Tobias Eberwein, Susanne Fengler, Epp Lauk, Tanja Leppik-Bork (Hrsg.): Mapping Media Accountability

Einzelrezension
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Rezensiert von Anja Herzog

Einzelrezension
Die Qualität von Medienangeboten und des Journalismus stellt eine immerwährende Herausforderung für Demokratien dar, denn ökonomische und politische Interessen wirken ihr entgegen. Um trotz dieses Dilemmas gewisse Qualitätsstandards zu erhalten, gibt es viele verschiedene Mittel und Wege, sie zu verfolgen – mit unterschiedlichen Erfolgsaussichten. Das Buch von Tobias Eberwein et al. bietet einen guten, medienübergreifenden Überblick über die Verantwortungs- kulturen in den Medienlandschaften zwölf europäischer und zweier arabischer Staaten.

Das Buch beinhaltet neben einem einleitenden Artikel und einem resümierenden Beitrag 14 Länderberichte (Deutschland, Estland, Finnland, Frankreich, Italien, Jordanien, Niederlande Österreich, Polen, Rumänien, Schweiz, Spanien, Tunesien, Vereinigtes Königreich), die von Wissenschaftlern aus den jeweiligen Ländern verfasst wurden und dementsprechend ein qualifiziertes Bild vermitteln. Es handelt sich um Ergebnisse aus einem größeren Forschungsprojekt (MediaAcT), das vom Erich-Brost-Institut in Dortmund koordiniert wird. Im Rahmen des Projekts wird untersucht, wie Selbstkontrolle und Transparenz der Medien in Europa und in zwei arabischen Ländern funktionieren. Ein Fokus liegt hierbei auf neuen medialen Formen wie beispielsweise Blogs.

Die unterschiedlichen Verhältnisse in den dargestellten Ländern machen (abermals)  die Schwierigkeiten deutlich, Typen auf Grundlage internationaler Vergleiche zu bilden – zu spezifisch sind die Ausprägungen der professionellen Kulturen und demokratischen Traditionen. Entsprechend weisen viele der Autorinnen und Autoren darauf hin, dass ihr Land sich mit der Accountability-Perspektive nicht (mehr) in die Typenbildung von Hallin und Mancini einordnen lässt. Die Spanne reicht nach wie vor von den sowohl auf rechtlicher und Regulierungsebene als auch im Hinblick auf zivilgesellschaftliche Aktivitäten sehr engagierten ‘Vorreitern’ Großbritannien und Deutschland, bis hin zu den Ländern mit hohem staatlichen Einfluss und geringem demokratischen Entwicklungsstand, wie Jordanien oder Rumänien. Ein weiterer Fokus des Buches liegt auf neuen Möglichkeiten, Medien durch Blogs oder Twitter zu kontrollieren. Hier zeigt sich – trotz ihrer an sich globalen Verbreitung – die Kulturgebundenheit solcher Entwicklungen und damit ihre Diversität.

In ihrem resümierenden Kapitel arbeiten Epp Lauk und Marcus Denton einige Erkenntnisse heraus, die die vergleichende Betrachtung dennoch lohnenswert erscheinen lassen: Alle Länder eint neben der wachsenden Bedeutung liberalisierter Märkte und der Konzentration im Medienbereich die Diversifizierung der Medienangebote durch die technologische Entwicklung. Denn diese stellt auch eine Herausforderung für die Demokratie bzw. die demokratische Entwicklung dar. Als Ebenen vergleichender Analyse werden fünf Aspekte betrachtet: staatliche Beteiligung (hier mit Fokus auf Ko-Regulierung), Selbst-Regulierung, Transparenz und Dialog mit dem Publikum /der Öffentlichkeit, zivilgesellschaftliches Engagement, Governance.

Damit sind in der Tat nicht nur die zentralen Faktoren für die Beurteilung von Verantwortlichkeit im Medienbereich benannt, sondern auch gleichzeitig die zentralen Akteure – Staat (hier inklusive EU), Medienindustrie, Publikum und Zivilgesellschaft. Zu Recht heben die Autoren die Verwobenheit dieser Aspekte hervor:  Ko-Regulierung bedarf eines klaren Engagements des Staates bei der Implementatierung von Regulierungsmechanismen in den Medien. Selbst-Regulierung wiederum kann nur bei Integration von Zivilgesellschaft und Publikum ihren demokratischen Zweck entfalten; die Rolle der Zivilgesellschaft schließlich muss von Staatsseite anerkannt und unterstützt werden, damit sie wirkungsvoll sein kann. Ein ausbalanciertes System, das alle Akteure und alle Aspekte integriert, könnte insofern eine überzeugende Media Governance darstellen.

Die Entwicklungen der Online-Medien wie Blogs, Twitter oder soziale Netzwerke bieten neue Formen der Partizipation und Kontrolle. Zwar stellen sie unabhängig von professionellen Kulturen und demokratischen Traditionen keine Wundermittel zur Erhöhung von Verantwortlichkeit und Qualität der Medienangebote dar, sie haben aber das Potenzial medienkritischen Akteuren mehr Präsenz zu verschaffen oder Transparenz bei Medienanbietern zu fördern. Diese Entwicklungen genauer zu untersuchen und auch gerade die bedeutenden Entwicklungen in Osteuropa und Nordafrika bzw. dem Nahen Osten in dieser Hinsicht zu beobachten und zu analysieren, stellt ein lohnendes und interessantes Unterfangen dar. Man darf also gespannt auf die weiteren Ergebnisse des MediaAcT-Projektes sein.

Links:

Über das BuchTobias Eberwein; Susanne Fengler; Epp Lauk; Tanja Leppik-Bork (Hrsg.): Mapping Media Accountability – in Europe and Beyond. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2011, 272 Seiten, 29,- Euro.Empfohlene ZitierweiseTobias Eberwein, Susanne Fengler, Epp Lauk, Tanja Leppik-Bork (Hrsg.): Mapping Media Accountability. von Herzog, Anja in rezensionen:kommunikation:medien, 29. Februar 2012, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/8027
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Rezensent/in
Anja Herzog ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Hans-Bredow-Institut für Medienforschung. Ihre Themeninteressen sind interkulturelle / transkulturelle Kommunikation sowie Entwicklungen der Mediennutzung.