Johann Gustav Droysen – Ein Historiker als Klassiker der Kommunikations- und Medienwissenschaften

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Wiedergelesen von Horst Pöttker

Wer es sich leisten kann und eine gut ausgestattete geschichtswissen- schaftliche Bibliothek sein Eigen nennen möchte, erwirbt drei 2007 und 2008 erschienene Teilergebnisse eines in jeder Beziehung außergewöhnlichen Editionsprojekts. Es ist dem wichtigsten Werk eines nicht weniger außergewöhn-lichen Gelehrten des 19. Jahrhunderts gewidmet, welcher auch für die Kommunikations- und Medienwissen-schaften als Klassiker gelten kann. Den gilt es freilich noch zu entdecken.

1. Vergessener Klassiker: Johann Gustav Droysens Historik

Johann Gustav Droysen (1808–1884), Geschichtsprofessor an den Universitäten Kiel, Jena und Berlin, hat seine Historik-Vorlesung zwischen dem Sommersemester 1857 und dem Wintersemester 1882/83 insgesamt 17 Mal gehalten, wobei er das von ihm selbst nur in Form eines Grundrisses publizierte Manuskript immer wieder überarbeitet hat. Sinn und Zweck der von Jörn Rüsen initiierten, von Peter Leyh 1977 mit einem ersten Band begonnenen und von Horst Walter Blanke nach drei Jahrzehnten nun fortgesetzten historisch-kritischen Ausgabe von Droysens Historik ist es – so der Klappentext – “die über sechs Jahrzehnte (1826–1883) vollzogene Entwicklung von Droysens expliziter Theorie der historischen Wissenschaften und seines darin beschlossenen Konzepts der historisch-politischen Bildung” zu rekonstruieren.

Für die Kommunikations- und Medienwissenschaften ist diese Rekonstruktion in dreierlei Hinsicht von Bedeutung: erstens, weil die von Droysen im Kontrast zur Naturwissenschaft konzipierte geschichtswissenschaftliche Methodik als konstitutiv für alle Geistes- und Kulturwissenschaften gelten kann, also auch für die Disziplinen, denen r:k:m als Besprechungsraum dient, sofern sie sich als Kulturwissenschaften verstehen; zweitens, weil die Historik eine Systematik der historischen Quellen und ein Konzept des historischen Erzählens enthält, die für den Geschichtsjournalismus von hohem Interesse sind; und drittens, weil die Vorlesung selbst eine akademische Kommunikationsform ist, von der gerade in Zeiten eines Medienumbruchs, durch den Mündlichkeit und Visualität wachsende Bedeutung gewinnen, gelernt werden kann. Deshalb begnügen wir uns gerade bei dieser Rezension nicht mit einem schriftlichen Text, sondern nutzen auch die Audio-Potenziale des Online-Mediums.

2. Geschichtlichkeit: Der Wert der Historik für die Kulturwissenschaften

Klassiker
Beginnen wir mit der Historik als Quelle, um etwas über die konstitutive Besonderheit der Geistes- und Kulturwissenschaften – das methodologische Proprium – zu erfahren, das diese Disziplinen von den Natur- und Technikwissenschaften unterscheidet und auf ihr gesellschaftliches Erkenntnisinteresse hinweist. Aus dem speist sich, wenn sie es erfüllen, ihre Legitimität und letztlich ihre Existenz. Worin liegt für Droysen das Konstitutive der Geschichtswissenschaft? Als Kind des deutschen Idealismus nennt er es das Wesen der Geschichte. In der von Peter Leyh in Band 1 dokumentierten Historik-Vorlesung hat Droysen vom kulturellen Gewordensein und der Veränderbarkeit der Phänomene gesprochen, mit denen sich die Geschichtswissenschaft befasst – im Unterschied zur Naturwissenschaft, deren Gegenstände zwar ebenfalls geworden und veränderbar sind, aber auf ganz andere Weise und in ganz anderen zeitlichen Dimensionen.

Ziel und Methode der Geschichtswissenschaft sei nicht das Erklären, sondern das Verstehen. In Band 2, in dem Horst Walter Blanke “Texte im Umkreis der Historik” und ihrer Entstehungsgeschichte versammelt hat, liest man in Droysens Einleitung zu seinen Vorlesungen “Ueber den öffentlichen Zustand Deutschlands” von 1845:

“Allerdings das Wesen der Geschichte ist, daß eben alles flüssig ist. Aber man hat eben nicht zu besorgen, daß in diesem Strom irgend etwas Wahrhaftes und Wesentliches verlorengehe. Jede der Ausprägungen des geistigen Daseins, welche die Geschichte gebracht hat, ist nach ihrem wahren Bestand unverloren; und eben darum ist die Geschichte zu betrachten lehrreich und erhebend, weil sie in mächtiger Continuität, in grandiosester Selbstkritik und im Kampf um gegenseitige Anerkennung und Beschränkung alle diejenigen Motive zeigt, welche endlich die Gegenwart erfüllen, zum Theil noch in heftigen Reibungen, zum Theil in ruhiger und beglückender Zuständlichkeit. Die Geschichte ist so eine Interpretation (…) der Gegenwart.” (Band 2.1, 314).

Und in der Einleitung in seine Vorlesungen über “Deutsche Culturgeschichte vom Anfang des 18. Jahrhunderts” im Jahre 1841 hat Droysen über Sinn und Zweck der Geschichtswissenschaft gesagt:

“Die Entwickelung der Menschheit zu erforschen ist ihre Aufgabe; je tiefer sie dieselbe durchdringt, desto mehr erkennt sie, daß die geschichtliche Erscheinung eben nur der Ausdruck und die Verkörperung von Gedanken (…) ist, in deren endlicher Erscheinung das Moment der Unzulänglichkeit, die Nothwendigkeit des Wechsels gegeben ist. Bei dieser tieferen Fassung der Geschichte ist es unmöglich, sich bei den äußeren Erscheinungen der sog. politischen Geschichte zu beruhigen, ist es ungenügend, wenn man die sog. Culturgeschichte als ein Anhängsel zu derselben betrachtet, etwa um das Kostüm der Zeit kennen zu lernen. (…) Sucht die Philosophie alle Sphären der Wirklichkeit zu subsumiren unter die ewigen Gesetze des Geistes und seiner logischen Entfaltung, betrachtet sie das Seiende gleichsam vom Himmel herab, aus der Vogelperspektive d[es] Begriffs, so geht die Geschichte daran, sich in diese Wirklichkeiten selbst zu versenken, in ihnen selbst die Momente ihres Wechsels zu finden, ihr ewiges Werden zu betrachten, zu sehen, wie sie von dem festen Grund des Seienden und Gegebenen aus sich höher u[nd] höher emporarbeiten. Sie umfaßt alle Richtungen des menschlichen Daseins, und erst in dieser Gesammtfülle der Betrachtung ist sie ihres Thuns gewiß.” (Bd. 2.1, 278f.)

Sieht man davon ab, dass Droysen in der Geschichte selbst, also dem Objekt der Geschichtswissenschaft, eine Entwicklung voraussetzt, die die Vernunft auf immer höheren Stufen sich entfalten lässt – zieht man also das für seine Zeit typische, von Kant, Hegel und Marx geprägte objektivierend-teleologische Moment ab, das der Postmoderne spätestens seit dem Zusammenbruch der sich auf geschichtsphilosophische Utopien berufenden sozialistischen Diktaturen fremd geworden ist –, so leitet sich aus Droysens Historik eine erkenntnistheoretische Position zur Begründung der Kulturwissenschaften ab, die sich folgendermaßen umreißen lässt: Im Unterschied zu den Gegenständen der Naturwissenschaften, eben der Natur, die der Mensch vorfindet, bringt er die Gegenstände der Kulturwissenschaften, eben die Kultur, selbst hervor. Anders als Natur- sind Kulturphänomene daher nicht aus allgemeinen und unveränderlichen Gesetzmäßigkeiten zu erklären, sondern sie unterliegen einem permanenten Wandel und weisen auch – daran denkt der mehr an der Zeitdimension interessierte Historiker Droysen weniger – zwischen den menschlichen “Kulturen” (ein anderer Kulturbegriff!) mannigfache Unterschiede auf. Zu diesen Phänomenen zählen nicht nur materielle Schöpfungen wie Gebäude, Verkehrswege, Maschinen, Kleidung, Speisen, Gemälde, literarische Texte oder (technische) Medien, sondern auch die immaterielle Kultur, d. h. Religionen, Mythen, Ausdeutungen, Werte, Bräuche, Sitten- und Rechtsnormen, Arbeitstechniken und andere professionelle Standards, die Menschen fortwährend hervorbringen, indem sie handeln und dadurch die von ihnen vorgefundene Kultur verändern. Es ist das hervorbringende Subjekt mit seiner begrenzten, aber eben doch vorhandenen Freiheit und Verantwortlichkeit, das alle Kulturwissenschaften – anders als die Natur- und Technikwissenschaften – nicht übersehen dürfen.

Trotz der schier unerschöpflichen temporellen, kulturellen und auch positionellen Variabilität anthropogener Phänomene, die “Kulturwelten” bilden, ist es nicht nur möglich, sondern liegt im Interesse jeder Gesellschaft, Kulturwelten und ihre einzelnen Phänomene wissenschaftlich zu erforschen und dadurch zwar nicht kausal zu erklären und vorhersehbar zu machen, aber doch auszudeuten, zu interpretieren und insofern intersubjektiv verständlich werden zu lassen. Denn zumal in modernen, stark differenzierten Gesellschaften werden sich deren Handlungssubjekte erst auf der Grundlage rationaler und deshalb gemeinsam nachvollziehbarer Interpretationen über den Sinn von Kulturprodukten einig, weshalb Kulturwissenschaften für die Integration komplexer Sozialgebilde von entscheidender Bedeutung sind (vgl. Pöttker 2005). Jürgen Habermas hat diesen gesellschaftlichen Nutzen in seiner berühmten Frankfurter Antrittsvorlesung vom 28. Juni 1965 das “praktische Erkenntnisinteresse an Verständigung” genannt, dessen Befriedigung den von ihm treffenderweise so genannten historisch-hermeneutischen Wissenschaften obliegt (vgl. Habermas 1965).

Mit dieser Bezeichnung deutet Habermas in der Tradition Droysens an, dass die Geschichtswissenschaft, indem sie sich auf die konstitutive Eigenschaft der Gewordenheit, der temporellen Variabilität von Kulturphänomenen konzentriert, für die Geisteswissenschaften eine ähnlich zentrale Rolle spielt wie die Mathematik für die Naturwissenschaften. Nicht zufällig versammeln sich die Geistes- und Kulturwissenschaften in traditionsbewussten Universitäten der Schweiz noch heute in “philosophisch-historischen” Fakultäten, denen die weiteren Fächer der in der Neuzeit – im Zuge zunehmender Autonomie und Praxisferne des europäischen Wissenschaftssystems – aufgeblähten Philosophischen Fakultät des Mittelalters mit der Sammelbezeichnung “philosophisch-naturwissenschaftlich” oder “philosophisch-mathematisch” gegenüberstehen.

Bedenkt man die vergangenen viereinhalb Jahrzehnte Wissenschaftsentwicklung, die der Verfasser dieses Textes am eigenen Leib erfahren hat, drängt sich die These auf, dass das praktische Interesse an Verständigung zwischen den beiden anderen von Habermas 1965 genannten Erkenntnisinteressen – dem technischen an Effektivierung von Arbeit und dem emanzipatorischen an Mäßigung von Herrschaft – zerrieben wird. Auch weil nicht einmal die Geistes- und Kulturwissenschaften selbst sich ihrer gesellschaftlichen Bedeutung hinreichend bewusst sind, wird der sichtliche, teilweise eklatante Zerfall der Sozialintegration nur selten mit der ebenfalls sichtlichen, teilweise eklatanten Vernachlässigung der gern als “philosophisch” abgetanen Fächer in Zusammenhang gebracht.

Wenn sie dieser Misere entgegenwirken wollen, täten die Kommunikations- und Medienwissenschaften gut daran, sich an Droysen zu erinnern und weder die Methode des deutenden Verstehens noch die Teildisziplin der Kommunikations- und Mediengeschichte verkümmern zu lassen, die beide viel zur Verständigung über die gegenwärtige Medienwelt und gegenwärtige Kommunikationsverfassungen (etwa den prekären Zustand des Journalistenberufs) sowie Problemlösungen, die aus solcher Verständigung hervorwachsen können, beizutragen hätten. Das setzt freilich voraus, dass sich die Kommunikations- und Medienwissenschaften überhaupt noch als historisch-hermeneutische Disziplinen verstehen und im Bewusstsein behalten, was aus dem anthropogenen Charakter ihrer Gegenstände für ihre Methoden folgt. Zweifel daran erheben sich angesichts der Dominanz eines quantitativ-nomologischen Paradigmas, das in der Kommunikationswissenschaft mehr an Ökonomie und Organisationswissenschaften, in der Medienwissenschaft mehr an die Naturwissenschaften angelehnt ist. Eine Dominanz, die Gerhard Maletzke schon Mitte der 1990er Jahre festgestellt hat und die seitdem gewiss nicht verschwunden ist (vgl. Maletzke 1997: 115, 118).

