Bernhard Irrgang: Internetethik

Einzelrezension
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Rezensiert von Ricarda Drüeke

Einzelrezension
Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Medienethik, in der die Notwendigkeit ethischer Reflexionen der Auswirkungen von Medien erörtert wird, gibt es bereits seit einigen Jahren. Ein relativ neues wissenschaftliches Feld hingegen ist die Internetethik. Gleichwohl erscheint sie angesichts der zunehmenden gesellschaftlichen Durchdringung mit Informations- und Kommunikationstechnologien, insbesondere des Internets, notwendiger denn je. Der Dresdner Technikphilosoph Bernhard Irrgang nimmt sich in seiner neuesten Monographie Internetethik. Philosophische Versuche zur Kommunikationskultur im Informationszeitalter dieses aktuell diskutierten Feldes an. Die Internetethik sei eigentlich, so Irrgang, ein “dynamisches Randgebiet” der Medienethik, dazu kämen jedoch eigene ethisch relevante Probleme. Diese kreisen insbesondere um Aspekte wie Unterhaltung, Neuartigkeit und Sensation. Die philosophischen Versuche zur Kommunikationskultur im Informationszeitalter umfassen fünf Kapitel, die eine umfassende Diskussion verschiedener Bereiche, wie z. B. eine Auseinandersetzung mit der technischen Basis des Internets bis hin zum Internet der Dinge, bieten. Die Auswahl der behandelten Themen orientiert sich an aktuell diskutierten Aspekten des Internets.

Ausgehend von der Grundfrage, was das Internet eigentlich ist – “technische Kultur, eine gigantische Kopiermaschine, Informationsbörse oder Herrschaftsinstrument” –, erläutert Irrgang im ersten Kapitel die technische Basis des Internets. Daran anschließend verdeutlicht er, welche Auswirkungen die steigende Nutzung von Internetanwendungen auf Konzepte von Privatheit und Identität hat. Irrgang geht davon aus, dass sich das Private ins Individuelle auflöst, da im Internet flexible und multiple Identitäten möglich sind.

Das dritte Kapitel behandelt die negativen Auswirkungen, die die zunehmende Verbreitung des Internets nach sich zieht.  Insbsondere die neue Dimension, in welcher Informationen allgemein verfüg- und abrufbar sind, hat erheblich Auswirkungen auf Lernen, Erziehung und Wissenschaft. Durch ein Überangebot von Informationen besteht darüber hinaus die Gefahr, dass abseitige Themen in den Fokus rücken oder dass bereits bestehende Differenzen, wie beispielsweise die Geschlechterdifferenz, weiter verfestigt werden. Außerdem sieht Irrgang geistiges Eigentum durch Plagiate gefährdet.

Im vierten Kapitel geht Irrgang auf die Problematik von Netzkriminalität ein. Diese sieht er einerseits im Zusammenhang von Krieg und Terrorismus. Netzkriminalität hat jedoch andererseits auch Auswirkungen auf das alltägliche Leben: Cybermobbing unter Jugendlichen beispielsweise ist ein wachsendes Phänomen.

Reflexionen über die Allgegenwärtigkeit des Internets stehen im Zentrum des fünften Kapitels. Die Automatisierung, oder auch das Ubiquitous Computing, macht zwar einerseits technischen Fortschritt möglich, führt aber nicht zwingend zu Verbesserungen. Denn auch wenn das Internet, worauf Irrgang im Schlusskapitel hinweist, keine genuin neuen Formen hervorbringt, so zeigen sich doch Entwicklungen, die das Zusammenleben gefährden können. Die Identitätsartikulationen online können beispielsweise zu einer “weitgehenden Ablösung von der Offline-Identität” (226) und damit auch zu einer zunehmenden Äußerung von “Verbotenem” und “politisch Unkorrektem” führen. Reguliert werden kann das Internet nur schlecht, da nationale Gesetzgebung aufgrund des grenzüberschreitenden Charakters des Internets an ihre Grenzen stößt. Dem gegenüber steht freiwillige Selbstkontrolle, wie beispielsweise durch Netiquette.

Irrgang liefert eine Analyse aktueller Phänomene und ordnet diese in allgemeine (technik-)philosophische Überlegungen ein. Angesichts der aktuellen Entwicklung von Informations- und Kommunikationstechnologien zeigt er die Notwendigkeit einer Internetethik und deren Perspektiven auf. Mittels der verschiedenen diskutierten Aspekte macht das Buch deutlich, dass das ‘Informationszeitalter’ vielfältige Lebensbereiche verändert und damit einhergehend eine Reflexion dieser Auswirkungen erforderlich macht.Insgesamt bietet das Buch damit einen lesenswerten Überblick über die aktuellen Fragestellungen, die bei der Formulierung einer Internetethik berücksichtigt werden müssen. Dass eine solche Ausarbeitung immer nur eine Annäherung an ein fluides Medium wie das Internet darstellen kann, versteht sich von selbst. Die Monographie von Irrgang stellt somit einen wichtigen Baustein für ein Verständnis ethischer Probleme des Internets dar.

Insgesamt überzeugt das Buch durch die Vielzahl der angesprochenen Themen. Durch einen gut zu lesenden Schreibstil eignet sich dieses Buch als Einstiegslektüre und lädt dazu ein, sich intensiver mit Internetethik zu beschäftigen. Aufgrund der Vielzahl der angesprochenen Themen stellt es darüber hinaus jedoch einen wichtigen Diskussionspunkt in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung um Medienethik und insbesondere um Internetethik dar.

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Über das BuchBernhard Irrgang: Internetethik. Philosophische Versuche zur Kommunikationskultur im Informationszeitalter. Würzburg [Königshausen & Neumann] 2011, 264 Seiten, 36,- Euro.Empfohlene ZitierweiseBernhard Irrgang: Internetethik. von Drüeke, Ricarda in rezensionen:kommunikation:medien, 28. Dezember 2011, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/7397
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Rezensent/in
Ricarda Drüeke (Mag.) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg.