Rezensiert von Beatrice Dernbach


In vielen aktuellen medienwissenschaftlichen Publikationen wird die Welt auffällig ähnlich dargestellt: Sie ist düster, von Krisen bestimmt, der Klimawandel liegt über allem und Lösungen sind nicht in Sicht. Medien und Journalismus verstärken die Stimmung eher noch. Auch die veröffentlichte Dissertationsschrift von Alfred Ludovic Fellner setzt mit diesem Szenario ein. Es dient ihm als Folie, um die Potenziale eines lösungsorientierten Fotojournalismus empirisch zu untersuchen.
Bevor der Blick in das etwa 170 Seiten umfassende Buch geworfen wird, sind ein paar Anmerkungen zum Autor wichtig. Er studierte und promovierte an der Babeș-Bolyai-Universität Cluj (Rumänien). Geboren wurde er 1990 in Oberwischau, eine Kleinstadt im Norden Rumäniens, als Sohn einer Rumänin und eines Zipser-Deutschen. In einer Serie des Goethe-Instituts (“Schaufenster Enkelgeneration”) beschreibt er seine Herkunft so: “Der Zipser-Deutsche unterscheidet sich von anderen Minderheiten durch eine große Erzählwelt: die Sonntagssuppe, das Schnapstrinken, das stundenlange Händeschütteln vor der Kirche. Das sind alle [sic!] Sachen, die es in Deutschland und in Österreich heute nicht mehr gibt, aber hier bei uns immer noch.” Aufgrund von Auslandssemestern an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg sowie an der Universität der Künste Berlin rekurriert Fellner überwiegend auf deutschsprachige Forschungsliteratur, führt seine empirische Studie jedoch in Rumänien durch.
Die ersten elf Kapitel (ca. 110 Seiten) sind klar strukturiert, fundiert recherchiert und sprachlich solide ausgearbeitet. Sie behandeln die Geschichte der bildbasierten Kommunikation, den Fotojournalismus bis zur Digitalisierung, nachrichtenfaktorbasierte Ansätze sowie positiven bzw. lösungsorientierten Journalismus und weitere Modelle bis hin zum Framing-Ansatz sowie zur medialen Darstellung des Klimawandels. Mitunter wirken Formulierungen allerdings formelhaft, etwa: “Das Bild gehört unerlässlich in die gegenwärtige weltumfassende Medienlandschaft. Ob im Online- oder Printbereich, Bilder sind omnipräsent” (9). Fellners empathische Exkurse zur Macht der Bilder in Psychologie und Philosophie unterstreichen zugleich seinen teils persönlichen Zugriff auf das Thema.
In seiner empirischen Studie kombiniert Fellner ein (Online-)Experiment mit Experteninterviews. Sein Ziel ist es, “die Wirkung der lösungsorientierten versus problemorientierten Pressefotografie zum Thema Klimawandel auf die Medienrezipienten zu untersuchen. Dabei werden affektive, kognitive und konative Ebenen berücksichtigt.” (3; 113) Ergänzend fragt er, inwiefern die wahrgenommene Glaubwürdigkeit von Social-Media-Auftritten von Nachrichtenmedien die Rezeption beeinflusst und in welchem Maße lösungs- bzw. problemorientierter Journalismus unter rumänischen Journalisten bekannt ist und angewandt wird (114).
Fellner formuliert auf der affektiven, konativen und kognitiven Ebene insgesamt vier Hypothesen. Er vermutet eine höhere Wirksamkeit lösungsorientierter Fotografien auf positivere Einstellungen und eine höhere Veränderungsbereitschaft beziehungsweise Bereitschaft, klimafreundliche Politik zu unterstützen. Auf der kognitiven Ebene spielen die Relevanz des Themas und die Glaubwürdigkeit des Mediums eine große Rolle (vgl. 115).
Zwischen dem 10. Mai und 16. Juni 2023 rekrutierte der Doktorand über universitätsinterne Kanäle 161 Studierende aus den Kommunikations- oder Politikwissenschaften für ein Online-Experiment. Die Teilnehmenden wurden in vier Gruppen aufgeteilt und mit jeweils vier zuvor in einem Pretest eindeutig als problem- oder lösungsorientiert klassifizierten Fotografien konfrontiert (Kap. 13).
Im Experiment arbeitete Fellner fast ausschließlich mit einer fünfstufigen Likertskala. Für einen Randomisierungstest prüfte er die drei Variablen ökologische Überzeugung, Erfahrungen mit dem Klimawandel und verhaltensbezogenes Engagement. Es zeigten sich keine signifikanten Unterschiede in den Variablen Geschlecht, Alter, Bildung, ökologische Überzeugung, Erfahrungen mit dem Klimawandel sowie verhaltensbezogenes Engagement. Die Varianzanalyse hat für die Hypothesen zu Verhaltensänderungen (2a bis c) keine signifikanten Ergebnisse erbracht. Die dritte Hypothese (Relevanz des Themas mit Bezug zur Glaubwürdigkeit der Quelle) wurde bestätigt, die vierte jedoch widerlegt: Der höhere Grad an Glaubwürdigkeit des (größeren) Mediums führt nicht zu einem besseren Verständnis (vgl. 141).
Zwischen Dezember 2022 bis September 2023 führte der Doktorrand ergänzend zwölf leitfadengestützte E-Mail-Interviews. Im Fokus standen Bekanntheit und Anwendung lösungs- beziehungsweise problemorientierter Ansätze sowie deren Stellenwert in Aus- und Weiterbildung. Im Unterschied zur Studierendenstichprobe wurden jedoch keine weiteren Kontextvariablen berücksichtigt, etwa zu journalistischen Rollenbildern oder Arbeitsbedingungen. Entsprechend sind die Limitationen der Studie deutlich. Auch die Konzentration auf Rumänien schränkt die Übertragbarkeit auf andere (europäische) Kontexte ein.
Die Arbeit ist insbesondere Studierenden sowie Praktikerinnen und Praktikern im Journalismus zu empfehlen. Medienwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler werden dagegen kaum neue Erkenntnisse gewinnen. Gleichwohl bietet die Studie einen klar strukturierten Überblick über Ansätze der Bildkommunikation und eignet sich als fundierter Einstieg in das Thema. Zudem regt sie dazu an, die Rolle von Bildern im Kontext konstruktiver Berichterstattung weiter zu reflektieren und künftig differenzierter empirisch zu untersuchen.
Links:
Über das BuchAlfred Ludovic Fellner: Lösungsorientierter Fotojournalismus. Die Wirkun von lösungs- und problemorientierten Klimabildern. Wiesbaden [Springer VS] 2026, 178 Seiten, 69,99 EuroEmpfohlene ZitierweiseAlfred Ludovic Fellner: Lösungsorientierter Fotojournalismus. von Dernbach, Beatrice in rezensionen:kommunikation:medien, 31. Juli 2026, abrufbar unter https://www.rkm-journal.de/archives/26130
