Eva Fritsch, Dirk Fritsch: Filmzugänge

Einzelrezension
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Rezensiert von Christoph Jacke

Einzelrezension
“Der Anstieg des piktorialen (bildhaften) Anteils unserer Welt erfordert einen reflexiven Umgang mit visuellem Verständnis und den Voraussetzungen hierzu.” (9) Zur Reflexion und Auseinandersetzung mit den Welten des Films wollen die an Theorie und Praxis des Films geschulten Eva und Dirk Fritsch mit diesem Band, den sie selbst als Reader einordnen, beitragen. Eva Fritsch hat als Produktionsassistentin und Kindercoach, Dirk Fritsch als Regisseur und Autor gearbeitet. Gemeinsam haben sie seit 2004 den Lernort Film etabliert, eine Plattform, die sich im Rahmen von Aus- und Weiterbildung an Schulen und Hochschulen mit dem faszinierenden Thema Film beschäftigt. Denn, so sagen die Fritschs zu Recht im Vorwort: “Filmverstehen ist gewissermaßen eine Teilmenge des Medienverstehens.” (12)

Die Realitäten von Filmen gilt es im Sinne des Fernseh- und Filmwissenschaftlers Lothar Mikos zu beschreiben, analysieren, interpretieren und bewerten. Dazu freilich müssen überhaupt erst einmal Kompetenzen zum Erfassen und Lesen von Filmen, ihren Texten und Kontexten gelehrt und gelernt werden. Der Ansatz ist absolut nachvollziehbar, immer wieder fordern Fritsch & Fritsch hier auch eine stärkere Gewichtung des Bereichs Film innerhalb des Schulunterrichts und schließen damit an Diskussionen zum Thema Medienausbildung und -kompetenz an.

Der Band gliedert sich in acht Hauptkapitel und wird sinnvoll ergänzt durch das (leider sehr unvollständige und fehlerhafte) Literaturverzeichnis, einen Filmindex und einen ausführlichen Anhang mit verschiedenen Experteninterviews (u. a. mit dem Leipziger Filmwissenschaftler Rüdiger Steinmetz) und Auszügen aus einem exemplarischen Sequenz- und Szenenprotokoll. Im Hauptteil des Bands werden neben Einleitung und Schluss in aller Kürze (teilweise arg verknappt, aber eben der Anschaulichkeit geschuldet) Bildverstehen (Kap. 2), Filmverstehen und Filmanalyse (Kap 3.), Filmgeschichte (Kap. 4), Filmvermittlung (Kap. 5), Spielfilm und Animationsfilm – exemplarische Analysen (Kap. 6) und ein besonders lobenswerter Exkurs Filmmusik (Kap. 7) erläutert.

Damit geben Fritsch & Fritsch einen dennoch wichtigen allerersten Überblick über die Komplexität und Interdisziplinarität des Themas und bemühen sich, immer wieder gespeist aus den eigenen Film- und Seminartätigkeiten, um die Anschlussfähigkeit an den medialen Alltag ihrer durchaus heterogenen Klientel. Natürlich erscheinen etwa Kapitel zu psychoanalytischen Modellen, zur systematischen Filmanalyse oder zur Diskursanalyse von jeweils ca. einer Seite Umfang fast schon bestenfalls lexikalisch. Dennoch ergibt sich im Lesefluss eine gute Eröffnung des Themas Film und seiner wissenschaftlichen Beobachtungen. Mehr möchte dieser Band wohl auch gar nicht.

Konzentriert wird sich hier aus theoretisierender Perspektive auf den Neoformalismus von Bordwell und Thompson (vgl. 47-54, Kap. 3.9): “Der Neoformalismus erweist sich […] als brauchbares Instrumentarium, um Filmanalyse und Filmgeschichte im Sinne einer intermedialen Medienbildung umzusetzen.” (53) An zahlreichen Beispielen aus der gesamten Filmgeschichte erklären Fritsch & Fritsch den gesellschaftlichen Bedarf an, wie sie es nennen, audiovisueller Literacy (vgl. 99), die sie auch Film-Literacy oder filmische Bildung nennen “[…] wie z. B. allgemeine Filmkunde, Filmnutzung, Filmgestaltung, Filmanalysekenntnis.” (97) Dass diese Kompetenzen nicht nur helfen, sich fundiert in den Film-, sondern eben auch den umfassenderen Medienwelten zurecht zu finden, verdeutlichen Fritsch & Fritsch nachvollziehbar: “Für viele Lernprozesse bilden Filme heute Ausgangspunkte. Hilfe beim Filmverstehen kann dazu beitragen, höherstufige Lernprozesse im Rahmen der Filmnutzung zu initiieren. Die Entwicklung elementarer Koordinaten eines Filmcurriculums sollte dieses Potenzial eines strukturellen Lernebenenwechsels und damit -zugewinns berücksichtigen.” (97-98)

Neben derartig basalen Zugängen mutet es fast schon etwas bedauerlich an, dass gerade das Kapitel zur meistens unterbewerteten Filmmusik letztlich denn doch eher fallbeispielhaft und nicht ebenfalls grundlegend behandelt wird, zumal mit Tomi Mäkelä ein Musikwissenschaftler zu Rate gezogen wird, der den Großteil dieses Kapitels verfasst hat. Insgesamt aber bieten die Filmzugänge eben genau diese und machen ihrem, im Schlusswort formulierten Anspruch damit alle Ehre: “Ästhetische Erfahrungen, die bei Filmrezeption und -produktion gemacht werden können, sind unseres Erachtens besondere Zugänge zu Sinn. Filmzugänge sind Sinnzugänge. Dem einen werden andere Sinnerschließungen möglich sein als dem anderen, je nach Interesse, Individualität und Biografie. […] Aber auch wenn die Sinnzuwächse unterschiedlich ‘gerahmt’ sind, kann die jeweilige Erfahrung bildsam und/oder bedeutsam sein – nicht anders als bei Leseerfahrungen von Literatur oder Hörerfahrung von Musik.” (179-180)

Im Grunde sind die Filmzugänge als eine grundlegende Einführung in die distinguierte Beschäftigung mit Film zu verstehen. Zwischen eher praxisorientierten Einführungen wie James Monacos Film verstehen oder Rüdiger Steinmetz’ DVD-Zusammenstellungen Filme sehen lernen und Übersichten zu einzelnen Genres oder Filmtheorien bieten die Filmzugänge einen vor allem für Lehrer und Schüler weitgehend gut lesbaren Einstieg in das Metier mit zahlreichen Film-Beispielen und Hinweisen für die Aufbereitung im Unterricht an Schule und auch Hochschule. Für belesene, ‘beschaute’ und ‘behörte’ Filmwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler kann der Band freilich höchstens als Einführung in Film-Seminare dienen.

Regelrecht ärgerlich sind die unzähligen Tipp- und Verweisfehler im gesamten Buch. Eine wesentliche Angabe zum Bildverstehen und Zeichentheoretischen wie Doelkers Einteilung in Funktionen von Zeichen (24-25) wird leider im Literaturverzeichnis etwa gar nicht gelistet, viele Angaben sind nicht oder mit anderen Jahreszahlen verzeichnet. Die deutschlandweit sehr renommierte Musikwissenschaftlerin Helga de la Motte-Haber wird hier zu “La Motte-Huber” (143). Diese groben Nachlässigkeiten in Redaktion und Lektorat können auf interessierte Lehrende und Lernende nur eher abschreckend wirken, zumal diese nicht unbedingt wissen können, dass die Fachverlage leider immer weniger Zeit und Bemühungen in diese Bereiche stecken. Die Fehler dieses ansonsten lesenwerten Bands würden eine Seminar- oder Bachelorarbeit sicherlich um mindestens eine Note schlechter bewertet sein lassen.

Links:

Über das BuchEva Fritsch; Dirk Fritsch: Filmzugänge. Strukturen und Handhabung. Mit einem Exkurs zur Filmmusik von Tomi Mäkelä. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2010, 238 Seiten, 19,80 Euro.Empfohlene ZitierweiseEva Fritsch, Dirk Fritsch: Filmzugänge. in rezensionen:kommunikation:medien, 15. Dezember 2010, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/4272
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Rezensent/in
Dr. Christoph Jacke ist Professor für Theorie, Ästhetik und Geschichte der populären Musik an der Universität Paderborn.