Robin Kurilla: Emotion, Kommunikation, Konflikt

Sammelrezension
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Rezensiert von Antje Glück

Sammelrezension
Dass Emotionen inzwischen eine feste Rolle in den gegenwärtigen sozial- und geisteswissenschaftlichen Debatten einnehmen, zeigt sich deutlich bei der vorliegenden Arbeit von Robin Kurilla. In seiner hochinteressanten und durchdacht formulierten Dissertation verbindet er eine Vielzahl theoretischer Fundierungen mit einer breit angelegten empirischen Analyse. Ein einzelner Band wäre zu wenig, um die dichtgeschriebene Abhandlung aufzunehmen. Deshalb sind die knapp 800 Seiten auf zwei Bücher aufgeteilt. Hilfreich bei der Lektüre ist die durchgehend gute Leserführung, die immer wieder vorangegangene Gedanken sorgfältig aufnimmt, was die inhaltliche Orientierung in der anspruchsvollen Debatte erleichtert. Das Werk ist trotz der akribisch zusammengetragenen Materialfülle gut gegliedert.

Der Autor nimmt sich viel vor: Neben der Einführung in die Hauptdebatten und einer eher heterogen anmutenden Literaturübersicht, in der sich eine Vielzahl von Herangehensweisen finden, sucht der Autor im Fortgang danach, arbeitsfähige Begriffe von Emotion, Konflikt und Kommunikation zu entwickeln und miteinander in Bezug zu setzen, untermauert von einer Analyse, die die entwickelten Konzepte komparativ in drei Ländern testet. Das Werk, das mit Emotion, Kommunikation, Konflikt bereits drei bedeutungsschwere und nicht leicht zu fassende Termini im Titel führt, würde noch einen vierten mit gleichem Gewicht verdienen. “Kultur” könnte hinzugefügt werden, bildet diese doch einen grundlegenden Motivationsrahmen für die Untersuchung, in der der Autor immer wieder an die Grenzen der eigenen Resultate, aber auch des gegebenen (westlichen) Wissens stößt. Aus dieser Gesamtkonstellation erklärt sich die Schwierigkeit, das Buch in einer spezifischen Disziplin zu verorten.

Emotion, Kommunikation, Konflikt wird von mehreren theoretischen Grundlinien durchzogen: Da wäre zunächst die dominante sozialkonstruktivistische Sicht auf Emotionen, die deren kulturelle Variabilität aufzeigt, und die immer wieder gerechtfertigt wird gegenüber Darwins Idee universell vererbter Emotionsschemata. Eine weitere Debatte betrifft Helmut Plessner und seine gestalttheoretisch inspirierte Lebensphilosophie, wonach die Selbstreflexionsfähigkeit der Menschen diese dazu befähigt, sich durch Deutungsakte zu einem gewissen Teil dem Bewusstsein anderer anzunähern. Hier hilft auch Bergers und Luckmanns Wissenssoziologie weiter, die soziale Wirklichkeitskonstruktion als prozesshaft ansieht und den einzelnen Organismus mit objektiven Gesellschaftsstrukturen zu verbinden versucht. Sprache spielt hier wie auch in der empirischen Analyse eine grundlegende Rolle. Nicht zuletzt bildet Heideggers Dualität von Seinsmodi (“zuhanden/vorhanden”) tragfähige Theorieebenen für die Erfahrung von Gegenständen.

Band 1 versammelt zunächst gleichberechtigt eine Vielzahl von theoretischen Ansätzen und einschlägigen Namen aus der Emotionssoziologie und -philosophie, der Anthropologie und der Konfliktforschung. Geographisch verbleibt der Band zumeist innerhalb Deutschlands und der anglophonen Welt, mit wenigen Ausnahmen aus weiteren europäischen Philosophietraditionen. Die Zusammenstellung, darunter Aristoteles, Karl Marx, Georg Simmel oder Randall Collins, erscheint durch die Gleichbehandlung aller Ansätze auf den ersten Blick wenig systematisch. Die Auswahlkriterien, nach denen der Autor auf bestimmte einschlägige Autoren der Emotionsforschung rekurriert, auf andere hingegen nicht, werden nicht ganz ersichtlich. So bleibt Émile Durkheim nur ansatzweise erwähnt, trotzdem er insbesondere für die frühe Soziologie der Emotionen prägend war. Aber auch manch einschlägige Beispiele aus der Gegenwart sind absent, wie zum Beispiel Sara Ahmed. Obwohl die Britin mit ihrer Verortung von Emotionen zwischen sozialen Subjekten seit knapp zehn Jahren die Emotionsforschung in den Cultural Studies prägt und mit diesem Verständnis ebenfalls fern von Darwins biologisch-evolutionär geschaffenen Emotionen steht, findet sie sich nicht einmal in einer Fußnote. Dies verweist möglicherweise auf einen eher deutschen, im philosophisch-soziologischen Kontext tieffundierten Blinkwinkel.

Doch trotz dieser Kritik ist der erste Band keine zusammenhangslose Aufzählung. Anders als beispielsweise der weitreichende Überblick von Senge und Schützeichel (2012) zu emotionssoziologischen Standards sucht Kurilla durchgehend Zusammenhänge und Abgrenzungen von anderen Ansätzen aufzuzeigen, verweist auf Denktraditionen und selektiert stark danach, ob ein Werk Anknüpfungspunkte zu Konflikt und Emotion bietet. Dies klappt meist hervorragend (genannt seien hier stellvertretend die Abschnitte zu Max Scheler und Charles Horton Cooley), gelegentlich verliert sich Kurilla aber in einem Detailreichtum, dessen Nutzen für den empirischen Teil nicht unbedingt ersichtlich ist. So hätte zum Beispiel Darwins evolutionsbiologisches Gedankengut klarer auf Emotionen und Konflikt hin ausgearbeitet werden können.

Band 2 fügt dann das vorliegende ‘Rohmaterial’ zusammen. Nach einer kurzen Darstellung der Emotionsforschung und dem Verweis auf den jüngsten “Emotional Turn” im Jahr 2010 benennt der Autor sein Ziel, ein “einheitliches Paradigma auf der Basis des berger/luckmannschen Sozialkonstruktivismus” (412f.) zu erstellen. Das soll konkurrierende Emotionsansätze  disziplinübergreifend zugänglich machen. Der Versuch mündet in einem Verständnis von Emotion als Rolle im Sinne eines (kommunikativen) Mediums, zuständig für Steuerung, Vergesellschaftung oder Erfolg, in der Emotionen “in sozial konstruierten semantischen Netzen” (475) verortet werden, ohne dabei biologischen oder sozialen Ansätzen Priorität einzuräumen.

In einem so umfassenden Werk wie diesem sollten Hinweise auf historische Linien und disziplineigene Sprachregelungen und Abgrenzungsprobleme nicht fehlen. Doch obgleich Emotionsforscher fortgesetzt um eine semantische Trennung der Begriffe Emotion, Affekt, Stimmung, Sensation und Gefühl mühselig ringen, beschäftigt sich der Autor lediglich mit der definitorischen Relationierung von Emotionen und Stimmungen (vgl. 413/418, folgend Averill und Frijda). Zwar gehören diese Unterschiede nicht unbedingt zum Kernbereich der Untersuchung, jedoch hätte eine Klärung die Arbeit abgerundet.

Anschließend kritisiert der Autor in fundierter Weise Bewertungs- und Komponententheorien (verbleiben auf der Deutungsebene von Emotionen ohne Interaktivität zu berücksichtigen), rein leiborientierte Ansätze (Plessner) und im Zusammenhang damit Ideen zu “embodied thoughts” (Prinz). Interessant erscheinen hier die Erläuterungen zur “Empathie”. Kurilla reduziert sie nicht wie üblich auf biologisch verankerte Möglichkeiten (Spiegelneuronen), sondern führt sie auf Situationskenntnis  zurück. Dies ist gleichzeitig Plädoyer für die kulturelle Situiertheit von Emotionen. Die aufgeführten Beispiele zu Emotionen sind vielfältig. Sie reichen vom männlichen Emotionsverständnis während der Weimarer Republik über den historischen Wandel der “Melancholie” bis hin zur Erziehung von Kleinkindern in Bali und Emotionsneologismen im Pokerspiel.

Nach dem theoretischen Teil, in dem sich Kommunikation und Konflikt aus zahlreichen Perspektiven angenähert wird, legt der Autor im empirischen Teil den Schwerpunkt auf Kommunikation auf der Interaktionsebene (vgl 496). Die Wechselwirkungen mit Emotionen und die Frage, wie Emotion als Medium verstanden wird, erfahren eine sehr gute Erläuterung. Indem der Autor jedoch vornehmlich die Vis-à-vis-Kommunikation im Blick hat, verschenkt er die Möglichkeiten, die Dynamik von Emotionen auf gesellschaftlicher Ebene zu explorieren. Dies würde jedoch andererseits den Rahmen der Untersuchung sprengen. Der Theoriebereich findet seinen Abschluss mit der Einführung und Integration des Konfliktbegriffs. Definitionen dafür gibt es zahlreich, und Kurilla entscheidet sich hier für eine Konfliktdefinition, die auf einer abstrakten Ebene verbleibt und den Charakter von Konflikt als sozialem Konstrukt betont (vgl. 536). Das knüpft in der Logik an die Definition von Kommunikation an und dient dem Zweck, eine große Breite von Konflikttypen subsumieren zu können.

Der letzte Teil des zweiten Bandes widmet sich ausschließlich der empirischen Analyse, die in drei kulturell sehr gegensätzlichen Szenarien (Ruhrgebiet in Deutschland, San Sebastián in Spanien und Bali) angesiedelt ist. Die Analyse profitiert dabei von den umfassenden Sprachkenntnissen des Autors. Der Verfasser stellt die kulturellen Unterschiede zwischen den Regionen im Bezug auf Emotionen, Kommunikation und Konfliktverhalten gut dar. Gleich mehrere Instrumentarien werden miteinander kombiniert, um sich empirisch der Thematik anzunähern, darunter Narrationsanalysen, qualitative Interviews, Geschichtsinterpretationen und Emotionslexeme. In ausführlicher Weise schafft Kurilla für den Leser methodische Transparenz und macht die Herausforderungen seiner qualitativen Forschung nachvollziehbar; angefangen bei der schwierigen Wahl eines adäquaten Messverfahrens von Emotionen über technische Probleme bei Tonaufzeichnungen bis hin zur notwendigen Revision von Konzepten im Forschungsverlauf (wie zum Beispiel bei “Authentizität” der Fall).

Die Emotionen, die Kurilla auflistet, sind weitgehend dem empirischen Material entnommen und emanzipieren in der verbalen Thematisierung auch Metaphern der Alltagssprache (z. B. “Sauersein”) neben konventionelleren Emotionstermini. Es ist sehr begrüßenswert, die Begriffe im Original zu belassen, da es andernfalls Assoziationen mit eigenen kulturell geprägten Emotionsvorstellungen erregen würde, wie der Autor zu Recht vermerkt. Im Ergebnis konnten die baskischen Befragten am ausgeprägtesten Emotionen in Konflikten differenzieren, während in Bali aufgrund kultureller Andersartigkeit wenig Varianz erkennbar wurde.

Den größten und für den (deutschsprachigen) Leser vielleicht spannendsten Kontrast zum gängigen Emotionsverständnis bietet das Fallbeispiel Bali. Hier werden Konflikte weniger offen ausgetragen, was sich in einem ganz andersartigen Emotionsvokabular zeigt. Darin liegt eine der großen Stärken der Untersuchung von Robin Kurilla. Leider wird in diesem Zusammenhang aber sichtbar, dass eine solide Theoretisierung von Emotionen und Emotionsphilosophien im balinesischen Kultur-Kontext bislang fehlt, was wohl allgemein an der zumeist auf den westlichen Kulturraum konzentrierten Emotionsforschung liegen dürfte. Mit Recht stellt hier Kurilla angesichts seiner Befunde infrage, ob gängige Vorstellungen von interkultureller Kompetenz und Verständigung überhaupt realistisch sein können. Denn einmal etablierte und “ontogenetisch fixierte Verlaufsprogramme der Emotion” (744) lassen wenig Flexibilität in der individuellen Interpretationsfähigkeit einer Person zu. Schematisch Indikatoren zum äußerlichen Erkennen innerlich ‘vorhandener’ Emotionen bereitzustellen, würde aber auch nicht weiterhelfen, denn es  vernachlässigt den interaktiven Anteil beim Entstehen der Emotionen.

Eine Zusammenfassung aller theoretischen und empirischen Teile leistet der Autor am Ende nur begrenzt. Er erwähnt jedoch mehrere Ansatzpunkte, die das vorhandene Material bietet. Ohne Zweifel erscheinen seine Konzepte gut überlegt, integrieren sie doch beispielsweise objektbezogene Emotionen, die ein Individuum allein betreffen, und soziale Emotionen wie Scham und Schande. Hinzu könnten außerdem noch Anschlussmöglichkeiten auf komplexere Konfliktebenen (Gesellschaft, Staat) kommen.

Das Inhaltsverzeichnis und die Literaturübersicht finden sich am Ende jedes einzelnen Bandes, was die Handhabung deutlich erleichtert. Es ist ebenfalls sehr zu begrüßen, dass der Anhang online abrufbar ist. Allerdings bleibt trotz der Fülle an unterschiedlichen Themen und Denksträngen ein Stichwortregister absent, was die Orientierung hätte vereinfachen können. Formell wünschenswert wäre auch eine Übersetzung der Zitate gewesen. Diese entstammen nicht nur dem Englischen, sondern auch dem Französischen und Spanischen, was für Autor und Rezensent kein Hindernis sein mag, aber nicht bei jedem Leser vorausgesetzt werden kann.

Das Buch erscheint trotz oder gerade auch wegen seiner Detailliertheit sehr lesenswert und ist für eine recht diversifizierte Leserschaft geeignet. Philosophen und Soziologen mit einem Interesse an Emotionstheoretisierungen mögen Band 1 und den ersten Teil von Band 2 sehr interessant finden. Emotionsforscher oder Anthropologen profitieren von der Einbettung des Konfliktbegriffs und dem interkulturell komparativen Forschungsansatz. Durch die Konzentration auf Emotionen in Konfliktsituationen und dem kommunikativen Emotionsverständnis als Medium bilden die zwei Bände eine klare Bereicherung der gegenwärtigen Emotionsdebatten, denn sie eröffnen den Blick auch auf bislang wenig verfolgte Pfade.

Literatur:

  • Senge, K. and R. Schützeichel: Hauptwerke der Emotionssoziologie. Wiesbaden [Springer] 2012

Links:

Über das BuchRobin Kurilla: Emotion, Kommunikation, Konflikt. Eine historiographische, grundlagentheoretische und kulturvergleichende Untersuchung Band 1&2. Wiesbaden [Springer VS] 2013, je 382 Seiten, 39,99 Euro.Empfohlene ZitierweiseRobin Kurilla: Emotion, Kommunikation, Konflikt. von Glück, Antje in rezensionen:kommunikation:medien, 23. Juli 2014, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/15920
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Rezensent/in
Antje Glück ist Doktorandin am ICS (Institute for Communication Studies) an der Universität Leeds in Großbritannien. Sie promoviert über Emotionen und Subjektivität im Journalismus. Parallel zu ihrem Studium der Journalistik und Arabistik arbeitete sie mehrere Jahre lang als freie Journalistin. Später wechselte sie in den akademischen Bereich und beschäftigt sich seit 2009 mit Medien, Terrorismus und Konflikt in der arabischen Welt und in Südasien.