3. Lebensdienlichkeit: Der Wert der Historik für den Geschichtsjournalismus

Kommen wir zu den für den Geschichtsjournalismus interessanten Aspekten von Droysens Werk. Seine Systematik der historischen Quellen, mit der sich eine – nicht zuletzt für Qualitätsjournalismus charakteristische – quellenkritische Haltung begründen und differenzieren lässt, ist Droysens bis heute am stärksten beachtete Leistung. Er unterscheidet “Überreste” der Vergangenheit, d. h. authentische Verhaltensspuren, zu deren Fülle auch immaterielle menschliche Hervorbringungen wie Werte und Normen oder Sprache gehören können, von “Denkmälern”, bei deren Hervorbringung bereits die Absicht bestand, dauernde Erinnerungen zu ermöglichen, und schließlich “Quellen”, durch die Erinnertes überliefert wird (Bd. 1, 400f.).

Raul Hilberg hat sich in seiner didaktisch und journalistisch besonders brauchbaren, durch zahlreiche Beispiele veranschaulichten Analyse der Quellen für die Erforschung des nationalsozialistischen Völkermords an den Juden im Wesentlichen an Droysens Typologie gehalten, für ähnliche Begriffe nur andere Bezeichnungen gewählt (vgl. Hilberg 2002). “Überreste” heißen bei ihm “Dokumente”, und wo Droysen – heute missverständlich – in der von ihm gemeinten engeren Bedeutung “Quellen” sagte, spricht Hilberg von “Zeugnissen” oder “(Lebens-)Erinnerungen” (vgl. ebd.: 50). Aber schon in Droysens handschriftlichem Konzept von 1857/58 steht in § 20 unter dem Rubrum “Quellen” der bemerkenswerte Satz: “Jede Erinnerung, solange sie nicht äußerlich fixiert ist, lebt und wandelt sich mit dem Vorstellungskreise derer, die sie pflegen.” (Bd. 1, 401) Das sollte sich hinter die Ohren schreiben, wer – was Journalisten besonders gerne tun – an die besondere Authentizität von Zeitzeugen und “oral history” glaubt.

Zur journalistischen Frage, wie sich “Geschichte”, genauer: die Ergebnisse historischer Forschung, in Medien so darstellen lassen, dass es beim Publikum ankommt, fällt an dem von Peter Leyh vor über drei Jahrzehnten herausgegebenen, die Entwicklung der Historik-Vorlesung rekonstruierenden Band 1 zunächst auf, dass Droysen die Frage der Präsentation von geschichtswissenschaftlichen Einsichten keineswegs für nebensächlich hielt, sondern in wachsendem Maße für ein geradezu konstitutives Moment seines Faches. Das ist schon daran zu erkennen, dass er diese Frage in den ersten Fassungen von 1857/58 unter den Überschriften “Die Apodeixis” oder “Die Darstellung” in einem Unterabschnitt der “Methodik” behandelte, während er ihr in der letzten, 1882 als “Grundriß der Historik” gedruckten Fassung neben der “Methodik” und der “Systematik” einen dritten Hauptabschnitt unter dem Titel “Die Topik” widmete (Bd. 1, 445–450). Auf diesen Text bezieht sich das Folgende.

Am Anfang des Hauptabschnitts nennt Droysen den Grund, warum auch die Frage nach der Art und Weise, wie ihre Ergebnisse dargestellt werden, für die Forschung der Geisteswissenschaften, zumal der Geschichtswissenschaft, grundlegend ist: “§ 87 Wie alles, was unseren Geist bewegt, den entsprechenden Ausdruck fordert, in dem er es sich gestalte, so bedarf auch das historisch Erforschte Formen der Darlegung (…), damit sich an ihnen die Forschung gleichsam Rechenschaft gebe von dem, was sie gewollt und erreicht hat.” (Bd. 1, 445) Indem sie der historisch-hermeneutischen Forschung den Spiegel vorhält, in dem sich diese selbstkritisch betrachten und überprüfen kann, wird die Darstellungsweise selbst zu einem unverzichtbaren Teil der Forschung. Das Gelingen jedes auf Verstehen angelegten Interpretierens bemisst sich in einem intersubjektiven Prozess, steht und fällt also mit der kommunikativen Qualität der Darstellung. Unter Geistes- und Kulturwissenschaftlern ist es fast banal, dass Forschung sich erst im Vollzug der Formulierung und der Diskussion des Formulierten vollzieht.

Deshalb und weil das Erkenntnisinteresse an Verständigung sich nur über kommunikative Prozesse der Auseinandersetzung mit und Aneignung von Erkenntnissen erfüllen lässt, gilt für die historisch-hermeneutischen Disziplinen in besonderer Weise, dass Forschung und Lehre zusammengehören. Forschung ist hier Lehre und Lehre Forschung; der gesellschaftliche Nutzen dieser Fächer, die kulturelle Verständigung, ist an die Qualität ihrer Lehre und ihrer Präsenz in der – vor allem durch Journalismus herzustellenden – Öffentlichkeit auch über die Hochschulen hinaus gebunden. Das gilt nicht zuletzt für die Kommunikations- und Medienwissenschaften, die die bissige Bemerkung, gerade ihnen mangele es oft an der kommunikativen Qualität ihrer Sprache, nicht auf die leichte Schulter nehmen sollten.

Droysens zweiter grundlegender Gedanke betont, dass die historische Darstellung – und damit eben auch die Geschichtswissenschaft selbst, wenn sie das Publikum interessieren und so ihren gesellschaftlichen Nutzen, ihre Lebensdienlichkeit verwirklichen soll – Vergangenheit(en) nicht für sich zu betrachten, sondern mit der Gegenwart in Verbindung zu bringen habe:

“§ 88 (…) Denn die Forschung, die von der Gegenwart aus und aus gewissen in ihr vorhandenen Elementen, die sie als historisches Material benutzt, Vorstellungen von Vorgängen und Zuständen der Vergangenheiten zu gewinnen weiß, ist beides zugleich: Bereicherung und Vertiefung der Gegenwart durch Aufklärung ihrer Vergangenheiten, und Aufklärung über die Vergangenheiten durch Erschließung und Entfaltung dessen, was davon oft latent genug noch in der Gegenwart vorhanden ist.” (Bd. 1, 445)

Droysen könnte damit der Urheber der Idee von der Lebensdienlichkeit der Geschichte durch Gegenwartsbezug sein, die im 19. Jahrhundert Friedrich Nietzsche in seiner zweiten Unzeitgemäßen Betrachtung (vgl. Nietzsche 1937) und in unseren Tagen einige Theoretiker des historischen Erzählens ausgebaut haben, allen voran Jörn Rüsen, für den der erste, 1977 erschienene Band eine wohl für die ganze Historik-Ausgabe gedachte Widmung trägt. Es ist naheliegend, dass diese Idee besonders für Geschichtsjournalisten attraktiv ist, die ja wie alle Journalisten – im Unterschied zu Wissenschaftlern, auch Historikern – unter der Forderung ihres professionellen Gebots zur Aktualität stehen. Um dieses Qualitätsgebot zu erfüllen, gibt es für Geschichtsjournalisten trotz unterschiedlich großer zeitlicher Distanzen zu ihrem Objektbereich ein probates Mittel: Auswahl historischer Themen nach Maßgabe aktueller Probleme und – in der Darstellung – Verknüpfung dieser Themen mit gegenwärtigem Geschehen (vgl. Pöttker 1997).

Droysen denkt an der zitierten Stelle an einen genetischen Modus solcher Verknüpfung, bei dem die Gegenwart als etwas aus der Vergangenheit Hervorgegangenes betrachtet wird. Seine Nachfolger in der Kritik des positivistischen, auf Historisierung pochenden Paradigmas kennen noch andere Wege, um den lebensdienlichen Gegenwartsbezug herzustellen. Der traditionale, historische Momente mythologisierende kommt weder für den an das Wahrheitskriterium gebundenen Geschichtsjournalismus noch für die moderne Geschichtswissenschaft infrage. Aber Nietzsche nennt noch den monumentalischen, Rüsen den exemplarischen oder analogischen Typus (vgl. Rüsen 1990: 172), bei dem Ähnlichkeiten zwischen Gegenwart und Vergangenheit als ihr verbindendes Moment fungieren. Und Nietzsche wie Rüsen kennen die von beiden so genannte “kritische” Variante, bei der Gegenwart und Vergangenheit durch Kontrastbildung zueinander in Beziehung gesetzt werden.

Alle drei Modalitäten, Vergangenheit aktuell zu machen, die genetische wie die analogische und die kritische, stehen Geschichtsjournalisten offen. Nur sollten sie sich beim einzelnen Produkt für eine von ihnen entscheiden und dies für das Publikum auch erkennbar machen, um den per se falschen Anspruch zu vermeiden, ihre Darstellung sei objektiv. Dafür gewinnt sie an Prägnanz. Droysen, der übrigens in etlichen seiner Schriften “im Umkreis der Historik” Sympathien für das Prinzip Öffentlichkeit (“Publicität”) und die dafür zuständige Presse bekundet, der er sogar Ratschläge gibt (vgl. z. B. Bd. 2.1, 274), womit er sich auch als Kind der Aufklärung erweist, hat die Kritik an (be)trügerischer Objektivierung, also am Positivismus, im Abschnitt zur Darstellungsweise (“Die Topik”) so formuliert:

“(…) immer, welche Form auch für die Darstellung der gewonnenen Ergebnisse der Forschung gewählt werden mag, diese Darstellung wird dem Sein der Dinge, wie es in ihrer Gegenwart und den damals Lebenden und Handelnden erschien, nur zum Teil, in gewisser Weise, nach gewissen Gesichtspunkten entsprechen können und wollen (darin kartographischen Darstellungen analog). (…) Lange hat sich die historische Darstellung damit begnügt, die in mündlichen und schriftlichen Quellen vorhandenen Auffassungen in mehr oder weniger neuer Auffassung wieder zu erzählen; und die so gewonnene Illusion von überlieferten Tatsachen hat dann dafür gegolten, die Geschichte zu sein (…). Erst seit man auch die Denkmäler und Überreste als historisches Material erkannt und methodisch zu benutzen begonnen hat, ist die Erforschung der Vergangenheiten tiefer eingedrungen und sicher begründet. Und mit der Erkenntnis der unermeßlichen Lücken unseres historischen Wissens, welche die Forschung noch nicht oder nicht mehr auszufüllen vermag, erschließen sich immer weitere Weiten der Bereiche, mit denen sie zu tun hat (…). Die Darlegung des Erforschten wird in dem Maße richtiger sein, als sie sich ebenso dessen bewußt ist, was sie nicht weiß, als dessen, was sie weiß (…).” (Bd. 1, 445f.)

Droysen setzt auf die für Geschichtswissenschaft wie Geschichtsjournalismus gleichermaßen wichtige Einsicht, dass Objektivität oder, emphatisch ausgedrückt, Wahrheit mit der einzelnen Darstellung nicht zu realisieren ist, weil sich über Lücken, über das Nicht-Erkannte und Nicht-Kommunizierte im Verhältnis zum Erkannten und Kommunizierten schlechterdings nichts aussagen lässt; gleichzeitig hält er aber auch einen auf Wahrheit gerichteten intersubjektiven, auf Öffentlichkeit angewiesenen Erkenntnisprozess für möglich und nötig, der sich dadurch stimulieren lässt, dass man in der einzelnen Darstellung die subjektive Selektivität des Ausgesagten und die dahinter steckenden Auswahlkriterien, also die Darstellungsweise, zu erkennen gibt.

Durch das Festhalten an der Idee eines durch Subjektivitätseingeständnisse in Gang zu haltenden Erkenntnisfortschritts distanziert Droysen sich von dem in Beliebigkeit ausartenden Relativismus, der paradoxerweise sowohl für radikal positivistische wie radikal konstruktivistische Positionen charakteristisch ist. In der von Leyh aus den Handschriften rekonstruierten ersten vollständigen Fassung der Historik-Vorlesung von 1857 gibt Droysen seine Antwort auf die Frage, was die Geschichtswissenschaft leisten kann und was nicht:

“Sie ist darin empirisch, daß Seiendes und Gegebenes das Material ihrer Forschung ist; sie ist darin exakt, daß sie aus diesem Material in richtigen Syllogismen ihre Ergebnisse gewinnt, nicht aus hypothesierten Anfängen ableitet, daß sie das, was sie empirisch vor sich hat, nicht aus ersten Keimen oder Ursprüngen, die sie nicht empirisch vor sich hat, zu erklären unternimmt.” (Bd. 1, 162)

Und an anderer Stelle desselben Textes heißt es:

“Kein Forschender wird sich erdreisten zu sagen, daß er diese unermeßliche Fülle von Dingen umspanne. Aber er muß sich klarmachen, daß er im Zusammenhange einer unermeßlichen Arbeit steht, und daß er wie jeder in dieser langen Kette langsam vorrückender Arbeiter seine Stelle, seinen pflichtmäßigen Posten hat, daß andere sich auf ihn verlassen, wie er sich auf andere verlassen muß. Wer eines einzelnen Mannes Leben, eine einzelne Institution, ein Zeitalter usw. zu seinem Studium ausersehen, – er erinnere sich, daß er ein Teilchen einer großen Arbeit macht, und daß auch dies Teilchen nur in solchem Zusammenhang seinen Wert, seine Wahrheit hat.” (Bd. 1, 63)

Mir scheint es nicht übertrieben, Droysen als Vorläufer der Methodologie des Kritischen Rationalismus in der Geschichtswissenschaft zu bezeichnen, als einen Historiker, der Karl R. Poppers Kritik am Historismus (vgl. Popper 1965) bereits im 19. Jahrhundert antizipiert hat, indem er wie dieser die Möglichkeit ausgeschlossen hat, mit dem Schiff der kultur- und sozialwissenschaftlichen Erkenntnis jemals in einen sicheren Hafen gelangen zu können. Wohl aber sah er die Möglichkeit, dieses Schiff auf Kurs in Richtung wahrer, realitätsadäquater Erkenntnis zu halten, indem man es fortwährend auf hoher See repariert und umbaut (vgl. Popper 1966).

Anders als nach ihm Nietzsche und Rüsen, deren Typologien der Gegenwartsbezüge sich am Kriterium von deren inhaltlicher Struktur orientieren, unterscheidet Droysen vier Modelle der Präsentation historischer Erkenntnis nach deren Vorgehensweise:

a) Die untersuchende Darstellung, die einen Forschungsvorgang abbildet, um dessen Resultat publikumsattraktiv mitzuteilen und deren kommunikative Qualität auf dem Aufbau von Spannung beruht. Dabei muss es sich nicht um den tatsächlich abgelaufenen Forschungsprozess handeln. “Sie ist nicht ein Referat oder Protokoll von dem Verlauf der wirklichen Untersuchung mit Einschluss ihrer Fehlgriffe, Verirrungen und Erfolglosigkeiten [das erinnert wieder an Popper!], sondern sie verfährt, als sei das in der Untersuchung endlich Gefundene noch erst zu finden oder zu suchen. Sie ist eine Mimesis des Suchens oder Findens (…).” (Bd. 1, 446)

b) Die erzählende Darstellung, die den Entstehungsprozess des Forschungsgegenstandes abbildet: “Nur scheinbar sprechen hier die ‘Tatsachen’ selbst, allein, ausschließlich, ‘objektiv’. Sie wären stumm ohne den Erzähler, der sie sprechen läßt. Nicht die ‘Objektivität’ ist der beste Ruhm des Historikers. Seine Gerechtigkeit ist, daß er zu verstehen sucht.” (Bd. 1, 446f.) Da dies das zentrale, weil die konstitutive Eigenschaft der Gewordenheit von Kulturphänomenen betonende Modell ist, fächert Droysen diesen “erzählenden” Typus weiter auf in eine “pragmatische”, eine “monographische”, eine “biographische” und schließlich eine “katastrophische” Darstellungsweise (vgl. Bd. 1, 447).

c) Die didaktische Darstellung, die das Erforschte gemäß dem von Droysen bevorzugten Typus des genetischen Gegenwartsbezugs in eine geschichtliche Kontinuität stellt und dadurch Lernstoff für die Gegenwart bereitstellt, dass sie deren Ursprünge in der Vergangenheit zeigt: “Lehrhaft ist die Geschichte nicht, weil sie Muster zur Nachahmung oder Regeln für die Wiederanwendung gibt, sondern dadurch, daß man sie im Geiste durchlebt und nachlebt” (Bd. 1, 447).

d) Die diskussive Darstellung, die eine Fülle erforschter historischer Aspekte auf eine aktuelle politische Frage fokussiert, um deren Diskussion anzureichern und vor Dogmatisierung zu schützen: “Jeder Staat hat seine Politik, innere wie äußere. Die Diskussion – auch in der Presse, im Staatsrat, im Parlament – ist um so zuverlässiger, je historischer sie ist, um so verderblicher, je mehr sie sich auf Doktrinen, auf idola theatri, fori, specus, tribus gründet.” (Bd. 1, 449)

Droysen war mit den ideologiekritischen Schriften Francis Bacons vertraut (vgl. Bacon 1990 sowie Krohn 2006). Wie sehr es ihm darauf ankam, dass auch die Geschichtswissenschaft und im weiteren Sinne alle historisch-hermeneutischen Geistes- und Kulturwissenschaften auf ihren sozialen Nutzen achten und dass sie diesen gegenüber der Gesellschaft, die ihn zu Recht einfordern kann, nachzuweisen verpflichtet sind, geht aus der Nachbemerkung hervor, die ihm zu der diskussiven Präsentationsweise einfällt:

“Mit der letztgenannten Darstellungsform tritt unsere Wissenschaft in die weiten Gebiete ein, in denen sie nicht unterlassen darf, auch ihre Kompetenz zu begründen, – in gleicher Weise wie die Naturwissenschaften kein Bedenken tragen, ihre Geltung so weit zu betätigen, wie ihre Methoden sich verwendbar zeigen. (…) erst die ganze Fülle von Durchlebungen und Steigerungen, die sich in der Kontinuität der Geschichte summiert hat, gibt den da forschenden Geistern die Höhe und den Umfang ihrer Anschauungen und Gedanken, um so zu beobachten und zur Frage zu stellen, so zu kombinieren und zu schließen.” (Bd. 1, 449)

Im Grunde ist Droysen mit seiner Typologie von Darstellungsweisen näher am Geschichtsjournalismus als später Nietzsche und heute Rüsen mit ihren an der Struktur des Gegenwartsbezugs orientierten Unterscheidungen von historischen Erzählweisen. Denn Droysen macht kommunikative Prinzipien, die unter Umständen auch ohne das Zwischenglied der Aktualität das Ankommen des Dargestellten beim Publikum erleichtern und die wir auch sonst als konstitutive Momente journalistischer Darstellungsweisen kennen, zu Kriterien seiner Unterscheidungen: Bei der untersuchenden Darstellung die Spannung, bei der biografisch-erzählenden Darstellung die Personalisierung, bei der diskussiven Darstellung die Attraktivität der Interaktion usw.

4. Eine Vorlesung: Der Wert der Historik für Wissenschafts-kommunikation und Kommunikationswissenschaft

Klassiker
Schließlich ist die Historik für die Kommunikations- und Medienwissenschaften aktuell, weil Droysen sie nicht als (Lehr-)Buch konzipiert und realisiert hat, was im 19. Jahrhundert durchaus möglich gewesen wäre, sondern als Vorlesung, d. h. als akademische Kommunikationsform, bei der Anwesenheit und Mündlichkeit als medialer Humus von Interaktivität, Spontaneität und Authentizität wirken und die Variabilität in der Zeitdimension, die Gewordenheit und Veränderbarkeit, die für alle Kulturproduktion charakteristisch ist, in besonderer Weise zum Ausdruck gebracht wird. Auch wenn Droysen Abrisse seiner Erkenntnistheorie der Geschichts- und darüber hinaus der ganzen Kulturwissenschaft zwischendurch und am Ende in Druck gebracht hat: es ist gut möglich, dass er die Form der Vorlesung wegen ihrer didaktischen und kommunikativen Vorteile bewusst gepflegt und absichtlich darauf verzichtet hat, seine Theorie jemals in ihrer ganzen Konkretion durch Details und Beispiele in Buchform festzuhalten. Leyh musste die erste vollständige Fassung im Band 1 mühsam aus den überlieferten handschriftlichen Manuskripten rekonstruieren, und Blanke steht mit den späteren Veränderungen für den noch nicht erschienenen, die Ausgabe in Zukunft krönenden Band 3 Ähnliches bevor.

In Droysens Gesamtwerk finden sich Passagen, in denen er sich nahezu emphatisch gegen die Vorstellung wendet, Historiker hätten nur gelehrte Bücher zu verfassen, und in denen er der Wissenschaft Respekt vor den Kommunikationsbedürfnissen des großen Publikums empfiehlt:

“Ein Kollege riß neulich Nase und Mund auf, als er hörte, daß ich in der Historik auch der publizistischen Tätigkeit ihre Stelle anweise; er meinte mit Gervinus, daß man Historie nur studiere, um historische Bücher zu schreiben. Ich meine das gar nicht.” (Bd. 2.2, 397f.)

Und an anderer Stelle, an der er sich ausdrücklich mit dem akademischen Genre der Vorlesung befasst, preist er dessen Verbindung mit praktischen Übungen, weil erst die konkrete Auseinandersetzung mit den Studierenden den (Geschichts-)Professor vor dogmatischer Erstarrung bewahre und dazu bringe, den in der Vorlesung dargebotenen Stoff den Bedürfnissen der Hörer anzupassen. Durch die Übungen gewinne

“der Vortragende selbst (…) für seine Vorträge ein anderes Maaß; er wird es unthunlich finden, heut wie vor zwei, vier, sechs Jahren dieselben Sachen in denselben Formen vorzutragen; er wird die Freude und das Bedürfniß sehen, für die ihm so Entgegenkommenden – denn er kennt sie und ihr Arbeiten von den Uebungen her – das jedesmal Angemessene und bald für diesen, bald für jenen etwas, das ihm gerade förderlich sein kann, gelegentlich zu sagen. Er wird in den Uebungen mit den einzelnen verkehrend eine stete Controlle seiner academischen Vorträge und ihrer Wirkungen haben; und indem in den Uebungen von den Lernenden gleichsam die Initiative ausgeht, wird er sich ihnen gegenüber ohne den Nimbus seiner academischen Würde und die Unfehlbarkeit des Katheders mit seinen Stärken und auch seinen Schwächen im Wissen nur um so lebendiger mitbetheiligt fühlen. Und so ergiebt sich das wahre Verhältniß[,] das (…) zwischen dem Lehrer und dem Lernenden sein muß. Er arbeitet gemeinsam mit seinen jüngeren Freunden. Sie anregend wird er von ihnen nicht mindere Anregung empfangen; er wird mit ihnen und für sie weiter lernen. Und nur so lange man weiter lernt, kann man lehren.” (Bd. 2.2, 501)

Indem Droysen Unmittelbarkeit und Wechselseitigkeit als entscheidende Vorteile des Seminars und der Vorlesung gegenüber dem Buch, der Mündlichkeit gegenüber der Schriftlichkeit in der Wissenschaftskommunikation hervorhebt, erweist sich seine Praxis der akademischen Lehre, die die Ausgabe von Leyh und Blanke als gedrucktes Surrogat zwangsläufig nur unvollkommen zu rekonstruieren vermag, gerade für die Kommunikations- und Medienwissenschaften als lehrreiches wissenschaftsgeschichtliches Modell. Werden doch von diesen Fächern unter dem modischen, aber ungenauen Rubrum “Web 2.0” neue Potenziale der Interaktivität und Spontaneität in der Massen- und Individualkommunikation als signifikante Merkmale der digitalen Revolution erkannt.

Neu sind diese Potenziale freilich nur in der Fernkommunikation zwischen Abwesenden. Zwischen Anwesenden sind, wie eben das klassische Genre der akademischen Vorlesung zeigt, Dynamik und Variabilität, Unmittelbarkeit und Wechselseitigkeit der Kommunikation schon immer möglich gewesen. Die scharfe Trennung von privater und öffentlicher, Individual- und Massen-Kommunikation hat es hier nie gegeben. Es erscheint deshalb obsolet, ja schädlich, in der Hochschuldidaktik auf die intensive Verwendung digitaler Medien zu setzen, solange Anwesenheit von Lehrenden und Lernenden vorausgesetzt werden kann. Weil Vermittlung durch technische Medien, so viel neue Interaktivität und Spontaneität diese auch erlauben mögen, stets mit einem relativen Mangel an den von Droysen in Theorie und Praxis der akademischen Lehre akzentuierten Qualitäten behaftet bleibt, lohnt es sich gerade in den Geistes- und Kulturwissenschaften, deren gesellschaftlicher Nutzen von der Qualität ihrer Lehre abhängt, für das von defizitären öffentlichen Ressourcen bedrohte Prinzip der Anwesenheit in der Hochschuldidaktik zu kämpfen.

Andererseits ist nicht absehbar, auch in den Kommunikations- und Medienwissenschaften nicht, dass der Typus der durch Druck oder auf digitale Weise fixierten Schriftpublikation seine Bedeutung als dominierendes Medium der Forschungskommunikation und akademischen Qualifikation einbüßt. Im Gegenteil, die Flut schriftlicher Veröffentlichungen scheint auf der technischen Plattform Internet weiter anzuschwellen. Diese Praxis könnte durch die neuen audio-visuellen Medienpotenziale erweitert werden. Droysens Vorlesung, die von der Mündlichkeit des Vortrags gelebt hat, ließ sich nur durch Manuskripte überliefern und kann nur aus diesen schriftlichen “Überresten” wiederum schriftlich rekonstruiert und in Druckform für die geschichtstheoretische Forschung aufgearbeitet werden. Im 20. Jahrhundert sind Schrift und Druck durch neue Medien ergänzt worden, die Töne und bewegte Bilder speichern und übertragen und heute auf einer digitalen Grundlage stehen. Damit haben sich die Darstellungs-, Rezeptions- und Speicherungspotenziale auch in der Wissenschaft erheblich erweitert, was gerade von den historisch-hermeneutischen Fächern noch zu wenig genutzt wird.

Heute wäre es möglich, die 17 Varianten von Droysens Historik-Vorlesung digital aufzuzeichnen und zu überliefern, um ihre Entwicklung auch anhand der nicht schriftlich fixierten und sogar nonverbalen Anteile rekonstruierbar zu halten; und diese Rekonstruktion selbst könnte nicht schriftlich fixierte und sogar nonverbale Komponenten enthalten, die sich wiederum festhalten und tradieren ließen.

