Reinhold Neven Du Mont: Mit Büchern und Autoren. Mein Leben als Verleger

Einzelrezension, Rezensionen
306 Aufrufe

Rezensiert von Oliver Ruf

Einzelrezension
Ein Gespür für Literatur, ein Händchen fürs Geschäft. Zugleich: Zutrauen, Verlässlichkeit, Beistand und ein Faible für literarische Abenteuer sowie die Überzeugung, gegenüber Autoren eine „dienende Funktion“ einzunehmen – das ist die Formel, die zu Beginn dieses Buches aufgestellt wird. Es ist die Berufsbiographie eines der großen deutschen Verleger, der einen Grandseigneur des Literaturbetriebs der vergangenen vier Jahrzehnte darstellt: Reinhold Neven Du Mont. Ein Gentleman, der gleichzeitig unbeirrt seinen Weg als Vermittler vor allem gegenwärtiger Literatur gegangen ist und dabei aus einem traditionsreichen Verlagshaus einen Buchmarktmotor mit immensem Einfluss gemacht hat. Man kann also getrost erwarten, dass sich in diesen Erinnerungen auch einige joviale wie vielsagende Hintergründe verbergen.

Neven Du Monts Schilderungen sind weitgehend chronologisch und gruppieren sich, wie schon der Titel verspricht, um die wichtigsten Bücher und deren Verfasser. Heraus kommt ein Panorama des Who-is-who, von Berühmtheiten und Skandalen, von legendären Ausgaben und unvergesslichen Charakteren – dies in bemüht sachlicher Rekapitulation, die sich naturgemäß nicht frei machen kann von persönlichem Witz und charismatischem Verve.

Reinhold Neven Du Mont leitete von 1969 bis 2001 die Geschicke des Verlags Kiepenheuer & Witsch in Köln, der zu dieser Zeit seine Residenz noch (in unmittelbarer Nähe seines Elternhauses) in der schicken Kölner Marienburg beziehen konnte; dieser musste nach über einem halben Jahrhundert 2008 aus Platzgründen in ein weniger glamouröses Domizil unmittelbar am Hauptbahnhof umziehen. In seinen Erinnerungen erzählt Neven Du Mont die Verlagsgeschichte, soweit er sie selbst begleiten und lenken durfte.

Den Anfang macht, kaum überraschend, dessen Übernahme als alleiniger Verleger, ein Unterfangen, das als spektakulär bezeichnet werden muss: Mit dem Pflichtanteil aus dem Erbe seiner Mutter zahlt er seine Schwiegermutter und deren Töchter aus (sehr zum Unmut vor allem einer seiner Schwestern) und wird im April 1969 gleichsam der Regisseur des Unternehmens von Joseph Caspar Witsch. Getreu des Ausspruchs Heinrich Bölls, irgendwas mit Büchern zu machen, hatte der promovierte Soziologe, der seine Dissertation über die deutschen „Buchgemeinschaften“ verfasste, zuvor zwar ein wenig, jedoch beileibe nicht ausreichend Verlagsluft geschnuppert. Im Januar 1963 führt ihn sein Schwiegervater in den Verlag ein, bringt ihm allerdings beinahe nichts bei. Im September 1966 erleidet dieser einen Herzinfarkt und stirbt wenige Monate später. Nach einer Interimszeit und familiären Querelen kann schließlich der Neuanfang starten.

Neven Du Mont trennt sich von einer Essay-Reihe und verlagseigenen Buchhandlungen, richtet eine wöchentliche Konferenz mit allen Hausabteilungen ein, lässt einen Betriebsrat gründen und – das Allerwichtigste – vermag es, die Zukunft von Kiepenheuer & Witsch entlang einer mutigen und eindrucksvollen Autorenriege zu deklinieren. Neben Heinrich Böll gehören hierzu u.a. Dieter Wellershoff (der vom versierten Lektor zum bedeutenden Autor avanciert), der investigative Günter Wallraff, Gabriel García Márquez und Salman Rushdie (aufgrund dessen Streitschriften auch Neven Du Mont Polizeischutz erhält) sowie zahlreiche andere, darunter Wolf Biermann und Uwe Timm. Nicht zu vergessen der Schwerpunkt in der amerikanischen Literatur mit J. D. Salinger, William S. Burroughs, Andy Warhol, Charles Bukowski oder Don DeLillo. Meist steht jeder dieser Namen für ein bemerkenswertes, Einfluss gebendes Buch; und mit jedem dieser Bücher etabliert sich das Standing von Kiepenheuer & Witsch und damit auch des Verlegers.

