Matthias Buck; Florian Hartling; Sebastian Pfau (Hrsg.): Randgänge der Mediengeschichte

Einzelrezension
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Rezensiert von Petra Löffler

Einzelrezension
Mediengeschichte ist zweifellos ein weites Feld. Dieser zur Plattitüde verkommene Fontane-Satz ist hier nur aus einem Grund angebracht: Um in dieses weite Forschungsfeld einige Schneisen zu schlagen. Diese Vorgehensweise verfolgen Matthias Buck, Florian Hartling und Sebastian Pfau in ihrem Sammelband Randgänge der Medienwissenschaft. Seine Beiträge nehmen ihren Gegenstand von seinen Rändern her in Augenschein. So kündigen es zumindest Titel und Einleitung an. Aktuelle Forschungs- positionen sollen ebenso dargestellt wie Neuland betreten, Theoreme geprüft sowie neue Gebiete erschlossen werden. Dabei sollen die hier versammelten Aufsätze möglichst viele Aspekte der Mediengeschichtsschreibung facettenreich hervortreten lassen. Von der Methodenreflexion über Bild- bzw. Technikgeschichte, Medienanalyse, Emotionsforschung und Medienästhetik bis zum Verhältnis von Medien und Öffentlichkeit reicht das weit gefasste Spektrum.

Der Sammelband stellt programmatisch “Überlegungen zur Konzeption von Kommunikationsgeschichte” von Rainer Leschke an den Anfang, die strukturelle Grenzen und Defizite bestimmter Kommunikationsbegriffe (z. B. Habermas, Luhmann, McLuhan) sowie ihrer jeweiligen Urszenen diskutiert. Leschke kommt zu dem Schluss, dass Kommunikationsbegriffe für die Geschichte der Kommunikation, insbesondere der massenmedialen, wenig beizutragen haben (36) und plädiert daher für eine “integrale Medien- und Kommunikationsgeschichte” (38), die im Anschluss an geschichtsphilosophische Überlegungen Walter Benjamins spezifische historische Konstellationen von Medien, Medienverbünde sowie Brüche und Parallelen in ihrer Geschichte gleichermaßen in den Blick nimmt. Da es sich bei diesen Konstellationen in der Regel um “Zusammenhänge mittlerer Größe” handele, seien flexible Modelle wie etwa Foucaults Archäologie oder Bolters Remediation-Konzept erforderlich, “die über den erforderlichen Grand an Unschärfe und Offenheit verfügen” (41). Aus den historisch spezifischen Konstellationen von Medien ließe sich dann auch ein Begriff von Kommunikation gewinnen. Bleibt nur die Frage, ob ein solcher aus mediengeschichtlicher Sicht dann überhaupt noch notwendig ist.

Das Vorhaben, Medien historisch spezifisch zu konstellieren, geht unter anderem auf die Studien von Siegfried Zielinski, William Urrichio sowie das Weimarer Forschungsprojekt “Mediale Historiographien” zurück. Es einzulösen, ist jedoch nur in wenigen Fällen geglückt: Die meisten Beiträgen des Bandes decken weder innovative Konstellationen von Medien auf noch schlagen sie Schneisen in ein vermeintliches Dickicht, aus denen doch erst Randgänge entstehen können, sondern bewegen sich, wenn überhaupt, auf bereits ausgetretenen mediengeschichtlichen Pfaden. Etliche Beiträge fallen zudem hinter die von Leschke geforderte integrative Herangehensweise zurück. So stehen denn auch nicht historisch spezifische und heterogene Medienkonstellationen im Vordergrund, sondern einmal mehr Studien zu einzelnen ‘Erfindern’ (Talbot, Edison), einzelnen Genres (Kriegsfilm, Melodrama) oder Medien (Fernsehen, Computer), die alles andere als randständig genannt werden können und auch kaum neue mediengeschichtlich relevante Erkenntnisse hervorbringen.

Beiträge, die wie die von Kathrin Fahlenbrach oder Anne Bartsch Epochen übergreifende Fragestellungen untersuchen, leiden unter ihrer Kürze, so dass ihre Argumentation wenig über Verallgemeinerungen bzw. sattsam bekannte Beispiele hinausgreifen kann. Andere Beiträge hätten besser in einen kommunikationswissenschaftlichen Sammelband gepasst oder behandeln nicht wirklich mediengeschichtlich relevante Fragestellungen. Thomas Wilkes und Golo Föllmers Studien zur Mediengeschichte akustischer Räume ist hingegen die Verbindung zwischen innovativer Fallstudie und mediengeschichtlicher Rahmung geglückt. Auch Claudia Dittmar hat ein spannendes Stück deutsch-deutscher Fernsehgeschichte rekonstruiert.

Insgesamt entsteht jedoch der Eindruck, als sollten methodisch und thematisch sehr disparate Texte unter einen Hut gezwängt werden, der geräumig genug erscheint, aber noch nicht einmal jene schwache Determinanz erzeugt, die mediengeschichtliche Zusammenhänge angeblich kennzeichnet. Statt Randständiges ins Licht zu rücken und mediengeschichtlich zu positionieren, erweckt der Sammelband zum Schaden der Mediengeschichte den Eindruck von Beliebigkeit.

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Über das BuchMatthias Buck; Florian Hartling; Sebastian Pfau (Hrsg.): Randgänge der Mediengeschichte. Wiesbaden [VS Verlag] 2010, 322 Seiten, 39,90 Euro.Empfohlene ZitierweiseMatthias Buck; Florian Hartling; Sebastian Pfau (Hrsg.): Randgänge der Mediengeschichte. von Löffler, Petra in rezensionen:kommunikation:medien, 20. September 2010, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/2541
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1 Pings/Trackbacks für "Matthias Buck; Florian Hartling; Sebastian Pfau (Hrsg.): Randgänge der Mediengeschichte"
  1. […] nun endlich beim Verlag in den Druck gegangen ist, das vorletzte immerhin schon auf dem Visier ist (wobei es aber bei einer Festschrift sicherlich immer so eine Sache mit der Resonanz ist…), gibt es auf das vor-vorletzte nun endlich […]

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Rezensent/in
Dr. Petra Löffler ist Universitätsassistentin am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien.