Gunter Reus: Der andere Claudius

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Rezensiert von Horst Pöttker

Einzelrezension

»Der Mond ist aufgegangen, die goldnen Sternlein prangen…«, Matthias Claudius‘ Abendlied hat es zu einer Popularität gebracht, die zahlreiche Parodien u. a. von Dieter Höss und Dieter Hildebrandt hervorgebracht hat. Die von Peter Rühmkorf beginnt mit den Zeilen: »Der Mond ist aufgegangen. / Ich, zwischen Hoff- und Hangen, / rühr an den Himmel nicht.« Selbst solche schrägen Anklänge weisen auf den Teil seines Werks hin, der Claudius als empfindsamen, gelegentlich auch frömmelnden, jedenfalls Gott ergebenen Dichter erscheinen lässt, wie er durchaus in die literatur- und kulturgeschichtliche Epoche seiner Lebenszeit (1740-1815) passte.

Gunter Reus, gleichermaßen im Journalisten- wie im Wissenschaftlerberuf und auch historisch beschlagener Autor, von denen es in Deutschland nicht übermäßig viele gibt, zeigt uns ausweislich des Untertitels einen »anderen« und »oft verkannten« Claudius. Das gilt einerseits in biografischer Hinsicht, weil er den scheinbar glaubensgewissen und sich am liebsten in höhere Sphären Entrückenden als einen Mann plastisch werden lässt, der tief in Zweifeln und Verzweiflungen und auch in den lebenspraktischen Bedrängnissen der oft allzu idealistisch betrachteten Aufklärungsepoche steckte. Vor allem aber gilt es, weil Reus, wie das Wort »Publizist« im Untertitel leider nur andeutet, Matthias Claudius als einen der ersten Deutschen zeigt, der den im 18. Jahrhundert noch jungen Journalistenberuf nicht nur ausgeübt, sondern auch eine dazu passende, professionelle Kreativität entwickelt hat. Neben Lessing, Kleist oder Heine steht er für eine lange Entwicklungsphase dieses Berufs, die Dieter Paul Baumert 1928 den »Schriftstellerischen Journalismus« genannt hat und die es heute, wo sich der Beruf fundamental ändern muss, wieder ins Gedächtnis zurückzurufen lohnt, weil sie zeigt, dass Journalismus nicht immer der auf bloße Fakten, Tempo und Kürze getrimmte Fließbandjob war, als der er seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts von vielen verstanden wurde und immer noch verstanden wird.

Am deutlichsten wird Claudius als Vertreter einer frühen Epoche in der Entwicklung des Journalistenberufs im längsten Kapitel 4, das mit dem Claudius-Zitat »Ich schreibe auch nicht bloß die Nachrichten so hin« (S. 67) überschrieben ist (S. 67-98). In dieser Epoche erfinden und erproben kreative Einzelne Darstellungsformen und Recherchetechniken, die sich später zu professionellen, lern- und lehrbaren Standards wie der Nachricht, dem Kommentar, der Reportage oder dem (Recherche-)Interview entwickeln werden. Reus erinnert daran, dass Claudius nicht nur als Autor empfindsamer Gattungen für den viermal in der Woche erscheinenden Wandsbecker Bothen tätig gewesen ist. Er war einige Jahre auch Redakteur der Zeitung und hat deren Informationen schon wegen der geografischen Nähe zum bereits damals als Handels- und Pressestadt führenden Hamburg aus weniger sentimentalen Quellen bezogen. Die größte und bedeutendste Tageszeitung in Europa ist zu dieser Zeit der Hamburgische unpartheyische Correspondent. »An den Berichten dieses Blattes mit seinem weitverzweigten Korrespondentennetz dürfte sich auch Matthias Claudius bei der Zusammenstellung seiner Nachrichten für den Wandsbecker Bothen reichlich bedient haben« (S. 74).

Heute können sich Informationsmedien der seit Mitte des 19. Jahrhunderts entstehenden Nachrichtenagenturen bedienen, aber Claudius war ein Vorläufer dieser Methode der Nachrichtenbeschaffung. Und er war auch in Deutschland ein Vorläufer von journalistischen Genres wie der Sozialreportage.

»Matthias Claudius ist kein Sozialreporter. Aber er ist nicht ohne Gespür für dieses Genre. So finden sich in der Hessen-Darmstädtischen privilegirten Land-Zeitung Ansätze eines präzise die soziale Wirklichkeit beschreibenden Mitteilens […]. Am 15. Januar 1777 rückt Claudius einen (ihm wohl zugesandten) Bericht aus einer Spinnstube in Gießen ein, in der [?] es u. a. heißt: ›In unserer Stadt ist neulich zur Versorgung der armen Kinder eine Spinnstube angelegt worden. Die Einrichtung ist die: die Kinder kommen mit Anbruch des Tages in die Spinnstube und bleiben bis 10 Uhr Abends da; um 11 Mittags bekommt jedes Kind 1 Pfund Brod und kann alsdann, so wie auch gegen Abend, auf eine Stunde zu Hause gehen. […] In der Spinnstube ist eine Büchse hingehängt, darin die Leute, welche die Spinnerey besehen, nach Gefallen hineingeben […]. Es sind bis itzo 39 Kinder angestellt, theils Buben und theils Mädchen, davon 12 schon ganz fertig Wolle spinnen, die übrige 18 auch noch in der Lehre sind; und es kommen täglich mehrere dazu.‹« (S. 75f.).

Neben den anschaulichen Belegen für Claudius’ Ideenreichtum beim Umsetzen der zum Publikum gewendeten journalistischen Qualitäten Verständlichkeit und Unterhaltsamkeit und bei der Kreation von Darstellungsformen weist Reus entgegen fachlicher Vorurteile auf den Wert hin, den die erste der journalistischen Qualitäten, die professionelle Unabhängigkeit, für Claudius trotz gelegentlicher Anpassungsbereitschaft in seinen späteren Jahren hatte. Das geht nicht nur aus dem zitierten Selbstlob hervor, er »›tue gemeiniglich etwas von meinem Eigenen hinzu, eine Exklamation oder Lügenstrafung, oder was Satirisches,‹« das seine Berechtigung in annotierten Nachrichten wie der ebenfalls zitierten findet: »›Den 29. Dezember, morgens, starb Sir Francis Gosling Knt., ein großer Bankier in Fleet Street. Hm, ein großer Bankier!‹« (S. 83).

Es zeigt sich auch daran, dass der vermeintliche Schöngeist mehrmals in seinem Berufsleben mit publizistischen Eigenmächtigkeiten bei Verlegern und Geldgebern angeeckt ist und deshalb sichere Stellungen aufgegeben hat. Nach nur neun Wochen als Redakteur bei der Hessen-Darmstädtischen privilegirten Land-Zeitung, wo er sich »die Freiheit zu Spitzen gegen die herrschenden Fürsten« nimmt, macht ihm sein Dienstherr Friedrich Carl von Moser »heftige Vorwürfe. Allerdings spricht er keine Kündigung der Redakteursstelle aus, sondern bietet ihm [Claudius] sogar ausdrücklich an, die Zeitung weiterzuführen. Moser will zwar sein Gehalt kürzen, doch hätte Claudius immer noch viel verdient im Vergleich zu dem, was er in Hamburg und Wandsbek bekommen hat. Der aber lehnt ab und wirft hin. Lieber kein Geld als journalistische Abhängigkeit und Staatsbeamter für Öffentlichkeitsarbeit. In einer Erwiderung an Moser deutet er an, dass er es nicht weiter als seine Aufgabe ansehen könne, die Politik des Darmstädter Hofes journalistisch zu verkaufen. Der Bruch nimmt ihn mit, er erkrankt schwer. Aber er bereut nichts. Nach einem Jahr in Darmstadt kehrt er im Frühjahr 1777 zurück in sein Wandsbeker Haus und bleibt bis zu seinem Lebensende freier Publizist« (S. 85f.).

Reus hat sorgfältig und umfangreich Quellen genutzt, wovon 405 Belege und Anmerkungen Zeugnis geben. Neben der wissenschaftlichen Sorgfalt be­sticht das Buch aber auch durch journalistische Qualitäten wie Lesbarkeit und Anschaulichkeit, die der Autor durch flüssigen Stil, vor allem aber durch das für Fachliteratur ganz ungewöhnliche Darstellungsmittel eingestreuter fiktionaler Szenen aus Claudius Leben zu realisieren weiß. So lässt er uns eine Standpauke von Claudius‘ Dienstherrn bei den Hamburgischen Addreß=Comtoir=Nachrichten mithören, in deren Redaktion der Porträtierte 1768 eingetreten war, die Reus sich unter Berücksichtigung von Quellen plausiblerweise ausgedacht hat:

»Claudius, komm er mal her. Ich glaube, ihm läuft die Phantasie über. Und mir die Galle. Wir machen hier eine Zeitung für Kaufleute und Bürger, versteht er das? Er kann ja schreiben, das seh ich doch. Und er hat Witz. Aber was er da wieder fabuliert hat… Er muss sich schon ein bisschen anpassen, hört er? Unsere Leser haben Einfluss, und sie haben Geld, er mag darüber denken, wie er will. Und ich weiß ja, wie er darüber denkt. Das versteh ich doch. Aber wir brauchen die Pfeffersäcke, wir brauchen Annoncen. Verleger Leisching lebt davon, und deshalb leben er, Claudius, und auch ich davon. Denk er darüber nach, wenn er schreibt. Und räum er das Contoir auf, da liegen ja uralte Rechnungen, Corrigenda, Druckfahnen, alles durcheinander. Wo hat er nur seinen Kopf?« (S. 79).

Fiktionalität ist im Journalismus unvermeidlich, jede Metapher ist fiktional und gerade journalistisches Schreiben in Genres wie Kommentar oder Reportage ist auf Metaphern angewiesen. Auch auf das fiktionale Genre der Satire können Journalistinnen und Journalisten kaum verzichten. Aber im Journalismus wird Fiktionalität zur Lüge, wenn sie sich als faktisch ausgibt, wie es Relotius beim Spiegel, aber auch viele andere, darunter im 19. Jahrhundert Theodor Fontane bei preußischen Zeitungen ohne schlechtes Gewissen praktiziert hat. Fiktionalität wird im Journalismus erst dann legitim, wenn sie sich deutlich zu erkennen gibt. Ich meine, aus den vielen Claudius-Zitaten in Reus’ Buch herauszulesen, dass der oft verkannte Wandbeker Publizist sich mehr oder weniger bewusst daran gehalten hat. Der Autor des Buchs über ihn jedenfalls hat sich sehr bewusst daran gehalten, indem er die fiktionalen Anteile durch große Absätze und Kursivierung unmissverständlich vom faktischen Teil getrennt und deutlich erkennbar gemacht hat.

Auch das macht das Buch nicht nur als eine detailreiche Forschungsarbeit zu einer Periode in der Entwicklung des Journalistenberufs wertvoll, sondern auch als ein Werk des Buchjournalismus selbst, das ich – auch aufgrund der berührenden biografischen Darstellungen zu Matthias Claudius’ verlustreichem Privatleben vor allem im ersten Kapitel mit dem Titel »Leben, Tod und Zweifel« (S. 11) und selten genug bei wissenschaftlicher Literatur – in wenigen Tagen von der ersten bis zur letzten Zeile gelesen habe.

Zu dem, was im Buch nach der letzten Zeile kommt, kann ich mir allerdings eine kleine, in editionstechnischer Hinsicht kritische Anmerkung nicht verkneifen: Es stört gerade den geneigten Leser und die interessierte Leserin, wenn man erst mit dem kleinen Finger zwischen den hinteren Seiten zu den Anmerkungen kommt. Statt eines geschlossenen Apparats von Endnoten hätte es der Lesbarkeit dieses schönen Buches das I-Tüpfelchen aufgesetzt, wenn die früher üblichen, heute aus der Mode kommenden Fußnoten verwendet worden wären.

Links:

Über das BuchGunter Reus: Der andere Claudius. Anmerkungen zu einem oft verkannten Publizisten. Darmstadt [wbg Acadamic] 2022, 142 Seiten, 42,- EuroEmpfohlene ZitierweiseGunter Reus: Der andere Claudius. von Pöttker, Horst in rezensionen:kommunikation:medien, 18. August 2023, abrufbar unter https://www.rkm-journal.de/archives/23957
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