Ullrich Dittler, Michael Hoyer (Hrsg.): Aufwachsen in sozialen Netzwerken

Einzelrezension
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Rezensiert von Guido Bröckling

Aufwachsen in sozialen NetzwerkenEinzelrezension
Im vorliegenden Sammelband vereinen Ullrich Dittler und Michael Hoyer Beiträge des 4. Medienkongresses Villingen-Schwenningen (2012) zu Chancen und Gefahren von Netzgemeinschaften aus medienpsychologischer und -pädagogischer Perspektive. In der Einleitung fassen die Herausgeber kurz die Schwerpunkte der Beiträge zusammen, verpassen es aber, einen theoretischen Rahmen zu setzen, der die 17 sehr heterogenen Beiträge zusammenführen und ihnen einen roten Faden geben könnte. Um die differenzierten Perspektiven auf die Entwicklung von Social Network Services (SNS) dennoch einzuordnen, definieren sie zumindest fünf übergeordnete Themenschwerpunkte.

Den ersten Schwerpunkt zur Nutzung sozialer Netzwerke eröffnen Beate Frees und Katrin Busemann mit einem quantitativen Beitrag zur SNS-Nutzung durch Teenager. Sie beschreiben die Ergebnisse ihrer Studie(n) und konstatieren als zentrale Nutzungsmotive Selbstdarstellung, Kontaktpflege und Informationsgewinnung und darüber hinaus die Tendenz zu sozialer Kommunikation in SNS. Ihre Erkenntnis, dass der Zugriff zum “ubiquitären Massenmedium Internet” (15) mit dem Alter steigt, aber umso vielfältiger und aktiver ist, je jünger die Nutzer, führt zu einer generationsspezifischen Analyse. Eine kritische Auswertung ihrer Ergebnisse findet leider nicht statt. Gegenläufige Studien werden zwar erwähnt, aber nicht zur (selbst-)kritischen Reflexion herangezogen.

Ingrid Paus-Hasebrink und Sascha Trültzsch thematisieren die Bedeutung gesellschaftlicher Chancen und Risiken der Nutzung von SNS für die Identitätsentwicklung aus qualitativer Forschungsperspektive. Weil sie die Mechanismen sozialer Organisation und Beziehungen als “dominierende Sozialgestalt” identifizieren, plädieren sie konsequent für den Begriff des “Social Web” (30). Als Hauptnutzungsmotive konstatieren sie Beziehungsmanagement und Freundschaftspflege sowie die “möglichst authentische” Präsentation des Selbst. Risiken entstünden insbesondere durch eigendynamische Prozesse, die nicht beabsichtigt bzw. durch andere initiiert seien (vgl. 39ff.). Um Heranwachsende zu schützen, fordern sie eine stärkere Anbieterverantwortung sowie Medienkompetenzförderung.

Der Beitrag von Christoph Koch ist ein Auszug aus seinem Buch Ich bin dann mal offline (2010) und entsprechend populär-/unwissenschaftlich. Interessant erscheint aber seine Erkenntnis, dass ein zentraler Faktor zunehmender Sucht nach Erreichbarkeit und “Verbundensein” die Angst sei, etwas zu verpassen und zugleich “die schreckliche Gewissheit, dass alle gut zurechtkommen, ohne dass man seinen digitalen Senf dazu gibt. Dass alle einfach weitermachen, ohne mich ‘cc zu setzen'” (59). Der Beitrag ist ein witziger und interessanter Rundumschlag gegen die aktuelle ubiquitäre Verfügbarkeit.

Im Schwerpunkt “Digitale Freundschaften” thematisiert Thomas G. Wanhoff in der ‘Kurzfassung’ seines Buches Wa(h)re Freunde (2011) die Veränderung des Begriffs Freundschaft und die Verwaltung von Freundschaften als zentrales Moment von SNS. Er plädiert für die Kategorisierung von Beziehungen und fokussiert die Bedeutung von Weak Ties (vgl. 67ff.). Insgesamt weist der Beitrag einige Schwächen auf, von fehlenden Verweisen über die Aneinanderreihung von Anekdoten bis zu Argumentationslücken, die das Gefühl hinterlassen, der Beitrag sei ein fast unbearbeiteter Ausschnitt aus seinem Buch.

Bernadette Kneidinger thematisiert die Bedeutung von Facebookfreundschaften für die soziale Realität und betont dabei das Wechselverhältnis starker und schwacher Bindungen in realen wie virtuellen Beziehungen und analysiert deren Bedeutung. Ihre Studie ist nicht sehr aktuell, zeigt aber die tendenzielle Fokussierung auf die Bedeutung schwächerer Beziehungen in SNS.