Zwischenzeitlich startet Neven Du Mont die bis heute erfolgreiche Kiwi-Paperback-Reihe. Als bedeutendste Personalie kann in diesem Zusammenhang der Ein- und Aufstieg von Helge Malchow gelten, der 1990 Cheflektor inklusive Prokura wird. Auch hier gelingt es Neven Du Mont, Stationen der Verlagsentwicklung mit persönlichen Episoden zu verknüpfen. So lernte er Malchow als Lehrer an der Gesamtschule Rodenkirchen kennen, in dessen Leistungskurs Deutsch Neven Du Monts Tochter Caroline die Ansichten eines Clowns von Heinrich Böll las. Malchow lud dessen Verleger zu einem Klassenvortrag ein, und aus dem Zusammentreffen wurde letztlich eine ungemein produktive Literaturbetriebsbeziehung. Malchow kündigte, volontierte bei Kiepenheuer & Witsch, erhielt eine feste Stelle und machte aus den Kiwi-Paperbacks ein innovatives Format für junge Literatur. Ein Comedy-Programm mit Richard Rogler, Helge Schneider und Harald Schmidt wurde aufgezogen. Und es kamen weitere klingende Namen wie Ralph Giordano, Heiner Müller, Peter Härtling, Benjamin von Stuckrad-Barre, Nick Hornby und Bret Easton Ellis hinzu.

Bei all dem ,name dropping‘ versäumt der Autor es jedoch nicht, auch schwierige Zeiten zu veranschaulichen, zudem seinen schrittweisen Rückzug aus dem Verlag, sein Sabbatical nach dem Tod seiner Mutter und seinen größten Fehler: die Ablehnung der deutschen Übersetzung von Umberto Ecos Der Name der Rose. Die Hauptrolle in der jüngeren deutschen Literaturgeschichte spielte für Reinhold Neven Du Mont hingegen ein ganz anderer Autor; er schreibt: „Im Deutschunterricht meiner Schule, des Gymnasiums Kreuzgasse in Köln, war nur ein Autor des zwanzigsten Jahrhunderts als Unterrichtsstoff behandelt worden: Thomas Mann. Joseph Roth kam nicht vor. Ein Freund der Familie schenkte, als er aus der Emigration zurückkam, meinen Eltern Radetzkymarsch in der alten Auflage des Gustav Kiepenheuer Verlages von 1932. Es war ein zerlesenes Exemplar, der Umschlag war eingerissen und lag lange Zeit neben einem Band mit Bildern vom alten Köln, einem silbernen Zigarettenetui und einem Strauß mit getrockneten Rosen auf dem Wohnzimmertisch. Bis ich mich seiner erbarmte und es las. Es war, ohne Übertreibung, ein Erlebnis.“

So hält diese Autobiographie insgesamt, was sie verspricht: eine Kulturgeschichte zu liefern, die sowohl eine private Lese- wie öffentliche Kulturbetriebsgeschichte ist, die auch allerlei literarischen Gossip bietet, spannungsvolle Anekdoten und tiefgreifende Ereignisse. Überraschend ist dies alles zwar nicht, allerdings wird es mit einer derartigen Leidenschaft, einem Einfühlungsvermögen und einem Herz am rechten Fleck vorgetragen, dass man am Ende eigentlich nur noch eins tun möchte: Reinhold Neven Du Mont, der heute selbst Romanautor ist, zu danken – für ein Leben für seine Bücher und seine Autoren. Für ein Leben für seine Literatur. Dass sein Buch dazu gänzlich ohne Fotografien oder andere reproduzierte Dokumente und Korrespondenzen auskommt, ist zwar schade, gleichwohl verständlich: Diese Verlagsunterlagen gingen im März 2009 beim Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln erst einmal verloren.

Links:

Über das BuchReinhold Neven Du Mont: Mit Büchern und Autoren. Mein Leben als Verleger. Köln [Kiepenheuer & Witsch] 2016, 336 Seiten, 19,99 Euro.Empfohlene ZitierweiseReinhold Neven Du Mont: Mit Büchern und Autoren. Mein Leben als Verleger. von Ruf, Oliver in rezensionen:kommunikation:medien, 20. März 2017, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/19959
Getagged mit: , , ,
Veröffentlicht unter Einzelrezension, Rezensionen
Teilen
facebooktwittergoogle+
Drucken
Druck-Version PDF-Version
Verwandte Rezensionen
Rezensent/in
Prof. Dr. Oliver Ruf ist Professor für Medien- und Gestaltungswissenschaft an der Fakultät Digitale Medien der Hochschule Furtwangen. Zu seinen Schwerpunkten in Forschung und Lehre gehören Medienästhetik, Gestaltungstheorie, Storytelling sowie Literaturvermittlung und Buchmarktpraxis.