Christian Wirrwitz: Kernbedeutung und Verstehen

Einzelrezension
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Rezensiert von Tim Loppe

Einzelrezension
Die menschliche Kommunikation ist für die Philosophie seit jeher ein Faszinosum: Worin liegt die Bedeutung eines Ausdrucks? Was heißt es, eine Äußerung zu verstehen? Und unter welchen Bedingungen kommt dieses Verstehen zustande? Mit seiner Dissertation Kernbedeutung und Verstehen setzt Christian Wirrwitz die schier endlose Reihe an Auseinandersetzungen mit den Kernbegriffen der Sprachphilosophie fort. Dass seine Arbeit einige der stark verzweigten Diskussionen auf diesem Gebiet bereichern kann, hat mehrere Gründe: Erstens ist sie sehr gut durchdacht, zweitens klar strukturiert und drittens – dies ist ebenfalls keine geringe Leistung – verständlich geschrieben.

Den Ausgangspunkt seiner Überlegungen bezeichnet der Autor als das “Verstehensproblem”. Beobachtungen alltäglicher Kommunikation zeigten demnach, dass wir die Bedeutung vieler Ausdrücke, die in normalen, flüssigen Gesprächen verwendet werden, nicht genau kennen. Diese Intuition ist allerdings inkompatibel mit den Annahmen, dass eine flüssige Kommunikation ohne Verstehen sowie ein Verstehen von Ausdrücken ohne die Kenntnis von deren Bedeutung nicht möglich sind. Da Wirrwitz diese beiden Annahmen akzeptiert, bleibt ihm zur Auflösung des Widerspruchs nur ein Ausweg: Er muss zeigen, dass wir entgegen der genannten Intuition die Bedeutung von Ausdrücken in der alltäglichen Kommunikation kennen.

Um dies zu leisten, führt Wirrwitz die Unterscheidung von vollständiger Bedeutung und Kernbedeutung ein. Vollständige Bedeutung definiert er wie folgt: “Die Bedeutung eines Ausdrucks ist von allen Meinungen des Sprechers abhängig, die zusammen die notwendigen und hinreichenden Bedingungen für die Anwendung des Ausdrucks erfassen.” (85) Die These lautet nun: Wird der Begriff der vollständigen Bedeutung zugrundegelegt, ist an der Intuition nicht zu rütteln. Der Widerspruch wird also nicht aufgelöst. In diesem Sinne scheitern laut Wirrwitz die geläufigen Sprachtheorien, die allesamt der vollständigen Bedeutung verhaftet seien, am Verstehensproblem.

Die Lösung des Verstehensproblems verspricht der Begriff der Kernbedeutung. Mit Leben füllt Wirrwitz diesen Begriff durch die Prototypentheorie in ihrer klassischen Version sowie durch den von Hilary Putnam in The meaning of “meaning” geprägten Stereotypenbegriff (vgl. Putnam 1975). In den meisten Fällen besteht die Kernbedeutung eines Ausdrucks aus dem Prototyp sowie einer Reihe von Stereotypen, die auf diesen Prototyp Bezug nehmen. Je nach Funktionsweise eines Ausdrucks kann dessen Kernbedeutung aber auch auf einige Stereotypen reduziert sein. Während Wirrwitz den Prototypen auf der Ebene der Extension ansiedelt, rückt er Stereotypen in die Nähe der Intension. Unter Stereotypen versteht er “diejenigen Aussagen einer Menge von Aussagen über einen Gegenstand, die für typisch oder charakteristisch gehalten werden.” (135) Im Extremfall kann also ein Stereotyp mit der Definition des Ausdrucks zusammenfallen.

In der Hinführung geht Wirrwitz außerordentlich akribisch vor. Breiten Raum nimmt die Entwicklung einer Typologie der unterschiedlichen Funktionen von Ausdrücken ein. Und auch der Frage, ob die vollständige Bedeutung in der Kommunikation zugänglich ist, wird ausführlich nachgegangen. Beiden Themenbereichen ist jeweils ein Kapitel gewidmet. Auch wenn dies absolut angemessen ist: Verglichen mit diesen detaillierten und sehr sorgfältigen Vorarbeiten fällt die Auseinandersetzung mit der Prototypentheorie im dritten Kapitel relativ knapp aus. Das ist schade, schließlich sieht Wirrwitz im Rückgriff auf die Prototypentheorie, die “innerhalb der Sprachphilosophie vernachlässigt” (11) werde, das kreative Moment seiner Arbeit.

Besonders deutlich wird dieses Versäumnis, wenn es um die Definition des Prototypen geht. Denn laut Wirrwitz sind Prototypen “als typische Exemplare notwendigerweise Bestandteile der Extension.” (137) In dieser Ansicht offenbart sich ein Verständnis der Prototypentheorie, das geprägt ist von den ersten Thesen Eleanor Roschs zum zentralen Status des Prototypen Mitte der 1970er Jahre. Mittlerweile wurden diese Thesen jedoch einer grundlegenden Revision unterzogen, weder in der linguistischen Semantik noch in der kognitiven Psychologie werden sie heutzutage in vollem Umfang vertreten. Zentrale Arbeiten zur revidierten Fassung der Prototypentheorie – beispielsweise von George Lakoff – erwähnt Wirrwitz zwar vereinzelt. Eine Erklärung dazu, warum er deren Argumente und Einsichten unberücksichtigt lässt, fehlt jedoch.

Dieser Schwäche zum Trotz kann Kernbedeutung und Verstehen als gelungener Beitrag zur semantischen Grundlagendiskussion betrachtet werden. Von einer klaren Problemstellung ausgehend, entwickelt Wirrwitz sein Konzept der Kernbedeutung in kleinen und klar definierten Schritten. Im direkten Anschluss an die Vorstellung seiner zentralen Gedanken zeigt er im dritten Kapitel auf, dass sich mithilfe des Begriffs der Kernbedeutung der im Verstehensproblem formulierte Widerspruch auflösen lässt: Zwar kennen wir nicht die vollständige Bedeutung der in der alltäglichen Kommunikation verwendeten Ausdrücke, ihre Kernbedeutung ist uns jedoch zugänglich. Das vierte Kapitel richtet noch einmal den Blick nach hinten: Die Erkenntnis des zweiten Kapitels, dass alle dem Begriff der vollständigen Bedeutung verbundenen Theorien am Verstehensproblem scheitern, wird hier am Beispiel wahrheitsfunktionaler Semantiken sowie kontextualistischer Sprachkonzeptionen überprüft. Im fünften und letzten Kapitel reißt Wirrwitz die Konsequenzen seiner Gedanken für die Sprachphilosophie sowie offene Fragen an. Diesbezüglich hält er fest, dass die Kenntnis der Kernbedeutung zum Verstehen einer Äußerung zwar notwenig, in manchen Fällen aber nicht hinreichend ist.

Welche Impulse von Kernbedeutung und Verstehen ausgehen werden, bleibt abzuwarten. Es ist zu hoffen, dass entgegen der Einschätzung von Wirrwitz die Mehrheit der Sprachphilosophen die Prototypentheorie bereits vor Erscheinen dieses Buchs zur Kenntnis genommen hat. In jedem Fall jedoch stellt Kernbedeutung und Verstehen neue Bezugspunkte zwischen kognitivistischen und wahrheitsfunktionalen Sprach- und Bedeutungstheorien her.

Literatur:

  • Putnam, H.: “The Meaning of ‘Meaning'”. In: Ders.: Mind, Language, and Reality. Philosophical Papers, Vol. 2. Cambridge [Cambridge University Press] 1975, S. 215-271.

Links:

Über das BuchChristian Wirrwitz: Kernbedeutung und Verstehen. Reihe: Mind, Knowledge, Communication. Paderborn [Mentis-Verlag] 2009, 256 Seiten, 32,&ndash Euro.Empfohlene ZitierweiseChristian Wirrwitz: Kernbedeutung und Verstehen. von Loppe, Tim in rezensionen:kommunikation:medien, 22. Juni 2010, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/3196
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Rezensent/in
Dr. Tim Loppe ist für die Pressearbeit der Naturstrom-Gruppe zuständig. Zuvor war er als PR-Berater sowie als Lehrbeauftragter zu Themen aus den Bereichen Semantik, Pragmatik und Semiotik an den Universitäten Düsseldorf und Münster tätig.