Katrin Bobsin: Das Presseamt der DDR

Einzelrezension
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Rezensiert von Anke Fiedler

Presseamt-DDR_onlineEinzelrezension
Der Blick auf die Seitenzahl offenbart Stärke und Schwäche dieser am Institut für Publizistik der Universität Mainz vorgelegten Dissertation: Das Presseamt beim Vorsitzenden des Ministerrates der DDR wird zwar in fast alle Ecken und Winkel ausgeleuchtet. Vor allem die institutionellen Strukturen und Entwicklungen der Behörde werden in den sieben Buchkapiteln ausführlich nachgezeichnet, angefangen bei den historischen Hintergründen der Einrichtung eines Presseamtes im Staatsapparat bis hin zum Aufbau und zu den Zuständigkeiten einzelner Abteilungen. Allerdings droht der Leser in der Fülle der Details regelrecht zu ertrinken.

Vielleicht liegen die Gründe hierfür in den drei eher offenen Fragestellungen, die Katrin Bobsins Untersuchung leiten. So fragt sie zu Beginn ihrer Arbeit zunächst nach dem “Wie” der Information der Bürger und des Staates durch das Presseamt, anschließend nach den “Strukturen und Hierarchien der Anleitung” und schlussendlich nach dem Einfluss der Behörde “auf die Art der Öffentlichkeitsarbeit” und “dadurch auf das von Außen wahrgenommene Bild der Regierung und der Partei in der DDR” (12). Was in den Ausführungen jedoch fehlt (oder nur implizit zur Sprache kommt), ist die Klammer, die diese drei Fragen zusammenhält. Anders ausgedrückt: Wie viel Presseamt steckte überhaupt in der Medienlenkung der SED?

Einige Zuständigkeiten der Behörde, die in Bobsins Arbeit viel Platz einnehmen, waren für die Abläufe im Lenkungsapparat der DDR von eher untergeordneter Bedeutung, zum Beispiel die Herausgabe des Bulletins Presse der Sowjetunion, vergleichbar einer Presseschau der Zeitungen im sozialistischen Ausland, oder die regelmäßige Veröffentlichung des Regierungspressedienstes Presse-Informationen, kurz PI. Letztere wurden unter den Mitarbeitern des Amtes scherzhaft ‘Paul Immertreu’ genannt, weil die wichtigsten Zeitungen des Landes, wie etwa das SED-Zentralorgan Neues Deutschland, nur alle Schaltjahre einen Artikel daraus veröffentlicht haben sollen (vgl. Kirsch 2011: 68). Inhaltsanalysen haben bestätigt, dass es in der DDR-Presse ein regelrechtes Gefälle zwischen Meldungen aus dem Parteiapparat und Meldungen aus dem Staatsapparat gegeben hat (vgl. Meyen/Schweiger 2008). In Bobsins Dissertation fehlt es an solchen ‘Bewertungen’, die dem Leser bei einer Einordnung des ‘presseamtlichen Einflussbereichs’ helfen könnten.

Nachteilig wirkt sich vermutlich auch die Wahl eines explorativen Vorgehens bei der Auswertung des Aktenmaterials aus, das Katrin Bobsin in den Beständen des Bundesarchivs in Berlin, des Archivs für Christlich-Demokratische Politik der Konrad-Adenauer-Stiftung und wohl auch des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes (so genau erfährt der Leser das nicht) gesichtet hat. Der Autorin gelingt durch dieses Vorgehen zwar zweifelsohne eine weitgehend werturteilsfreie Arbeit, allerdings verleiht die fehlende theoretische Perspektive den Ausführungen einen sehr deskriptiven Anstrich und hindert die Autorin gleichzeitig daran, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen.

So bleibt beispielsweise zu fragen, ob ein Einführungskapitel zu “Grundlagen des politischen Systems” (25) der DDR notwendig gewesen wäre, zumal man ein solches Vorwissen bei einem Fachpublikum voraussetzen darf. Im darauffolgenden Kapitel zur institutionellen Entwicklung des Presseamtes in den Jahren 1945 bis 1989 geht es in erster Linie um die Strukturen der Behörde, Arbeitsabläufe und Aufgaben der Abteilungen. Unerwähnt bleiben hier die Bereiche, bei denen die Regierung der DDR tatsächlich Informationshoheit hatte: Die Presseveröffentlichungen des Ministerrats zum Beispiel, etwa zu extremen Witterungsverhältnissen, Katastrophen, Zugunglücken und dergleichen. Laut dem Zeitzeugen Gerhard Kirsch sei es von Vorteil gewesen, “dass die Öffentlichkeitsarbeit bei Hochwasser oder Grippeepidemien zentral gemacht wurde” (Kirsch 2011: 69). Dieser Teil sowie die anschließenden drei Kapitel, zunächst zur staatlichen Öffentlichkeitsarbeit, dann zur “materiellen und inhaltlichen Einflussnahme auf die Presse” (231) und schließlich zur “Außenwahrnehmung” (358) der Arbeit des Presseamtes, haben gemeinsam, dass sie sich auf ein intensives Aktenstudium stützen, jedoch kaum zwischen der Ära Ulbricht und der Ära Honecker sowie dem jeweiligen (außen-)politischen Kontext differenzieren und Personenkonstellationen im Lenkungsapparat außer Acht lassen. Daher könnte leicht der Eindruck entstehen, die Arbeit des Presseamtes im Speziellen und die Medienlenkung der SED-Führung im Allgemeinen wären über all die Jahre konstant gewesen.

Um nur ein Beispiel zu nennen: Laut Bobsin war die Agitationskommission beim Politbüro “eine feste Größe in der Informationspolitik der DDR und stand noch über der Abteilung Agitation beim ZK der SED” (121), was aber spätestens ab Mitte der 1960er Jahre nicht mehr der Fall gewesen ist. Über drei Seiten zitiert Bobsin aus einem Schreiben des Jahres 1979 von Eberhard Heinrich, Sekretär der Agitationskommission, an Agitationssekretär Joachim Herrmann, in dem es um die Aufgabenverteilung und Arbeitsplanung der Agitationskommission nach dem Tod von Werner Lamberz ging (vgl. 122ff.). Allerdings wurde Heinrich (ein ‘Lamberz-Mann’) schon wenige Monate später von Herrmann auf den Posten des VDJ-Vorsitzenden abgeschoben. Die Position des Sekretärs der Agitationskommission wurde gar nicht erst nachbesetzt und die Kommission selbst, bereits unter Agitationssekretär Lamberz ein zahnloser Tiger, verlor in der Folge noch stärker an Bedeutung. Das Schreiben von Eberhard Heinrich ist, wenn man so will, der Reanimationsversuch eines dahinsiechenden Gremiums, ein letztes Aufbäumen des Schiffs vor seinem Untergang und gibt daher sicherlich nur begrenzt “Aufschluss über die Arbeit der Agitationskommission Ende der siebziger Jahre” (122), obwohl von Bobsin genau das behauptet wird. Der fehlende differenzierende Blick verleitet die Autorin immer wieder zu solchen Allgemeinplätzen, etwa wenn sie schreibt, dass die DDR-Funktionäre “ihr Mediensystem für das Beste” (54) gehalten hätten (man denke nur an die vernichtende Kritik an Presse und Funk auf den beiden ersten Pressekonferenzen der Jahre 1950 und 1951), dass “alle Medien in der DDR” dazu “verpflichtet” gewesen seien, “ausschließlich Meldungen des ADN zu verwenden” (58) (was ist mit Reiseberichten, Beiträgen von Auslandskorrespondenten oder Rezensionen?) und dass das Neue Deutschland nicht zu den Teilnehmern der Donnerstags-Argumentationen gehört habe (auch wenn ehemalige Redakteure das Gegenteil berichten) (vgl. 284).

Es ist der Autorin gewiss zugutezuhalten, dass sie die Geschichte des Presseamtes auf Aktenbasis rekonstruiert (was in der Kommunikationswissenschaft bei weitem noch keine Selbstverständlichkeit ist) und sich in Strukturen hineingedacht hat, die vor allem für nachgeborene Generationen oft nur schwer zu verstehen sind. Umso bedauerlicher ist es, dass Bobsin die Qualitätsstandards historischer Forschung eher vernachlässigt hat: Register fehlen, viele Namen sind falsch geschrieben – aus Gerhart wird mehrfach Gerhard Eisler (vgl. 65, 319f.), aus Ralf wird Rolf Bachmann (vgl. 97), aus Günter wird Gunter Köhler (vgl. 354) und Gerhard Kirsch, den die Autorin sogar als Zeitzeugen interviewt hat, wird in der gesamten Arbeit in Gunter Kirsch umgetauft (vgl. 90). Letzterer wurde auch nicht an das Presseamt “vermittelt” (ebd.), sondern von der Lenkungskommission in die Behörde beordert (vgl. Kirsch 2011: 67). Solche Nachlässigkeiten werfen die Frage auf, wie genau es die Autorin an anderer Stelle genommen hat.

Literatur:

  • Kirsch, G.: Pressesprecher sollten möglichst gar nicht sprechen. In: Meyen, M.; A. Fiedler (Hrsg.): Die Grenze im Kopf. Journalisten in der DDR. Berlin [Panama] 2011, S. 66-74.
  • Meyen, M.; W. Schweiger: “Sattsam bekannte Uniformität”? Eine Inhaltsanalyse der DDR-Tageszeitungen “Neues Deutschland” und “Junge Welt” (1960 bis 1989). In: Medien & Kommunikationswissenschaft, 56 (1), 2008, S. 82-100.

Links:

Über das BuchKatrin Bobsin: Das Presseamt der DDR. Staatliche Öffentlichkeitsarbeit für die SED. Köln, Weimar, Wien [Böhlau] 2013, 480 Seiten, 49,90 Euro.Empfohlene ZitierweiseKatrin Bobsin: Das Presseamt der DDR. von Fiedler, Anke in rezensionen:kommunikation:medien, 9. Oktober 2013, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/14363
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Rezensent/in
Dr. Anke Fiedler ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Ihre Dissertation aus dem Jahr 2012 beschäftigt sich mit dem Thema "Medienlenkung in der DDR".