Erving Goffman: Interaktion im öffentlichen Raum

Klassiker
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Rezensiert von Stefan Joller

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Die Relevanz Erving Goffmans und seiner zeitlebens publizierten elf Monografien werden heute kaum noch ernsthaft in Frage gestellt – eher streiten sich unterschiedliche Paradigmen, ihn einen der ihren nennen zu dürfen. Auch wenn sich sein theoretisches Gewicht erst nach seinem Tod 1982 durch konzeptuelle Anstrengungen verschiedener Soziologen in Form einer “Goffman-Rennaissance” (Hettlage 2003: 189) sichtbarer entfaltete, war Goffman zu seiner Zeit keinesfalls unbekannt. Neben seiner fachspezifischen Karriere, welche ihren institutionellen Zenit mit der Ernennung zum Präsidenten der American Sociological Association erreichte, stieß er nicht nur bei unterschiedlichen soziologischen Schulen, sondern auch bei anderen Disziplinen und populärwissenschaftlicher Leserschaft auf reges Interesse. Mittlerweile zählt er zu den meistgelesenen und -zitierten Soziologen des 20. Jahrhunderts. Dies liegt mitunter wohl an seinem leichtfüßigen, von Metaphorik durchdrungenen Schreibstil, welcher den Zugang zu soziologischen Argumentationsmustern erleichtern mag, zugleich aber auch stets über analytische Leistungen hinwegzutäuschen droht.

Die große Nachfrage und der Umstand, dass das erstmals in deutscher Übersetzung im Jahre 1971 von Bertelsmann unter dem Titel Verhalten in sozialen Situationen. Strukturen und Regeln der Interaktion im öffentlichen Raum (Goffman 1971) veröffentlichte Werk Behavior in Public Places. Notes on the Social Organization of Gatherings (ebd. 1963) im Handel nicht mehr zu erwerben war, dürften Teil der Motivation zur Neuauflage gewesen sein. Neben der Gewährleistung des Zugangs gilt es jedoch ebenso zu beachten, dass Interaktion im öffentlichen Raum (Goffman 2009) in neuer Übersetzung und mit einem Vorwort von Hubert Knoblauch versehen daherkommt.

Einerseits leistet die Überarbeitung eine Systematisierung der deutschen Goffman-Rezeption, indem der inkohärenten Begriffsentwicklung und -verwendung – auch seitens Goffman (vgl. Raab 2008: 8f.) – durch gewisse Anpassungen Beachtung geschenkt wird. Bereits der Titel lässt solches Bestreben erkennen, wenn Behavior in Public Places (1963) mit Interaktion im öffentlichen Raum (2009) übersetzt wird und so, anders als in der deutschen Erstübersetzung von Bertelsmann, die Interaktionsordnung dem akteursspezifischen Verhalten übergeordnet wird. Diese Wortwahl betont Goffmans Präferenz des stärker auf situative Erfordernisse abgestimmten Handelns in Abgrenzung zu unspezifischeren Verhaltensmodi.

Andererseits wird, ohne der klassischen Interpretation des Werkes Bedeutung abzusprechen, eine neue Lesart skizziert, welche angesichts der starken Ausbreitung interaktiver Medien nicht nur nach den spezifischen Differenzen zwischen unmittelbaren und medialen Interaktionen fragt, sondern ebenso “welche Art von Öffentlichkeit wir erzeugen, wenn wir medial interagieren (und solche Interaktionen mit unmittelbaren ergänzen und mischen)” (Knoblauch 2009: 14). Selbst wenn Goffman sein Augenmerk explizit und wiederholt auf direkte Interaktionen und deren Erfahrungsstruktur richtet (vgl. Goffman 1980: 22f.; 1986: 7f.; 2007: 5f.; 2009: 24), scheint es durchaus vielversprechend, solch gehaltvolle Klassiker auf neue Interaktionsformen anzuwenden, zumal die Durchmischung virtueller und unmittelbarer Kommunikation in den letzten Jahren stark vorangeschritten ist.

Goffman selbst sah frühe Formen mediatisierter Kommunikation, wie beispielsweise die Video-Telefonie, eher als Interaktionen beschränkter Komplexität, die im besten Fall die Vielfalt einer Situation von Angesicht zu Angesicht erreichen können (32). Dass sich die Vorstellung von Öffentlichkeit durch die Etablierung neuer Medien jedoch in solch einem Maße verändert, wie dies derzeit zu beobachten ist, war damals freilich noch nicht abzusehen. Umso bedeutender tritt Goffmans Analyse der Interaktion im öffentlichen Raum hervor, da sie durch die vorgeschlagene Lesart nicht länger lediglich Analyse bleibt, sondern zugleich im Sinne einer systematischen Kontrastierung als Instrument weiterführender Forschung dienen kann.

Das Konzept der öffentlichen Interaktion

Durch die Einbindung der Öffentlichkeit und deren Manifestation in Form sozialer Konventionen und Kontrollen schließt Goffman subtil an die von ihm kaum gestellten ‚großen Fragen’ der Soziologie an, selbst wenn (oder eben gerade weil) er sich vornehmlich mit deren ‘kleinen Ablegern’ auseinandersetzte. Dieser Linie blieb er auch in seinem gut zehn Jahre später publizierten, umfangreichsten Werk Rahmenanalyse treu, wenn er nicht ohne Humor schreibt, dass er “die Gesellschaft in jeder Hinsicht für das Primäre und die jeweiligen Beziehungen eines einzelnen für das Sekundäre [halte]; die vorliegende Untersuchung beschäftigt sich nur mit Sekundärem” (Goffman 1980: 22-23). Sein Verständnis der Bedeutung und Entstehung von Situationen als empirisch zugänglichen Repräsentanten und Produzenten gesellschaftlicher Verhältnisse, welche entstehen, alsbald gegenseitig beobachtet wird und enden “wenn die vorletzte Person den Schauplatz verlässt” (34), geben eine gewisse Nähe zu Georg Simmel zu erkennen. Die Sensibilität gegenüber formalen Konstellationen bedeutet aber nicht automatisch deren Ernennung zur methodologischen Basis.

Der Widerstand Goffmans, sich einzelnen Paradigmen zuzurechnen, ist, wenn nicht explizit formuliert (Verhoeven 1993: 318, nach Raab 2008: 60), auch in seiner breiten Einbindung unterschiedlichster Ansätze erkennbar. So sind neben Simmel auch Anleihen bei Emile Durkheim erkennbar, ob nun in Form des ‘geheiligten Selbst’ oder aber der Verweise auf eine Gesellschaft als Realität sui generis (vgl. Raab 2008: 27f.). Es ist jedoch weder sinnvoll noch möglich, Goffman finale Labels zuzuschreiben. Interessanter gestaltet sich die Lektüre der Publikation auf deren Zugang zu und Umgang mit dem empirischen Datum hin, sowie der sich darin abzeichnenden Methodologie. Stets stellt Goffman Interaktionen von Angesicht zu Angesicht ins Zentrum seiner Analysen, ohne aber dabei den Blick für die Einbettung der beschriebenen Situationen zu verlieren. Denn nur dadurch lassen sich die den Situationen eigenen Spielräume und Modulationspotenziale erörtern, eingrenzen und schließlich mit Sinn versehen. Hinzu kommt, etwas überspitzt formuliert, dass Akteure nur in direkter Interaktion im öffentlichen Raum die volle Gewalt der Bedeutung des Sozialen zu spüren bekommen und (je nach Prekarität) jegliche routinisierten und kreativen Strategien zur Bewältigung aufbieten. Hierbei konzentriert Goffman seine Analyse nicht exklusiv auf sprachliche Mitteilungen, sondern sieht gerade in den expressiven (nicht sprachlichen) Botschaften eine nicht zu vernachlässigende Komponente situativer Dynamik.

Im Gegensatz zu sprachlichen Äußerungen ist expressiven Elementen ein höheres Maß an Kontingenz inhärent, da nicht nur der Inhalt und die dahinterstehende Intention der Äußerung interpretiert, sondern der Geste zusätzlich Kalkül unterstellt werden muss (vgl. Goffman 1981: 84f.). Die (zuweilen auch gerechtfertigte) Fiktion der spontanen und unwillkürlichen expressiven Geste spiegelt sich auch in der Schwierigkeit, ‘böse Blicke’ als Drohung rechtlich einzuklagen (29f.). Gleichzeitig bestehen aber kaum Zweifel, dass dergestalt Mitteilungen unter Umständen Situationen ebenso zu dominieren vermögen wie manch sprachliche Äußerung, und dennoch konzentrieren sich viele soziologische Paradigmen mehr oder minder exklusiv auf Letztere.

Neben dieser programmatischen Differenzierung führt Goffman eine weitere, für das Verständnis seiner Arbeit bedeutende, Präzisierung ein. So trennt er analytisch ‘situative’ von ‘situierten’ Aspekten, wobei unter situierten Aktivitäten einer Situation diejenigen zu verorten sind, welche auch für sich – von der Situation entkoppelt – hätten erfolgen können (37f.). Diese Handlungsaspekte entspringen nicht der Situation, sie sind darin lediglich wiederzufinden: Sobald der Bäcker das zu Boden gefallene Brötchen wieder in die Verkaufsauslage legen möchte, dabei beobachtet wird und somit eine (soziale) Situation entsteht, wird dieses Handeln zu einer situierten Aktivität.

Beschwert sich nun der Beobachter über den Versuch, das verschmutzte Brötchen zu verkaufen und entwickelt sich daraus ein Streit zwischen den beiden Parteien, kann dies nicht wie das fallen gelassene Brötchen aus der sozialen Situation gelöst werden – solche situativen Elemente sind der Situation eigen und genießen seitens Goffman besondere Aufmerksamkeit. Denn während ein Teil der Worte einer Unterhaltung, gerade wenn man sich die Charakteristika von Small Talk vor Augen führt, situierte Aspekte darstellen, ist die körperlich ausgedrückte emotionale Färbung ebendieser Worte situativ und oftmals situationsbestimmend (38). Die Analyse der Ordnung solcher Handlungselemente kann wohl als Zentrum des Bestrebens von Goffmans Untersuchung gewertet werden.

Im Unterschied zu zweifelsohne nicht allzu fernen Ansätzen, wie sie beispielsweise in der Ethnomethodologie gefunden werden können, zielt Goffman aber weniger auf die Entdeckung sogenannter ‘basic rules’ (Garfinkel 1963: 195f.), um für diese Allgemeingültigkeit zu proklamieren. Eher sollen die ‘Spielarten’, die syntaktischen Beziehungen und deren Dynamiken, unter Bezug auf einen sich selbst beobachtenden (und disziplinierenden) Akteur im Sinne von C. H. Cooley (2004: 185) in Interaktionen untersucht werden, ohne dabei zu lange bei dem “Individuum und seiner Psychologie” (Goffman 1986: 8 ) zu verweilen.

Obschon Goffman mit der Berücksichtigung sozialpsychologischer Problemstellungen durchaus der Traditionslinie der (ersten) Chicago School entsprach, richtete er sein Augenmerk, in Abgrenzung zu deren berühmten Milieustudien, basierend auf seinen “eigenen Erfahrungen mit dem Verhalten der amerikanischen Mittelschicht” (21), vornehmlich auf die Strukturen des Alltags. In Interaktion im öffentlichen Raum sucht er sodann nach den Spielformen der (Mittelschichts-)Normalität, die in sozialen Zusammenkünften ihre Wirkkraft erst zutage fördert. Denn auch wenn normative Strukturen in Form von Typisierungen einzelne Situationen überdauern und zukünftige in gewisser Weise erwartbar werden lassen, so bleibt ihr Deutungszusammenhang bis zur direkten Konfrontation mit den jeweiligen situativen Aspekten einer Interaktion kontingent (vgl. Soeffner 2004: 164). Die Antwort auf die Frage, was als ‘normal’ gehandelt wird und was nicht, hängt stets auch von Fähigkeit der wechselseitigen Aushandlung der an einer sozialen Situation Beteiligten ab. Goffman verfolgt hier einen attributiven Ansatz, indem er zwischen Handlungen, welche Billigung finden und solchen, die als unpassend angesehen werden, unterscheidet und darauf aufbauend Aktivitäten in Interaktionen auf den Grad ihrer Angemessenheit hin untersucht (20).

An diese Überlegung knüpft auch eine von Goffman bereits in Asylums (1961) formulierte Kritik der psychiatrischen Praxis an, wenn er dieser eine gewisse Blindheit gegenüber konstituierenden Aspekten von Abnormalitätsdiagnosen attestiert. Zu routiniert rechnen selbst Fachkräfte vermeintliche Symptome dem Wesen des Devianten an, ohne aber die dazu führende Bedeutung des Regelwerks der öffentlichen Ordnung ausreichend zu beleuchten. Eine zu bewältigende Aufgabe besteht demnach in der Analyse der sozialen Aushandlung von Angemessenheit in den jeweiligen Situationen, also in der Untersuchung der Regeln der Normalität.

Eine weitere Schwierigkeit, Goffman in eine bestimmte Tradition zu stellen, findet sich nicht nur in seinen Erkenntnisinteressen, sondern ebenso in seiner sehr freien Art der Verknüpfung unterschiedlichster Datenstücke, was seinen – je nach Wohlgesinnung – Ruf als Eklektizist oder ‚paradigme bridger’ begründet (Hitzler 2010: 17). Einerseits zieht er für Interaktionen im öffentlichen Raum die Protokolle und Erfahrungen, welche er während seiner einjährigen Feldforschung im Sankt Elizabeth Hospital in Washington D.C. anfertigte und sammelte, hinzu (Goffman 1973: 7). Denn gerade in der Analyse von Interaktionen, die den Erwartungen nicht entsprechen, lasse sich die Systematik der Normalität in besonderer Schärfe beobachten. Der Unterschied zwischen denen, die sich situativen Erfordernissen widersetzen und jenen, welche die Regeln einhalten, so Goffman, werde diesbezüglich unterschätzt, fördert doch gerade die Devianz die Wahrnehmung sozialer Zusammenkünfte als besonderen Lebensbereich, die den ‘Angepassten’ häufig in dieser Intensität verwehrt bleibt (232).

In starkem Kontrast zu diesen Daten verwendet Goffman in seiner Analyse andererseits unterschiedliche Passagen aus Benimm-Büchern und weitere Beobachtungen seines Aufenthalts auf den Shetlandinseln in den Jahren 1949-1951, welche die Grundlage seiner unveröffentlichten Promotionsarbeit bilden werden. Der Vorteil einer solch vielfältigen und dadurch, wie auch Goffman anerkannte (20f.), ebenso kritisierbaren Datengrundlage liegt in der Sensitivität gegenüber einer besonderen Art sozialen Handelns. Durch die Verbindung von Beobachtungen abnormer Verhaltensformen und dem normativen Forderungskatalog der Benimmbücher bemerkt man schnell, dass die Attribution von Angemessenheit unterschiedlicher Bausteine bedarf. Es reicht eben nicht, sein Gegenüber nicht zu beleidigen oder während des Opernballs seine Kleidung anzubehalten. Um nicht aus dem Rahmen zu fallen, müssen auf der einen Seite die ohnehin anstehenden Handlungen in einer Art und Weise ausgeführt werden, die für das Publikum als akzeptabel erscheinen. Auf der anderen Seite gibt es eine Unzahl von Handlungen, welche sich zwar nicht per se aufdrängen, deren Unterlassung jedoch durchaus Sanktionen nach sich ziehen kann.

Nicht ohne Grund bezeichneten McDermott und Baugh den “Goffmenschen” (Hitzler 2010) als denjenigen, der zu spät zum Konzert erscheint und sich daraufhin durch die Reihen schleichend nach einem noch unbesetzten Platz umsehen muss (McDermott und Baugh 1992: 833). Auf der Suche nach einem freien Platz sei ihm geraten, sich möglichst leise zu verhalten und nachdem er eine Lücke entdeckt hat, diese seiner Begleitung in Form von Handzeichen und eben nicht durch lautes Zurufen mitzuteilen. Während derlei Suche in angemessener Form ausgeführt werden möchte, handelt es sich bei dem entschuldigenden Zunicken oder aber dessen (leisen) sprachlichen Ausdrucks, während die Plätze eingenommen werden, um eine negativ bedeutsame Handlung (23). Würde diese ausgelassen, käme es womöglich zu Protesten oder im milderen Falle zumindest zu genervten Blicken und Seufzern. Das Fehlen und die damit verbundenen Sanktionen solcher Handlungen lassen sich in Zusammenkünften, welche problemlos verlaufen, kaum wissenschaftlich adäquat untersuchen. Um diese Lücke zu füllen, ist die Analyse von als unangemessen empfundenen Interaktionsformen, die in psychiatrischen Anstalten mit höherer Wahrscheinlichkeit anzutreffen sind, für Goffman bedeutend.

Des Weiteren kann durch die Beleuchtung der feinen Nuancen von Interaktionen leicht der Eindruck entstehen, dass die Akteure Goffmans Vollzeitstrategen und Meister der Täuschung seien, gerade wenn man seine Theatermetaphorik allzu wörtlich nimmt (siehe Messinger et al. 1962). Diese Sichtweise kritisiert zu Recht die (nicht nur kognitive) Überlastung eines Akteurs, welcher sich aller in Interaktion empfangener und ausgesandter Signale stets bewusst ist und diese zu kontrollieren trachtet, übersieht jedoch, dass von einem solchen Akteur nicht die Rede ist. Auch wenn für Goffman die wechselseitige Kontrolle und die Abstimmung der Verhaltensformen von besonderem Interesse sind, betont er die strategische Ausrichtung ‘zumindest einiger’ – aber nicht jeglicher – Verhaltensweisen an der antizipierten Identität und den Reaktionen der Beobachter (32).

