl. z.B. Assmann 2001), die eine Krise des Gedächtnisses evozieren würden. Die Folgen für die Verbreitung erinnerungskulturell einschlägiger Inhalte wurden zunächst vor allem praxisbezogen etwa am Beispiel von als Lehrmittel konzipierten CD-ROMs reflektiert.

In dieser Perspektive sind inzwischen auch auf den Gegenstandsbereich “Nationalsozialismus und Holocaust” bezogene Websites behandelt worden, beispielsweise in einem als Marktanalyse konzipierten Überblick zu deutschsprachigen Online-Angeboten sowie CD/DVD-Produktionen (Wirtz 2005), und die erste Monografie zu “Erinnerungskulturen im Cyberspace” (Dornik 2004) versteht sich als “Bestandsaufnahme österreichischer Websites” zu diesem Thema. Wie dieser Untertitel bereits indiziert, steht hier mehr die Exploration als systematische Reflexion des Forschungsfeldes im Mittelpunkt. Eine zweite deutschsprachige Monografie (Grellert 2007) erschließt den Gegenstandsbereich ebenfalls typologisch, legt den empirischen Schwerpunkt dann aber auf ein sehr spezifisches Thema, nämlich die “Potentiale digitaler Technologien für das Erinnern zerstörter Architektur”, die am Beispiel der Synagogen in Deutschland experimentell eruiert werden.

Dörte Hein greift nun mit ihrer Studie, die empirisch die gleiche Materie adressiert, einige Defizite der bisherigen Beschäftigung mit dem Thema auf. In Auseinandersetzung mit den kulturkritischen Konnotationen des etablierten Gedächtnis-Diskurses orientiert sich Hein dabei an Erll (2005), ergänzt deren erinnerungskulturwissenschaftliche Perspektivierung von Gedächtnismedien aber um kommunikationswissenschaftliche Aspekte. Daraus resultiert die Einschätzung, dass “Erinnerungskulturen als kommunikative Erinnerungsprozesse adäquat zu beschreiben” (69, H.i.O.) sind. Deshalb bezieht Hein nicht nur einschlägige und von ihr inhaltsanalytisch untersuchte Angebote, sondern eben auch die betreffenden Akteure (also Produzenten und Rezipienten) in ihre Untersuchung ein. Operationalisiert wird dieses Vorgehen einerseits durch Experteninterviews mit als “Kommunikatoren” bezeichneten Verantwortlichen auf Seiten der Anbieter exemplarischer Websites und andererseits durch eine Online-Befragung bezüglich des Nutzungsverhaltens. Der konsequent durchgehaltene Ansatz, diese drei Analyseebenen zu differenzieren und sie mit gegenstandsadäquaten Methoden zu untersuchen, überzeugt, auch wenn im Detail sicher kritische Fragen aufgeworfen werden können.

Im Fokus dieser Vorgehensweise stehen zwölf Fälle, die typisierend die Schwerpunkte “Information”, “Service” und “Portal” repräsentieren. “Grob lassen sich die Angebote dem Entstehungskontext nach in institutionell eingebundene und privat betriebene Websites unterscheiden” (120, H.i.O.). Die heuristische Relevanz dieser Einteilung muss jedoch im Zuge der technisch-medialen Evolution hin zum Web 2.0 relativiert werden, insofern nutzergenerierte Inhalte gerade für kommerziell ausgerichtete Online-Angebote zunehmend an Bedeutung gewinnen und damit eine Hybridisierung zu konstatieren ist. Besonders interessant sind die Ergebnisse aber dort, wo die Erwartungen der Anbieter mit dem Handeln der Nutzer konfrontiert werden können. Ein Beispiel dafür ist die Überschätzung der Rolle der Massenmedien bei der Frage, wie Interessenten Zugang zu bestimmten Websites finden, denn “ein Drittel der User wurde über Links von anderen Sites auf die Angebote aufmerksam” (231). Hier hält die Studie anwendungsbezogene Implikationen für private oder zivilgesellschaftliche Akteure bereit, denen häufig die Ressourcen für eine systematische Reflexion der eigenen Praxis fehlen. Schließlich bündelt Hein ihre Ergebnisse prägnant in neun Thesen, die auch einige akademische Annahmen korrigieren. Dies betrifft sowohl die Debatte über Erinnerungskulturen und Gedächtnismedien (z.B. die von Levy/Sznaider 2001 formulierte Kosmopolitisierungs-These) als auch die fachwissenschaftliche Diskussion. Insofern ist ihrem Plädoyer für eine Forschungsperspektive, die medienanalytische und kommunikationsbezogene Betrachtungen integriert und meines Erachtens mit Zierold (2006) als ‘medienkulturwissenschaftlich’ bezeichnet werden könnte, uneingeschränkt zuzustimmen.

Literatur:

  • Assmann, A.: “Das Archiv und die neuen Medien des kulturellen Gedächtnisses”. In: Stanitzek, G.; Vosskamp, W. (Hrsg.): Schnittstelle. Medien und kulturelle Kommunikation. Köln [DuMont] 2001, S. 268-281.
  • Dornik, W.: Erinnerungskulturen im Cyberspace. Eine Bestandsaufnahme österreichischer Websites zu Nationalsozialismus und Holocaust. Berlin [trafo] 2004.
  • Erll, A.: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. Eine Einführung. Stuttgart, Weimar [J. B. Metzler] 2005.
  • Grellert, M.: Immaterielle Zeugnisse. Synagogen in Deutschland. Potenziale digitaler Technologie für das Erinnern zerstörter Architektur. Bielefeld [Transcript] 2007.
  • Levy, D.; Sznaider, N.: Erinnerung im globalen Zeitalter: Der Holocaust. Frankfurt am Main [Suhrkamp] 2001.
  • Wirtz, S.: Marktanalyse: Deutschsprachige Online- und CD/DVD-Produktionen zum Thema Nationalsozialismus und Holocaust. Frankfurt am Main 2005. Online unter http://www.fritz-bauer-institut.de/forschung/web-cd-dvd_bericht.pdf
  • Zierold, M.: Gesellschaftliche Erinnerung. Eine medienkulturwissenschaftliche Perspektive. Berlin, New York [Walter de Gruyter] 2006.

Links:

Über das BuchDörte Hein: Erinnerungskulturen online. Angebote, Kommunikatoren und Nutzer von Websites zu Nationalsozialismus und Holocaust. Konstanz [UVK] 2009, 294 Seiten, 29,– Euro.Empfohlene ZitierweiseDörte Hein: Erinnerungskulturen online. von Meyer, Erik in rezensionen:kommunikation:medien, 15. Oktober 2009, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/126
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Rezensent/in
Dr. Erik Meyer vertritt im Wintersemester 2009/2010 eine wissenschaftliche Assistenz am Institut für Politikwissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen.