Josef Trappel, Hannu Nieminen, Lars Nord (Hrsg.): The Media for Democracy Monitor

Einzelrezension
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Rezensiert von Florin Büchel

Einzelrezension
Ein vitales Mediensystem ist eine unabdingbare Grundvoraussetzung für Demokratie. In komplexen Gesellschaften informieren Medien den Bürger, vermitteln integrativ zwischen Politik und Zivilgesellschaft und schauen den Mächtigen als ‘vierte Gewalt’ auf die Finger – im Idealfall. Denn kann man bei ‘etablierten’ Demokratien davon ausgehen, dass Medien diese zentralen Funktionen auch wirklich erfüllen? Dieser Frage geht das Forschungsprojekt The Media for Democracy Monitor (MDM) nach. Ziel ist, die Medien in zehn Ländern systematisch auf die Erfüllung demokratierelevanter Funktionen zu untersuchen. Nicht Medieninhalte, sondern strukturelle Komponenten der Mediensysteme seien zu überprüfen – der gesellschaftliche Rahmen dient als Grundvoraussetzung für guten Journalismus.

Vorgestellt werden Basisaspekte von Demokratie und zentrale Denktraditionen, aus denen universale Indikatoren abgeleitet werden. Unterteilt sind diese nach den Grundwerten Freiheit (Informationsfunktion), Gleichheit (Forumsfunktion) und Kontrolle (Watchdog-Funktion), sie beinhalten Faktoren wie Medienkonsum, ökonomische Konzentration, journalistisches Selbstverständnis etc. Von Länderteams werden im Rückgriff auf bestehende Studien und eigene Interviews für alle Indikatoren Codes vergeben. Das Internet wird in die Überlegungen einbezogen – die neuen Medien werden als zusätzlicher Kanal behandelt, der ähnliche Probleme wie die alten aufweist.

In alphabetischer Reihenfolge werden im Folgenden die einzelnen Länder vorgestellt. Eine kurze Einleitung, die auf historische Entwicklungen und sonstige Besonderheiten eingeht, fehlt ebenso wenig wie ein Fazit pro Land. In Australien ist hervorzuheben, dass der investigative Journalismus sehr ausgeprägt ist, obwohl der rechtliche Rahmen dafür kaum gegeben ist – so weist etwa die Verfassung keine spezielle Erwähnung von Presse- oder Redefreiheit auf. In Österreich stellen die Autoren ebenfalls eine Diskrepanz zwischen formalen Regeln und Praxis fest, z. B. was die formal geregelte Distanz zu Machtpositionen betrifft, welche im Arbeitsalltag gelegentlich vergessen wird.

In Finnland wird eine positive Konklusion gezogen. Betont wird das Fehlen eines institutionalisierten Verfahrens der Medienkritik. Interessant ist die Feststellung, dass durch die hohe journalistische Professionalisierung ein geschlossener Kreis von Journalisten entstehen kann. In Bezug auf Deutschland wird ein recht optimistisches Fazit gezogen, die Medien seien nach wie vor in der Lage, demokratiefördernde Leistungen zu übernehmen – gerade im Hinblick auf die deutsche Geschichte nach dem zweiten Weltkrieg und der Wiedervereinigung. In Litauen hingegen bezweifeln die Autoren die Effizienz der Medien zur Stärkung der Demokratie. Kritisiert werden starre hierarchische Strukturen in den Medienbetrieben, ein segmentiertes Publikum und Versuche, Druck auf die Medien auszuüben. Positiv fällt ein Schulprojekt zur Stärkung der Medienkompetenz auf.

Die Niederlande werden positiv bewertet. Angemerkt wird, dass Chefredakteure mancher Medien auch Managementfunktionen einnehmen, was Konflikte zwischen redaktionellen und ökonomischen Abteilungen provoziert. Der Zugang zu öffentlichen Informationen erscheint ferner unbefriedigend. In Portugal schließlich fällt die Konklusion wieder düsterer aus. Es gibt ökonomische Probleme, auch weil die Wirtschaft allgemein schwach ist. Der Staat ist zentralisiert und behindert autonome soziale Dynamiken. Schweden schließlich schließt von allen Ländern am besten ab: Transparenz wird hochgehalten, trotzdem besteht Verbesserungspotential bei investigativem Journalismus.

In der Schweiz haben wir es mit einem gemischten Bild zu tun: die ‘Qualitätspresse’ und der öffentliche Rundfunk sind wichtig, kommen aber zunehmend unter Druck. Zudem wird bei den Journalisten eine fehlende Distanz zu den Machtzentren ausgemacht. Zuletzt wird Grossbritannien abgehandelt. Es finden sich hohe journalistische Qualität im öffentlichen Rundfunk sowie in der Qualitätspresse, insbesondere bezüglich Pluralität, Professionalität und Watchdog-Funktionen. Diese Qualität steht aber unter ökonomischem Druck.

Insgesamt präsentiert der MDM eine gut durchdachte Studie, um zu bewerten, was die Medien zur Stärkung der Demokratie leisten. Die Indikatoren sind sinnvoll, die einzelnen Kapitel eignen sich bestens für einen Länderüberblick. Sehr hilfreich für Vergleiche sind die Übersichtstabellen am Schluss. Abgerundet wird das Buch mit einem Schlusswort, das die Stärken und Schwächen der verschiedenen Mediensysteme zusammenfasst. Positiv wird vermerkt, dass Pressefreiheit und journalistischer Professionalismus weit verbreitet und Medien bezahlbar sind. In allen Ländern stellt der ökonomische Druck eine maßgebliche Herausforderung dar (auch unter dem Eindruck der Finanzkrise), sowohl wegen der hohen Kosten von gutem Journalismus als auch bezüglich ökonomischen Konzentrationstendenzen, vor allem im regionalen Bereich. Dadurch wird die journalistische Unabhängigkeit bedroht.

Konstruktive Kritikpunkte sind dennoch angebracht. Weitere Länder wären spannend gewesen, etwa die oft als Vergleichspunkt herangezogenen USA oder ein weiteres südeuropäisches Land. Ferner erscheint das Werk eher als Ansammlung einzelner Fallstudien denn als ‘echter’ internationaler Vergleich – so wird man auch das Gefühl nicht los, dass nicht alle Forscherteams gleich streng mit ‘ihren’ Ländern waren.

Es wäre vielleicht zu überlegen, alle Länder pro Indikator zu diskutieren. Konzeptionell stellt sich die Frage, ob die Indikatoren gleichwertig behandelt werden sollten und ob zudem nicht gewisse Merkmale Vorbedingungen von anderen sind. Bei einzelnen Indikatoren besteht auch noch Verbesserungspotential, so würde es z. B. Sinn machen, den Indikator ‘Minderheits- / Alternativ-medien’ getrennt zu behandeln – der Fokus liegt auf Minderheits-programmen, alternative Medien bleiben weitgehend unerwähnt. Ferner könnte man kritischer mit dem Indikator ‘Partizipation’ umgehen – man vermisst Kommentare darüber, dass ‘user generated content’ oft als Marketinginstrument zur Generierung billiger Inhalte und zur Nutzerbindung eingesetzt wird. Diese Kritikpunkte sind aber Kleinigkeiten – wer sich für den Zusammenhang von Medien und Demokratie interessiert, findet im MDM wertvolle konzeptionelle Inspirationen und einen guten Überblick über die abgehandelten Länder!

Links:

  • Verlagsinformationen zum Buch
  • Webpräsenz von Florin Büchel am Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich

 

Über das BuchJosef Trappel; Hannu Nieminen; Lars Nord (Hrsg.): The Media for Democracy Monitor. A Cross National Study of Leading News Media. Göteborg [Nordicom] 2011, 366 Seiten, 30,- Euro.Empfohlene ZitierweiseJosef Trappel, Hannu Nieminen, Lars Nord (Hrsg.): The Media for Democracy Monitor. von Büchel, Florin in rezensionen:kommunikation:medien, 21. September 2012, abrufbar unter http://www.rkm-journal.de/archives/10002
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Rezensent/in
Florin Büchel (lic.phil.) ist Assistent am Institut für Publizistik und Medienforschung der Universität Zürich. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören Mediensysteme, Politische Kommunikation, Mediatisierung, Kulturindustrie und international vergleichende Forschung