Deutlicher wird die Abwendung vom Vollzeitstrategen insbesondere in der Beleuchtung eines abgelenkten und oftmals routiniert Handelnden in Interaktionsrituale (1986). Wenn aber, wie bereits angesprochen, eben nicht zu lange bei der Psychologie des Individuums ausgeharrt werden soll, bleibt die Frage, wie die (Un-)Angemessenheit unterschiedlicher Handlungen in sozialen Zusammenkünften zutage tritt.

Eine Frage des Engagements

Verlässt der Goffmensch nach der letzten Zugabe und dem Abklang des Applauses den Konzertsaal, tritt er zwar in den gut gefüllten Vorraum und ist noch immer Teil der Zusammenkunft, was jedoch keineswegs einer pauschalen Erlaubnis mit etwelcher anwesenden Person ohne weiteres in Kontakt zu treten gleichkommt. Einzig höfliche Gleichgültigkeit scheint als Verhaltensform mehr oder minder ungefährlich, indem dem unmittelbaren Umfeld offen zu verstehen gegeben wird, dass es wahrgenommen wurde, ohne jedoch “Ziel besonderer Neugier oder spezieller Absichten” (98) darzustellen. Das für diesen Zweck meistgenutzte Instrument ist der Blick, welcher sowohl zur Eröffnung von Begegnungen als auch zur Unterbindung ebendieser alltägliche Verwendung findet. Es hängt folglich stark davon ab, welche Form und Intensität einer Geste – hier dem Blick – zugesprochen wird, um beispielsweise eine Drohgebärde von einem Flirt-Versuch zu unterscheiden. Hinzu kommt die Schwierigkeit, dass in der strategischen Gestaltung eigener Gesten kaum Freiheitsräume gegeben sind, die jegliche Spielformen zuließen. In diesem Sinne beschreibt Goffman das Aufeinandertreffen von Personen im Rahmen eines Begräbnisses, die sich, da sie einander lange nicht gesehen haben, eine umfängliche Begrüßung schulden, was aber durch die Rahmung verwehrt wird – Ähnliches ist auch in Kirchen zu beobachten (117).

Etwas weniger eingeschränkt kann der Konzertbesucher zur Kontaktaufnahme seine Blicke schweifen lassen, um mögliche neue Konversationspartner ausfindig zu machen. Entdeckt er hierbei zufällig einen alten Schulkameraden, welchen er, nun etwas weniger zufällig, übersieht, kann die Vermeidung des Blickkontaktes eine drohende Konversation zu unterbinden helfen. Sollte diese Chance bereits verflogen sein, bleibt noch immer die Möglichkeit das kognitive Erkennen des Kameraden sozial durch keinerlei Indizien preiszugeben (126f.). So kann die Unhöflichkeit des absichtlichen Nicht-Erkennens durch Ambivalenz getarnt werden und ermöglicht auch bei späteren Zusammentreffen einen nichtkonfrontativen Umgang. Wird nach der Umgehung unliebsamer Begegnungen ein passendes Gegenüber gefunden, kommt es zur Einordnung der Konversation in die bereits bestehende Zusammenkunft und seitens des Sozialforschers unter anderem zur Analyse der Organisation unterschiedlicher Engagements und deren angemessener Ausführung.

Goffman unterscheidet analytisch zwischen Kern- und Nebenengagement, wobei das untergeordnete Nebenengagement eine Ablenkung von der dominanten Aktivität darstellt (65). Von Nutzen ist diese Kategorisierung insbesondere für die feinere Betrachtung und Verknüpfung von unterschiedlichen Handlungen und der diese rahmenden Situationen. Je nach Einordnung einer Handlung als Neben- oder eben Kernengagement, stellt sich ein anderes Maß in Bezug auf die als normal empfundene Intensität der jeweiligen Handlung ein. Weder sollte während des Konzerts eine tiefgründige und absorbierende Konversation angestrebt werden, noch scheint es ratsam, sich während der Konversation an der Bar allzu intensiv mit seinem Getränk zu beschäftigen und dieses zum Zentrum der Aufmerksamkeit werden zu lassen. Erkenntnisreicher wird diese Perspektive (angesichts eines Akteurs, der sich selbst durch andere wahrnimmt), wenn die Bedeutungen der Nebenengagements in einem ersten Schritt für die Handelnden und anschließend für die Situation insgesamt beleuchtet werden.

Die vollständige Fokussierung auf ein Kernengagement mag beispielsweise im Sinne der Ausführung einer professionellen Tätigkeit auf den ersten Blick tugendhaft erscheinen, wird aber eher selten umfänglich akzeptiert. Wenn Goffman auf ausgiebige Neben- beschäftigungen in bäuerlichen Gesellschaften und somit indirekt auf eine restriktivere Handhabung solcher in westlichen, urbanen Gesellschaften verweist (64), sollte dies nicht mit einer zunehmenden Verdrängung von Nebenengagements gleichgesetzt werden. Denn die absolute Aufmerksamkeitsabsorption durch eine bestimmte Tätigkeit birgt stets die Gefahr der Überlastung, sollte eine auch noch so unbedeutende weitere Belastung hinzukommen. Vollständige Hingabe ist demnach nur in wenigen Situationen, wie beispielsweise sportlichen Wettkämpfen oder Prüfungssituationen, weitgehend toleriert, in welchen nicht selten der Verlust körperlicher Kontrolle als Indikator dieser Konzentration sichtbar wird (76).

In Krisensituationen, die gerade eine stark erhöhte Fokussierung auf gewisse Problemstellungen erfordern und oftmals auch direkt auferlegen, wird dies zum Problem. Denn eine solche Versunkenheit, gleichviel ob sich diese durch eine heraushängende Zunge oder das Überhören akustischer Signale manifestiert, erschwert dem Akteur die Suggestion von Distanz, der für eine erfolgreiche Inszenierung von Kompetenz große Bedeutung zukommt. Das Ausüben einer Nebenbeschäftigung kann in diesem Sinne stets positiv oder aber auch negativ konnotiert als Zeichen unvollständiger Auslastung gedeutet werden. Die große Schwierigkeit liegt in der jeweiligen Auslegung der Vorkommnisse und dementsprechend der Relationierung von Handlung und Rahmung.

Konsequenterweise analysiert Goffman die Verhaltensweisen von Patienten psychiatrischer Kliniken nicht als für sich symptomatisch, sondern schließt deren funktionalen Charakter mit ein. Gleichzeitig scheint damit teils eine etwas unpräzise Reduktion der Handlungsmotive auf die Funktion jeweiliger Tätigkeiten einherzugehen, wenn er beispielsweise das Zusammenstellen von Aschenbechern, Tellern und Schüsseln durch eine Patientin als “offensichtlich in der Hoffnung, dies sehe so aus, als tue sie etwas Brauchbares und Sinnvolles” (70) beschreibt. Diese ‘Offensichtlichkeit’ ist dem Leser jedoch nicht stets in gleicher Weise evident. Dies mag in weiten Teilen in der von Goffman selbst beschriebenen Problematik gründen, dass nicht-sprachlichen Gesten ein höheres Maß an Kontingenz eigen ist. Ähnlich verhält es sich mit der intersubjektiven Nachvollziehbarkeit der Beschreibung einer Patientin, die “ihrem Gesicht den einstudierten Ausdruck von jemandem gab, der zu einer bestimmten Zeit irgendwo zu sein hat” (ebd.).

Von den Schwierigkeiten der Analyse genuiner Handlungsmotive einmal abgesehen, welche für Goffman ohnehin erst in Bezug auf die soziale Repräsentation eben dieser ihre (soziologische) Bedeutung entfalten, ist die Intensität der Beschäftigung mit Kern- und Nebenengagements aber nicht nur für die Analyse des Handlungssinns von Akteuren relevant. Richtet man nämlich den Fokus auf eine Zusammenkunft als Ganzes, so lassen sich aufgrund der Akzeptanz von Nebenengagements unterschiedliche Grade an ‘Steifheit’ beziehungsweise ‘Lockerheit’ (Kap. 13) unterscheiden. Während unser Konzertbesucher nach der Aufführung in der Bar recht frei entscheiden kann, ob er während einer Konversation trinken oder rauchen, oder gar eine Unterhaltung meiden und die Lektüre der Tageszeitung zum Kernengagement erklären möchte, beschreibt das andere Extrem eine Situation, in welcher das Kernengagement festgelegt und eine Nebenaktivität gänzlich untersagt ist – wie dies beispielsweise bei einer Krönungszeremonie der Fall ist. Es gilt aber zu beachten, dass es sich hierbei lediglich um eine andere Perspektive auf dieselbe Interaktionsordnung handelt und ein Teil, hier einer sozialen Handlung, aufgrund einer tautologischen Schließung nicht durch den Verweis auf das Ganze, die Zusammenkunft, erklärt werden kann (207). Ein ertragreicher analytischer Ansatz muss folglich unter Berücksichtigung der Gesamtstruktur wie auch deren einzelner Teile seine Erklärungsleistung entfalten, ohne Teile und Ganzes, Einzelhandlung und soziale Situation lediglich wechselseitig auf sich zu beziehen.

Goffmans systematische Einbindung beider Perspektiven lässt sich exemplarisch anhand zweier von ihm dargelegter Einblicke aufzeigen. Die Bedeutung der Rahmung sozialer Situationen wird deutlich erkennbar, legt man sein Augenmerk auf psychiatrische Patienten, welche aufgrund ihres Benehmens in eine Isolationszelle gebracht werden. Die karge Einrichtung einer Isolationszelle, die möglichst umfänglich jegliche gefährliche Aktivitäten verunmöglichen soll, führt zu dem Problem, dass dem Patienten nichts bleibt, worauf er seine Aufmerksamkeit richten könnte (69). Es ist ihm aufgrund der nicht vorhandenen Ausstattung kaum möglich, sich angemessen zu engagieren und so bleibt ihm der starre Blick an die Wand oder andere Selbstengagements, welche innerhalb einer psychiatrischen Klinik stets Gefahr laufen als pathologisch deklariert zu werden. Fehlt folglich eine (hier: natürliche) Rahmung, ist es schwer möglich, sich normal zu verhalten, zumal Normalität in bedeutendem Maße über die Fähigkeit sich angemessenen engagieren zu können sozial definiert wird.

Wechselt man nun die Perspektive, so bedarf die Zuschreibung einer akkuraten Handlungsweise neben eines natürlichen auch eines sozialen Rahmens (Goffman 1980: 31f.), welcher auf mehr oder minder gerichtet handelnde Personen referiert. Kommt es nicht zur Unterstellung eines zurechnungsfähigen Gegenübers, sei dies, weil es sich um ein Kleinkind oder beispielsweise um eine Person mit organischem Gehirnschaden handelt (224), läuft die Sanktionierbarkeit unangemessener Engagements oftmals ins Leere. Durch solche, teils recht subtilen Perspektivenwechsel umkreist Goffman stetig einen zentralen Punkt seiner Studie: Die Analyse situativer Verpflichtungen kann sich nicht exklusiv auf die Beleuchtung einzelner Rollen oder andererseits der natürlichen Rahmung beschränken, zumal die Auflagen, welchen eine soziale Rolle unterliegt, mit dem “System der in Rollen Interagierenden” (249) nicht verwechselt oder gar gleichgesetzt werden dürfen.

Um eine präzisere Verortung von angemessenem Engagement zu ermöglichen, skizziert Goffman vorerst die radikale Form des Unangemessenen. Für diese Kontrastierung greift er abermals auf die Beobachtungen aus der psychiatrischen Klinik zurück. Wenn er beschreibt, wie sich eine Patientin ihre Binde zurechtrückt und sich dabei offen ihres Kleides entledigt, so stellt dies eine für öffentliche Orte unangemessene Handlung dar. Der eigentliche Verstoß gründet aber nicht in dem fehlgelaufenen Versuch, eine unumgängliche Aktivität zu kaschieren. Von Bedeutung ist weniger das eigentliche Ziel der Handlung, als vielmehr die Art und Weise, wie das Handlungsziel erreicht wird (58). Entsprechend stellt es noch keinen radikaler Bruch dar, wenn der mittlerweile an der Bar sitzende und in eine Konversation eingestiegene Konzertbesucher vom Thema der aktuellen Unterhaltung wenig begeistert oder gar gelangweilt ist. Es ist des Weiteren auch nicht von Nöten, dass brennendes Interesse an der Thematik simuliert wird. Im Gegenteil, der oder die Gesprächspartnerin soll ja die Möglichkeit haben zu erkennen, dass ein Themenwechsel gewünscht ist, ohne dass jedoch direkt darauf hingewiesen wird (Goffman 1986: 140).

Selbstredend ist für das Gelingen viel Feingefühl von Nöten – seitens der Interagierenden in Darstellung von Wahrnehmung wie auch seitens des Sozialwissenschaftlers und seiner Beobachtungsgabe. Die Missachtung (und im Umkehrschluss auch die Achtung) situativer Erfordernisse bezieht sich demnach ebenso auf die Form der Ausführung und nicht ausschließlich auf die eigentliche Aktivität oder deren Motive. Daraus folgt, dass die Einschätzung von angemessenem Engagement auf die Art der Zusammenkunft, darin wiederzufindende Rollenerwartungen und des Weiteren auf die situative Disziplin (77) der Interagierenden verweist. Die Analyse eines solchen sozialen Regelwerkes, welches das Ausmaß des Engagements und auch die jeweiligen Vorstellungen der Einzelnen bestimmt (53), ist, aufgrund der direkten Verknüpfung mit vorherrschenden Werten und Normen, stark kulturell geprägt und somit in seiner Generalisierbarkeit beschränkt. Während in einigen religiösen Stätten das Tragen einer Kopfbedeckung als Zeichen der Gottesfürchtigkeit gehandelt wird und zum festen Bestandteil eines angemessenen Auftretens gehört, kann in anderem Kontext die Darstellung einer gottesfürchtigen Lebensweise gerade zum Ablegen jeglicher Kopfbedeckungen an oder in religiös bedeutsamen Orten führen (54). Dies als Kritik aufzuführen wäre einerseits verfehlt, da Goffman explizit auf diese Problemstellung hinweist und auch seinen (teils kritisierten) Fokus auf die amerikanische Mittelschicht benennt. Andererseits würde es über die Raffinesse seiner Darlegungen und die Bedeutung der Differenzierung von Kern- und Nebenengagement, unter Bezug auf ihre jeweilige Intensität, als Analyseinstrument sozialer Regeln hinwegtäuschen.

Zudem zeigt Goffman auf, dass angemessenes Handeln eine Unterstellung unter Rückgriff auf und situativer Aktualisierung von einem sozialen Regelwerk darstellt, welche lediglich von begrenzter Dauer und Gültigkeit ist. So ist dieses Regelwerk nicht ohne Berücksichtigung machtspezifischer Fragestellungen abzuhandeln, denn die alleinige Feststellung eines unangemessenen Engagements reicht häufig nicht aus – “der springende Punkt ist […], ob der Missetäter in der Lage ist, zu verhindern, dass etwas gegen ihn unternommen wird” (244). Dass Sanktionen jedoch sehr unterschiedlich ausfallen können und jeweils nur begrenzt dagegen vorgegangen werden kann, braucht kaum näher erläutert zu werden. Aber auch hier ist der Extremfall als Referenz hilfreich, denn nicht ohne Grund merkt Goffman an, dass man gut beraten ist, sich in Zusammenkünften als Person guten Ansehens zu präsentieren. Denn während die Gefängnisse mit Personen gefüllt werden, welche die gesetzliche Ordnung missachten und unser Eigentum und Leben bedrohen, droht den unangemessen Handelnden in letzter Konsequenz die psychiatrische Klinik, weil sie eine Gefahr für unsere Zusammenkünfte und sozialen Anlässe darstellen (251f.).

Hat der Goffmensch sich bis anhin nach dem Konzert an der Bar gut geschlagen, stellt sich nun die Frage nach einem angemessenen Abgang. Und da der Wunsch nach der Beendigung einer Konversation nicht selbstredend in wechselseitigem Einverständnis der Interaktionspartner auftritt, ist besondere Vorsicht geboten. An dieser Stelle wird die bereits von Norbert Elias (2002) vorgeführte Bedeutung von Benimmbüchern für sozialwissenschaftliche Studien erkenntlich, wenn der Katalog konkreter Handlungsanweisungen für angemessenes Verhalten in spezifischen Situationen analytisch genutzt werden kann. Auch wenn Manieren und Verhaltensregeln im Alltag oft als belastend empfunden werden, sind sie gerade in Fragen angemessenen Ausscheidens aus Interaktionen von großer Bedeutung.

Das Fehlen konventioneller Formen der Verabschiedung und insbesondere der Andeutung des Wunsches danach, hätte zur Konsequenz, dass die Akzeptanz einer Verabschiedung stets grundlegend hergestellt werden müsste und gerade keine Entspannung der Situation nach sich zöge (215f.). Eine Verabschiedung ist auch deshalb von besonderem soziologischen Interesse, weil der Wunsch nach Entlassung aus einer Interaktion aufgrund feiner Indikatoren erkannt werden will, sodass Aufbrechende die Konversation nicht abrupt unterbrechen und so den taktvollen Umgang gefährden müssen (123f.).

Wurden die Signale des Aufbruchs verstanden und somit die Beendigung des Kontaktes initiiert, kann die Zusammenkunft (beinahe gefahrlos) verlassen werden. Wie von Goffman an unterschiedlichen Stellen betont, finden die Regeln angemessenen Engagements und somit auch der Selbstdarstellung nicht zeitgleich mit der Konversation ihr Ende. Die Räume des selbstregulierenden Verhaltens unterscheiden sich von jenen, in welchen man damit rechnen muss in eine Konversation zu geraten. Ist die Bar erst einmal verlassen, befindet sich der ehemalige Gast zwar noch immer im Blickfeld der Zurückgebliebenen, stellt jedoch aufgrund konventioneller Kommunikationsgrenzen keinen potenziellen Konversationspartner mehr dar. Auch wenn es die Akustik womöglich zuließe, jemanden durch eine Wand oder auf weite Distanz anzusprechen, wird dies (nicht nur) in der amerikanischen Mittelschicht in aller Regel nicht toleriert (162). Schrittweise entzieht sich der Akteur also der Öffentlichkeit, indem erst die konventionelle und daraufhin die akustische und visuelle Erreichbarkeit das Interaktionspotenzial einschränkt.

Neue Medien, neue Interaktion und eine neue Öffentlichkeit?

Am nächsten Tag, wir befinden uns nicht mehr in den von Goffman favorisierten Gefilden, erinnert sich der Konzertbesucher an die noch etwas nachhallende Musik und an seine Barbekanntschaft. Routiniert sucht er im Internet nach besagter Person, wird in einem der sich stark verbreitenden sozialen Netzwerken fündig und sendet sogleich eine Kontakt-/Freundschaftsanfrage, welche die Bekanntschaft in Form einer Verknüpfung zweier Profile in die digitale Welt transferiert. Doch kann diese mediatisierte Form der Kommunikation mit den Begrifflichkeiten Goffmans – ganz im Sinne von Hubert Knoblauchs Vorschlag einer neuen Lesart dieses Werkes – analytisch ertragreich gefasst werden? Einige Anschlusspunkte, welche diesem Vorschlag folgen, sollen hier in aller Kürze angerissen werden.

Besteht für Goffman eine der Gefahren sich mit (gewissen) Personen öffentlich zu zeigen darin, dass solche Arrangements zu sozialer Verortung und Identifikation der gesichteten Personen führen (117), so liegt es nahe, auch dem Studium der digitalen Vernetzung des Profils einer Person Aufmerksamkeit zu widmen. Im Unterschied zu direkten Beobachtungen in spezifischen Situationen scheinen hier jedoch andere Interpretationen und Zurechnungsroutinen angebracht, zumal einerseits eine raumzeitliche Separierung unterschiedlicher Bekanntschaften (bis anhin) nicht erkennbar ist und so bedeutende Informationen für die spezifischere Einschätzung einer solchen Relation fehlen. Andererseits können auch Goffmans Überlegungen hinsichtlich unterschiedlicher Kontaktrechte (137f.), die unter anderem erklären, dass Hunde aufgrund nicht vorhandener Kontaktrechte leicht dazu genutzt werden können, um mit dem oder der Besitzerin ins Gespräch zu kommen, für die Analyse mediatisierter Interaktionen kaum Relevanz abgesprochen werden. Zumal Anbieter von sozialen Netzwerken sinngemäß damit werben, dass die Kontaktaufnahme und Kontakterhaltung mittels ihrer Plattformen mit bislang unerreichter Leichtigkeit ermöglicht wird.

Wie direkte Interaktionen, hat sich auch die digitale Welt längst zu einem Ort wechselseitiger Dynamiken entwickelt, an welchem die Vorstellung einer (umfänglich) kontrollierten Selbstinszenierung ohne Rückkopplung zur Utopie verkommen ist. Es ist durchaus möglich, dass Bilder des besuchten Konzertes ebenfalls auf solchen Plattformen auftauchen, um sodann – auch ohne Einwirkung der betroffenen Personen – mit entsprechenden Profilen verlinkt zu werden. Insofern steht es auch den verschiedenen Spielformen des Informations- und Spannungs-managements (Goffman 1975: 128f.) durchaus zu, im Rahmen der Beleuchtung dieser neuen Formen der Interaktion Beachtung zu finden. Denn unter der Annahme, dass die Besucher eines gewissen Konzertes sich mit der Darbietung bis zu einem gewissen Grad identifizieren – zumindest dahin gehend, dass andere Besucher sich nicht rechtfertigen müssen, was sie denn mit dieser oder jener Art von Musik am Hut hätten – kann man diese Homogenität den medial Interagierenden nicht unterstellen. Entsprechend kann eine Vernetzung des Profils unseres Konzertbesuchers, welcher womöglich CEO einer Privatbank ist, mit einem Foto von ihm auf dem besuchten Death Metal Konzert (zugegeben, die Problematik einer möglichst leisen Platzeinnahme entfiele in diesem Fall) zu bis dahin nicht unmöglichen aber zumindest unwahrscheinlicheren Formen des Spannungsmanagements führen.

In diesem Sinne ist es durchaus angebracht, vorhandene Öffentlichkeitsbegriffe zu überdenken und mit Goffman beispielsweise zu fragen, inwiefern im jeweiligen Fall eine besondere Form der Modulation vorherrscht, die auf eine geteilte Sicht der Dinge abzielt (Goffman 1980: 99). Andererseits sind auch strategische Spielformen denkbar, die unter Verwendung unterschiedlicher Täuschungsmanöver letzten Endes erst durch die ‘harte Realität’ – von Goffman gerne in Form der letzten Konsequenz echter Schusswaffen verdeutlicht (Goffman 1980: 78) – radikalen Abgleich finden.

Die Frage nach einer neuen Öffentlichkeit kommt nicht ohne die Analyse spezifischer Interaktionsformen aus, durch und in welchen sie sich manifestiert. Sicherlich bringt die Unterscheidung von Kern- und Nebenengagement in medial vermittelten Interaktionen einige Schwierigkeiten mit sich, zumal die ungehinderte und unmittelbare Beobachtung der stattfindenden Tätigkeiten meist nicht gegeben ist. Dennoch ermöglicht die Fokussierung auf das Engagement beispielsweise hinsichtlich sozialer Netzwerke in besonderer Form die virtuelle mit der gegenwärtigen ‘realen’ Welt zu verbinden. Denn die jeweilige Uhrzeit und Frequenz der Online-Aktivitäten lassen viele, jedoch häufig ambivalente, aber dadurch umso anschlussfähigere Rückschlüsse auf das Leben der entsprechenden Person zu.

Der Versuch, Goffman für Interaktionen, welche ihn Zeit seines Lebens nur bedingt interessiert haben, nutzbar zu machen, kann durchaus mit Interaktion im öffentlichen Raum in Angriff genommen werden, da gerade der Öffentlichkeitsbegriff in Verbindung mit besonderen Interaktionsformen hinsichtlich unterschiedlicher (und insbesondere neuer) Medien überprüft werden sollte. Die Neuübersetzung von Knoblauch und Herkommer mit der einleitenden Aufforderung Goffman in diese Richtung zu lesen leistet hierfür einen wichtigen Beitrag – sowohl im Sinne analytischer Perspektiven als auch angesichts der deutschsprachigen Rezeption. Es scheint aber zugleich ebenso angebracht, Goffmans andere Werke in dieses Vorhaben zu integrieren.

Erstaunlich vertraut wirken die Diskussionen über eine kritische Verbindung von Arbeit und Privatleben in sozialen Netzwerken, führt man sich die Charakteristik totaler Institutionen vor Augen, welche sich unter anderem durch die Auflösung der Grenzen zwischen Schlaf, Spiel und Arbeit (Goffman 1973: 17) auszeichnet und gleichzeitig die Bearbeitung von Produkten, in diesem Fall Menschen, mit klassischen Dienstleistungen gleichgesetzt wird (Goffman 1973: 78). Ohne totale Institutionen mit sozialen Netzwerken gleichsetzen zu wollen, können Goffmans Arbeiten auch hinsichtlich solch organisatorischer Fragestellungen genutzt werden, gerade weil sie sich durch eine besonders feine Analyse der Interaktionen innerhalb solcher Rahmungen hervorheben. Der genuine Fokus bleibt zudem weitestgehend derselbe, denn “[m]ehr als irgendeiner Familie, einem Verein, mehr als seiner Klasse oder seinem Geschlecht, mehr als irgendeiner Nation gehört der Einzelne Zusammenkünften an” (251-252). Und solche Zusammenkünfte, möchte man lediglich ergänzen, lassen sich immer seltener adäquat ohne den Einbezug mediatisierter Kommunikation und Interaktion begreifen.

Literatur:

  • Cooley, C. H.: The Looking-Glass Self. In: Lemert, C. (Hrsg): Social Theory: the multicultural and classic readings. Boulder [Westview Press] 2004, 184-185
  • Elias, N.: Gesammelte Schriften in 19 Bänden – Band 2: Die höfische Gesellschaft. Untersuchungen zur Soziologie des Königtums und der höfischen Aristokratie. Frankfurt/M [Suhrkamp] 2002
  • Garfinkel, H.: A Conception of, and Experiments with ,Trust’ as a Condition of Stable Concerted Actions. In: Harvey, O. J. (Hrsg): Motivation and Social Interaction. Cognitive Determinants. New York [The Ronald Press Company] 1963, 187-238
  • Goffman, E.: Asylums. Essays on the Social Situation of Mental Patients and Other Inmates. New York [Doubleday Anchor Books] 1961
  • Goffman, E.: Behavior in Public Places. Notes on the Social Organization of Gatherings. New York [Free Press] 1963
  • Goffman, E.: Verhalten in sozialen Situationen. Strukturen und Regeln der Interaktion im öffentlichen Raum. Gütersloh [Bertelsmann] 1971
  • Goffman, E.: Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen. Frankfurt/M [Suhrkamp] 1973
  • Goffman, E.: Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität. Frankfurt/M [Suhrkamp] 1975
  • Goffman, E.: Rahmen-Analyse. Ein Versuch über die Organisation von Alltagserfahrungen. Frankfurt/M [Suhrkamp] 1980
  • Goffman, E.: Strategische Interaktion. München [Hanser] 1981
  • Goffman, E.: Interaktionsrituale. Über Verhalten in direkter Kommunikation. Frankfurt/M [Suhrkamp] 1986
  • Goffman, E.: Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag. München [Piper] 2007
  • Goffman, E.: Interaktion im öffentlichen Raum. Frankfurt/New York [Campus] 2009
  • Hettlage, R.: Erving Goffman. In: Kaesler, D. (Hrsg.): Klassiker der Soziologie. München [Beck] 2003, 188-205
  • Hitzler, R.: Der Goffmensch. In: Honer, A.; Michael Meuser; Michaela Pfadenhauer (Hrsg): Fragile Sozialität.Wiesbaden [VS Verlag] 2010, 17-34
  • Knoblauch, H.: Die Öffentlichkeit der Interaktion. In: Goffman, E., Interaktion im öffentlichen Raum. Frankfurt/New York [Campus Verlag] 2009
  • McDermott, R. P.; Baugh, J.: Review. In: Language, Vol. 68, No. 4, 1992, 833-836
  • Messinger, S. L.; Sampson, H.; Towne, R. D.: Life as Theater. Some Notes on the Dramaturgic Approach to Social Reality. In: Sociometry, Vol. 25, No. 1, 1962, 98-110
  • Raab, J.: Erving Goffman. Konstanz [UVK] 2008
  • Soeffner, H.-G.: Auslegung des Alltags – Der Alltag der Auslegung. Konstanz [UVK]
  • Verhoeven, J. C.: An Interview with Erving Goffman. In: Research on Language and Social Interaction, 26, 3, 1993, 317-348

Links:

Über das BuchErving Goffman: Interaktion im öffentlichen Raum. Übersetzt von Hanne Herkommer. Mit einer Einleitung von Hubert Knoblauch. Reihe: Campus Bibliothek. Frankfurt am Main [Campus Verlag] 2009, 252 Seiten, 19,90 Euro.Empfohlene ZitierweiseErving Goffman: Interaktion im öffentlichen Raum. von Joller, Stefan in rezensionen:kommunikation:medien, 3. August 2012, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/9393
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Rezensent/in
Stefan Joller (M.A.) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sozialwissenschaften, Abteilung Soziologie, der Universität Koblenz-Landau.