Konrad Dussel: Pressebilder in der Weimarer Republik

Einzelrezension
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Rezensiert von Ursula E. Koch

Pressebilder in der Weimarer RepublikEinzelrezension
Seit den 1980er Jahren nimmt die Erforschung illustrierter Zeitschriften, populärer Magazine, Satire-Journale oder auch Plakate aus der Zeit der Weimarer Republik in erfreulicher Weise zu. Dagegen wurde die im Vergleich zu London und Paris relativ spät, d. h. ab Mitte der 1920er Jahre, erfolgte systematische Bebilderung der  deutschen Tagespresse bislang erst ansatzweise untersucht.

Das von dem Historiker Konrad Dussel, dem auch einschlägige Veröffentlichungen zur deutschen Tagespresse und zum Rundfunk zu verdanken sind, vorgelegte Buch ist aus einer von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Fallstudie zu Visualisierungsmöglichkeiten und -strategien der deutschen Presse in der Weimarer Republik hervorgegangen. In der Einleitung (= Kapitel 1) ‘Worum es gehen soll’ (9 – 17) setzt sich der Autor mit dem bislang eher dürftigen Forschungstand zum Thema bebilderte Druckmedien in Deutschland auseinander und verspricht sich für seine Untersuchung einen Erkenntnisgewinn durch die Einbeziehung sowohl des publizistischen als auch des zeitgeschichtlichen und sozialen Umfelds.

Das relativ kurz gehaltene Kapitel  2  gestattet eingangs einen Blick auf die ‘Zeitungsbilder vor dem Ersten Weltkrieg’ (Holzstiche, Autotypien, Hybriddruck) und deren Veröffentlichung in illustrierten Pfennig-Magazinen (seit den 1830er Jahren), Universal-Illustrierten, Familienzeitschriften,  Zeitungsbeilagen oder, wenn auch nur ausnahmsweise, in den Tageszeitungen selbst. Im Folgenden wird, soweit es die mehr oder weniger lückenhafte Quellenlage erlaubt, mit Hilfe von Tabellen die ‘Struktur’ der deutschen Tagespresse in der Weimarer Republik (regionale Verteilung, Erscheinungshäufigkeit, Verteilung auf Ortsgröβen, Parteinähe) sowohl im Allgemeinen als auch im Besonderen (badische Zeitungen 1924) dargestellt (28-37). Die damalige überragende Position der Zeitungsstadt Berlin (vgl. Peter de Mendelssohn ²1982) kommt hierbei allerdings zu kurz.

Die Unterkapitel 2.3 bis 2.6 (38-68) sind ganz dem 1924, d. h. nach der Hyperinflation einsetzenden Siegeszug der meist wöchentlich erschienenen universellen Illustrierten  und ihren unmittelbaren Konkurrenten, den bebilderten informativen oder unterhaltsamen Gratisbeilagen der Tageszeitungen gewidmet. Letztere wurden teils zentral, teils im eigenen Verlag hergestellt und blieben, obwohl fester Bestandteil des Abonnements, bei Zeitungsanalysen und Zeitungssammlungen oft unberücksichtigt. Den einen wie den anderen fehlte es an Aktualität, was schlieβlich zu einem ‘Wettrennen’ um die Gunst der Leser zwischen den Zeitschriften und den sich nach 1924 in wachsendem Maβ dem Bild öffnenden Tageszeitungen führte (52). Das Kapitel enthält nicht nur konkrete Angaben zur fotografischen Technik und Bildübertragung der Zeit, sondern auch eine Fülle ‘zeitgenössischer Deutungen’, darunter Kurt Tucholskys bis heute viel zitierte These “Ein Bild sagt mehr als tausend Worte” (63 f.).

Auf Seite 69 empfiehlt der Autor all jenen, die “nur am groβen Überblick und entsprechenden Thesen interessiert” sind, die “zunächst nur”  lokale Fakten und Befunde im Detail beschreibenden Kapitel 3 und 4  zu “überblättern”. Dies ist vermutlich als Satire zu verstehen, denn eben diese beiden Kapitel bilden sowohl die Essenz als auch die Originalität dieses Buches, dessen Titel einerseits zu weit und andererseits zu eng gefasst ist.

Tatsächlich werden in Kap. 3 (‘Karlsruhe und seine Presse’, 69-138) die neun erhalten gebliebenen Partei- (SPD, Zentrum, deutschnational, NSDAP) oder Geschäftszeitungen der vom Autor zu Untersuchungszwecken auserkorenen mittelgroβen badischen Haupt- und Zeitungsstadt Karlsruhe näher vorgestellt.  Im Gegensatz zu vielen anderen Erhebungen eigens berücksichtigt wurden ihre illustrierten Beilagen und deren Experimente mit geschlossenen Bildseiten oder einer verstreuten Bebilderung. Titelseiten und Zeitungsköpfe, Tabellen und Grafiken dienen der Auflockerung und Verständlichkeit.

Als originell und überzeugend hervorzuheben sind die von Konrad Dussel für Kapitel 4 (39-318) gewählten Untersuchungsmethoden. Um die ‘Welt der Karlsruher Pressebilder’ mit der Unterstützung von zwei studentischen Hilfskräften statistisch (u. a. mittels einer Cluster-Analyse) zu erkunden, entschied er sich für jeweils drei zusammenhängende “natürliche” Januar-Wochen. Erhoben wurden somit sämtliche Bilder (insgesamt 7.292, vgl. 149), die von 1924 bis 1933 (bei einem Spitzenwert im Jahr 1931) im redaktionellen Teil der neun Karlsruher Tageszeitungen, ferner der beiden illustrierten Zeitungsbeilagen sowie in einer nahezu unbekannten Karlsruher illustrierten Zeitung veröffentlicht worden sind. Tabellarisch festgehalten wurden anschlieβend ihre ‘Tagesaktualität’, vier ‘Themenprofile’ (Politik, Bildung, Unterhaltung, Sensation)  sowie die ‘Themenverteilung’ in den verschiedenen Pressegattungen. Dass eine kleine Karlsruher Illustrierte fast eben soviel Bildmaterial veröffentlichte wie die zum Vergleich herangezogene Berliner Illustrirte Zeitung (1930: 1,8 Millionen Exemplare), gehört mit zu den Ergebnissen dieser viel Überraschendes bietenden Untersuchung. Weitere aufschlussreiche Befunde betreffen den unterschiedlichen bzw. sich wandelnden Einsatz von Bilderthemen und Bildmaterial (Archivfotos, Momentaufnahmen, Grafiken, Porträt- und andere Karikaturen) sowie eventuelle ‘Ähnlichkeitsbeziehungen’ (241-248) zwischen den Bildern der einzelnen Presseorgane oder -gattungen.

Das abschlieβende Kapitel 5 (319-368) trägt die Überschrift ‘Die Bebilderung als Teil des säkularen Wandels der deutschen Zeitungen’. Behandelt werden hier Themen wie die Macht der Bilder und ihre Grenzen, die Relativierung der Politik, die Überwindung der Milieugrenzen oder die Werbung und ihre Bilder. In einem Ausblick (362-368) werden die sich auf die Karlsruher Presse beziehenden Forschungsergebnisse während der Phase der Bilder-Etablierung in Deutschland ab 1924 als weitgehend allgemeingültig bezeichnet. Ein Bezug zu heute ist die Feststellung des Autors, dass sich die Zeitungsbebilderung, verglichen mit der Weimarer Republik, als Antwort auf die Herausforderungen der sich multiplizierenden audiovisuellen Medien sowie des Internets mehr als verdoppelt hat (368).

Das zahlen- und faktenreiche Buch Konrad Dussels mit eingestreuten didaktischen Querverweisen und ausführlichen zeitgenössischen Zitaten bietet trotz der einen oder anderen Unschärfe viele neue Einsichten. Der Anhang enthält ein Abkürzungsverzeichnis, ein reichhaltiges Literaturverzeichnis (370-404), das Kodebuch und einen Bildnachweis. Bedauerlicherweise fehlen ein Verzeichnis der insgesamt 25 Tabellen, ein leserfreundliches Verzeichnis der Grafiken und Zeitungsabbildungen sowie ein Personenverzeichnis (darunter viele Journalisten).

Literatur:

  • Peter de Mendelssohn: Zeitungsstadt Berlin. Menschen und Mächte in der Geschichte der deutschen Presse. Berlin 1959. Erw. Auflage Frankfurt/M. 1982.

Links:

Über das BuchKonrad Dussel: Pressebilder in der Weimarer Republik: Entgrenzung der Information. Berlin, Münster [LIT Verlag] 2012, 414 Seiten, 39,90 Euro.Empfohlene ZitierweiseKonrad Dussel: Pressebilder in der Weimarer Republik. von Koch, Ursula E. in rezensionen:kommunikation:medien, 17. April 2014, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/16283
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Rezensent/in
Prof. (em.) Dr. phil.habil. Ursula E. Koch (Ludwig-Maximilians-Universität München), u.a. o.Mitglied der Historischen Kommission zu Berlin u. d. Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK). Mitbegründerin der internationalen Equipe Interdisciplinaire de Recherche sur l’Image Satirique und ihres Jahrbuchs Ridiculosa (Brest; www.eiris.eu). Forschungsschwerpunkte: deutsche und französische Kommunikationsgeschichte (Text und Bild).