Claudia Schipper bestätigt Kneidingers Thesen am Beispiel ihrer Studie zu StudiVZ von 2010. Sie definiert Freundschaft als eine auf Gleichheit, Vertrauen, affektiver Nähe und dem Einbringen der eigenen Persönlichkeit beruhende Bindung. Ob Freundschaft online oder offline stattfinde, sei unerheblich. Ihre nahezu phänomenologische Betrachtung virtueller sozialer Netzwerke ermöglicht darüber hinaus einen unvoreingenommenen interessanten Blick auf diese Netzwerke als Kommunikationsstrukturen.

Dominik J. Leiner eröffnet mit seinem Beitrag den Schwerpunkt zur “zweck- und zielgerichteten Kommunikation” und streift dabei unterhaltsam Themen wie Freundschaft, Sozialkapital (vgl. Putnam 2000) und neue Formen gesellschaftlichen Engagements. Er bietet einen fundierten Überblick über Studien und einen tiefen Einblick in die theoretischen Grundlagen (was die auffällig lange Literaturliste erklärt). Er zeigt dabei neue Aspekte, Motive und kontextuelle Bedingungen der SNS auf.

Martin Wettstein verteidigt die heutige Jugend gegen den Vorwurf der Entpolitisierung und kritisiert unangebrachte wissenschaftliche Analysen. Zwar ließe sich kein signifikanter Nachweis für einen Zusammenhang zwischen Offline- und Online-Partizipation erbringen, erhöhte politische Aufmerksamkeit und politisches Bewusstsein derer, die sich an Debatten im Netz beteiligen, sei aber erkennbar. Wettstein differenziert dabei die Möglichkeiten der Online-Partizipation in Bezug auf ihren Unterhaltungswert und kreative Umdeutungen (vgl. 130ff.). Indem er für eine lebensweltnahe Analyse von Online-Partizipation plädiert, bereichert er den medienpädagogischen Diskurs zur E-Partizipation.

Ossi Urchs postuliert die Rückkehr zur “ursprünglichen demokratischen Kommunikation” auf der Grundlage globaler Vernetzung und plädiert für das “Zuhören” (151). Revolutionär erscheint ihm besonders die mit der Digitalisierung einhergehende Aufhebung des Sender-Empfänger-Verhältnisses, wobei der konsumierende Nutzer zum neuen “Machtfaktor” (ebd.) werde. Seine Euphorie führt jedoch zur fälschlichen Annahme, dass es sich bei SNS um “offene Plattformen” handle, die “weder auf eine vermittelnde Instanz angewiesen, noch gar einer regulierenden Kontrolle unterworfen” (ebd.) seien, was nicht nur im Kontext von Facebook absurd erscheint. Zudem erscheint sein Vorwurf, es gäbe keine entsprechenden medientheoretischen Ansätze, unangebracht und unbegründet.

Die im Weiteren thematisierten (kommerziellen) Interessen hinter den Netzwerken zeigen, wie ein “freier Netz-Dialog” (vgl. Bröckling 2012) letztlich verhindert wird. Wie eine kritische Antwort auf Urchs Euphorie handelt Sascha Adameks Kurzfassung seines Buches Die facebook-Falle (2010) von der Legende und digitalen Illusion eines ‘sozialen’ Netzwerks, Sehnsüchten und falschen Glücksversprechen. Besonders erwähnt sei der zitierte fiktive “Dialog der Philosophen” zur Definition von Freundschaft (vgl. 159). Facebook-Freunde seien demnach keine echten. Die Wirtschaftlichkeit persönlicher Daten, der Suchtfaktor und der soziale Druck in Facebook stützen diese These: “Facebook benötigt uns ‘Freunde’ lediglich als digitales Futter für die kommerzielle Verwertung unserer Interessen” (162).

Carsten Görig kritisiert, dass die Konzentration des Web 2.0 auf Großkonzerne wie Facebook, Google, Amazon und Apple enorme Auswirkungen auf die Art des Denkens und der Information habe und ein Denken befördere, “das uns bestärkt, uns bestätigt und andere Meinungen in den Hintergrund treten lässt – und uns dadurch einsamer und langweiliger macht” (175) – Schweigespirale 2.0! So stellen Facebook und Google Marktsysteme dar: “Ihre Nutzer sind ihr Kapital, ihre Währung und ihre Lebensberechtigung” (176). Die Reduzierung auf das präsentierte Selbst führe zudem zur ständigen Bestätigung eigener Interessen und zum Verschwinden der Person hinter ihrer Darstellung (vgl. 180).

Der Beitrag von Thomas Gronenthal entspricht leider nicht der erwarteten Auseinandersetzung eines IT-Experten mit Datenschutz sondern einem populärwissenschaftlichen Ensemble altbekannter Annahmen zum Netz, die mit einer Liste an Literatur begleitet werden, die im Text nicht re-identifizierbar ist. Letztlich thematisiert er SNS als Bewerbercheck für Unternehmen und zugleich Möglichkeit des Eigenmarketings und endet mit einem unklaren Plädoyer für Eigenverantwortung.

Andreas Poller beschreibt ausgehend von einer Studie des Fraunhofer SIT (2008) die Entwicklungen, Herausforderungen und technischen Aspekte des Datenschutzes und unterscheidet dabei zwei grundlegende Probleme: die “Zuverlässigkeit und Vertrauenswürdigkeit des Dienstbetreibers und seiner IT-Systeme” und den “Schutz der Privatsphäre der Nutzer untereinander” (195). Die ubiquitäre Nutzung, die Vernetzung mit externen Diensten, die Einbindung von Apps und der Zugriff auf das Adressbuch in SNS stellen aus seiner Sicht dabei zentrale zukünftige Herausforderungen dar. Was das im Detail bedeutet und wie Maßnahmen zu gestalten sind, lässt er leider offen.

Den Schwerpunkt zur “Digitalen Selbstdarstellung” eröffnet Nina Haferkamp mit ihrem Facebook-Dilemma zwischen Selbstpräsentation und Aufgabe der Privatsphäre. Dazu beleuchtet sie Erkenntnisse zur Unterscheidung von Selbstoffenbarung und Selbstdarstellung im Zusammenhang mit dem Problem der Privatsphäre. Weniger sei es demnach das bewusste, gar trügerische Inszenieren der eigenen Person, als vielmehr das “Packaging” (Leary 1995), welches die Selbstdarstellung in SNS definiere (vgl. 202ff.). “Social Media Literacy” (207) bezieht Haferkamp in Anlehnung an Livingstone (2004) abschließend auf vier Teilkomponenten sozialpsychologischer Medienkompetenz. In ihren Ausführungen geht die Autorin leider nicht immer in die notwendige Tiefe, so dass die Details der Medienkompetenz und ihrer Förderung, die das Facebook-Dilemma lösen könnte, unklar bleiben.

Die Schulpsychologinnen Claudia Müller-Lütken und Nandoli von Marées plädieren nach einem pseudowissenschaftlichen Teil zu Internetnutzung und Hirnforschung für den verpflichtenden Medienkompetenzunterricht. Abschließend geben sie praktische Handlungsempfehlungen zum Cybermobbing, die von der Aufklärung in Elternhaus und Schule über die Verantwortung der Jugendlichen und Unterstützung der Betroffenen bis zur medienpädagogischen Verantwortung im Netz und der Bedeutung der Schule zur Vermittlung allgemeiner Verhaltensregeln im digitalen Zeitalter reichen.

Axel Maireder und Manuel Nagl argumentieren in ihrem Beitrag für ein komplexeres und vollständigeres Verständnis von Cybermobbing und bieten damit einen detaillierten und reflektierten Blick auf das Phänomen. Sie fokussieren insbesondere den Identitätsraub und die aus Sicht Jugendlicher ‘unangebrachte’ Äußerung von Gefühlen und Unsicherheiten und konstatieren kollektive Gewalt als in sozialen Räumen des Internets verteilte, aber vernetzte Gewalt “im Sinne einer wesentlichen Störung des sozialen Gefüges, einer Unterbrechung der kulturell erwartbaren Handlungsabläufe” (242).

Der Sammelband wird mit einem thematisch eher fragwürdigen Beitrag von Klaus Eck geschlossen. In einer Kurzfassung seines Buches Karrierefalle Internet beschreibt er, “was es braucht, um erfolgreich die Online-Reputation positiv zu beeinflussen” (245), indem er nach einem subjektiven und klischeebehafteten Einblick in die Netzwelt Handlungsempfehlungen gibt, wie man Social Media-Kanäle sicher und souverän nutzen könne. Anders als erwartet, geht es ihm dabei aber nicht um die Bewerber, sondern um Unternehmen und deren Reputation. Ob das zum Thema dieses Sammelbandes passt, bleibt ebenso offen wie die Frage, warum der Beitrag letztlich Unternehmensstrategien thematisiert.

Insgesamt ist der Sammelband etwas zu heterogen, sowohl in seiner Qualität, seiner Ästhetik und seinem Stil, als auch in den jeweils angesprochenen Zielgruppen. Insbesondere die medienpädagogische und (medien)wissenschaftliche Perspektive zur Aneignung Heranwachsender im Social Web tritt hier hinter andere Perspektiven zurück. Neben zahlreichen Flüchtigkeitsfehlern, die bereits in der Einleitung auffallend sind, irritieren die sehr unterschiedlichen Artikel durch ihre teils augenscheinliche Intention sowie die teilweise fehlende Überarbeitung der auf Buchauszügen basierenden Beiträge.

So greift der vorliegende Sammelband nicht, wie vom Verlag angekündigt, aktuelle Entwicklungen auf und bringt Forschungsansätze und -ergebnisse mit Theorieansätzen zusammen, um kompetente Handlungsempfehlungen zu geben. Er versammelt vielmehr eine Vielzahl mehr oder weniger innovativer Ansätze zur Beschäftigung mit dem Phänomen der Social Network Services. Ob die Artikel im Kontext von rasanten Medienentwicklungen aktuell sind und sein können, darüber lässt sich streiten, wissenschaftlich sind sie nur in Teilen. Die hier vorgelegte Textmischung ist zwar interessant, lässt aber aufgrund eines unerkennbaren theoretischen Rahmens einige Fragen offen. Nichtsdestotrotz bietet der Band einen breit gefächerten Einblick, wenn auch nicht aus der Sicht und im Hinblick auf Heranwachsende.

Literatur:

  • Adamek, S.: Die facebook-Falle. Wie das soziale Netzwerk unser Leben verkauft. München 2010.
  • Bröckling, G.: Das handlungsfähige Subjekt zwischen TV-Diskurs & Netz-Dialog. Vilém Flusser und die Frage der sozio- und medienkulturellen Kompetenz. München 2012.
  • Eck, K.: Karrierefalle Internet. Managen Sie Ihre Online-Reputation, bevor andere es tun! München 2008.
  • Flusser, V.: Die Informationsgesellschaft. Phantom oder Realität? In: D. Matejovski (Hrsg.): Neue, schöne Welt? Bochum 1999, S. 11-18.
  • Koch, C.: Ich bin dann mal offline: Ein Selbstversuch. Leben ohne Internet und Handy. München 2010.
  • Leary, M.R.: Self presentation. Impression management and interpersonal behavior. Madison 1995.
  • Livingstone, S.: Media Literacy and the Challenge of New Information and Communication Technologies. In: Communication Reviews 7/2004, S. 3-14.
  • Poller, A.: Privatsphärenschutz in Soziale-Netzwerke-Plattformen. Technischer Bericht. Fraunhofer Institut für Sichere Informationstechnologie (SIT) 2008.
  • Putnam, R. D.: Bowling Alone. The Collaps and Revival of American Community. New York 2000.
  • Wanhoff, T.: Wa(h)re Freunde. Wie sich unsere Beziehungen in sozialen Online-Netzwerken verändern. Heidelberg 2011.

Links:

 

Über das BuchUllrich Dittler, Michael Hoyer (Hrsg.): Aufwachsen in sozialen Netzwerken. Chancen und Gefahren von Netzgemeinschaften aus medienpsychologischer und medienpädagogischer Perspektive. München [kopaed] 2012, 272 Seiten, 18,80 Euro.Empfohlene ZitierweiseUllrich Dittler, Michael Hoyer (Hrsg.): Aufwachsen in sozialen Netzwerken. von Bröckling, Guido in rezensionen:kommunikation:medien, 28. Dezember 2013, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/15227
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Rezensent/in
Dr. Guido Bröckling, Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, (Angewandte) Kulturwissenschaft(en) und (Medien-)Psychologie in Münster und Berlin. Promotion an der Universität der Künste bei Prof. Siegfried Zielinski (UdK) und Prof. Bernd Schorb (Universität Leipzig), unterstützt durch die Hans-Böckler-Stiftung.
Derzeit begleitet Guido Bröckling ein Projekt zur Digitalen Medienkompetenz in der beruflichen Qualifizierung Jugendlicher. Er forscht und lehrt in der Medienpädagogik bzw. Medienkompetenz- und Aneignungsforschung an der Universität Leipzig, u.a. zur theoretischen Fundierung der Medienpädagogik, Medienkompetenz- und Aneignungsforschung. Weitere wissenschaftlichen Schwerpunkte liegen in der theoretischen Operationalisierbarkeit der Medientheorie für die Medienbildung, dem medienphilosophischen Werk Vilém Flussers sowie der Medienkulturtheorie und -philosophie.

Aktuelle Publikation:
Das Handlungsfähige Subjekt zwischen TV-Diskurs und Netz-Dialog. Vilém Flusser und die Frage der sozio- und medienkulturellen Kompetenz. München [kopaed] 2012