Mickey Huff; Peter Phillips and Project Censored: Censored 2011

Einzelrezension
2134 Aufrufe

Rezensiert von Peter Ludes

Einzelrezension
“Warum haben die Zeitungen, die Medien, haben wir Journalisten (…) nicht eher gewarnt (…) aus Ahnungslosigkeit, Ignoranz oder was sonst?” So fragte Heike Faller in “Musste das sein?” am 14. April im Zeit-Magazin (11) in bezug auf die (Berichterstattung über die) globale Bankenkrise seit 2008. Und so sollten sich noch viele JournalistInnen und KommunikationswissenschaftlerInnen fragen, wenn sie (endlich) die seit 35 Jahren jährlich publizierten Top 25 der am meisten “zensierten” Nachrichten zur Kenntnis nehmen – und neue Formen der “Zensur”, die Project Censored v. a. für die USA folgendermaßen kennzeichnet: “A censored news story contains information that the public has a right and a need to know, but to which the public has had limited access.” (438)

Damit sollte auch zu konkreten Voraussetzungen selbst-kritischer Öffentlichkeiten beigetragen werden: “Regardless of what side one may take on the many controversial issues explored in this year’s Censored volume, we must create an atmosphere where all topics can be discussed in a civil manner and where we can respectfully disagree on the basis of facts. (…) We cannot allow difficult or unpopular subjects or views to be dismissed a priori.” (xxi) Hierfür sammelt Project Censored  an der Sonoma State University in Kalifornien seit 35 Jahren Vorschläge, die von StudentInnen und ProfessorInnen überprüft werden – inzwischen kontinuierlich veröffentlicht auf Media Freedom International.

Seit 17 Jahren publiziert Project Censored Jahrbücher; in den letzten zwei Jahren nahmen mehr als 30 Colleges und Universitäten aus den USA und sechs weiteren Ländern (seit vorigem Jahr auch drei Universitäten aus Deutschland) an der Auswahl der TOP 25 aus jeweils mehreren hundert Vorschlägen teil. “To evaluate the amount of coverage these stories had in the corporate media, students used electronic newspaper databases, and faculty members who are experts in the topic validated the news stories for accuracy and importance. Validated Independent News stories (VINs) were posted on the Project Censored Media Freedom International site at www.mediafreedominternational.org.” (355) Da die Corporate oder Mainstream Medien immer mehr wichtige Informationen verheimlichten, sei es notwendig vernachlässigte Nachrichten täglich online zu publizieren und tausende StudentInnen an hunderten Universitäten zu motivieren, unabhängig eigenständig erfasste und recherchierte Nachrichten zu validieren. Zusätzlich bietet diese Website RSS feed von etwa 30 unabhängigen Nachrichtenquellen wie Flashpoints, Inter Press Service oder dem Guardian. “When corporate media refuses to address significant issues such as election fraud, torture, massive civilian deaths, and the official report on 9/11, red flags should go up for all scholars and researchers.” (362) “Several hundred independent news sources, both foreign and domestic, are listed at www.projectcensored.org/censorship/news-sources. Many of these sources have links to hundreds of other news sources” (367).

Die Project Censored-Jahrbücher und die entsprechenden Website-Informationen bieten außerordentlich wichtige Einblicke in weitgehend ausgeblendete Gefährdungen öffentlicher Meinungsbildungen, in eine “Wahrheits-Krise”, die militärische und ökologische, politische und ökonomische Ausbeutungen verschleiert. Staatsverbrechen und unsichtbar bleibende Opfer werden ebenso aufgeklärt wie Manipulationsstrategien. Die jeweils zahlreichen Recherche-Nachweise sind leicht überprüfbar, die theoretischen Schlussfolgerungen aus 35 Jahren Erfahrungen mit Infrastrukturen der Verschleierung v. a. in den USA verdienen auch im deutschen und europäischen Journalismus und in der Kommunikations- und Medienwissenschaft selbstkritische Aufmerksamkeit.

Leider zeigt die bisherige Ausblendung von Project Censored-Ergebnissen in fast allen Zeitungen und Zeitschriften wie sehr etablierte Sichtweisen dominieren. Die Project Censored-Jahrbücher und Websites sollten aber zu den Bookmarks aller kritischen MedienrezipientInnen gehören, bieten Anlass zu vielen Seminar-, Magister- oder Doktorarbeiten ebenso wie für journalistische Recherchen – auch für Rezensions-Essays, die hierzu motivieren. Globale Pläne, den Dollar zu ersetzen oder das Verteidigungsministerium der USA als weltweit größter Umweltverschmutzer (Nr. 1 und 2 der 2009 bis 2010 am meisten zensierten Nachrichten) würden dann eventuell in ihren Auswirkungen für journalistische Recherchen und konkrete Veränderungen globaler Lebens- und Sterbebedingungen aufgeklärt werden.

“Es gibt eine einfache journalistische Faustregel: mit der Relevanz und der Substanz eines gut recherchierten Stueckes wachsen auch die juristischen Auseinandersetzungen. Denn meist sind oekonomische und politische Interessen tangiert. Illegale Praktiken, zweifelhafte Deals und handfeste Korruption sollen aus Sicht der betroffenen Akteure nicht ans Tageslicht. Um dieses Ziel zu erreichen, ist oft jedes (juristische) Mittel recht: es beginnt mit dem restriktiven Umgang und Blockaden bei den gesetzlich garantierten Informationsanspruechen; Informanten werden eingeschuechtert und drangsaliert. Schliesslich werden Persoenlichkeitsrechte und Geschaeftsgeheimnisse ins Feld gefuehrt, selbst wenn das oeffentliche Interesse an einer serioesen Berichterstattung offensichtlich ist.” So heißt es im Editorial des Newsletters Netzwerk Recherche, Nr. 81, vom 20. April 2011.

In Band 4 von Gesellschaftsstruktur und Semantik von 1995 (150) betont Luhmann, “es könnte ein Sinn darin liegen, Theorien zu suchen, die den Fakten besser gerecht werden als das optimistisch-kritische Traditionsgut unserer eigenen Disziplin – und zwar den Fakten, die die Gesellschaft selbst konstruiert.” Diese Altersweisheit sollte auch zu angemesseneren Journalismustheorien motivieren, die kontinuierlich darüber aufklären, warum wichtige Themen je unterschiedlich in weit verbreiteten Massen- und Netzwerkmedien ausgeblendet werden, obwohl alternative Ressourcen zur Verfügung stehen.

Links:

 

Über das BuchMickey Huff; Peter Phillips and Project Censored: Censored 2011: The Top 25 Censored Stories of 2009-10. New York [Seven Stories Press] 2010, 416 Seiten, $14,96.Empfohlene ZitierweiseMickey Huff; Peter Phillips and Project Censored: Censored 2011. von Ludes, Peter in rezensionen:kommunikation:medien, 17. August 2011, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/5753
Getagged mit: ,
Veröffentlicht unter Einzelrezension
Teilen
facebooktwittergoogle+
Drucken
Druck-Version PDF-Version
Rezensent/in
Dr. Peter Ludes ist Professor of Mass Communication an der School of Humanities & Social Sciences (SHSS) an der Jacobs University Bremen.