Matthias Marschik, Rudolf Müllner (Hrsg.): “Sind’s froh, dass Sie zu Hause geblieben sind.”

Einzelrezension
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Rezensiert von Rainer Rosenberg

Einzelrezension
“Sind’s froh, dass Sie zu Hause geblieben sind.” Der Satz des österreichischen Radio-Sportreporters Heribert Meisel aus dem Jahr 1949 beim Länderspiel Österreich gegen die Türkei wurde von den Herausgebern ausgewählt, um zu demonstrieren, wofür die Mediatisierung des Sports unter anderem steht: für die Wahlmöglichkeit bei Fernsehübertragungen dranzubleiben oder abzuschalten, bei Zeitungsberichten weiterzublättern, im Internet woanders hinzuklicken. Sport aus “zweiter Hand” genossen ist weniger anstrengend, weniger gemeinschaftsbildend und hat mit den Wirklichkeiten an den  Austragungsorten von sportlichen Wettkämpfen nur mittelbar zu tun – mediatisiert eben.

Die Herausgeber, der Wiener Kulturwissenschaftler und Historiker Matthias Marschik und der Sportwissenschaftler und Historiker Rudolf Müllner, Leiter des Arbeitsbereiches Sozial- und Zeitgeschichte des Sports am Zentrum für Sportwissenschaft der Universität Wien, haben für den vorliegenden Band SpezialistInnen für die unterschiedlichsten Bereiche des österreichischen Sports um Beiträge gebeten: Das Thema “Mediensport” wird theoretisch, historisch und am Beispiel handelnder Personen dargestellt. Die Fragen wie Sportberichterstattung instrumentalisiert wurde, was die ersten Rundfunkübertragungen bedeuteten und wie Sportereignisse mit kommerziellen und politischen Interessen durchwirkt sind, ziehen sich als roter Faden durch den Band.

In einem Land, das sieben Jahre lang im vorigen Jahrhundert auch als ‘Sportnation’ nicht existierte, war dessen Ende und Neubeginn mit medial inszenierten Mythen im Sport überlagert. Am Ende stand das Fußballspiel Ostmark gegen das ‘Altreich’ im Jahr 1938. Die ehemals österreichischen Fußballer gewannen vor allem durch die Leistung Matthias Sindelars 2:0, und beim Neubeginn wurde Toni Sailers Hattrick an olympischen Goldmedaillen im Jahr 1956 in Cortina d’Ampezzo ein Symbol für österreichische Leistungsfähigkeit – erreicht einige Monate nach dem Staatsvertrag, der Österreichs Freiheit und das Ende der Besatzung durch die Siegermächte des zweiten Weltkriegs bedeutete.

Marschik und Müllner zeigen, dass selbst die wohl berühmteste Szene in der österreichischen Sportberichterstattung – das “I werd’ narrisch” des Radio-Reporters Edi Finger angesichts des Tors zum 3:2 gegen Deutschland bei der Fußball-WM 1978 in Cordoba, Argentinien – als mediale Inszenierung seine Wurzeln zirka ein Vierteljahrhundert früher hat: Heribert Meisel berichtete 1954 vom Match Schweiz gegen Österreich in Lausanne: “Wir sind dem Weinen nahe. Neben mir der Toningenieur, … der Kollege Finger, wir alle, wir busseln uns ab, wir umarmen uns” (16). In Cordoba, beim vorher noch abgebusselten Edi Finger, klang es dann so: “Meine Damen und Herren, wir falln uns um den Hals, der Kollege Rippel, der Diplom-Ingenieur Posch, wir busseln uns ab, zwei zu drei für Österreich, durch ein großartiges Tor unseres Krankl” (15).

Was in den 1950er Jahren zur Wir-Findung der österreichischen Nation diente, war 24 Jahre später ein Hinweis auf die Ausnahme, denn wenn Österreich auch kontinuierlich ein Wirtschaftswunderland blieb, so blieben  internationale Spitzenleistungen österreichischer SportlerInnen außer beim Skisport eher die Ausnahme, oder sie waren voller Tragik, wie im Fall des ersten österreichischen Formel 1 Weltmeisters Jochen Rindt, der sich um seine mediale Darstellung selbst kümmerte und seinen tödlichen Unfall in Monza hatte, knapp bevor die nächste Aufnahme für eine Fernsehsendung hätte stattfinden sollen.

In dem vielfältigen Buch mit den Texten unterschiedlicher Spezialisten sei auf die Kapitel über das Brüderpaar Willy und Hugo Meisl besonders hingewiesen: Erik Eggers schreibt unter dem Titel Revolutionär und Prophet wie Willy Meisl, der Sportjournalist aus Wien, in der Vossischen Zeitung mitten im eben begonnenen Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933 die weltweiten Leistungen jüdischer Sportler zusammenfasste. Sein Weggefährte Alex Nathan nannte den mutigen Wiener Juden wegen der literarischen Qualität seiner Texte “Vater des modernen Sportjournalismus” (vgl. 179).

Willy Meisl war selbst Sportler, am erfolgreichsten als Fußballtormann, und seine Reportagen von den Olympischen Spielen in Paris 1924 machten ihn berühmt, sein Weg von Wien nach Berlin brachte neue Qualitäten in den Sportjournalismus, und sogar die Emigration nach England machte seinen Ruhm nur internationaler und er wurde als “World’s No.1 Soccer Critic” gefeiert (vgl. 186). Sein älterer Bruder Hugo hingegen blieb in Erinnerung als österreichischer Nationalkapitän und  Pionier des modernen Fußballs, seine Tätigkeit als Sportjournalist bleibt im Rückblick im Hintergrund, wie Andreas und Wolfgang Hafer deutlich machen (vgl. 199).

Wie notwendig das von Marschik und Müller herausgegebene Buch ist, lässt sich an einem Hugo Meisl betreffenden Beispiel zeigen: in den letzten Monaten gab es in Wien eine ausführliche Diskussion, ob die komplett erhaltene Wohnung des 1937 verstorbenen Hugo Meisl im Wiener Karl Marx Hof zum Teil eines Museums werden sollte. Und obwohl sich selbst der Bundespräsident dafür einsetzte, und die Wohnung perfekt zu einem kleinen Museum über das “Rote Wien” im Karl Marx Hof gepasst hätte, lehnten die Wohnungsverantwortlichen der Stadt Wien ab. So bleibt neben der Mediatisierung des Sports, die das eigentliche Thema von Marschik und Müller ist, auch die Geschichte der ProtagonistInnen, die erst eine Mediatisierung ermöglicht hatten, Aufgabe des Buches.

“Sind’s froh, dass Sie zu Hause geblieben sind.” – der Sportreporter Heribert Meisel formulierte 1949 klar: “Sie brauchen mir nicht zuzuhören und können abdrehen, wenn Sie wollen. Ich hingegen muss mir das Spiel anschauen und auch noch darüber reden.” (250) Klare Worte über die Qualität des Spieles bei einem mühsamen 1:0-Heimsieg Österreichs.

Heute würden Reporter wohl mehrheitlich versuchen, die ZuseherInnen vor dem Bildschirm zu halten, abdrehen kommt nicht in Frage, denn in der Pause und nach dem Match kommt Werbung, und die brauchen Sender und Sponsoren.

Links:

Über das BuchMatthias Marschik; Rudolf Müllner (Hrsg.): "Sind's froh, dass Sie zu Hause geblieben sind." Mediatisierung des Sports in Österreich. Göttingen [Verlag die Werkstatt] 2010, 414 Seiten, 33,90 Euro.Empfohlene ZitierweiseMatthias Marschik, Rudolf Müllner (Hrsg.): “Sind’s froh, dass Sie zu Hause geblieben sind.”. von Rosenberg, Rainer in rezensionen:kommunikation:medien, 13. Oktober 2011, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/6351
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Rezensent/in
Rainer Rosenberg (*1953) ist Leiter der Produktionsgruppe "Spezialprogramme" beim ORF Radio, Moderator, Interviewer, Dokumentations-Autor beim Kulturradio Ö1 und Lektor am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien.