Rezensiert von Beatrice Dernbach

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Journalisten (gleichgültig welchen Geschlechts) sind es auch. Mit dieser psychologischen Grundannahme macht sich Julia Faltermeier auf Spurensuche, wie dennoch journalistische Routinen verändert werden können. Nicht um der Abwechslung willen, sondern um mehr Konstruktiven Journalismus (KJ) umzusetzen. Die Autorin analysiert aus einer psychologischen Perspektive intrinsische und extrinsische Motivationen für einen Wandel – aber auch die Barrieren und Hindernisse. Sie hat ein nur 170 Seiten dickes Buch (15 Seiten davon umfasst das Literaturverzeichnis) vorgelegt, in dem sie die wissenschaftliche Analyse sehr gewinnbringend mit der Alltagsbeobachtung verknüpft.
Maren Urner, Psychologin, Autorin und Professorin an der Hochschule Münster für Nachhaltige Transformation sowie Mitgründerin der Plattform Perspective Daily, steckt in ihrem kurzen Vorwort das Feld ab: Die Welt ist wie ein Flughafen – “schnelllebig, laut und geschäftig”. Die zentralen Werte der Nachrichtenselektion sind vor allem Negativität und Prominenz. Die Grenzen von Mediengattungen verwischen. Angesichts der Nachrichtenflut fühlen sich die Menschen zunehmend erschöpft und sie vertrauen immer weniger dem, was sie lesen, hören und sehen. Da könnte Konstruktiver Journalismus eine, wenn nicht sogar die eine Lösung sein. Aber noch hat sich das Konzept – trotz sichtbar steigender Nachfrage – nicht durchgesetzt. Selbst in der Medienbranche wird es als “Schönfärberei” skeptisch betrachtet. Oder resultiert dies vor allem aus dem Festhalten an lieb gewordenen Gewohnheiten!?
Auf den ersten 51 Seiten führt die Journalistin Faltermeier dieses grundlegende, leider sehr bekannte und häufig beschriebene Szenario aus. Sie fundiert die Krise des Journalismus und zeigt mit dem Konzept des Konstruktiven Journalismus, wie Bürgerinnen und Bürger stärker angesprochen und einbezogen werden können, um sie als Publika zurückzugewinnen und zu binden. Kernmerkmal des Konstruktiven Journalismus sei es nicht, an das Ende eines journalistischen Beitrags noch eine – vielleicht sogar erfundene – Lösung zu kleben, sondern die klassischen W-Fragen um “Was jetzt?” zu erweitern. Das sei ein “aktiver Versuch, zu Problemen bestehende Lösungsansätze zu präsentieren” (33).
Journalismus muss umgedacht werden. Dafür ist es weder nötig noch möglich, alle Standards und Routinen über Bord zu werfen; der “Auslösereiz, Nachrichten zu recherchieren” müsse beibehalten werden (58). So klar, so leicht? Nötig ist nicht weniger als ein “Paradigmenwechsel” (54), weg vom Sensationsjournalismus hin zu einem informierenden, auf- und erklärenden, einbeziehenden und handlungsmotivierenden Konstruktiven Journalismus. Es gelingt Faltermeier auf hervorragende Weise, nicht ins normativ-utopisch Kitschige abzugleiten, indem sie mittels Erkenntnissen aus der Verhaltensforschung den “Habit Loop” der Journalistinnen und Journalisten erklärt. Sie haben in der Ausbildung und im redaktionellen Alltag ihre Routinen erlernt, pflegen damit aber auch die immergleichen Denk- und Wahrnehmungsmuster (55).
Die Autorin beschreibt den journalistischen Habitus auf der Basis sozialwissenschaftlicher Theorien (außer Bourdieu) sehr anschaulich mit Praxisbeispielen. Gut nachvollziehbar dekliniert sie die folgende Prozesskette: Der Habitus wird geprägt aus der gelernten journalistischen Einstellung und der in der beruflichen Sozialisation vermittelten unterschiedlichen, funktionalen Handlungsstrategien. Aber was motiviert eine Journalistin dazu, die beruflichen Routinen neu zu justieren? Ausschlaggebend dafür sind sowohl eine hohe intrinsische Motivation (v.a. übereinstimmende Werte) als auch extrinsische Anreize (z.B. Geld, Statuserhöhung, Fort- und Weiterbildung) (68).
Entlang dieser wissenschaftlichen Fokussierung hat Julia Faltermeier ihre vier Forschungsfragen (79) und acht Hypothesen (86-90) in Form einer qualitativen Analyse von acht Leitfadeninterviews operationalisiert. Sie hat sich bewusst für ein kleines Sample von Journalistinnen und Journalisten entschieden, die bereits den Wechsel vom klassischen Nachrichten- zum Konstruktiven Journalismus vollzogen haben und in entsprechenden Redaktionen beziehungsweise für spezifische Formate und Programme arbeiten (darunter zum Beispiel Klima Update (RTL), Perspective Daily, plan b (ZDF), Krautreporter).
Selbstredend sind die Ergebnisse nicht repräsentativ und in ihrer Aussagekraft limitiert. Die qualitative Erkenntnis hingegen ist es nicht. Die journalistischen Gewohnheiten und Routinen sind für die Befragten nach wie vor eine wichtige Grundlage des beruflichen Alltagshandelns (103). Der Perspektivenwechsel war und ist mit Verunsicherung verbunden (vgl. 103 f.). Aber eine Kombination aus intrinsischer Motivation (Familienplanung, Ortwechsel; Übereinstimmung des subjektiven Normen- und Wertesystems mit dem KJ-Konzept) mit extrinsischen Impulsen (Jobangebot; anerkennendes Feedback; Wirksamkeit, sichtbar zum Beispiel in steigender Reichweite und Reaktionen aus dem Publikum) führt zu einer nachhaltigen Veränderung des Habitus.
Spätestens in ihren Handlungsempfehlungen (vgl. 148-152) macht die Autorin deutlich, dass es mit der Integration des KJ-Konzepts in das berufliche Selbstbild und der entsprechenden Weiterentwicklung des beruflichen Habitus nicht getan ist. Parallel müssen eine konstruktive Redaktionskultur und offene, aber verbindliche Arbeitsstrukturen implementiert werden. Last but not least benötigen diese Prozesse Zeit und Optimismus (vgl. 153).
Die Lektüre des Bandes ist uneingeschränkt zu empfehlen. Die beste Wirkung entfaltet sie, wenn zwei weitere Bücher flankierend gelesen werden: von Stella Lorenz Neue journalistische Erzählformen für Nachhaltigkeit (2023) und von Jana Rick Ausstieg aus dem Journalismus. Erstere zeigt passende Beispiele für Konstruktiven Journalismus und Zweitere analysiert, warum Journalistinnen die Lust an einem der wichtigsten und schönsten Berufe der Welt verlieren. Julia Faltermeier ermutigt zum Umdenken!
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