Rezensiert von Gabriele Hooffacker


Welche journalistische Qualität haben Schülerzeitungen? Gibt es überhaupt ein Qualitätsbewusstsein in den Redaktionen? Als ich etwa 1976 begann, Seminare für die “Junge Presse Bayern e. V.”, den Verband der bayerischen Schüler- und Jugendpresse, zu halten, stand ich genau vor diesem Dilemma. Sollten, müssten sich die Schülerinnen und Schüler an den Regeln für den Zeitungsjournalismus orientieren, oder war das zu viel verlangt? Und wie zum Teufel sollte man herausfinden, welche Regeln das überhaupt waren?
Schließlich stieß ich auf ein Buch, das nicht nur zur Grundlage für unsere Schülerpresse-Seminare wurde, sondern später auch für meine eigenen Lehrbücher. Es stammte von Walther von La Roche, vormals Leiter des Jugendfunks beim Bayerischen Rundfunk, und hieß Einführung in den praktischen Journalismus. Bis in die Nullerjahre hinein war es in seinen weiteren Auflagen Grundlage bei meinen Seminaren auch für die Jugendpresse Sachsen zur “Schülerzeitung im Internet”.
2026 ist nun bei Springer VS eine Dissertation erschienen, die Antworten auf meine damaligen Fragen gibt. Und diese Dissertation macht das nicht nur methodisch ganz ausgezeichnet, sondern lenkt den Blick auch auf ein lange vernachlässigtes Forschungsfeld der Geschichte von Journalismus und Journalistik: Geschichte, Funktion und Bedeutung von Schülerzeitungen und ihre aktuellen Erscheinungsformen online. Auch die Erforschung journalistischer Biografien könnte dadurch profitieren – viele Journalistinnen und Journalisten dieser Generation haben ihre ersten journalistischen Schritte bei einer Schülerzeitung gemacht.
Susanne Vollstädt hat sich zum Ziel gesetzt, “Antworten auf die Frage zu finden, über welche journalistische Qualität Online-Schülerzeitungen verfügen” (73). Nach 1945 wurden Schülerzeitungen ein wichtiges Instrument zur Reeducation der westdeutschen Jugend (Hooffacker, Lokk 1993). Nachdem sich in den 1970er und 1980er Jahren kommunikationswissenschaftliche Arbeiten mit der Schülerpresse vor allem wegen ihrer Bedeutung für die demokratische Beteiligung befassten, wurde es in der Forschung seit den Nullerjahren stiller um das Thema.
Entsprechend beginnt Susanne Vollstädt ihre Untersuchung mit einer Literaturauswertung zum Forschungsstand und einer Neuentwicklung der methodischen Herangehensweise, die den aktuellen Standards entspricht: “Da es sich bei digitalen Schülerzeitungen um ein wenig beforschtes Feld handelt, wurde ein Studiendesign entwickelt, das mittels eines triangulativen Ansatzes drei Teilstudien und verschiedene methodische Zugänge integriert” (73).
Vollstädt beginnt mit Schritt 1, Vermessung des Felds, nimmt in Schritt 2 eine Inhaltsanalyse vor und gleicht das Ergebnis in Schritt 3 mit Fallstudien ab. Eine besondere Schwierigkeit bestand bei der Vermessung des Felds darin, dass es keine verlässlichen Zahlen über Schülerzeitungen in Deutschland gibt. Noch einmal Vollstädt: “Hierfür werden eigene empirische Untersuchungen herangezogen, da die kommunikationswissenschaftliche Forschung zu Schülerzeitungen seit den Studien von Mai (2010; 2015), Wilde (2010) und Hallermayer (2016) vollständig zum Erliegen gekommen ist” (73).
Einfach ist es auch heute nicht. In der Zusammenfassung schreibt Vollstädt: “Schülerzeitungen haben gegenwärtig nichts von ihrer Bedeutung verloren. Das zeigen 1.059 Schülerzeitungen, die allein auf Basis der Angaben knapp der Hälfte der Bundesländer (43,8 %) ermittelt wurden, und die an den unterschiedlichsten Schulformen erscheinen. Online-Schülerzeitungen nehmen im Jahr 2021 mit knapp sieben Prozent einen geringen Stellenwert in der Schülerzeitungslandschaft ein, allerdings haben die Werte aufgrund der großen Lücken in der Datenbasis eine geringe Zuverlässigkeit“ (363).
Der 2. Schritt: Inhaltsanalyse stellt die Frage nach der journalistischen Qualität in den Mittelpunkt. Vollstädt hat dazu eine quantitative manuelle Inhaltsanalyse von 750 Beiträgen 25 digitaler Schülerzeitungen aus Gymnasien in ganz Deutschland durchgeführt und sich dabei am integrativen Qualitätskonzept nach Arnold orientiert. Daraus leitete sie schülerzeitungsspezifische Qualitätskriterien ab (vgl. 121).
