Michael Harnischmacher: Journalistenausbildung im Umbruch

Einzelrezension
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Rezensiert von Beatrice Dernbach

Einzelrezension
Das Buch von Michael Harnischmacher – als Dissertation verfasst und für die Veröffentlichung offensichtlich nicht überarbeitet, zum Beispiel im Sinne von gestrafft – ist kein großer wissenschaftlicher Wurf. Und es birgt auch nichts wirklich Überraschendes. Aber – und hier unterscheidet sich die Meinung der Rezensentin von anderen – die Auseinandersetzung mit der Journalistenausbildung in Deutschland im Vergleich zu den USA sollte jeder, der mit diesem Gebiet zu tun hat, zur Kenntnis nehmen – Ausbilder in Hochschulen und Medienorganisationen, Journalisten aller Art und solche, die ‘was mit Medien machen’ wollen.

Denn Harnischmacher trägt akribisch, wohlgeordnet und theoretisch fundiert den ‘State of the Art’ der Journalistenausbildung zusammen (erster Buchteil) und untermauert dies mit Ergebnissen einer eigenen, aufwändigen empirischen Studie (zweiter Teil). So kompakt jedenfalls liegt dies bis dato nicht vor, und es wurde Zeit, dass sich dieser sicher nicht immer prickelnden Arbeit einmal jemand angenommen hat. Bisher konnte man (auch) als Journalistik-Wissenschaftlerin den Eindruck haben, dass sich mit dem Thema Journalistenausbildung niemand so richtig beschäftigen will – sicher auch, weil im Wissenschaftssystem für eine solch pragmatische Forschungsfrage die Aussicht auf einen Lorbeerkranz nicht groß ist, und weil für die Praktiker (in Deutschland) die Frage ohnehin seit Jahrzehnten beantwortet ist: Wenn Ausbildung, dann am besten in Kombination eines Fachstudiums mit anschließendem Volontariat.

Michael Harnischmacher identifiziert als die beiden wesentlichen Bereiche mit großem Einfluss auf die Journalistenausbildung den Medien- und den Hochschulsektor. Basierend auf dem Ansatz des Neo-Institutionalismus analysiert er die regulativen (Regeln, Gesetze, Verträge), die normativen (Normen und Werte) und kognitiven (Glaubens- und Bedeutungssysteme) bzw. technische, rechtlich-politische, ökonomische und kulturelle Grundbedingungen in den beiden ausgewählten Ländern. Deutschland stellt er bewusst den USA gegenüber, da viele Tendenzen in der Medien- und der Hochschulentwicklung sehr ähnlich sind, weil teilweise adaptiert (Stichwort ‘Bologna-Prozess’). Dieser theoretische Ansatz bietet ihm die Möglichkeit, institutionelle Entwicklung auch im Sinne von Wandel (De- und Re-Institutionalisierung) zu erfassen und zu beschreiben. Dies setzt er auf den ersten 160 Seiten des Buches um, nicht leicht und unterhaltend zu lesen, nicht ohne Redundanzen, aber immer informativ.

Harnischmacher arbeitet heraus, dass es wichtige Gemeinsamkeiten gibt – zum Beispiel das demokratische Prinzip der Meinungs- äußerungsfreiheit –, dass aber auch wesentliche Unterschiede existieren, wie beispielsweise das unterschiedliche Verständnis von (Aus-) Bildung des Individuums in und für die Gesellschaft sowie die Bewertung und der Status der hochschulgebundenen Journalistenausbildung.

Dem Autor gelingt es, den ersten mit dem zweiten Buchteil über zentrale Forschungsfragen zu verknüpfen, die er wiederum in Fragebögen für Chefredakteure (Mediensektor) und Studiengangs- leiter von Journalistik-Studiengängen in Deutschland und den USA operationalisiert. Seine Methode begründet und rechtfertigt er (beispielsweise, weshalb er gerade diese Statusgruppen ausgewählt und Studieninteressierte nicht einbezogen hat).

Zentrale Erkenntnis ist: In beiden System wandeln sich Medien und Hochschulen, wovon die Journalistenausbildung nicht unbeeinflusst bleibt. Der größere Einfluss des technischen Wandels wird in den USA stärker impliziert und integriert als in Deutschland, das wiederum im Hinblick auf die “praktische Legitimation” der hochschulgebundenen Journalistenausbildung den USA weit hinterher hinkt: “Während in den USA die journalismusbezogenen Studienangebote der dominierende und angesehene Ausbildungs- weg in den professionellen Journalismus sind, stellt das Journalistikstudium in Deutschland nur einen unter vielen möglichen Wegen in den Beruf dar.” (270-271).

Frustrierend ist, dass die befragten deutschen Chefredakteure das Hochschulstudium weder wirklich anerkennen und schätzen, noch dass sie es überhaupt kennen: Genannt werden gerade einmal wenige, an einer Hand abzählbare Einrichtungen. Ermutigend ist, dass die befragten Studiengangsleiterinnen und -leiter die Medienentwicklungen intensiv beobachten, auswerten und offen sind für Re-Institutionalisierungen ihrer Studienangebote. Harnischmachers Wunsch, dass die Hochschulen den Mut finden, “den Umbrüchen im Journalismus in der Ausbildung zu begegnen” (280) allerdings greift zu kurz: Dies kann nämlich nur gelingen, wenn endlich die Journalistenausbildung als Ganzes betrachtet und die Hochschulen und Medienunternehmen integrierte Ausbildungen gemeinsam entwickeln. Die Konkurrenz zwischen den beiden Sektoren, die sich derzeit wie ein Entweder-Oder gegenüberstehen, kann den Anforderungen des Berufs künftig immer weniger gerecht werden.

Dem Buch ist außerdem zu wünschen, dass es in der Fachgesellschaft rezipiert wird und Anschlusskommunikation findet.

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Das Buch von Michael Harnischmacher – als Dissertation verfasst und für die Veröffentlichung offensichtlich nicht überarbeitet, zum Beispiel im Sinne von gestrafft – ist kein großer wissenschaftlicher Wurf. Und es birgt auch nichts wirklich Überraschendes. Aber – und hier unterscheidet sich die Meinung der Rezensentin von anderen – die Auseinandersetzung mit der Journalistenausbildung in Deutschland im Vergleich zu den USA sollte jeder, der mit diesem Gebiet zu tun hat, zur Kenntnis nehmen – Ausbilder in Hochschulen und Medienorganisationen, Journalisten aller Art und solche, die „was mit Medien machen“ wollen. Denn Harnischmacher trägt akribisch, wohlgeordnet und theoretisch fundiert den State of the Art der Journalistenausbildung zusammen (erster Buchteil) und untermauert dies mit Ergebnissen einer eigenen, aufwändigen empirischen Studie (zweiter Teil). So kompakt jedenfalls liegt dies bis dato nicht vor, und es wurde Zeit, dass sich dieser sicher nicht immer prickelnden Arbeit einmal jemand angenommen hat. Bisher konnte man (auch) als Journalistik-Wissenschaftlerin den Eindruck haben, dass sich mit dem Thema Journalistenausbildung niemand so richtig beschäftigen will – sicher auch, weil im Wissenschaftssystem für eine solch pragmatische Forschungsfrage die Aussicht auf einen Lorbeerkranz nicht groß ist, und weil für die Praktiker (in Deutschland) die Frage ohnehin seit Jahrzehnten beantwortet ist: Wenn Ausbildung, dann am besten in Kombination eines Fachstudiums mit anschließendem Volontariat.

Michael Harnischmacher identifiziert als die beiden wesentlichen Bereiche mit großem Einfluss auf die Journalistenausbildung den Medien- und den Hochschulsektor. Basierend auf dem Ansatz des Neo-Institutionalismus analysiert er die regulativen (Regeln, Gesetze, Verträge), die normativen (Normen und Werte) und kognitiven (Glaubens- und Bedeutungssysteme) bzw. technische, rechtlich-politische, ökonomische und kulturelle Grundbedingungen in den beiden ausgewählten Ländern. Deutschland stellt er bewusst den USA gegenüber, da viele Tendenzen in der Medien- und der Hochschulentwicklung sehr ähnlich sind, weil teilweise adaptiert (Stichwort ‚Bologna-Prozess‘). Dieser theoretische Ansatz bietet ihm die Möglichkeit, institutionelle Entwicklung auch im Sinne von Wandel (De- und Re-Institutionalisierung) zu erfassen und zu beschreiben. Dies setzt er auf den ersten 160 Seiten des Buches um, nicht leicht und unterhaltend zu lesen, nicht ohne Redundanzen, aber immer informativ.

Harnischmacher arbeitet heraus, dass es wichtige Gemeinsamkeiten gibt – zum Beispiel das demokratische Prinzip der Meinungsäußerungsfreiheit –, dass aber auch wesentliche Unterschiede existieren, wie beispielsweise das unterschiedliche Verständnis von (Aus-) Bildung des Individuums in und für die Gesellschaft sowie die Bewertung und der Status der hochschulgebundenen Journalistenausbildung.

Dem Autor gelingt es, den ersten mit dem zweiten Buchteil über zentrale Forschungsfragen zu verknüpfen, die er wiederum in Fragebögen für Chefredakteure (Mediensektor) und Studiengangsleiter von Journalistik-Studiengängen in Deutschland und den USA operationalisiert. Seine Methode begründet und rechtfertigt er (beispielsweise, weshalb er gerade diese Statusgruppen ausgewählt und Studieninteressierte nicht einbezogen hat).

Zentrale Erkenntnis ist: In beiden System wandeln sich Medien und Hochschulen, wovon die Journalistenausbildung nicht unbeeinflusst bleibt. Der größere Einfluss des technischen Wandels wird in den USA stärker impliziert und integriert als in Deutschland, das wiederum im Hinblick auf die „praktische Legitimation“ der hochschulgebundenen Journalistenausbildung den USA weit hinterher hinkt: „Während in den USA die journalismusbezogenen Studienangebote der dominierende und angesehene Ausbildungsweg in den professionellen Journalismus sind, stellt das Journalistikstudium in Deutschland nur einen unter vielen möglichen Wegen in den Beruf dar.“ (270-271)

Frustrierend ist, dass die befragten deutschen Chefredakteure das Hochschulstudium weder wirklich anerkennen und schätzen, noch dass sie es überhaupt kennen: Genannt werden gerade einmal wenige, an einer Hand abzählbare Einrichtungen. Ermutigend ist, dass die befragten Studiengangsleiterinnen und -leiter die Medienentwicklungen intensiv beobachten, auswerten und offen sind für Re-Institutionalisierungen ihrer Studienangebote. Harnischmachers Wunsch, dass die Hochschulen den Mut finden, „den Umbrüchen im Journalismus in der Ausbildung zu begegnen“ (280) allerdings greift zu kurz: Dies kann nämlich nur gelingen, wenn endlich die Journalistenausbildung als Ganzes betrachtet und die Hochschulen und Medienunternehmen integrierte Ausbildungen gemeinsam entwickeln. Die Konkurrenz zwischen den beiden Sektoren, die sich derzeit wie ein Entweder-Oder gegenüberstehen, kann den Anforderungen des Berufs künftig immer weniger gerecht werden.

Dem Buch ist außerdem zu wünschen, dass es in der Fachgesellschaft rezipiert wird und Anschlusskommunikation findet.

Über das BuchMichael Harnischmacher: Journalistenausbildung im Umbruch. Zwischen Medienwandel und Hochschulreform: Deutschland und USA im Vergleich. Konstanz [UVK] 2010, 314 Seiten, 29,- Euro.Empfohlene ZitierweiseMichael Harnischmacher: Journalistenausbildung im Umbruch. von Dernbach, Beatrice in rezensionen:kommunikation:medien, 14. Dezember 2011, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/7724
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Rezensent/in
Dr. Beatrice Dernbach ist Professorin für Theorie und Praxis des Journalismus an der Hochschule Bremen im Internationalen Studiengang Journalistik (B.A.), Leiterin des Instituts für Wissenschaftskommunikation (WiKo) und Sprecherin der DGPuK-Fachgruppe Journalistik und Journalismusforschung.