Die Zeit-“Schrift” r:k:m unternimmt mit Audiokommentaren wie bei dieser Klassikerrezension den Versuch, in Ergänzung zu den schriftlichen Buchbesprechungen auch die audio-visuellen Potenziale der Medienplattform Internet für die Wissenschaftskommunikation zu nutzen.

5. Theorie oder Philologie? Zur Ausgabe von Leyh und Blanke

Was die Edition betrifft, ist zunächst der Mut des Verlags zu bewundern, das Projekt nach einer Unterbrechung von drei Jahrzehnten mit einem anderen Bearbeiter wieder aufzugreifen. In dieser langen Zeit haben nicht nur der digitale Medienumbruch, sondern auch (zumindest relativ) schrumpfende Erwerbungsetats das (akademische) Bibliothekswesen umgepflügt, hat neben anderen historisch-hermeneutischen Disziplinen auch die Geschichtswissenschaft (weiter) kulturelles Terrain verloren. Gepolstert wird das Wagnis des Verlags, erneut mit der akribischen Rekonstruktion des erkenntnistheoretischen Hauptwerks eines weithin vergessenen Historikers des 19. Jahrhunderts herauszukommen, allenfalls durch den Umstand, dass – jedenfalls gegenwärtig – keine wohlfeile Ausgabe der Historik im Buchhandel erhältlich ist.

Jörn Rüsen, der schon seine Dissertation in den 1960er Jahren der Geschichtstheorie Droysens gewidmet hatte, konnte hier als Spiritus rector wirken. Seiner  Beharrlichkeit ist die Fortsetzung der historisch-kritischen Ausgabe der Historik zu verdanken. Fraglich ist freilich, ob Rüsen in einem Vorwort ähnlich wie Leyh 1977 und Blanke heute darauf verzichten würde, die wissenschaftspolitische und gesellschaftliche Relevanz der Historik-Ausgabe zu reflektieren. Angesichts des Umstands, dass Droysens wie Rüsens Konzeption die Überzeugung zugrunde liegt, Geschichtswissenschaft müsse lebensdienlich sein, mutet diese Abstinenz befremdlich an.

Leyh hat 1977 immerhin erwähnt, dass Günter Birtsch 1972 in einer gemeinsam mit Rüsen veranstalteten Ausgabe von Droysen-Texten den Wunsch nach einer historisch-kritischen Gesamtausgabe der Historik geäußert hatte, “dem diese Edition nun Rechnung tragen soll.” (Bd. 1, XVI) Aus Leyhs umfangreichem Vorwort scheint mehr inhaltliche Partizipation an Droysens Gedankenwelt hervorzugehen als aus Blankes etwas frugalem, auf die Editionstechnik beschränktem Vorwort, wo die theoretische Verortung der edierten Texte auf die Zukunft und in eine Anmerkung verschoben wird, in der der Autor eigene Arbeiten zu anderen Geschichtstheoretikern des 18. und 19. Jahrhunderts aufführt. Dadurch erscheint diese “Verortung” mehr als eine textkritisch-philologische Forschermühe zur Geschichte der Geschichtsdidaktik als eine intellektuelle Aufgabe.

Kein Buch, auch keine historisch-kritische Ausgabe, ist völlig frei von dem, was früher “Druckfehler” genannt wurde. Das gilt zumal in Zeiten der elektronisch gestützten Literaturproduktion. Hier sind es bemerkenswert wenige, und sie sind von geringer Bedeutung. Was aber bei der Lektüre gelegentlich stört, sind heute falsch erscheinende, teilweise sogar sinnentstellende Schreibungen, die beide Herausgeber, Blanke wie Leyh, mit der philologischen Pedanterie, zu der eine historisch-kritische Ausgabe verpflichtet ist, aus Droysens Handschriften übernommen haben.

Dass der seit 2007 in zwei Teilbänden vorliegende Band 2 sich von einer positivistischen Arbeitsweise weniger fernhält als der 1977 erschienene Band 1, worin möglicherweise Zeittypisches zum Ausdruck kommt, zeigt sich auch an der Auswahl der Texte. Wenn in Teilband 2.1 frühe Gedichte und private Briefe Droysens, bei denen der Herausgeber selbst eine zu großzügige Auswahl für möglich hält (vgl. Bd. 2.1, XV), dennoch der Publikation für Wert befunden werden, zeugt das ähnlich wie die ausführlichen schreibtechnischen Erläuterungen zu den fünf Handschriften-Faksimiles mehr von Affinität zu Materialreichtum und von Akribie als von theoretischem Interesse.

Eine gewisse, in dieselbe Richtung weisende Divergenz zwischen den beiden diachron voneinander getrennten Herausgebern zeigt sich auch daran, dass Leyh mit Band 1 den Schwerpunkt auf die handschriftliche Fassung der Vorlesung von 1857 gelegt hat, die die systematisch-geschichtsphilosophischen Anteile, welche im Zuge der zunehmenden Anpassung an die Lehrpraxis später ausgedünnt wurden, vollständig enthält, während Leyh nach einem zweiten Band “Materialien zur Entwicklungsgeschichte von Droysens Theorie der Geschichtswissenschaft”, den Blanke in “Texte im Umkreis der Historik” umbenannt hat, in Band 3 nur noch einen philologischen Apparat bieten wollte. Blanke dagegen will in seinem geplanten, vom Verlag angekündigten dritten Band, wiederum in zwei Teilbänden, nun auch noch eine vollständige “Historik letzter Hand” aus “den spätesten auto- und apographischen  Überlieferungen der Historik-Vorlesungen” (Klappentext zu Bd. 2.1) rekonstruieren, darunter wohl auch einer Mit- oder Nachschrift des Studenten Friedrich Meinecke.

Leyh hat die Rekonstruktion einer “Historik letzter Hand” 1977 ausdrücklich abgelehnt, hauptsächlich mit dem Argument, die “Systematik” sei “im Kolleg von 1882/83 sehr stiefmütterlich behandelt” worden:

“Es gilt (…), an der eigentlichen Intention Droysens, wie sie im ‘Grundriß’ ausgestaltet ist, gegen seine Konzessionen an den Lehrbetrieb festzuhalten, anders gesagt, die Wissenschaftskonzeption Droysens in ihrer fortdauernden wissenschaftsgeschichtlichen Bedeutung gegen die ephemere hochschuldidaktische Praxis zu behaupten, die zwar wissenschaftshistorisch aufschlußreich ist, aber erst vom wissenschaftstheoretischen Interesse an der ‘Historik’ aus in den Blick kommt.” (Bd. 1, XVIIf.)

