Carsten Wünsch, Holger Schramm, Volker Gehrau, Helena Bilandzic (Hrsg.): Handbuch Medienrezeption

Einzelrezension
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Rezensiert von Helmut Scherer

Handbuch MedienrezeptionEinzelrezension
Mit dem Begriff Handbuch ist ein besonderer Anspruch verbunden. Ein Handbuch vermittelt ein Bild von den Leistungen eines Faches in einem bestimmten Forschungsfeld. In gewisser Weise definiert ein Handbuch dieses wissenschaftliche Forschungsfeld. Ohne qualitativ hochwertige Einzelbeiträge können die Ziele eines Handbuchs nicht erreicht werden. Evaluiert man im vorliegenden Fall die Qualität der verschiedenen Beiträge, dann kann man nur zu dem wenig überraschenden Urteil kommen, dass diese durchaus unterschiedlich ist. Die Mehrzahl der Beiträge ist ordentlich und solide, einige sind sehr gut (z. B. Bilandzic, Hastall, Höflich oder Schramm), andere sind nicht ganz so gut gelungen, weil es ihnen an Strukturiertheit und Klarheit fehlt (z. B. Dohle), sie im Deskriptiven verharren (z. B. Haferkamp, Prommer) oder zentrale Begriffe nicht definiert werden (Hasebrink).

Bei manchen Beiträgen ist die Literaturarbeit defizitär, es fehlen wichtige, vor allem auch internationale Studien (z. B. Prommer). Insgesamt scheint häufiger insbesondere aktuelle Literatur zu fehlen. Man kann nur vermuten, dass dies wohl eher das Zusammenkommen des Sammelbandes spiegelt als den mangelnden Fleiß der Autoren; vermutlich hat sich die Produktion über einige Zeit hingezogen. Ein Handbuch sollte aber doch einen einigermaßen aktuellen Forschungsstand abbilden.

Die Einteilung der Beiträge in vier Hauptbereiche überzeugt nicht. Wieso etwa Kognition, Emotion und Handlung Grundlagen der Rezeption darstellen, das Einstellungskonzept, der Persönlichkeitsbegriff oder die Motivation nicht dazu zählen, bleibt mir unklar. Inwiefern wiederum der Beitrag von Woelke zu Kanalspezifika zu den Grundlagen der Rezeption gehört, erschließt sich mir nicht.

Auch die Auswahl der Themen ist zu kritisieren. So ist der Beitrag von Suckfüll zum ästhetischen Erleben in einem Handbuch Medienrezeption schlichtwegs überflüssig. Der Beitrag ist natürlich nicht schlecht, ganz im Gegenteil, aber er löst in keiner Weise den Anspruch ein, welchen die Herausgeber mit ihrem Handbuch verbinden. Sie schreiben dazu: “Das Anliegen eines wissenschaftlichen Handbuchs liegt in einer strukturierten Darstellung der Erkenntnisse zu einem spezifischen Forschungsfeld. Der Gegenstand dieses Handbuchs ist die Medienrezeptionsforschung.“ (5) Nun schreibt aber Suckfüll praktisch nichts über Erkenntnisse zur Medienrezeption. Vielmehr ist der Beitrag als ein Plädoyer zu verstehen, ästhetisches Erleben in der Rezeptionsforschung weiter zu berücksichtigen. Die Autorin spricht von “Anknüpfungspunkte[n] für die kommunikationswissenschaftliche Rezeptions- und Wirkungsforschung” (305), von Ergebnissen, Theorien oder Methoden spricht sie nicht. Entsprechende Überlegungen wären also bestenfalls in einem Einleitungs- oder Schlusskapitel unter dem Stichwort Desiderata der Forschung angemessen platziert.

Ein anderes Beispiel für die mangelnde Sinnhaftigkeit der Themenauswahl ist der Beitrag von Gleich. Darin geht es um parasoziale Interaktion und sozialen Vergleich. Gleich selbst stellt dazu die entscheidende Frage: “Was haben soziale Vergleiche mit PSI bzw. PSB zu tun?“ (249) – offensichtlich zunächst mal in der Forschungspraxis nicht allzu viel. “Empirische Forschung zum Verhältnis zwischen PSI bzw. PSB und sozialen Vergleichen existiert bislang offensichtlich nicht.“ (250) Mit dieser Diagnose wird eigentlich diesem Artikel als Handbuch-Beitrag der Boden entzogen. Natürlich ist es richtig, parasoziale Interaktion in diesem Handbuch abzubilden, und natürlich ist der Beitrag in dieser Hinsicht kompetent. Aber hier wird eine gewisse Beliebigkeit deutlich bei der Bestimmung der relevanten Gegenstände, die man sich eigentlich nicht leisten kann, wenn man ein Handbuch publiziert. Auch überschneiden sich viele Beiträge. So kann man schon in Frage stellen, ob es drei Einzelbeiträge zu den Themen Emotion, Stimmung und Emotionales Erleben braucht.

Es gibt aus meiner Sicht aber noch ein grundlegenderes Problem. Ich vermisse in diesem Handbuch eine durchgängige kommunikationswissenschaftliche Perspektive. Die Mehrzahl der Beiträge hat einen psychologischen, einige wenige einen soziologischen Zugang zum Thema. Die Problematik lässt sich meines Erachtens gut an zwei Beiträgen verdeutlichen, die inhaltlich ansonsten eigentlich gut gelungen sind. Wünsch gibt in seinem Beitrag zu ‘Empathie und Identifikation’ ohne Zweifel einen guten Überblick zum Thema. Aber der Beitrag geht von einem psychologischen Konzept aus und nicht von einem Rezeptionsphänomen. Deshalb steht im Vordergrund zunächst die Erklärung psychologischer Grundlagen. Diese werden dann mal mehr, mal weniger spezifisch auf Prozesse medialer Rezeption angewendet. Wir erfahren dabei nicht, welche Bedeutung diese Prozesse im Rahmen von Medienrezeption haben. Wie häufig kommen sie vor? Wie sehr prägen sie unser Erleben? Wie bestimmend sind sie für unsere Medienauswahl? Diese Fragen bleiben unbeantwortet.

Auch der Beitrag von Fahr macht das Problem deutlich. Der Beitrag ist sehr klar, systematisch und nachvollziehbar in der Darstellung, er bleibt aber immer psychologisch orientiert. Natürlich kann man fragen, welche Folgen Persönlichkeitsmerkmale für die Medienrezeption haben, aus meiner Sicht wäre es aber sinnvoller zu fragen, wie sich spezifische Formen der Medienrezeption mithilfe von Persönlichkeitsmerkmalen besser verstehen bzw. erklären lassen. Der Unterschied zwischen beiden Fragestellungen ist keineswegs so marginal, wie er vordergründig erscheinen mag, vielmehr geht es um den Unterschied zwischen einer psychologischen und einer kommunikationswissenschaftlichen Sichtweise. In einer kommunikationswissenschaftlichen Sichtweise sind die Rezeptionsphänomene zentral, andere Konzepte, die man zum Teil aus den Nachbardisziplinen entlehnt, haben dementsprechend eine untergeordnete, eine dienende Rolle. Es geht nicht darum, Persönlichkeit besser zu verstehen, vielmehr geht es darum, Rezeptionsphänomene zu analysieren.

Sieht man das Handbuch als einen Arbeits- und Leistungsnachweis für die Kommunikationswissenschaft im Feld der Rezeptionsforschung, dann stellen wir unserm Fach hier ein eher bedauerliches Zeugnis aus. Ganz offensichtlich hängen wir nach wie vor am Tropf unserer Nachbardisziplinen. Ganz offensichtlich beschränken wir uns auch darauf, zu prüfen, ob deren Modelle auf Kommunikationsphänomene Anwendung finden können. Nach wie vor begnügt sich die kommunikationswissenschaftliche Rezeptionsforschung mehrheitlich damit, Hilfsdisziplin der Psychologie zu bleiben, anstatt sich um einen eigenständigen Zugang zum Thema zu bemühen. Wer aber braucht dann die Kommunikationswissenschaft als Disziplin? Grundsätzlich hätte es dem Handbuch besser angestanden, von Rezeptionsphänomenen auszugehen. Mit Spannung, Immersion und wahrgenommenem Realismus gibt es ja schon Ansätze in dieser Richtung. Wie wäre es etwa mit Nachrichtenrezeption, Rezeption von Serien, habitualisierter Rezeption, Rezeptionsritualen u.ä.m. So vergibt das Handbuch die Chance, das Fach weiterzuentwickeln und dessen Eigenständigkeit zu begründen bzw. zu fördern.

Das alles soll natürlich nicht heißen, dass dieses Handbuch qualitativ minderwertig ist und keinen Nutzen entfalten kann. Wie schon oben festgestellt, hat die Mehrzahl der Beiträge ein ordentliches Niveau. Will man einzelne Dinge nachschlagen, oder sich kurz über einzelne dieser Forschungsperspektiven informieren, dann leistet dieses Handbuch gute Dienste. Es ist also für Studierende hilfreich, und sicherlich auch für Fachkollegen, die in diesen spezifischen Forschungsfeldern nicht so zuhause sind. Die einschlägigen Spezialisten werden es natürlich wenig nutzen, aber das ist das normale Los von Handbüchern.

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Über das BuchCarsten Wünsch, Holger Schramm, Volker Gehrau, Helena Bilandzic (Hrsg.): Handbuch Medienrezeption. Baden-Baden [Nomos] 2014, 450 Seiten, 49,- Euro.Empfohlene ZitierweiseCarsten Wünsch, Holger Schramm, Volker Gehrau, Helena Bilandzic (Hrsg.): Handbuch Medienrezeption. von Scherer, Helmut in rezensionen:kommunikation:medien, 20. September 2014, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/16954
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