Markus Wolsiffer: Das Nachrichtenverständnis junger Menschen

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Rezensiert von Nadine Klopfenstein Frei

Einzelrezension

Wenn ein promovierter Journalist ein Buch über das Nachrichtenverständnis junger Menschen schreibt, so mag man das ein oder andere zugespitzte Argument oder zumindest eine spitze Feder erwarten. Doch Markus Wolsiffer hat sich beim Verfassen seines Buches Das Nachrichtenverständnis junger Menschen in wissenschaftlicher Zurückhaltung geübt. So hat der Autor seine Dissertation zu einem schönen Gesamtwerk über das Nachrichtenverständnis von Jugendlichen im Alter von 14 bis 21 Jahren zusammengefasst, das zudem eine Übersicht über die Nachrichtenforschung und deren zugrundeliegenden Theorien gibt. Mehr noch, er hat in seinem fast schon monumental anmutenden Buch (über 560 Seiten) einen umfassenden Abriss der wichtigsten Theorien der Nachrichten- und Kommunikationsforschung verfasst – was in Zukunft bestimmt dem ein oder anderen Studierenden zuträglich sein dürfte. Bestechen die Abschnitte zu Ausgangslange und Problemstellung des Werkes noch mit pointierten Aussagen, die auch ernsthafte Leser: innen schmunzeln lassen, so wird das Buch mit fortschreitenden Kapiteln spröder und schwieriger zu lesen. Dass dabei das theoretische Fundament mehr als die Hälfte des Buches umfasst, ist der Lesbarkeit der Studie nicht zuträglich.

Der für die Forschung aussagekräftige empirische Teil beinhaltet eine Befragung junger Erwachsener zu ihrem Verständnis von Nachrichten sowie eine Fokusgruppe, in welcher TV-Formate für ebendiese Zielgruppe mit Jugendlichen diskutiert wurden. Die Wahl der Befragung als klassisches Instrument der Kommunikationswissenschaften um aussagekräftige Ergebnisse zu erhalten, ist dabei nachvollziehbar. Nichtsdestotrotz wäre auch eine qualitative Einordnung der Forschungsfrage, ob Jugendliche im Alter von 14 bis 21 Jahren ein eigenes, individuelles Nachrichtenverständnis haben, das sich vom normativen Verständnis unterscheidet, bestimmt erhellend gewesen.

Dass sich der Autor im qualitativen Studienteil auf TV-Nachrichten fokussiert – die im Medienrepertoire der Zielgruppe insgesamt nur spärlich vertreten sind – bleibt wenig begründet, konsumieren Jugendliche im Alter von 14 bis 20 Jahren Nachrichten doch vor allem über die Sozialen Medien. So bleibt das Ziel des Buches – den “blinden Fleck” der Sicht des jungen Publikums zu erhellen – eher ein (kleines) Blitzlicht.

Trotz des Blickes auf eher traditionelle TV-Formate fokussiert der Autor kritisch auf die bisherige Definition von Nachrichten und das Nachrichtenverständnis allgemein und dringt damit direkt zum Kern der Problemstellung vor: wie Jugendliche Nachrichten verstehen und ob sich ihr Nachrichtenverständnis vom normativen Ideal unterscheidet. Dabei zeichnet er nicht wie andere Autor:innen ein eher dystopisches Bild junger Erwachsener als Rezipient: innen, sondern differenziert hier zwischen Interesse an Nachrichten und dem Nachrichtenkonsum selbst. Wolsiffer weist darauf hin, dass letzterer nur einen geringen Teil der (digitalen) Mediennutzung dieser Gruppe ausmacht.

Richtig spannend wird das Buch ab Kapitel 4, welches gelungen die aktuellen Theorien und die Studienlage zusammenfasst. Für Leute mit wenig Zeit lohnt sich ein Einstieg an dieser Stelle – die theoretische Einleitung mit den bekannten und ausführlich dargestellten Kommunikations- und Nachrichtentheorien kann getrost übersprungen (oder den Studienanfängern überlassen) werden.

Die kritische Auseinandersetzung mit dem Uses and Gratification Ansatz und verschiedene Weiterentwicklungen der Methode sind dann wieder eher etwas für Forschende, die sich vertieft damit auseinandersetzen. Dass die Studie 2020 während Corona unter erschwerten Bedingungen entstand und sowohl die Rekrutierung der Befragungs-Teilnehmenden einem externen Anbieter übergeben als auch die Fokusgruppe digital durchgeführt werden mussten, ist umso bemerkenswerter, da keine nennenswerten Limitierungen daraus entstanden.

Die Ergebnisse der Befragung zeigen unterschiedliche Cluster von Nachrichtenverständnissen auf, die durchaus detaillierter beschrieben hätten werden dürfen – stellen sie doch das eigentliche Herzstück der empirischen Studie dar und könnten eine neue Perspektive auf die Nachrichtenforschung von jungen Menschen eröffnen. Es zeigt sich, dass das individuelle Verständnis, was als Nachrichten wahrgenommen wird, doch wesentlich zum Rezeptionsverhalten beiträgt – trotz der Variabilität innerhalb der Zielgruppe.

Diese Erkenntnis stellt die Medienbranche bei der Produktion von Nachrichten für Jugendliche vor ein fundamentales Problem: Die Zielgruppe kann nicht als homogen betrachtet werden. Dies hat Implikationen für die Produzierenden von Nachrichtenformaten, können sie demnach nie allen Ansprüchen jugendlicher Rezipienten im Alter von 14 bis 21 Jahren gerecht werden. Diese Segmentierung gepaart mit dem Kampf um Aufmerksamkeit verschärft das Problem der Nachrichtenproduktion zusehends. Hier die Haltung einzunehmen, dass Rezipient:innen sich selbst aktiv nach passenden Angeboten umsehen sollten, um ihr Informationsbedürfnis zu befriedigen, scheint damit gänzlich überholt zu sein.

Markus Wolsiffer zeichnet in seinem Buch Das Nachrichtenverständnis junger Menschen ein differenziertes Bild der jugendlichen Nachrichtenrezipierenden und regt zum Umdenken an. Mit der Publikation seiner Doktorarbeit hat der Autor insgesamt ein ansprechendes Werk mit spannenden und wichtigen Erkenntnissen zum Nachrichtenverständnis junger Menschen verfasst, dass im Umfang etwas schmaler hätte ausfallen dürfen, jedoch durch seine umfassende Einordnung in die Nachrichten- und Kommunikationstheorien ein fundamentales Grundlagenwerk darstellt.

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Über das BuchMarkus Wolsiffer: Das Nachrichtenverständnis junger Menschen. Definitionen und Erwartungen im Kontext aktueller journalistischer Information. Wiesbaden [Springer VS] 2022, 543 Seiten, 84,99 EuroEmpfohlene ZitierweiseMarkus Wolsiffer: Das Nachrichtenverständnis junger Menschen. von Klopfenstein Frei, Nadine in rezensionen:kommunikation:medien, 12. Mai 2023, abrufbar unter https://www.rkm-journal.de/archives/23814
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