Bei der Auswertung überrascht, dass die Redaktionen der Online-Schülerzeitungen wenig über Online-Journalismus zu wissen scheinen. So sind Teaser in weniger als 44 Prozent der Fälle auf der Homepage durchgängig zu finden, bei 28 Prozent sind sie ab und zu vorhanden und ebenfalls bei 28 Prozent fehlen sie ganz (vgl. 222). Dafür hebt Vollstädt die inhaltliche Tiefe des Angebots positiv hervor: “Den Online-Redaktionen gelingt es damit erstaunlich gut, eine Balance zwischen der Vermittlung aktueller Fakten und inhaltlicher Orientierung sowie tiefgründiger Analyse des aktuellen Geschehens zu bieten” (223).
Kennzeichnend für die Beiträge ist gelegentlich eine Vermischung von Information und Meinung, insgesamt aber ein ausgesprochener Mangel an Positionen: “In den meisten Artikeln sind jedoch überhaupt keine Standpunkte erkennbar. 44,5 Prozent der Artikel transportieren keine Einstellungen, Aussagen oder Standpunkte – und leisten damit allenfalls einen begrenzten Beitrag zur Meinungsbildung der Leser” (224).
Im 3. Schritt: Fallstudien untersucht Susanne Vollstädt die Herangehensweise und das Selbstverständnis von drei ausgewählten Schülerredaktionen. Das ordnet sie in aktuelles Nutzerverhalten ein, wie es etwa die JIM-Studie erforscht. Auch hier eine Überraschung: Während das mediale Nutzungsverhalten der Jugendlichen sich auf Bewegtbild insbesondere über Social-Media-Plattformen konzentriert, orientiert sich die Online-Schülerpresse am Text. Dabei bemühen sich die Redaktionen um Ausgewogenheit und um Förderung des demokratischen Diskurses. Insgesamt scheinen sie wenig anzuecken: “Das ehemals größte Problem, die Zensur von Schülerzeitungen, nehmen die Redaktionen gegenwärtig nicht als Konfliktfeld wahr” (359). Die presserechtliche Verantwortung übernehmen in zwei der drei untersuchten Fälle sogar die Beratungslehrer.
Unter den lesenswerten Ergebnissen der Triangulation ist hervorzuheben: “Die Fallstudien haben gravierende Mängel im journalistischen Handwerk und im Wissen über journalistische Arbeitsweisen bei Redakteuren und beratenden Lehrern aufgezeigt.” (366) In den Qualitätsdimensionen Darstellungsqualität, Inhaltsqualität und Transparenz weisen die Schülerzeitungen sowohl Stärken als auch Schwächen auf. Bei der Qualitätsdimension Interaktivität sind sogar die größten Defizite erkennbar (vgl. 368).
Das erscheint beunruhigend, wollen sich die Schülerredakteurinnen und -redakteure doch ausdrücklich am professionellen Journalismus orientieren. Hier klaffen Wollen und Tun offenbar auseinander. Susanne Vollstädt hat deshalb zehn Leitlinien für die Schülerpresse online erarbeitet.
Abschließend zeigt die vorliegende Dissertation auf, dass der Forschungsgegenstand Schülerpresse noch viele weitere unbearbeitete Themen umfasst, die auch Bezüge zu Forschungsfeldern der Kommunikationswissenschaft enthalten. Dafür hat Susanne Vollstädt eine hervorragende Grundlage geschaffen.
Walther von La Roche (1936-2010) und sein Lehrbuch Einführung in den praktischen Journalismus kommen übrigens in der Dissertation nicht vor. Dabei hat Walther von La Roche als Schüler 1951 den ersten Schüler- und Jugendpresseverband Bayerns, die “Presse der Jugend e. V.” gegründet. Daraus ging später die “Junge Presse Bayern e. V.” hervor. Die Dissertation von Susanne Vollstädt hätte ihm sicherlich gefallen.
Literatur:
- Hooffacker, Gabriele; Meier, Klaus: La Roches Einführung in den praktischen Journalismus. 21. Aufl. Wiesbaden [Springer VS] 2026. https://doi.org/10.1007/978-3-658-50671-1
- Hooffacker, Gabriele; Lokk, Peter. Wir machen Zeitung. 2. Aufl. Göttingen [Steidl Verlag] 1993
- Lokk, Peter: Die Ära Adenauer im Spiegel der jugendeigenen Presse der Jahre 1949-1963 in Bayern. Unveröffentlichte Magisterarbeit [Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg] 1987
Links:
Über das BuchSusanne Vollstädt: Online-Schülerzeitungen. Anspruch, Nutzung und Qualität der digitalen Schülerpresse – eine triangulative Studie. Wiesbaden [Springer VS] 2026, 404 Seiten, 89,99 EuroEmpfohlene ZitierweiseSusanne Vollstädt: Online-Schülerzeitungen. in rezensionen:kommunikation:medien, 27. Juli 2026, abrufbar unter https://www.rkm-journal.de/archives/26112