In der Fortsetzung der Ausgabe durch Blanke hat, so scheint mir, nun der fachgeschichtliche Aspekt die Oberhand gewonnen, der für die Kommunikations- und Medienwissenschaften wie für die Kulturwissenschaften im Allgemeinen nur von geringem Interesse ist. Gut, dass auch Leyhs erster Band noch erhältlich ist, sodass die drei kulturtheoretischen Aspekte, die oben erläutert wurden, in der gesamten Ausgabe noch hinreichend greifbar sind. Auch das mag das Risiko des Verlags verringern, wenn man bei Frommann-Holzboog nicht bewusst auf die weitere Ausdifferenzierung und (Über-)Spezialisierung im Wissenschaftssystem setzt, die heute überall zu beobachten ist. Wenn nicht ökonomisch, so hat sich das Wagnis des Verlags jedenfalls heuristisch gelohnt, kann die Ausgabe doch als Anschauungsmaterial für eine allgemeine Entwicklung betrachtet werden, die einem Denken in der Tradition Droysens nicht unbedingt Freude machen muss.

Detailtreue und Akribie haben aber auch ihr Gutes. Dass Blanke die von Leyh ursprünglich wohl nur auf drei Bände angelegte Ausgabe um ein Supplement erweitert hat, das zu Lebzeiten erschienene Werke Droysens, mehrere (Teil-)Nachlässe und sonstige Autografen, Bildnisse Droysens sowie ausgewählte Sekundärliteratur zu Person und Werk dieses – jedenfalls für die geschichts- und kulturwissenschaftliche Erkenntnistheorie – wichtigsten Historikers des 19. Jahrhunderts verzeichnet, ist nicht nur für weitere fachgeschichtliche Forschungen, sondern auch für den zukünftigen geschichtstheoretischen Diskurs außerordentlich nützlich. Auch wenn es Blanke offensichtlich mehr auf Vollständigkeit als auf Überblick, mehr auf Richtigkeit als auf Relevanz ankommt, hat er mit der Fortsetzung der historisch-kritischen Historik-Ausgabe dem dürftig gewordenen Nachdenken über Sinn und Zweck der Geschichtswissenschaft einen wichtigen Dienst erwiesen. Hoffen wir, dass dieses Nachdenken weitergeht oder, wo nötig, wieder in Gang kommt.

Literatur:

  • Bacon, F.: Neues Organon. Herausgegeben vom Wolfgang Krohn, 2 Bände. Hamburg [Felix Meiner Verlag] 1990.
  • Habermas, J.: „Erkenntnis und Interesse“. In: Merkur 213, S. 1139-1153.
  • Hilberg, R.: Die Quellen des Holocaust. Frankfurt am Main [S. Fischer] 2002.
  • Krohn, W.: Francis Bacon. München [Verlag C. H. Beck] 2. Aufl. 2006.
  • Maletzke, G.: „Erlebte Kommunikationswissenschaft im Rückblick“. In: Kutsch, A.; Pöttker, H. (Hrsg.): Kommunikationswissenschaft – autobiographisch. (= Publizistik, Sonderheft 1) Opladen [Westdeutscher Verlag] 1997, S. 110-119.
  • Nietzsche, F.: Vom Nutzen und Nachteil die Historie für das Leben. Mit einem Nachwort von Hans Freyer. Leipzig [Insel] 1937.
  • Popper, K. R.: Logik der Forschung. Wien [Springer] 1934.
  • Popper, K. R.: Das Elend des Historizismus. Tübingen [Mohr Siebeck] 1965.
  • Pöttker, H.: „Aktualität und Vergangenheit. Zur Qualität von Geschichtsjournalismus“. In: Bentele, G.; Haller, M. (Hrsg.): Aktuelle Entstehung von Öffentlichkeit. Schriftenreihe der DGPuK, Band 24. Konstanz [UVK] 1997, S. 335-346.
  • Pöttker, H.: „Soziale Integration“. In: Geißler, R; Pöttker, H. (Hrsg.): Massenmedien und die Integration ethnischer Minderheiten in Deutschland. Bielefeld [Transcript Verlag] 2005, S. 25-43.
  • Rüsen, J.: Zeit und Sinn. Strategien historischen Denkens. Frankfurt am Main [S. Fischer] 1990.
  • Spinner, H. F.: „Zur Soziologie des Rezensionswesens“. In: Soziologie. Mitteilungsblatt der Deutschen Gesellschaft für Soziologie 1, S. 49-78.

Links:

Über das BuchJohann Gustav Droysen: Historik. Teilband 2.1: Texte im Umkreis der Historik. Unter Berücksichtigung der Vorarbeiten von Peter Leyh nach den Erstdrucken und Handschriften herausgegeben von Horst Walter Blanke. Stuttgart-Bad Cannstatt [Frommann-Holzboog] 2007.

Johann Gustav Droysen: Historik. Teilband 2.2: Texte im Umkreis der Historik. Unter Berücksichtigung der Vorarbeiten von Peter Leyh nach den Erstdrucken und Handschriften herausgegeben von Horst Walter Blanke. Stuttgart-Bad Cannstatt [Frommann-Holzboog] 2007.

Johann Gustav Droysen: Historik. Supplement. Droysen-Bibliographie. Herausgegeben von Horst Walter Blanke. Stuttgart-Bad Cannstatt [Frommann-Holzboog] 2008.

Früher erschienen: Johann Gustav Droysen: Historik. Band 1: Rekonstruktion der ersten vollständigen Fassung der Vorlesungen (1857), Grundriß der Historik in der ersten handschriftlichen (1857/1858) und in der letzten gedruckten Fassung (1882). Historisch-kritische Ausgabe von Peter Leyh. Stuttgart-Bad Cannstatt [Frommann-Holzboog] 1977.Empfohlene ZitierweiseJohann Gustav Droysen – Ein Historiker als Klassiker der Kommunikations- und Medienwissenschaften. von Pöttker, Horst in rezensionen:kommunikation:medien, 9. Juli 2010, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/3233
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Dr. Horst Pöttker ist Professor für Journalistik an der Technischen Universität Dortmund und Mitherausgeber von "r:k:m–Rezensionen:Kommunikation:Medien"., Dr. Horst Pöttker ist Professor für Journalistik an der Technischen Universität Dortmund und Mitherausgeber von "r:k:m–Rezensionen:Kommunikation:Medien"., Dr. Horst Pöttker ist Professor für Journalistik an der Technischen Universität Dortmund und Mitherausgeber von "r:k:m–Rezensionen:Kommunikation:Medien"., Dr. Horst Pöttker ist Professor für Journalistik an der Technischen Universität Dortmund und Mitherausgeber von "r:k:m–Rezensionen:Kommunikation:Medien".