Rezensiert von Sabine Schiffer


Fabian Goldmann legt mit seinem Buch Staatsräsonfunk eine hervorragende Auswertung der deutschen Nahostberichterstattung vor. Seine Datensammlung und quantitativ-empirische Analyse decken schonungslos Einseitigkeiten, Auslassungen und Verfälschungen im deutschen Nachrichtenjournalismus zu Israel-Palästina auf. Dabei stellt Goldmann diese Befunde jenen Ansprüchen gegenüber, die eine demokratische Gesellschaft gegenüber ihren Informationsmedien erhebt: dem Pressekodex, den Medienstaatsverträgen sowie den selbst formulierten Maßstäben einiger Medienhäuser.
Goldmann untersucht akribisch Fragen des Wordings, das Ausblenden wichtiger Fakten und Kontexte sowie die unhinterfragte Übernahme israelischer Pressestatements an prominent-aufmerksamkeitsrelevanten Stellen wie in Titeln. In den Mittelpunkt stellt er dabei die dpa sowie den öffentlich-rechtlichen Rundfunk – respektive die tagesschau. Das Ergebnis: die auffällige Herabwürdigung palästinensischen Lebens, die bis hin zu der Feststellung reicht, dass so manche „journalistische“ Einordnung den Beschuss von Menschen, ziviler Infrastruktur und damit auch das Töten von Journalisten geradezu ermöglicht hat. Die Kurzsichtigkeit deutscher Journalist:innen macht sich besonders am Umgang mit den gezielten Tötungen ihrer Kolleginnen und Kollegen in Gaza fest.
Der analysierte Zeitraum reichweitenstarker und den Durchschnitt repräsentierender Medien – BILD, Spiegel, taz, ZEIT und tagesschau – reicht vom 7. Oktober 2023 bis zum Januar 2025 und geht teilweise darüber hinaus. Ergänzend stellt Goldmann strukturelle Fragen, um das breite Medienversagen zu erklären. Während es um den Journalismus nicht gut steht, geht es Einflussagenten anscheinend sehr viel besser. Neben der strategischen Kommunikation von offizieller Seite beschreibt Goldmann Pressure-Groups nebst deren Arbeitsweise und Kampagnen und wie diese im Mainstream verfangen.1
Besonders überzeugend sind die Passagen, in denen Goldmann die Berichterstattung über Palästina mit der vergleichsweise empathischen über die Ukraine vergleicht. Oder wenn er darstellt, wie viele O-Töne israelischen Vertreter:innen eingeräumt werden im Gegensatz zur palästinensischen Seite. Die fast durchgängige Übernahme und Faktizierung israelischer Behauptungen – obwohl diese immer wieder widerlegt worden sind – zeugt von einem vorherrschenden Freundbild in deutschen Medien. Palästinensische Stimmen kommen kaum vor, und wenn doch, werden sie oftmals kriminalisiert. Dieses Ausblenden der palästinensischen Perspektive führt zu einer drastischen Asymmetrie in der Berichterstattung und einem falschen Framing. Durch das Weglassen palästinensischer Stellungnahmen und das Platzieren internationaler Organisationen in diese Leerstelle, entsteht der Eindruck, dass das Gegenüber Israels die UNO oder NGOs seien. Das verzerrt die medialen Rollen zusätzlich und verstärkt das Framing Israels, das sich selbst als David im Kampf gegen Goliath zeichnet. So werden Machtverhältnisse hinsichtlich staatlicher und militärischer Macht strukturell umgekehrt. Gleichzeitig wird bevorzugt von “Angriffen auf Israel” gesprochen, während zugleich dessen Angriffe als “Reaktionen und Verteidigung” eingeordnet werden. Die Belegdichte ist ebenso erschlagend wie die gegenübergestellten Opferzahlen, die die Medien trotzdem anscheinend nicht zur Reflexion dieses Bias gebracht haben.
Überzeugend ist die Feststellung, dass der relativierende Einschub “die Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen”, der in der Ukraineberichterstattung zunächst einen Fortschritt darstellte, im Fall der Vernichtung Gazas eine Ausrede ist. Denn andere Medien – vor allem außerhalb Deutschlands – waren sehr wohl in der Lage, Behauptungen zu überprüfen und Fakten aufzudecken, die nicht selten israelische Kriegsverbrechen waren. Wenn sich dieser Satz auf Ereignisse bezieht, die in Wahrheit längst aufgeklärt sind, wirkt das weniger wie eine seriöse journalistische Einordnung, sondern eher wie eine Verschleierungstaktik, wenn nicht gar Faktenleugnung.
Das gut 400 Seiten starke Buch kann als eine Fortführung der Bias-Forschung gesehen werden, deren Vorläufer etwa das anekdotisch vorgehende Resümée Die Tagesshow, wie man die Welt in 15 Minuten unbegreiflich macht ist. In diesem Büchlein rechnet Walter van Rossum (2007) mit den Auslassungen der tagesschau im Irakkrieg ab. Ebenso dazu zählt der konzise Artikel “Asymmetrische Berichterstattung” von Serge Halimi und Pierre Rimberg in Le Monde Diplomatique von 2019. Letzterer zeigt, wie unterschiedlich zwei vergleichbare Ereignisse – der Abschuss einer zivilen Passagiermaschine – von Medien bewertet wurden, je nachdem ob die USA oder die Sowjetunion die Verantwortlichen waren. Nicht der Sachverhalt entschied über die Wortwahl – sondern Freundbild und Feindbild. Angesichts von Staatsräsonfunk kann man also zu dem Schluss kommen: nichts dazu gelernt.
Staatsräsonfunk ist ein Muss für alle, die an Journalismus- und Medienfragen interessiert sind, sich um die Meinungsbildung in unserer Demokratie sorgen und dabei kompetent auf Faktenbasis mitreden wollen oder einfach bessere Journalist:innen werden wollen. Nicht nur die Verletzung journalistischer Standards wird vermittelt, sondern die Grundregeln journalistischen Arbeitens selbst werden nachvollziehbar. Goldmanns Buch ist ein wichtiger Beitrag zur Journalismusforschung, es ist gut lesbar geschrieben und verzichtet weitgehend auf Fachterminologie. Eine englische Ausgabe wäre ebenso wünschenswert.
Links:
- Verlagsinformationen zum Buch
- Webpräsenz von Prof. Dr. Sabine Schiffer am Institut für Medienverantwortung
- Mein einziger Kritikpunkt ist die Einstufung von Honest Reporting als wenig bekannt. Denn aus dem Dunstkreis dieser Gruppierung, die dem Aish-ha-Torah Netzwerk angehört, ging schon der islamophobe Propaganda-Film “Obsesson: Radical Islam’s War Against the West” hervor, der es 2005 auch über den Atlantik zu uns geschafft hat; vgl. dazu auch: Schiffer, Sabine; Wagner, Constantin (2021): Antisemitismus und Islamophobie Westend. ↩︎

