Sandra Sistenich: Frauen lachen über sich, Männer über andere?!

Einzelrezension
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Rezensiert von Rainer Stollmann

Einzelrezension
Thema der Arbeit ist geschlechts- spezifisches Lachen als kommunikativer Akt, Materialbasis sind drei Fernsehsendungen (Nachtcafé vom 8.1.2008, Kölner Treff vom 17.2.2008, Anne Will vom 2.12.2007). Methodisch konsequent vergewissert sich die Autorin zunächst (Kap. 2 “Forschungsstand”) dreier Theoriestränge: Lachforschung (2.1 bis 2.4), feministische Linguistik (2.5) und Fernsehen (2.6 und 2.7). Selbstverständlich sind mindestens Lachforschung und Medientheorie, wahrscheinlich auch die feministische Linguistik jedes für sich unüberschaubar, so dass es unfair wäre, hier mehr zu verlangen als eine grundsätzliche theoretische Orientierung für die empirische Studie. Das gelingt der Verfasserin für die Gebiete Lachen und Linguistik gut, das Thema Fernsehen bleibt theoretisch etwas unterbelichtet.

Beim Lachen geht es der Studie nicht um den “revolutionären Affekt” (Walter Benjamin) des gros rire, das dem großen Michail Bachtin (Rabelais und seine Welt, 1936, dt. 1983) so wichtig gewesen ist und das Sistenich ganz zu Anfang (21) und am Ende (141) erwähnt, sondern um das “Lachsprechen” oder “Sprechlachen”, (29) das im Kommunikationszusammenhang der untersuchten Fernsehsendungen auftritt und dort die unterschiedlichsten Fuktionen übernehmen kann. “Die folgende Analyse […] soll das Lachen in seiner sprachlichen Umgebung beleuchten, die (sprachlichen) Vorgänge, die dazu führten, fassbar machen und die Folgen für die nachfolgenden Äußerungen sichtbar machen. Dies im besonderen Hinblick darauf, ob die Sprech- und Lachakte von von Frauen oder von Männern stammen.” (29)

Sistenich fasst relevante Studien der feministischen linguistischen Humorforschung (Kotthoff, Gräßel, Groth, Merziger, Stocking/Zillmann u. a.) übersichtlich zusammen und schließt, dass hier Humor als männliche “Waffe” erkannt werde, “um Frauen zu unterdrücken und gesellschaftlich ungestraft Aggressionen gegenüber Frauen” (36) auszudrücken. Mit dem Fernsehen beschäftigt sich das Theoriekapitel eher pragmatisch. Die Verfasserin weiß natürlich, dass es sich um “Inszenierungen” handelt (38), auch wenn diskutiert wird, und sie reflektiert, dass die Kamera (und, wie man für Nichtlife-Sendungen hinzufügen kann, der Schnitt) noch einmal die fernsehkonformen Ausschnitte aus einem Gesamtgeschehen auswählt.

Etwas pragmatisch subsummiert  die Verfasserin dann ihre Beobachtungen unter “Vorteile” und “Nachteile” (38) des Stoffes und glaubt, diesen “Mangel von Fernsehen” (36) mit dem “Interesse des Publikums, welches adäquate Sendekonzepte erwartet”, (37) aufrechnen zu können. In dem kleinen historischen Schlusskapitel 2.7 über das Fernsehen beschreibt die Studie einige interessanten Tatsachen wie die, dass 1963 in einem britannischen TV-Sender Frauen keine Nachrichten lesen durften, da das die Aufmerksamkeit der männlichen Zuschauer ablenke. (39)

Ein kritischer Theoretiker, der nicht pragmatisch denkt, hätte zu diesen theoretischen Überlegungen über das Fernsehen folgendes einwenden können: “Allemal begleitet Lachen […]“, schreibt Adorno (Dialektik der Aufklärung 1970, 149), “den Augenblick, da eine Furcht vergeht.” Auftritte in TV-Shows sind eigentlich für alle Teilnehmer (auch den Moderator) angstbesetzt (mindestens in Form von “Lampenfieber”). Insofern unterliegt praktisch jedes Lachen in einer Talkshow dem Verdacht, eine falsche Demonstration von Angstfreiheit zu sein. Die Autorin, so könnte man argumentieren, unterschätzt den Preis, den sie bezahlen muss, wenn sie sich von der Leichtigkeit, mit der das Fernsehen ihr Stoff zugänglich macht, verführen lässt, nämlich die konformistische Zurichtung dieses Stoffes und die Suggestion, dass es sich um “Realität” handele.

In Kapitel 3 reflektiert die Verfasserin die Auswahl des Materials, charakterisiert treffend die unterschiedlichen TV-Formate sowie die teilnehmende Personen und macht die Methode der Transkription durchsichtig. Kapitel 4 “Analyse von Lachen” ist dann der eigentliche, ca. 80-seitige Hauptteil der Untersuchung. Hier differenziert die Autorin das Fernsehlachen nach folgenden Funktionen: Initiallachen, Coolness, Scherzhafte Einwürfe, Begleitendes Lachen, Aggressivität, Unhöflichkeit überdecken, Lachen bei heiklen Themen, Status und Lachen, Frotzeln, Joking relationship und zum Schluss das in den Sendungen nur einmal auftretende “große Gelächter” (138). Im ersten Unterkapitel wird festgehalten, dass Frauen signifikant häufiger lachen als Männer und dass Männer “initiativ”, Frauen aber mehr “reaktiv” lachen. (62)

In den dann folgenden qualitativen Darstellungen von Lachen ergibt sich insgesamt ein deutlich unterschiedliches Verhalten der Geschlechter im Hinblick auf die Anwendung von Lachen innerhalb von Kommunikationsstrategien. Frau Sistenichs meist sehr präszise und gelungene Analysen können hier nicht im einzelnen wiedergegeben werden. Ich greife nur einige Besipiele heraus: Männer bleiben “cooler”, erzählen lustige Geschichten “ohne eigenes Lachen” (76), sie machen “mehr scherzhafte Einwürfe” (81), Frauen dagegen unterstützen männliche Wortbeiträge eher durch begleitende Lachen (86), selbstverständlich sind Männer auch beim Lachen aggressiver, während bei Frauen öfter höfliches Lachen zu hören ist (92). Es gibt auch gelegentlich überraschende Ergebinsse, wie z. B. dass Frauen und Männer gleichermaßen Opfer von sexuellem Humor sind (121), aber bei einer Materialbasis von drei Sendungen lässt sich das wohl nicht verallgemeinern.

Was Frau Sistenich im Rahmen des gestellten Themas  erarbeitet hat, darf man eine gelungene (Magister-)Arbeit nennen: eine relativ umfassende Sichtung der Forschung zum Thema Lachen, Gender-Lachen und feministische Linguistik, eine saubere Durchführung der empirischen Studie, eine vorsichtige, aber gründliche Beschreibung und Interpretation der herausgegriffenen Gesprächsproben, eine sehr gute sprachliche Darstellung. Der Wert der Arbeit liegt vor allem darin, dass sie Genderverhalten in den unterschiedlichsten Gesprächsstrategien und –situationen nachweisen und präzise beschreiben kann. Wie oben angedeutet, mit der Einschränkung, dass die Beobachtungen und Resultate im Grunde nicht das natürliche, nicht einmal das gesellschaftliche Verhältnis der Geschlechter betreffen, sondern die Anforderungen und Erwartungen, die ein bestimmter Sektor der intelligenten Unterhaltung des deutschen Fernsehens unserer Zeit an das Verhalten von Menschen stellt, die darin auftreten.

Links:

  • Verlagsinformationen zum Buch
  • Webpräsenz von Rainer Stollmann an der Universität Bremen
Über das BuchSandra Sistenich: Frauen lachen über sich, Männer über andere?! Das Lachen von Frauen und Männern in Fernsehgesprächsdiskussionen. Reihe: ESS-KuLtur, Band 4. Duisburg [Universitätsverlag Rhein-Ruhr] 2010, 160 Seiten, 21,90 Euro.Empfohlene ZitierweiseSandra Sistenich: Frauen lachen über sich, Männer über andere?!. von Stollmann, Rainer in rezensionen:kommunikation:medien, 6. Dezember 2011, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/5547
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Rezensent/in
Dr. Rainer Stollmann ist Professor für Kulturgeschichte an der Universität Bremen. Zuletzt erschienen: "Angst ist ein gutes Mittel gegen Verstopfung". Aus der Geschichte des Lachens. Berlin [Verlag Vorwerk 8] 2010.