Gernot Wersig: Einführung in die Publizistik- und Kommunikationswissenschaft

Einzelrezension
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Rezensiert von Roland Burkart

Einzelrezension
Bei diesem Werk handelt es sich im Kern um eine posthum veröffentlichte Skriptensammlung des Autors, die unter seinen Studenten der gleichnamigen Vorlesung zu den ‘Rennern’ zählte, wie seine Witwe Dr. Petra Schuck-Wersig im Vorwort berichtet. Zwei langjährige Mitarbeiter, Dr. Jan Krone und Dr. Tobias Müller-Prothmann, haben die zum Teil fragmentarischen Texte aufbereitet und in Buchform herausgebracht. Gernot Wersig verstarb im Juli 2006 im Alter von erst 63 Jahren. Er bemühte sich seit seiner einschlägigen Dissertation im Fach Publizistik (Information, Kommunikation, Dokumentation, publiziert 1971) um die Etablierung einer Informationswissenschaft im deutschsprachigen Raum. Er war als Professor am Arbeitsbereich Informations- wissenschaft des Instituts für Publizistik- und Kommunikations- wissenschaft der FU Berlin tätig, zwischenzeitlich auch als geschäftsführender Direktor. Dieser Bereich wurde allerdings in den 1990er Jahren an der FU Berlin eingestellt und Wersig fungierte bis zu seinem Tod wiederum als Professor für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft.

Das Buch ist vor diesem Hintergrund zu sehen. Hier versucht jemand, sich ganz allgemein an das Phänomen Kommunikation als “eine Angelegenheit von Menschen” (Wersig in seiner persönlichen Vorbemerkung: 7) anzunähern, die im Laufe ihrer (Menschheits-)Geschichte verschiedene Kommunikationsmittel entwickelt haben, um einander etwas mitzuteilen.

Das 1. Kapitel (“Entwicklung der Kommunikation im Abendland”: 15ff.) setzt daher auch sehr früh in der Menschheitsgeschichte an: Die Rede ist z. B. von der Epoche der “archaischen Technisierung” (30.000 v. Chr.), der Lebenswelttechnisierung (10.000 v. Chr.), der Bürokratisierung (5.000 v. Chr.) sowie der Verschriftlichung von Kommunikation (2.000 v. Chr.) – aber dann geht es sehr rasch zur Entwicklung von Kommunikationstechniken, die im 19. und 20. Jhd. zur Ausfaltung der bekannten Massenmedien führte. Diese Techniken – im eigentlichen ‘technischen’ Sinn des Wortes – werden auch (samt ihrer jeweiligen Erfinder) recht genau beschrieben. So lernt man Louis Daguerre und seine Daguerrotypie (als Vorstufe der Fotografie) kennen, man erfährt von der Laterna Magica (dem ursprünglichsten Bewegtbildapparat), von der Schallplatte, vom Tonband und dem Elektromagnetismus als neuer Speichertechnologie, selbstredend auch vom Telefon und von der Telegrafie sowie vom Hörfunk, Fernsehen, Mobilfunk und sogar vom DVB, Web-TV oder IPTV.

Das 2. Kapitel ist der “Kommunikation in Deutschland” (57ff.) gewidmet: Die Post, die Presseentwicklung bis zum 19. Jhd., Presse und Rundfunk nach dem 2. Weltkrieg, das Mediensystem der DDR, die Massenmedien vor und nach der Wiedervereinigung in den 1990er Jahren bis zum 21. Jahrhundert werden hier komprimiert behandelt. Das 3. Kapitel dreht sich dann um den Kommunikationsbegriff grundsätzlich. Hier vermittelt Wersig insbesondere auch das bereits in seiner Dissertation generierte “Strukturmodell der Kommunikation” (101).

Im 4. Kapitel geht es sodann um “Medien” an sich (115) – und zwar in drei Annäherungen: als Kommunikationsmittel (zur Überwindung von Distanzen), als Massenkommunikationsmittel (zur Verbreitung von Inhalten an große Publika) und als Massenmedien (als Instanzen zur Herstellung von massenhaften Inhalten und deren Vertrieb). Diese Annäherungen erscheinen etwas sperrig und in sich auch nicht immer schlüssig – v. a. was die Differenzierung zwischen “Massenkommunikationsmitteln” und “Massenmedien” betrifft. So können nach Wersig etwa die Kommunikationsmittel Zeitung und Fernsehen nur dann auch als “Massenkommunikationsmittel” begriffen werden, “wenn der Zugriff auch durch Nicht-Abonnenten möglich ist” (119). Dagegen könnten beim Kommunikationsmittel Post Individualbriefe sicher nicht als “Masse” qualifiziert werden, wohl sei dies allerdings bei “Massendrucksachen” der Fall (ebd.).

Es verwundert in diesem Kontext, dass beispielsweise der Medienbegriff von Ulrich Saxer (der in der Fachdiskussion ja seit mehr als drei Jahrzehnten präsent ist) nicht mit einem einzigen Wort erwähnt ist. Noch dazu wo der Buchtitel das Label “Publizistik” verwendet. Saxer plädiert ja bekanntlich für einen explizit “publizistikwissenschaftlichen” Medienbegriff, der zwischen Kommunikationstechnik und Sozialsystem unterscheidet und auf diese Weise elegant ermöglicht, z.B. die Fernseh-Übertragungstechnik vom Fernsehen als gesellschaftlicher Institution zu unterscheiden. Nebenbei: Im Literaturverzeichnis kommt Saxer sogar einmal vor – angeführt wird eine (gemeinsam mit Heinz Bonfadelli) seinerzeit (im Jahre 1994) erstmals aufgelegte Einführung in die Publizistikwissenschaft. Dieses Werk ist mittlerweile von einem längst vergrößerten Herausgeberteam (Bonfadelli ist noch immer dabei) mehrfach neu aufgelegt – aber: der Saxer’sche Medienbegriff wäre auch in der 1994er-Auflage enthalten gewesen. Überdies gibt es längst (seit Beginn der 1990er Jahre) die Unterscheidung zwischen Medien erster und zweiter Ordnung, mit der ebenfalls eine publizistik- wissenschaftlich (!) sinnvolle Differenzierung des Medienbegriffes möglich wird.

Kapitel 5 gibt schließlich auf etwas mehr als 30 Seiten einen knappen aber guten Einblick in – im wesentlichen – Erkenntnisse der Wirkungsforschung. In Kapitel 6 wird abschließend ein selektiver Blick auf die Fachgeschichte geworfen. Es endet mit der “Silbermann-Kontroverse” im Jahre 1996. Wersig hat offenbar mit dem pessimistischen Tenor des Aufsatzes, in dem sich der damals 80-jährige Soziologe in einem Zeit-Artikel über die deutsche Massenkommunikationsforschung geäußert hatte, sympathisiert und widmet der Diskussion die letzten zwei Seiten seines Buches.

Wie lässt sich dieses Werk nun resümierend einschätzen? Zunächst handelt es sich sicher nicht um eine Einführung in unser Fach, die man einem Neuankömmling gleichsam als typisches ‘Mainstream-Werk’ anbieten sollte. Dafür ist es zu wenig eng mit der Fachdiskussion verknüpft – wie am Beispiel des Medienbegriffes verdeutlicht wurde. Es ist daher sicher auch kein Werk, das die neue Fachliteratur zugänglich macht – selbst wenn sich im Literaturverzeichnis einige Werke mit Erscheinungsdatum jenseits der Jahrtausendwende finden. So gesehen ist der Titel mit Einführung in die Publizistik- und Kommunikations- wissenschaft eigentlich eine Irreführung. Das ist schade, denn das Buch enthält eine ganze Menge von Faktenwissen – dabei denke ich vor allem an das erste und an das zweite Kapitel – das man in dieser überblicksartigen, konzentrierten (und was technische Details betrifft: auch für Laien verständlichen) Form kaum sonst wo findet. Es tut Publizistik- und Kommunikationswissenschaftlern gut, über eine derartige Zusammenstellung zu verfügen und dort nachschlagen zu können. Ich freue mich daher, es meiner privaten Bibliothek einverleiben zu können. Aber es ist keine – und schon gar keine aktuelle – Einführung in die Publizistik- und Kommunikationswissenschaft.

Links:

Über das BuchGernot Wersig: Einführung in die Publizistik- und Kommunikationswissenschaft. Erweitert und aktualisiert von Jan Krone und Tobias Müller-Prothmann. Baden-Baden [Nomos] 2009, 181 Seiten, 19,– Euro.Empfohlene ZitierweiseGernot Wersig: Einführung in die Publizistik- und Kommunikationswissenschaft. von Burkart, Roland in rezensionen:kommunikation:medien, 23. September 2010, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/468
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Rezensent/in
Dr. Roland Burkart ist Außerordentlicher Professor am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien.